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Erinnerung an 1948 und ein Blick in die Zukunft

Von Ali Abunimah, 14.05.2008 - The Electronic Intifada / ZNet vom 14. Mai 2008

Diesen Monat begeht Israel den 60. Geburtstag seiner Staatsgründung. Mitten in den Festlichkeiten - inklusive Besuchen von internationalen Prominenten und Politikern - herrscht ein sehr ungutes Gefühl. Israel hat Leichen im Keller, die es bemüht war und ist, zu verstecken. Und Israel hat Angst angesichts seiner ungewissen Zukunft. Viele Israelis fragen sich, ob der Staat seinen 80. Geburtstag noch begehen wird.

Das offizielle Israel leugnet weiterhin absolut, dass der gefeierte Geburtstag unentrinnbar mit der beinahe vollständigen Zerstörung einer lebendigen palästinensischen Kultur und Gesellschaft verbunden war, die bis dahin existiert hatten. Viele Siedlernationen kennen dieses Dilemma. Ich lebe in den USA - einem Land, das feststellen musste, dass für eine Nation selbst mehrere Jahrhunderte nicht ausreichen, um sich nicht mehr ihren Gründungsverbrechen stellen zu müssen.

Der bekannte israelische Historiker und trotzige Zionist Benny Morris drückte es 2004 so aus: “Ohne die Entwurzelung von 700 000 Palästinensern hätte es keinen Jüdischen Staat gegeben. Aus diesem Grund war es notwendig, sie zu entwurzeln”. Weiter sagte er: “Es gibt historische Umstände, die eine ‘ethnische Säuberung’ rechtfertigen”.

Wer nicht bereit ist, offen für ‘ethnische Säuberungen’ einzutreten, dem bleiben nur zwei Optionen: Erstens man leugnet die Geschichte und sucht Trost in einer geschönten Version - in der die Israelis als tapfere, von Gott inspirierte Pioniere dastehen, die in eine Wüste ohne indigene Bevölkerung kamen, umlagert von äußeren Feinden. Die zweite Möglichkeit ist, sich den Konsequenzen zu stellen und die enormen Bemühungen zu unterstützen, die nötig sind, um Frieden und Gerechtigkeit herzustellen.

Kurz vor Gründung des Staates Israel waren zwei Drittel der sesshaften Bevölkerung des historischen Landes Palästina Palästinenser (aller Religionen). Das restliche Dritte bestand überwiegend aus jüdischen Immigranten, die kurze Zeit zuvor aus Europa gekommen waren.

Zu den entwurzelten Palästinensern zählte auch meine Mutter. Sie war damals 9 Jahre alt. Sie lebt heute in Amman/Jordanien. Sie erinnert sich an eine glückliche Kindheit im Jerusalemer Stadtteil Lifta. Mein Großvater besaß dort mehrere Häuser, in denen auch viele jüdische Mieter wohnten, einschließlich einer Familie, die in das untere Apartment im Haus meines Großvaters gezogen war.

Anfang des Jahres 1948 - noch ehe irgendeine Armee eines arabischen Staates sich einmischte -, wurde meine Mutter mit ihrer gesamten Familie von zionistischen Milizen vertrieben. In manchen Vierteln West-Jerusalems wurden sämtliche Bewohner vertrieben. Am 7. Februar sagte Israels Staatsgründer David Ben-Gurion zu Parteimitgliedern (über diese Viertel): “Wenn Sie (nach Jerusalem) reinkommen - durch Lifta-Romema, durch Mahane Yehuda, durch King George Street und Mea Shearim - gibt es dort keine Fremden (das heißt Araber). Einhundert Prozent Juden”. Die Palästinenser waren zu Fremden im eigenen Land geworden.

Seither haben Millionen Flüchtlinge und deren Nachkommen Haus und Hof, Haine, Herden, Fabriken, Läden, Werkzeuge, Fahrzeuge, Bankkonten, Kunstwerke, Versicherungen, Möbel und Besitz aller Art verloren und wohnen im Exil - viele in dreckigen Flüchtlingslagern, die von Israel oder von arabischen Staaten aufrechterhalten werden. Mehr als 80% der Palästinenser, die heute im Gazastreifen belagert und ausgehungert leben, sind Flüchtlinge aus Städten, die heute israelisch sind. Doch etwas gibt es, von denen man Palästinenser nicht mit Gewalt trennen kann: Es ist die Liebe zu ihrem Heimatland und ihre Entschlossenheit, Gerechtigkeit zu finden. Das ist es, was wir feiern.

Auf der ganzen Welt erinnern sich Palästinenser an den Beginn einer Tragödie, die noch immer nicht zu Ende ist. Wir sind an einem wichtigen Wendepunkt. Zwei Dinge gehen parallel vor sich. Ungeachtet der rituellen Erklärungen über entsprechende internationale Unterstützung gibt es kaum noch Aussicht auf eine Zweistaatenlösung. Die Palästinenser im Gazastreifen und in der Westbank sind - durch wachsende israelische Siedlungen und immer mehr ‘Straßen nur für Siedler’ - eingemauert und eingekerkert. Diese Situation erinnert an die Bantustans in Apartheid-Südafrika.

Zweitens, obwohl Israel versucht, die Palästinenser unter Kontrolle zu halten, wächst die palästinensische Bevölkerung unter israelischer Herrschaft, so dass sie demnächst mehr Köpfe zählen wird als die 5 Millionen israelische Juden. Heute leben 3,5 Millionen Palästinenser in Westbank und Gaza. Weitere 1,5 Millionen Palästinenser sind nominell Bürger Israels. Letztere werden oft als “israelische Araber” bezeichnet. Diese Palästinenser in Israel sind zunehmend unzufrieden mit ihrem Status als Bürger Zweiter Klasse im Jüdischen Staat. Der Staat sieht sie als feindliche “Fünfte Kolonne”. Die Palästinenser in Israel fordern gleiche Rechte und einen Staat für alle Bürger. Einige israelisch-jüdische Politiker drohen (den israelischen Arabern) mit Abschiebung nach Gaza, in die Westbank oder noch weiter weg.

Offizielle Zukunftsberechnungen belegen, die höhere Geburtenrate der Palästinenser wird bis 2025 dazu führen, dass zwei Millionen mehr Palästinenser im Land leben werden als israelische Juden. In der internationalen Gemeinschaft haben bislang nur Wenige die Realität kapiert, dass eine chirurgische Trennung zwischen den Populationen nicht möglich sein wird.

Israels Führer wissen, welches Problem sie haben. Im November sagte der israelische Premier Ehud Olmert: “Wenn der Tag kommt, an dem die Zwei-Staaten-Lösung kollabiert und wir uns einem Kampf um gleiches Wahlrecht im Stile Südafrikas gegenüber sehen - sobald dies passiert, ist der Staat Israel erledigt”.

Der Kampf hat schon begonnen. Immer mehr Palästinenser erkennen, dass ein (eigener) Staat unrealistisch ist. Sie diskutieren und optieren für eine Ein-Staaten-Lösung, die Israelis und Palästinensern gleiche Rechte in einem gemeinsamen Land bieten würde. 2007 gehörte ich zu einer Gruppe aus Palästinensern, Israelis und anderen, die eine ‘One State Declaration’Siehe http://electronicintifada.net/v2/article9134.shtml . veröffentlichte. Diese Erklärung war zu einem gewissen Teil inspiriert von ‘South Africa’s Freedom Charta’. In unserer Erklärung legten wir die Prinzipien für eine gemeinsame Zukunft in einem demokratischen Staat fest. Natürlich schrecken die meisten Israelis vor einem Vergleich mit Apartheid-Südafrika zurück. Die positive Nachricht für sie lautet: Das Ende der Apartheid führte nicht zu dem von vielen befürchteten Desaster, vielmehr war es die Morgendämmerung für alle Menschen Südafrikas.

Quelle: ZNet Deutschland   vom 09.05.2008. Orginalartikel: Rememberung 1948 and looking to the future.   Übersetzt von: Andrea Noll. Die ursprüngliche Version dieses Essays ist in The Sydney Morning Herald erschienen.

Fußnoten

Veröffentlicht am

14. Mai 2008

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