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Die Leber des Prometheus: Mit Biomasse gegen den Klimawandel

Mit Biomasse gegen den Klimawandel: In der Strom- und Wärmeproduktion ist die Nutzung der Biomasse prinzipiell wünschenswert. Doch was dabei zählt, ist die ökologische Gesamtbilanz


Von Ingrid Wenzl

Seitdem Reis und andere Nahrungsmittel weltweit knapp und teuer werden, weil die Flächen für den Anbau von Agrartreibstoffen genutzt werden, hat zumindest der Biosprit keine gute Presse mehr. Doch an anderer Stelle ist Biomasse eine sinnvolle Alternative.

Ob Holzhackschnitzelheizungen, Pelletöfen oder Biogasanlagen: Die Energiegewinnung aus Biomasse erfreut sich auch außerhalb des Straßenverkehrs großer Popularität. Denn steigende Öl- und Erdgaspreise, staatliche Subventionen und das wachsende Bewusstsein um den aktuellen Klimawandel machen diese Energieform attraktiv. Von den erneuerbaren Energien lässt sich die Biomasse am vielseitigsten einsetzen, und im Gegensatz zu Sonne oder Wind hat sie zudem einen entscheidenden Vorteil: Sie lässt sich lagern und erst dann verbrennen, wenn Bedarf besteht.

Die energetische Nutzung der Biomasse ist keine neue Erfindung. Im Gegenteil. Schon in der Steinzeit wärmten sich die Menschen am Feuer und rösteten ihre Jagdbeute über ihm. Nach der griechischen Mythologie war es der Titanensohn Prometheus, der den Menschen gegen den Willen der Götter das Feuer brachte. Zur Strafe ließ ihn Zeus an einen Felsen schmieden. Tag für Tag fraß ein Adler an seiner Leber, Nacht für Nacht wuchs sie ihm wieder nach.

Nicht so grün wie ihr Image

Noch heute decken nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) ärmere Länder bis zu 90 Prozent ihres Primärenergiebedarfs durch Brennholz. Husten und Asthma sowie die voranschreitende Erosion der Böden an vielen Orten der Erde zählen zu den Folgen dieser Realität. Ist jedoch von der Biomasse als zentralem Instrument gegen den Treibhauseffekt die Rede, so ist damit ihre Verbrennung in modernen, effizienteren Anlagen gemeint. In Deutschland lag nach Angaben des Bundesverbands für BioEnergie 2007 ihr Anteil am Primärenergieverbrauch bei insgesamt 6,2 Prozent: vier Prozent des Stroms, sechs Prozent der Wärme und sieben Prozent der Kraftstoffe stammten aus dieser Energiequelle.

Doch auch die hiesige Nutzung der Biomasse ist lange nicht so grün wie ihr Image: Gerade die Agrotreibstoffe sind in letzter Zeit ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, denn ihre Herstellung ist oft - wenn man etwa an die Palmölplantagen in Südostasien denkt, für die tropische Sumpfwälder weichen müssen - alles andere als nachhaltig und klimafreundlich. Auch lässt sich Biomasse in der Strom- und Wärmeerzeugung deutlich effizienter einsetzen.

Am besten schneiden dabei die Kraft-Wärme-Kopplung-Anlagen ab, da sie auch die Abwärme verwerten. Das setzt allerdings eine dezentrale Energieversorgung voraus, wie sie verschiedene Umweltverbände fordern: Kleinere und mittelgroße Biomassekraftwerke sollen demnach dort entstehen, wo eine entsprechende Nachfrage an Wärme existiert, und mit den Materialien gespeist werden, die regional vorkommen. So verkürzen sich die Anfahrtswege und der damit verbundene CO2-Verbrauch.

Ihre Hauptanwendung findet die Biomasse derzeit im Wärmesektor. Pellets, Presslinge aus Abfällen der Sägewerke, die vor allem in Zentralheizungen eingesetzt werden, feiern Hochkonjunktur. “Die Energieausbeute moderner Pelletöfen liegt im Allgemeinen höher, als wenn man gewöhnliches Brennholz in einem geschlossenen Ofen verbrennt”, erklärt der Energieexperte von Greenpeace Hamburg, Jörg Feddern. Um der Feinstaubbelastung entgegenzuwirken, arbeitet die Industrie an Filteranlagen und rüstet auch alte konventionelle Öfen um.

Strom aus Biomasse

Zur Stromerzeugung wird feste Biomasse - in Deutschland vor allem Holz - in Großanlagen wie Kohle verbrannt. Wasserdampf treibt die Turbinen an. Deutlich höhere Wirkungsgrade verspricht bei kleineren Anlagen die Vergasungstechnologie. Obwohl ihre Anfänge ins 17. Jahrhundert zurückreichen, befindet sie sich noch in der Erprobung. Doch “bezüglich Sauberkeit des entstehenden Gases und Wirtschaftlichkeit steht sie kurz vor dem Durchbruch”, versichert der Leiter des Thüringer Zentrums für Nachwachsende Rohstoffe, Armin Vetter. Auf dem Markt gibt es bereits seit etwa einem Jahr eine Handvoll Hersteller, die kommerziell Kraftwerke bis fünf Megawatt anbieten.

Eine andere Möglichkeit, Strom zu erzeugen, besteht darin, feste und flüssige Biomasse - Getreide, Grünschnitt oder Gülle - zu Biogas zu vergären, das wie Erdgas eingesetzt werden kann. Dieser Sektor ist in Deutschland in den letzten Jahren besonders stark gewachsen. Einige Dörfer versorgen ihren Energiebedarf sogar fast vollständig damit (vgl. Interview ). Auch Pflanzenöle landen immer öfter in Kraftwerktanks. Angekurbelt hat diesen wahren Biomasse-Boom in Deutschland das 2004 aktualisierte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).

Greenpeace Deutschland beobachtet diese Entwicklung mit einiger Skepsis: “Auf den Maisplantagen, die für die riesigen Biogasanlagen angelegt werden, werden Pestizide versprüht, und der Mais benötigt viel Wasser”, erklärt Feddern. All dies ebenso wie die Verwendung von Dünger sind Aspekte, die in die CO2- und Ökobilanz einbezogen werden müssen. Landwirtschaftlich nutzbare Flächen sind in Deutschland zudem knapp. Somit kollidiere der Anbau von Energiepflanzen mit der Nahrungsmittelproduktion. Wie die Hersteller von Biodiesel verwenden die Betreiber von Pflanzenölkraftwerken außerdem zunehmend Palmöl, da dies billiger als Rapsöl ist. Die Umweltschutzorganisation plädiert aus all diesen Gründen dafür, stattdessen auf Reststoffe zurückzugreifen, wie die bereits erwähnten Holzpellets oder Stroh.

Der verflixte Ökobilanz

Um Biogasnutzung und Naturschutz dennoch unter einen Hut zu bringen, forschen Wissenschaftler an sogenannten low-input-Systemen: “Dabei probiert man, wie man, ohne den Ertrag zu mindern, mit weniger Dünger auskommen kann”, erklärt Daniela Thrän vom Institut für Energetik und Umwelt. So experimentiert die Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft bundesweit an sieben Standorten, welche Arten in welcher Fruchtfolge jeweils die höchste Energieeffizienz aufweisen, den geringsten Treibhausgasausstoß bewirken und die größte Artenvielfalt gewährleisten.

Dabei stellt sie je nach Klima und landwirtschaftlicher Nutzung große regionale Unterschiede fest: Während sich Niedersachsen etwa durch Viehhaltung auszeichnet, für deren Versorgung allein schon ein Drittel der Felder mit Mais bedeckt ist, liegt der Schwerpunkt in den neuen Bundesländern auf Getreide. “Somit ist hier im Gegensatz zum Standort Niedersachsen der Maisanbau sogar wünschenswert, zumal es im Flachland keine Probleme mit der Wassererosion gibt”, wendet sich Armin Vetter gegen die Generalverteufelung dieser Getreideart.

Für trockene, wärmere Standorte propagiert Vetter Zuckerhirse, für den Südwesten eine Mischung von Sonnenblumen und Mais, für moorige Gegenden Luzerne und Gras. Vor allem in den alten Bundesländern biete sich außerdem Wintergetreide an, das wie Gras grün geschnitten und siliert wird; nach der Ernte im Mai oder Juni können die Landwirte dann nochmals aussäen. Somit steigt der Ertrag, die Pflanzen entziehen dem Boden Stickstoff, und die ganzjährige Bodenbedeckung verhindert eine Erosion.

Die Verwendung von Biomasse sollte also genau überlegt und regional gestaltet sein. Nur dann kann die Biomasse einen wichtigen Beitrag gegen den Klimawandel leisten.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   17 vom 25.04.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

28. April 2008

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