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Dalai Lama: Mönch und Marxist

Es wäre historisch gesehen konsequent, wenn der Dalai Lama als politischer Führer der Tibeter abtritt. Dann könnte Chinas KP ihn auch nicht mehr zum Sündenbock machen

Klemens Ludwig

Kaum jemand polarisiert durch seine bloße Existenz derartig wie der Dalai Lama. Für viele Millionen Menschen, weit über seine Heimat hinaus, ist er Orientierung, Hoffnungsträger, ja der weiseste Erdenbürger. Für die weltweit größte Kommunistische Partei ist er der “Teufel in Menschengestalt”, der “Wolf in der Mönchsrobe”.

Von dieser Polemik sollte man sich jedoch nicht in die Irre führen lassen. Denn das Regime in Peking braucht den Dalai Lama dringend. Er ist der ideale Sündenbock, symbolisiert er doch ein Problem, das den Horizont der autoritären Nomenklatura übersteigt: Die große Mehrheit der Tibeter akzeptiert auch knapp 60 Jahre nach der “friedlichen Befreiung vom Feudalismus” noch immer nicht die chinesische Herrschaft. Ein weniger totalitäres Regime würde sich fragen, welche Fehler gemacht wurden und welche Reformen nötig wären. In Peking ist so etwas jedoch undenkbar. Also muss jemand anderem die Schuld aufgebürdet werden, dem Dalai Lama. Gäbe es ihn nicht, müsste ihn Chinas Kommunistische Partei erfinden.

Auf der anderen Seite übernehmen seine Bewunderer in gewisser Weise das Muster der Orthodoxen in Peking: Auch sie reduzieren das Tibetproblem häufig auf den Dalai Lama. Nun ist es kein neues Phänomen, dass Konflikte in Gestalt charismatischer Persönlichkeiten wahrgenommen werden. Mahatma Gandhi war das Symbol des indischen Freiheitskampfes, Nelson Mandela das Gesicht des südafrikanischen. Damit wurden vor allem Sympathien außerhalb der eigenen Klientel gewonnen, doch intern waren die Bewegungen heterogen, es gab Strategiediskussionen und Auseinandersetzungen, die nicht allein durch ein autoritäres Machtwort entschieden wurden.

Im Falle des populären und bislang weitgehend unumstrittenen Dalai Lama ist die Gefahr besonders groß, die Brisanz des Tibetkonflikts zu übersehen und ihm die politische Schärfe zu nehmen. Der Dalai Lama macht es den Politikern in aller Welt leicht. Seine Forderungen an die chinesische Führung bewegen sich im Rahmen dessen, was bereits der KP-Patriarch Deng Xiaoping vorgegeben hat: “Wir können über alles reden, nur nicht über die Unabhängigkeit.” Der Dalai Lama verzichtet auf provokante Aktionen, wie sie Gandhi initiiert hat. Und wenn er den Eindruck hat, in einem Land eher Anstoß zu erregen, weil gerade wichtige Wirtschaftsverhandlungen mit China anstehen, dann sagt er auch einmal einen Besuch ab, wie kürzlich den in Belgien.

Für einen Mann, der nicht nur als religiöses, sondern auch als politisches Oberhaupt seines Volkes fungiert, ist das bemerkenswert zurückhaltend. Damit nähert sich der Dalai Lama den Wurzeln seiner Institution, die ursprünglich keinerlei politische Ambitionen hatte. Sie wurde im 16. Jahrhundert von den Mongolen geschaffen, um den Abt des Klosters Drepung zu ehren, das zur Reformschule der “Tugendhaften” (Gelugpa) gehörte. Die Gelugpa hatten sich die Hinwendung zu den buddhistischen Wurzeln und die Abkehr von materiellen Dingen zum Ziel gesetzt. Im Laufe der Zeit erlagen jedoch auch sie den weltlichen Verlockungen und der Dalai Lama wurde zum geistlichen und politischen Oberhaupt.

“Theokratischer Feudalismus” heißt es dazu häufig im Westen, doch eine solche Bewertung trifft den Charakter nicht ganz. Drei Machtzentren dominierten das alte Tibet: der Adel, die Klöster und der Dalai Lama. Zum Feudalismus gehört die vererbbare Macht, die es in Tibet nur beim Adel gab, der schwächsten der drei Institutionen.

Der Dalai Lama fiel aus dem Rahmen. Da er nicht im hohen Alter von der Hierarchie gewählt, sondern bereits als Kleinkind in sein Amt eingeführt wird, wusste der Klerus nie so genau, ob der Junge sich ganz in seinem Sinne entwickeln würde. Häufig hat die Erziehung nicht ausgereicht, um den Dalai Lama zu einem bloßen Werkzeug der Klöster zu machen, die zudem untereinander zerstritten waren. Der 13. Dalai Lama etwa war für sein soziales Gewissen bekannt; sein Nachfolger, der amtierende 14. Dalai Lama, bekundet bis heute seine Sympathie für den Marxismus, mit dem er die Gleichheit aller Menschen teilt. Nur die Geringschätzung der Religion lehnt er ab.

Die politische Autorität des Dalai Lama resultiert aus seiner religiösen Autorität. Noch geht beides Hand in Hand, aber ein Wandel zeichnet sich ab, an dem der Dalai Lama maßgeblichen Anteil hat. Das betrifft nicht in erster Linie seine spektakuläre Rücktrittsdrohung. Viel unspektakulärer, aber wirksamer ist ein Prozess, der ihm seit der Flucht besonders am Herzen liegt: die Demokratisierung der tibetischen Gesellschaft. Jahrzehnte stieß er damit auf wenig Resonanz, doch das hat sich geändert, ausgelöst durch eine einsame politische Grundsatzentscheidung seinerseits - den Verzicht auf die Unabhängigkeit. Für die Tibeter ist das eine bittere Entscheidung, doch viele akzeptieren sie aus Respekt vor ihrem Oberhaupt.

Eine zunehmende Zahl von Individuen oder Organisationen wie der Tibetische Jugendkongress widersprechen jedoch offen. Sie machen keinen Hehl daraus, dass sie den Dalai Lama nur als religiöses und nicht als politisches Oberhaupt anerkennen. Sie halten an der Forderung nach Unabhängigkeit fest, suchen provokante Aktionsformen und ärgern sich, wenn ihre Stimmen nicht gehört werden, weil die Tibetfrage allein auf den Dalai Lama ausgerichtet ist.

Wie weit diese Emanzipation in Tibet gilt, ist unklar, da ja freie Meinungsäußerungen nicht möglich sind. Zweifellos war das Gefühl, von den materiellen Privilegien der chinesischen Siedler abgeschnitten zu sein, eine Ursache für den Aufstand in Lhasa, doch ob die Militanten repräsentativ für eine neue Generation von Tibetern sind, erscheint fraglich. Auf dem Lande erfährt man nach wie vor die uneingeschränkte Verehrung für den Dalai Lama. Ein Bild von ihm berührt die Menschen weit mehr als jeder Dollarschein - auch die Jugendlichen.

Den Militanten in Lhasa und ihren Sympathisanten im Exil galt die Warnung des Dalai Lama, sich aus allen öffentlichen Ämtern zurückzuziehen, wenn die Situation weiter eskaliere, eine Warnung, die so neu nicht ist. Seit Jahren erklärt der Dalai Lama, er werde bei militanten Aktionsformen die Führung des Freiheitskampfes niederlegen. Dem buddhistischen Mönch, als der er sich in erster Linie versteht, wird es nicht schwer fallen, sich auf seine Rolle als religiöses Oberhaupt zu beschränken, denn theologische Fragen interessieren ihn ohnehin mehr als die Politik. Der stellt er sich, weil es um das Schicksal Tibets geht.

Bisher war das Problem, dass die chinesische Führung geleugnet hat, dass es überhaupt ein Tibetproblem gibt. Diese Position wird sie kaum mehr ernsthaft aufrechterhalten können. Lässt sie sich auf Verhandlungen ein, hat der Aufstand viel erreicht - und der Dalai Lama könnte sich bald auf seine religiöse Rolle zurückziehen.

Quelle: taz   vom 25.03.2008. Wir veröffentlichen diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung von Klemens Ludwig.

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Veröffentlicht am

28. März 2008

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