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Schon viel zu lange auf viel zu großem Fuß

Letzter Aufruf: Wie die Ölkrise den Tourismus verändert


Von Michael R. Krätke

Trotz Inflation, trotz Benzinpreisexplosion und steigender Ausgaben für Lebensmittel: Vorerst zeigen die Deutschen - wie viele andere Europäer auch - kaum Neigung, am Urlaub zu sparen. Nach wie vor sind sie Urlaubsweltmeister und haben 2007 mehr als 68 Milliarden Euro für Urlaubsreisen ausgegeben. Fast 75 Prozent der Deutschen leisten sich mindestens einen Urlaubstrip pro Jahr, ein Spitzenwert weltweit. Also geht es der Reisebranche trotz aller ökonomischen Turbulenzen und mörderischen Konkurrenzen auch 2008 nicht schlecht, während anderswo der private Konsum stagniert beziehungsweise einbricht.

Natürlich wachsen mit dem Massentourismus auch die davon verursachten Treibhausgas-Emissionen. Nach Angaben der UNWTO, der Welt-Tourismus-Organisation der Vereinten Nationen, sind die reisefreudigen Zeitgenossen heute schon für gut fünf Prozent der globalen CO2-Emissionen haftbar zu machen. Im Durchschnitt produziert jeder herum tourende Deutsche eine gute Tonne Kohlendioxid pro Jahr. Schließlich machen wir immer häufiger und immer kürzer Urlaub und nehmen das Flugzeug, gleichzeitig bleibt der Trend zu Fernflügen ungebrochen und hinterlässt Klima- und Umweltschäden. Kein Zufall, wenn der so genannte ökologische Fußabdruck einer wohlbetuchten deutschen Reisegesellschaft immer größer wird. Um es präziser zu sagen: Was die durch unsere Unternehmungs- und Erholungslust verursachten Klimaschäden betrifft, leben wir schon viel zu lange auf viel zu großem Fuß.

Könnte da eine unbeirrbar heraufziehende Energie- und Ölkrise die vom Reisefieber erzeugten Klimaschäden eindämmen? Immerhin ist der Ölpreis auf die Marke von 145 bis 150 Dollar pro Barrel gestiegen und demzufolge auch der Kerosinpreis - für viele Fluggesellschaften inzwischen der mit Abstand größte Kostenfaktor im reinen Fluggeschäft. Die meisten Anbieter haben längst Kerosinzuschläge eingeführt, um den Preisschub an ihre Kunden weiter zu geben, doch bei der erbarmungslosen Konkurrenz in einer Branche, die weltweit enorme Überkapazitäten schultert, lässt sich das Ticket nicht beliebig verteuern. Schon gar nicht beim Flugverkehr innerhalb Europas, immerhin haben die Billigflieger ihren Marktanteil von anfangs zwei auf heute über 38 Prozent erhöht, was trotz steigenden Flugaufkommens (2007 noch einmal plus 4,9 Prozent weltweit) zu einer grotesken Form des Wettbewerbs führt - es gibt massenhaft Billigangebote, mit denen Billigflieger Verluste machen, nur um Marktanteile zu erobern.

Jetzt allerdings scheint das Ende der Fahnenstange erreicht. Ryan Air, der Marktführer unter Europas Dumping-Linien, hat zwar sein Versprechen erneuert, nie und nimmer einen Kerosinzuschlag zu erheben, andererseits jedoch die Kosten für jeden zusätzlichen Service fast im Wochentakt erhöht. Schon bei normalem Gepäck genießt Ryan Air das zweifelhafte Privileg, teuerster Billigflieger zu sein. Seit Jahresbeginn hat die Airline den Preis für Übergepäck auf 15 Euro je Kilo verdoppelt. Mit einem Gepäckstück muss der Reisende derzeit 35,70 Euro Aufschlag zahlen, bei zwei Koffern satte 83,30 Euro. Die übrigen Unternehmen der Dumping-Kategorie ziehen nach, so dass unterm Strich bei allen ein sehr viel höherer Flugpreis erhoben wird, als die Werbung verkündet.

Der internationale Luftfahrtverband IATA sieht denn auch die ganze Branche einer Rezession entgegen segeln. Wenn der Ölpreis auf dem Niveau zwischen derzeit 145 bis 150 Dollar pro Barrel verharren sollte - was unwahrscheinlich ist - werden den rund 240 Gesellschaften, die Mitglieder von IATA sind, allein 2008 mehr als sieben Milliarden Dollar an Verlusten prophezeit. Viele dürften das nicht überleben und das Schicksal jener 24 Airlines teilen, die in den zurückliegenden zwei Jahren nie wieder gestartet sind wie der Transkontinental-Matador Oasis oder der Business-Class-Anbieter Silverjet. Gerade innerhalb der Vereinigten Staaten, in denen mehr als 27 Prozent des globalen Flugaufkommens abgewickelt werden, macht sich die beginnende Depression deutlich bemerkbar. Der Ausweg, den die großen Gesellschaften suchen, heißt Fusion und/oder Allianz. Gerade entsteht ein Mega-Joint-Venture über den Atlantik hinweg - British Airways, American Airlines und Iberia sind dabei, eine strategische Allianz zu schmieden, die Tausende von Jobs kosten wird (allein bei BA vermutlich 7.000). In den USA fusionieren Delta und Northwestern Airlines, die im transatlantischen Fluggeschäft bereits mit Air France-KLM kooperieren.

Im Sinne des Klimaschutzes müsste ein gedämpfter Flugverkehr hochwillkommen sein, doch wird eine Welle von Zusammenschlüssen und Übernahmen unter den Fluggesellschaften kaum zu einem solchen Effekt führen. Denn noch mehr als die Arlines verdienen global operierende Reiseunternehmen am internationalen Massentourismus und versuchen, dem wachsenden Umweltbewusstsein ihrer Klientel entgegen zu kommen.

Auf der Internationalen Tourismus Börse in Berlin wurden im März allerlei Formen des klimafreundlichen Tourismus vorgestellt. Große Reiseveranstalter wie Thomas Cook und TUI haben bereits pauschale Kompensationszahlungen von vier oder zwei Euro bei Fernreisen im Angebot, mit denen sich die Kunden vermeintlich von der Verantwortung für ihren individuellen Anteil an der fortschreitenden Klimawandel freikaufen können. Man kann nachrechnen, was das bringt. Auf dem Flug von Frankfurt nach Mallorca - hin und zurück - verursacht ein Reisender 700 Kilo Kohlendioxid, 17 Euro wären notwendig, um die Einsparung dieser Menge Klimagase an anderer Stelle zu finanzieren. Auf dem Flug von Frankfurt in die Dominikanische Republik fallen hin und zurück 5.540 Kilo CO2 pro Reisendem an - 128 Euro wären notwendig, um diese Menge von Klimagasen an anderer Stelle einzusparen. Bei den Mindestpauschalen werden auf Langstreckenflügen bei Thomas Cook nur 3,1 Prozent, bei TUI gar nur 1,9 Prozent der tatsächlich produzierten Klimagase kompensiert.

Der World Wide Fund for Nature (WWF) propagiert in einem gerade erschienenen Bericht deshalb Standards für umweltbewusstes Reisen, die allerdings sowohl die Veranstalter wie die Urlauber selbst beherzigen müssten, um den riesigen ökologischen Fußabdruck (nicht nur der Deutschen) zu verringern. Der WWF plädiert offen für einen entfernungsabhängigen Preisaufschlag, der auf den wirklichen CO2-Emissionen beruhen und direkt in Klimaschutzprojekte investiert werden sollte. Er plädiert bei Reisen unter 700 Kilometer Entfernung für Bus und Bahn, bei Flugreisen für weniger fliegen und länger bleiben (ab 2.000 Kilometer sollten es mindestens 15 Tage Aufenthalt sein).

Sinnvolle Appelle an die Einsicht der Beteiligten. Es sieht ganz danach aus, als würde die Ölkrise dieser Einsicht auf die Sprünge helfen. Den Urlaub jedenfalls, so wie wir ihn kannten, können wir uns einfach nicht mehr leisten. Der überwiegende Teil der Menschheit, der nur aus Not und nicht zur Erholung reist, konnte ihn sich noch nie leisten.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   28/29 vom 11.07.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

15. Juli 2008

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