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Zum 70. Todestag von Carl von Ossietzky

Von Werner Onken

Am 4. Mai 1938 starb in Berlin der demokratisch-pazifistische Journalist und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, dessen Namen die Universität Oldenburg trägt.

Die Familie Ossietzky entstammte dem verarmten oberschlesischen Kleinadel. In der Hoffnung auf ein besseres Leben zogen die Eltern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Hamburg. Dort fand der Vater in der Anwaltskanzlei eines Hamburger Senators eine Stelle als Schreiber und am 3. Oktober 1889 kam Carl von Ossietzky in Hamburg auf die Welt.

Der Besuch einer höheren Schule blieb ihm verwehrt. Schon früh musste er sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen - zunächst als Hilfsschreiber im Hamburger Amtsgericht und danach im Hamburger Grundbuchamt. Gleichwohl begann Ossietzky, sich sehr intensiv mit der Literatur, Geschichte und Politik zu beschäftigen. Das Leben in ärmlichen Verhältnissen hatte in ihm auch schon frühzeitig die Frage nach den Ursachen der sozialen Ungerechtigkeit geweckt. Deren Überwindung erhoffte er sich von der Sozialdemokratie, ohne allerdings ihrer Parteilinie einfach zu folgen. Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden wurden zu den großen Leitbildern seines Lebens. In der “Demokratischen Vereinigung” lernte Carl von Ossietzky den pazifistischen Publizisten Hellmut von Gerlach kennen. Schon bald drängte es ihn, auch selbst politische Artikel zu schreiben. Der erste erschien 1911 in der Zeitschrift “Freies Volk”.

1913 heiratete Ossietzky die von der englischen Frauenbewegung beeinflusste Maud Hester Lichfield-Woods. Sein erster Versuch, als freier Journalist zu leben, missglücklichte, nachdem eine Kritik am Militarismus des wilhelminischen Kaiserreichs von der Justiz als “Beleidigung” eingestuft und mit einer Geldstrafe von 200 Mark geahndet wurde. Bald darauf - inzwischen hatte der Erste Weltkrieg schon begonnen - trat Ossietzky wieder in den Justizdienst ein und suchte die Nähe zur “Deutschen Friedensgesellschaft”. Gegen seine pazifistischen Grundüberzeugungen wurde er Mitte 1916 als Armierungssoldat eingezogen.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wirkte Carl von Ossietzky im Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat mit, siedelte aber bald nach Berlin über und wurde Sekretär der “Deutschen Friedensgesellschaft”, deren friedenspolitische Forderungen Ossietzky in die Arbeiterschaft hineintragen wollte. Fortan schrieb er auch die Leitartikel für die “Berliner Volks-Zeitung” und kommentierte darin die Ereignisse in der ökonomisch instabilen und politisch gefährdeten Weimarer Republik, zum Beispiel den Kapp-Putsch, die Morde an Erzberger und Rathenau, den Hitler-Putsch, die Besetzung des Rheinlands oder die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten.

1924 übernahm Ossietzky die Redaktion der antimilitaristischen Zeitschrift “Das Tage-Buch” und wurde 1927 schließlich Redakteur und Herausgeber der berühmten Zeitschrift “Weltbühne”. Seine kompromisslos pazifistische Grundhaltung brachte ihm erneute Konflikte mit der Justiz ein, die in ihm mehr und mehr einen Landesverräter sah. Wegen Beleidigung der Marine und der Reichswehr verurteilte sie Ossietzky zu Geldstrafen, wodurch dieser sich aber nicht einschüchtern ließ. Als Ossietzky im November 1931 in der “Weltbühne” die geheime Aufrüstung der Reichswehr aufdeckte, verurteilte ihn die Justiz wegen Landesverrats zu 18 Monaten Gefängnis. Albert Einstein, Thomas Mann, Romain Rolland und andere große Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur unterstützten ein Gnadengesuch zu seiner Freilassung, welches Reichspräsident Hindenburg ablehnte - möglicherweise weil sich Ossietzky nach dem Zusammenschluss von NSDAP, DNVP und Stahlhelm mit Vertretern des Finanz- und Industriekapitals zur “Harzburger Front” für eine Kandidatur des Kommunisten Ernst Thälmann bei der Wahl zum Reichspräsidenten ausgesprochen hatte.

Während seiner Haft brachte Ossietzky seine unbeugsame Haltung in einem Artikel “Rechenschaft” zum Ausdruck: “Die ‘Weltbühne’ hat von rechts den Vorwurf der Verräterei und von links den Vorwurf des verantwortungslos krittelnden individualistischen Ästhetentums einstecken müssen. Die ‘Weltbühne’ wird auch weiterhin das sagen, was sie für nötig befindet; sie wird so unabhängig bleiben wie bisher; sie wird so höflich oder frech sein, wie der jeweilige Gegenstand es erfordert. Sie wird auch in diesem unter dem Elefantentritt des Faschismus zitternden Lande den Mut zur eigenen Meinung behalten. Wer in den moralisch trübsten Sunden seines Volkes zu opponieren wagt, wird immer bezichtigt werden, das Nationalgefühl verletzt zu haben. Die Stimme der ‘Weltbühne’ kann nur Klang behalten, wenn ihr verantwortlicher Herausgeber seine ganze Person einsetzt und dann, wenn es ungemütlich wird, nicht die bequemere Lösung wählt, sondern die notwendige.” Dank einer sogenannten Weihnachtsamnestie durfte Ossietzky das Gefängnis Tegel Ende 1932 vorzeitig verlassen.

Als es wenig später noch “ungemütlicher” in Deutschland wurde, behielt Carl von Ossietzky auch weiterhin den Mut, “seine ganze Person” für die Demokratie und den Frieden einzusetzen. In seinem ersten Artikel nach der Ermächtigung der Hitler-Regierung bescheinigte er ihr, ein “Produkt eifriger Vermittlungen, überraschender Improvisationen und verborgener Kulissenspiele” und “bis zum Zerspringen mit sozialen Disharmonien geladen” zu sein.

Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand begann dann für Ossietzky ein Martyrium. Er wurde verhaftet und zunächst in die Festung Spandau verbracht. Im April 1933 kam er in das ehemalige Zuchthaus Sonnenburg und im Februar 1934 in das Moorlager Papenburg-Esterwegen im Emsland. Im Auftrag des Internationalen Roten Kreuzes durfte ihn ein früherer Mitarbeiter des Völkerbunds besuchen und berichtete, er habe ein “zitterndes, totenblasses Etwas” gesehen, “ein Auge geschwollen, die Zähne anscheinend eingeschlagen; er schleppte ein gebrochenes, schlecht geheiltes Bein.”

In die Emigration gegangenen Freunden Ossietzkys gelang es, die Weltöffentlichkeit über seinen Zustand zu informieren und Unterstützung für eine Kampagne “Friedensnobelpreis für Carl von Ossietzky” bekommen. Wiederum gehörten Albert Einstein und Thomas Mann zu den Unterstützern, aber auch Heinrich Mann, Herbert G. Wells, John B. Priestly, Bertrand Russell, Aldous Huxley und weitere Wissenschaftler und Schriftsteller. Ossietzky wurde zur Symbolfigur für das ‚andere Deutschland’. Schließlich hatte die Kampagne Erfolg. Der schwerkranke Carl von Ossietzky, der zwischenzeitlich in das Staatskrankenhaus von Berlin verlegt worden war, erhielt im November 1936 rückwirkend für 1935 den Friedensnobelpreis. Unter strenger Bewachung durch die Gestapo blieb Ossietzky im Krankenhaus von der Welt isoliert, bis er schließlich im Beisein seiner Frau und eines Krankenwärters am 4. Mai 1938 im Alter von nur 49 Jahren verstarb.

Nach langjährigen politischen Auseinandersetzungen um den Namen der Universität Oldenburg erhielt die Universität 1991 ihren Namen “Carl-von-Ossietzky-Universität”. 1994 wurde die Oldenburger Ausgabe der gesammelten Schriften von Ossietzky in acht Bänden fertig. In der Unibibliothek erinnert eine kleine Ausstellung an Ossietzkys Leben und Werk.


Veröffentlicht am

23. April 2008

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