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Provokateure, Paramilitärs, Putschisten

Geheimkrieg an der Grenze: Kolumbien und die USA verfolgen eigenartige Destabilisierungspläne gegen die Linksregierungen in Ecuador und Venezuela

Raul Zelik

Die Regierung des kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe feiert den Tod des Guerilla-Kommandanten Raúl Reyes, der vor wenigen Tagen in einem schwer zugänglichen Waldgebiet Ecuadors ermordet wurde, als großen Sieg. Der Leichnam des Kommandanten Nr. 2 der FARC-Guerilla (siehe Freitag 9/08 ) wurde in Bogotá regelrecht als Trophäe präsentiert.

Für Alvaro Uribe ist die Operation der lang ersehnte Beweis, dass die Politik der “Demokratischen Sicherheit” Erfolge zeitigt. Die Botschaft scheint anzukommen: Nach letzten Umfragen, so das Uribe nahe Blatt El Tiempo aus Bogotá, wird der Staatschef von 83 Prozent der Kolumbianer unterstützt. Dass Ecuador und Venezuela nach der Militäraktion vom 1. März ihre diplomatischen Beziehungen zum Nachbarland abbrachen und Truppen an die Grenze verlegten, scheint weniger zu stören. Bogotá gibt sich überzeugt - die Nachbarländer stecken mit der Guerilla unter einer Decke. So präsentiert man, unmittelbar nachdem die meisten südamerikanischen Staaten den Angriff auf ecuadorianisches Staatsgebiet verurteilt haben, Dokumente, wonach die Regierung in Quito mit den FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) kooperiere. Venezuela wird sogar vorgeworfen, die Guerilla mit 300 Millionen Dollar unterstützt zu haben.

Tatsächlich ist die bekannte Faktenlage genau andersherum. Was Kolumbien Armee getan hat, reiht sich in eine Kette von Angriffen gegen die Linksregierungen der Nachbarländer ein. Die Empörung in Quito und Caracas hat denn auch weniger mit den Tod des Rebellen Reyes als vielmehr damit zu tun, dass von Kolumbien immer wieder eigenartige Geheimaktionen ausgehen.

Gestellt und erschossen

Auch diesmal begann die Eskalation mit einer Lüge Uribes, der Rafael Correa, seinem Amtskollegen in Quito, am 29. Februar zunächst mitteilte, kolumbianische Militärs seien von ecuadorianischem Staatsgebiet aus angegriffen worden und hätten das Feuer erwidert. Gegenüber der eigenen Presse ließ er gar verlautbaren, die Operation gegen die FARC sei mit Erlaubnis Quitos erfolgt.

Filmmaterial der kolumbianischen Armee und Ermittlungen der ecuadorianischen Behörden förderten hingegen einen ganz anderen Hergang zutage. Die US-Luftüberwachung, die über Kolumbien mit AWACS-Maschinen, Flugdrohnen und Satelliten im Einsatz ist, hatte Raúl Reyes in einem zwei Kilometer südlich der Grenze gelegenen FARC-Camp per Funküberwachung geortet. Kolumbianische Spezialeinheiten waren daraufhin ins Nachbarland eingesickert. Ohne die ecuadorianische Autoritäten zu informieren, wurden die schlafenden Rebellen im Morgengrauen des 1. März mit Cluster-Bomben angegriffen. Reyes, der den Angriff verwundet überlebte, versuchte zu fliehen, wurde jedoch von einer kolumbianischen Eliteeinheit gestellt und erschossen. Um diesen militärischen Sieg beweisen zu können, entführten die Kolumbianer dann auch noch seinen Leichnam, um diesen in Bogotá vorzuführen.

Die Präzision, mit das ablief, legt die Vermutung nahe, dass US-Militärs federführend beteiligt waren. Auch die mediale Assistenz bei der Aktion erscheint minutiös geplant. Unmittelbar nach dem Militärschlag setzte in Kolumbien eine nationalistische Mobilmachung ein, der sich nicht einmal die linke Oppositionspartei PDA vollständig entziehen konnte. Alternative Nachrichtenquellen wurden präventiv “abgeschossen”, sprich: die bekannten FARC nahen Websites durch Hackerangriffe ausgeschaltet.

Für Ecuador stellt dieser “Angriff mit Unterstützung ausländischer Mächte”, wie es Präsident Correa formulierte, nicht nur wegen der verletzten Souveränität eine Provokation dar. Noch empörter ist Quito, weil sich Ecuador in die kolumbianische Geiselaffäre als Vermittler eingeschaltet und auf Seiten der FARC mit niemandem sonst als Raúl Reyes verhandelt hatte. Correa zufolge gab es mit dem FARC-Sprecher eine Vorvereinbarung über die Freilassung von elf Geiseln, darunter auch drei CIA-Mitarbeiter, die 2003 bei einer Geheimdienstmission abgeschossen wurden, und die französisch-kolumbianische Politikerin Ingrid Betancourt.

Der Mord an Reyes kann nur als gezielter Schlag gegen eine Verhandlungslösung des seit bald zehn Jahren andauernden Geiseldramas gewertet werden. Allmählich beginnt einem als Beobachter auch zu dämmern, warum der strammrechte Uribe ausgerechnet seinen linken Amtskollegen Hugo Chávez im Sommer 2007 erst zum Emissär in der Geiselaffäre ernannte und ihm dann - kurz vor einer Lösung - ohne jede Vorankündigung das Mandat wieder entzog. Kolumbianische und US-Geheimdienste nutzten die diplomatischen Bemühungen Venezuelas offenbar dazu, um Kommunikationskanäle der Guerilla auszuforschen. Reyes starb, weil er bei diplomatischen Kontakten gelegentlich auf ein Satellitentelefon zurückgriff und dadurch geortet werden konnte.

Drohgebärden und Drogengelder

Die Regierung Uribe und die sie tragende Ultrarechte versuchen nicht nur, eine politische Lösung des Geiseldramas zu sabotieren. Sie betreiben darüber hinaus eine die Region erfassende Eskalationspolitik. In Ecuador haben die US-Militärfirma DynCorp und die kolumbianische Polizei Dörfer in der Nähe der Grenze mit dem Monsanto-Pflanzengift RoundUp besprüht. Vor einigen Jahren töteten kolumbianische Todesschwadronen einen Präsidentschaftsbewerber der ecuadorianischen Linken in Quito.

In Venezuela gehen diese Eingriffe noch sehr viel weiter. Den Drahtziehern des Anti-Chávez-Putsches vom April 2002 gewährte Bogotá politisches Asyl. Zwei Jahre später wurden mehr als 100 kolumbianische AUC-ParamilitärsAUC/Autodefensas Unidas de Colombia, paramilitärische, ultrarechte Milizen in Kolumbien in Caracas verhaftet, als sie dabei waren, einen bewaffneten Aufstand gegen Chávez einzufädeln. Im Vorfeld hatte sich Kolumbiens damaliger Heereschef, Martín Orlando Carreño, der von AUC-Kommandanten unlängst als Alliierter der Todesschwadronen bezeichnet wurde, mit venezolanischen Viehzüchtern getroffen, um über die “Sicherheitslage in der Grenzregion” zu sprechen. Schließlich bekräftigte ein hochrangiger Beamter der kolumbianischen DAS-Polizei, Mitglieder der Uribe-Regierung hätten gemeinsam mit seiner Behörde, Paramilitärs der AUC und venezolanischen Rechten versucht, die Regierung Chávez zu stürzen. Die Mehrzahl der politischen Morde geht in Venezuela auf das Konto - von häufig kolumbianischen - Todesschwadronen, die pro-chavistische Kleinbauern im Auftrag der venezolanischen Rechten töten (etwa 200 in den vergangen Jahren).

Die Situation erinnert beunruhigend an die Konstellation in Zentralamerika während der achtziger Jahre: Damals warfen die USA der Linksregierung in Nicaragua vor, den internationalen Terrorismus zu protegieren, und nahmen dies zum Anlass für einen groß angelegten Geheimkrieg. Die von Honduras aus operierenden Contras wurden, wie man heute weiß, unter anderem mit Drogengeldern finanziert und von der US-Regierung illegal mit Waffen beliefert. Zugleich sorgte Washington für ein angespanntes Klima in Zentralamerika überhaupt.

Die Parallelen sind auffällig: Caracas und Quito wirft man medienwirksam die militärische Unterstützung der FARC-Guerilla vor - wofür es bislang freilich keine seriösen Hinweise gibt. Die kolumbianische Rechte sorgt dafür, dass der Krieg über die Grenze schwappt. Und mit den Paramilitärs steht eine drogenfinanzierte Geheimarmee zur Verfügung, die sich gegen die Linke in der ganzen Region in Stellung bringen lässt. Verwunderlich wäre die Neuauflage einer Destabilisierung nach dem Muster Nicaragua keineswegs: Koordinator des Geheimkriegs in Zentralamerika war John Negroponte, damals US-Botschafter in Honduras. Der Rechtsausleger wurde 2004 Botschafter im Irak, dann oberster Koordinator der US-Geheimdienste und dient der Bush-Regierung heute als Vize-Außenminister.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   10 vom 07.03.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Raul Zelik und des Verlags.

Fußnoten

Veröffentlicht am

12. März 2008

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