Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Erkenntnisse durch glaubwürdiges Handeln untermauern

Von Michael Schmid (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 56 vom März 2008) Der gesamte Rundbrief Nr. 56 kann hier heruntergeladen werden  PDF-Datei , 801 KB.

Es ist schon merkwürdig, wahrscheinlich auch ziemlich trügerisch. Gelegentlich kommen wir bei Spaziergängen in unserer näheren Umgebung zu ehemaligen Depots, in denen Atomwaffen stationiert waren. Kürzlich sind wir wieder einmal im einstigen Atomwaffenlager bei der früheren Kaserne von Großengstingen gewesen. Zwar gab es dort nach dem Abzug der US-Soldaten einige Zerstörungen. Aber ansonsten lassen Zäune, Wachtürme und Bunker auch den Unwissenden ahnen, dass an diesem Ort mal etwas Besonderes gewesen sein muss. Mindestens sechs Atomsprengköpfe mit jeweils der doppelten Sprengkraft der Hiroshima-Bombe wurden dort für “den Ernstfall” bereitgehalten. Was für ein Glück, dass diese Waffen nie eingesetzt wurden.

Noch näher an unserem Wohnort liegt Inneringen. Dort befand sich bis 1983 eine sogenannte Alarmstellung der US-Army mit atomaren Mittelstreckenraketen des Typs Pershing Ia. Alarmstellung bedeutete, dass die Atomraketen ständig “scharf” waren, um sie sofort abschießen zu können. Eine höchst brisante und äußerst gefährliche Angelegenheit, die damals unseren Protest herausforderte.Mehr dazu: “Vor 25 Jahren: Ostermarsch zu Atomraketen vor unserer Haustür” .

Soll ich aufatmen, dass all diese tickenden Zeitbomben aus unserem Nahbereich weg sind? Ja und nein! Natürlich ist es erfreulich, fast alle Atombomben aus Deutschland weg zu haben. Statt 7.000 Atomwaffen zu Zeiten des Kalten Krieges lagern jetzt noch etwa 20 atomare Bomben im einzigen noch aktiven Atomwaffenstandort in Deutschland, in Büchel.

Atomares Inferno oder atomwaffenfreie Zukunft?

Aber weltweit existiert nach wie vor ein ungeheures atomares Potential, mit dem sich die Menschheit selber und mit ihr sämtliche Lebensformen auf unserem schönen Planeten Erde mehrfach vernichten kann.

Es sollte für uns alle alarmierend sein, welche menschenverachtenden und gefährlichen Einstellungen unter Militärexperten kursieren. So hat zum Beispiel gerade der ehemalige deutsche Heeresgeneral Naumann mit anderen Militärpolitikern der NATO zu Erstschlägen mit Atomwaffen aufgerufen, sollte die weltweite Dominanz des Westens und seiner “Lebensart” in Frage gestellt werden. Der atomare Erstschlag müsse im “Köcher” jeder Eskalationsstrategie sein, schreibt der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr.

Wie Naumann und Co. in einer Militärstudie betonen, lässt sich eine bis zum Atomkrieg steigerbare Eskalation allerdings nur durchsetzen, wenn sie die Zustimmung der Bevölkerung findet. Dabei dürfe es nicht zu “Debatten” an der Heimatfront kommen, in deren Folge die militärische Bereitschaft leiden müsste. Eventuelle “Eingriffe” zwecks Wahrung der Wehrbereitschaft könnten unverzichtbar werden, drohen die Autoren. Dabei geht es vor allem um Mediendominanz: Ziel ist es, mit einer “first strike media strategy” als erster die Schlagzeilen zu besetzen.

Wer also nicht will, dass dieser Weg in die Katastrophe fortgesetzt wird, sollte für “Debatten an der Heimatfront” sorgen. Das macht zum Beispiel der Trägerkreis “Atomwaffen abschaffen - bei uns anfangen!” ,  dessen Mitglied wir als Lebenshaus sind. Zumindest in einem ersten Schritt bis 2010 Deutschland atomwaffenfrei zu machen, das ist das Ziel der Kampagne unsere zukunft - atomwaffenfrei, einem Zusammenschluss von über 40 unabhängigen Organisationen in Deutschland. Es wird gefordert, Deutschland solle einen wegweisenden Beitrag zu einer atomwaffenfreien Welt leisten.

Energiewende

Zu Beginn des 3. Jahrtausends ist der Energiebedarf der gesamten Menschheit größer denn je - mit dramatischen Folgen für Klima und Umwelt, aber ebenso für die politische Weltlage. Durch die sich ihrem Ende zuneigenden Rohstoffe Erdöl und Gas könnte sich die “Lebensart” des Westens bedroht sehen. Wollen wir dann, dass Kriege, auch Atomkriege, in unserem Namen geführt werden? Wenn wir das nicht wollen, dann sollten wir uns dringend für eine Energiewende einsetzen, die eine 100prozentige Energieversorgung mit Sonne, Wind, Biomasse, Wasser und Erdwärme anstrebt.

Als Lebenshaus wollen wir solche Erkenntnisse nicht nur öffentlich proklamieren, sondern diese möglichst durch glaubwürdiges Handeln untermauern. Dabei geht es uns um Energieeinsparung einerseits, um die Nutzung erneuerbarer Energien andererseits.

Ein Projekt, an dem wir schon seit geraumer Zeit “basteln”, ist die energetische Sanierung unseres vereinseigenen Gebäudes in Gammertingen. Nun zeichnet sich ab, dass wir außer den Maßnahmen zur Dämmung einen Umstieg auf eine Pelletheizung vornehmen.

Mitleid wird für Deutsche überflüssig

Gesellschaftlich verheerend sind hierzulande die Meinungen zu Menschen, die in unserer Wettbewerbsgesellschaft scheitern. Laut einer neuen Studie des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konfliktforschung stimmen etwa ein Drittel der Befragten der Aussage voll oder ein wenig zu: “Menschen, die wenig nützlich sind, kann sich keine Gesellschaft leisten.” Noch mehr, nämlich 40 Prozent der Bundesbürger sind der Meinung, die Gesellschaft könne keine Rücksicht auf “Versager” nehmen. Und eine Mehrheit von 56 Prozent der Deutschen hat abwertende bis feindselige Einstellungen zu Langzeitarbeitslosen. Diese Diskriminierung ist auch eine Folge der verheerenden “Hartz IV”-Debatte, mit der von Anfang an Druck auf die Menschen ausgeübt wurde.

Offensichtlich gibt es in unserer Gesellschaft menschenfeindliche Mentalitäten in großem Umfang. Prinzipien wie “Effizienz” und “Nützlichkeit” durchdringen das soziale Leben und drängen andere Werte wie etwa “Einfühlungsvermögen” und “Fürsorglichkeit” zurück. Die kapitalistische Logik, die alles auf die kurzfristige Gewinnmaximierung ausrichtet, wirkt sich auch auf das Denken breiter Bevölkerungskreise aus. Es zählt nur noch, was sich vermeintlich “rechnet”.

Ist es vor diesem Hintergrund nicht ein Anrennen gegen Windmühlenflügel, wenn wir uns als Lebenshaus gerade mit den “Verlierern”, den am Rande Stehenden, Ausgegrenzten, Überflüssig-Gemachten, Flüchtlingen, Armen, Kranken solidarisieren? Ich denke nicht, auch wenn das, was wir hier konkret leisten können, zwangsläufig recht bescheiden bleiben muss. Nach meiner tiefen Überzeugung macht es Sinn, Solidarität und Mitgefühl zu üben.

Mindestens für Christinnen und Christen müssen sich aus der biblischen Verheißung: “Wer teilt, mehrt Leben” Prozesse des Anteilnehmens und des Teilens ergeben, in denen die Bedrängten und Benachteiligten unter uns zu Recht und Gerechtigkeit kommen. Um benachteiligte und bedrängte Menschen begleiten und unterstützen zu können, betreibt unser Verein in Gammertingen ein eigenes Gebäude. Und gemeinsam arbeiten wir für eine Gesellschaftsveränderung, die umfassend auf Emanzipation ausgerichtet ist, die individuelle Entfaltung und soziale Verpflichtung ermöglicht. In diesem Sinne übernehmen wir auch politische Verantwortung.

Ermutigung für “Ermutiger”

Mit “Ermutiger - Michael Schmid” hat Wolfgang Kuhlmann einen Beitrag in seinem Internetmagazin FriedensTreiberAgentur   überschrieben, in dem er meine Gedanken zu Fragen des Erfolgs und der Minderheitensituation im Einleitungsartikel unseres letzten Rundbriefs sehr ausführlich würdigt. Er kommt zu folgendem Fazit: “Insgesamt kann dieser Artikel als sehr großer aufbauender Mutmacher für viele von uns dienen, die wir doch gelegentlich zum Verzagen angesichts der Über-Macht von Medien und ‚großer’ Politik und dem Bewusstsein eigener Ohn-Macht neigen.”

Natürlich freue ich mich, wenn ich andere Menschen ermutigen kann. Aber ich selber brauche das ebenfalls: Ermutigung und Ermutiger! Mut hat ja etwas mit Überwindung von Angst zu tun. Angstgefühle kann es zum Beispiel da geben, wo unsere Kultur und Gesellschaft uns einflüstert, dass wir nicht so leben sollten wie wir leben. Deshalb ermutigen mich mutmachende Gedanken und vor allem mutiges Handeln anderer Menschen ebenfalls. …

Ermutigend, das kann ich gar nicht oft genug und mit großer Dankbarkeit betonen, ist die nachhaltige finanzielle Unterstützung des Lebenshauses durch viele einzelne Menschen. Für diese Solidarität, die vielfach unser Engagement überhaupt erst möglich macht, sage ich herzlichen Dank!

Fußnoten

Veröffentlicht am

17. Mai 2008

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