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Palästina: “Wir haben keine Alternative als den friedlichen Protest

Von Rory McCarthy, 09.07.2008 - The Guardian / ZNet

Rory McCarthy besuchte Nilin. In diesem palästinensischen Dorf gibt es eine gewaltlose Protestbewegung - geführt von einem früheren Aktivisten - gegen die Barriere/Mauer in der Westbank.

Israelische Soldaten halten das Palästinenserdorf Nilin in der besetzten Westbank umstellt, nachdem es dort wochenlang zu Protesten gegen den neuen Bauabschnitt für die Westbank-Barriere gekommen war.

Seit mindestens zwei Tagen hält das israelische Militär einen Cordon um das Dorf Nilin aufrecht. Man hindert die Menschen daran, das Dorf zu betreten oder zu verlassen. Das Militär bezeichnet dies als “Abriegelung”. Nilin ist das jüngste Dorf, das sich einer kleinen aber wachsenden (friedlichen) Protestbewegung angeschlossen hat. Laut Organisatoren wird die Bewegung auch in Zukunft gewaltlos bleiben; allerdings fliegen Steine.

Das Militär behauptet, die Abriegelung wäre eine direkte Antwort auf die Proteste: “In den letzten Wochen ist es zu Unruhen gekommen, nun also die Abriegelung”, sagte eine israelische Militärsprecherin. Sie fügte hinzu, drei israelische Soldaten und fünf Grenzpolizisten seien bei den jüngsten Protesten verletzt worden. Die Abriegelung sei seit Sonntagmorgen in Kraft. Die Dorfbewohner sagen, die Abriegelung bestehe seit vier Tagen.

Für kommenden Donnerstag ist eine Großdemonstration geplant. Die Dorfbewohner behaupten, ihnen sei gesagt worden, der Cordon werde so lange aufrechterhalten, wie die Demonstrationen weitergingen.

Dutzende Demonstranten - Palästinenser und Ausländer - wurden verletzt, einige davon schwer, als Polizisten und Soldaten Tränengas und Gummigeschosse auf die Menge abfeuerten. Bei diesem jüngsten Vorfall (am Sonntag) wurden ein Soldat und 50 Demonstranten verletzt.

Die Proteste starteten auf dem Farmland, das zur Gemeinde Nilin gehört und auf dem an der Mauer/Barriere weitergebaut werden soll. 2.500 Dunams (250 Hektar) Land des Dorfes Nilin sollen durch die Barriere auf die “israelische Seite” transferiert werden. In dieser Region der Westbank stehen bereits mehrere jüdische Siedlungen, inklusive der Siedlung Hashmoniim. Östlich des Dorfes Nilin befinden sich die jüdischen Siedlungen Nili und Na’ale. Die Dorfbewohner von Nilin fürchten, demnächst völlig umzingelt und isoliert zu sein. Alle jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten sind gemäß internationalem Recht illegal.

Bevor es zu den jüngsten Militäraktionen kam, sagte Salah Khawaja, 40, einer der Organisatoren des Dorfprotestes in Nilin: “Unser Land wird in kleine Kantone zerteilt”. Khawaja ist 40 Jahre alt und arbeitet als Administrator für eine medizinische Organisation.

“Die Menschen dieser Region sind völlig von der Landwirtschaft abhängig, doch nun wird eine sehr harsche Transfer- und Migrationpolitik über uns verhängt. Jeder kann die Quantität und Qualität des Landes ermessen, das sie konfiszieren werden”, so Khawaja.

1948, als der Staat Israel gegründet wurde, habe das Dorf rund 57.000 Dunam Land besessen, so Khawaja. Heute seien es noch 10.000. Wenn der aktuelle Abschnitt der Barriere fertig gestellt sei, würden es noch weniger sein.

Khwaja hat ein Viertel seines Lebens in israelischen Gefängnissen verbracht. Mitte der 80er Jahre, kurz vor der Ersten (palästinensischen) Intifada, war er Studentenaktivist an der Birzeit-Universität, einer der führenden Universitäten in der Westbank. Khwaja wurde verhaftet. 20 Jahre sind seither vergangen. In dieser Zeit ereignete sich die Zweite Intifada - mit ihrer schrecklicher Gewalt (inklusive Selbstmordbombenattentaten) und den harten israelischen Militärrazzien. Heute steht Khwaja erneut an der Spitze einer Protestbewegung. Er gehört zu einer Gruppe, die sich ‘al-Mubadara’ nennt (‘Palästinensische Nationale Initiative’) und die unter Führung des Politikers Dr. Mustafa Barghouti steht, der sich für gewaltlosen Protest ausspricht.

“Die erste Botschaft an die Palästinenser lautet: Jedes Quäntchen unseres Landes, das wir bewahren können, ist ein Erfolg”, so Khawaja. “Wir demonstrieren, um unsere Verbindung zum Land zu stärken - eine Verbindung, die wir seit der Intifada schwinden sehen, denn wir lebten in der Illusion, die Abkommen mit den Israelis würden all unsere Probleme lösen”.

Aus diesem Grund gingen am Freitag Salah Khwaja und Hunderte seiner Nachbarn nicht zur Moschee sondern auf ihr Farmland, um im Schatten ihrer Olivenbäume zu beten. Einige hundert Yards entfernt schossen israelische Soldaten von Zeit zu Zeit eine Salve in die Luft, um die Demonstranten davon abzuhalten, sich ihnen zu nähern.

In der Menge befand sich auch Asad Amir, 54, der 20 Jahre lang in Israel gearbeitet hat. Mit dem verdienten Geld kaufte er sich im Dorf Land und bewirtschaftete es. Demnächst wird sein gesamtes Land durch die Barriere wegfallen. “Wir wissen nicht, was kommen wird”, so Amir. “Hierher zu kommen, ist das Mindeste, was wir tun können, doch die stärkere Seite wird immer gewinnen”.

In der betenden Menge war auch Akram Khawaja, 24. Er hat gerade seinen Abschluss als Computeringenieur gemacht. “Es wird nicht einfach sein, auf diese Weise unser Land zurückzuerhalten”, sagte er, “aber es ist ein sicherer Weg, zu handeln und der Welt zu zeigen, dass wir an die Gewaltfreiheit glauben. Wir kämpfen, um unser Recht zu bekommen.”

Die Dorfbewohner sagen, dass sie sich von der politischen Führung der Palästinenser übergangen fühlen. Die politische Führung beteiligt sich nicht an den anschwellenden Protesten hier und dort. Bei den Protesten kommt es mitunter zu Steinwürfen. Die Organisatoren sagen, sie versuchten, dies abzustellen. Sie wollen stattdessen Demonstrationen organisieren, bei denen die Menschen Spiegel in der Hand halten, um die Sonne zu reflektieren. Die Strahlen sollen die Soldaten und die israelischen Siedler auf der anderen Seite der Barriere blenden. Oder man werde mit Pfannen, Kochtöpfen und Trillerpfeifen in Hörweite der nahen Siedlungen lärmen.

Der Einfluss bewaffneter Gruppen auf alle Formen des Protests ist allerdings nach wie vor in allen Palästinensergebieten groß. Bemühungen für eine gewaltfreie Bewegung haben sich als äußerst schwierig erwiesen und selten eine breite Gefolgschaft erreicht, weil viele Palästinenser sie für vergeblich halten und andere das Risiko von Verhaftung und körperlichem Schaden fürchten.

“Wir glauben, es gibt für uns keine Alternative außer dem friedlichen Protest”, so Khawaja. “Wir glauben an den Volkswiderstand als nationale Strategie. Aber es ist nicht einfach, andere davon zu überzeugen. Es ist viel härter, als man denkt, Menschen davon zu überzeugen, auf eine friedliche Prozession zu kommen. Zivile Aktion - das braucht Zeit und eine Menge Bildung”.

Quelle: ZNet Deutschland   vom 11.07.2008. Originalartikel: ‘We have no alternative than peaceful protest’ . Übersetzt von: Andrea Noll.

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Veröffentlicht am

13. Juli 2008

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