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Mobbing: Krieg und Frieden im Büro

Gesundheitsrisiken und immense Kosten belasten die Arbeitswelt

von Regina Bartel

Endlich Freitag, endlich 18 Uhr: Feierabend. Wieder eine Woche überstanden. Zwei Tage Pause. Vielleicht mal wieder eine Nacht durchschlafen. Mit etwas Glück kommt die Übelkeit erst ab Sonntagnachmittag wieder. Doch am Montag geht es unweigerlich zurück ins Büro, und dort, am Arbeitsplatz, lauert der Feind.

Schikanen und Respektlosigkeiten gehören für viele Arbeitnehmer zum täglichen Brot: Zwölf Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland sind Mobbing-Opfer, so ein Teilergebnis einer im Januar 2008 vom Institut für Markt- und Sozialforschung (IFAK) veröffentlichten Studie, die die Bindung von Arbeitnehmern an ihre Arbeitgeber untersucht. Von 31,7 Millionen Erwerbstätigen haben oder hatten demnach 3,8 Millionen über Monate hinweg unter regelmäßiger Erniedrigung durch Kollegen oder Vorgesetzte zu leiden. Mobbing ist ein Massenphänomen, das nicht nur den einzelnen Arbeitgeber teuer zu stehen kommt; Wirtschaft und Gesellschaft erleiden Milliardenverluste.

Mobbing hat System

Mit etwa 2,3 Milliarden Euro veranschlagt das IFAK allein die Kosten durch die durch Mobbing verursachten Fehltage. 17,6 Milliarden Euro Schaden entstehen schätzungsweise durch die dadurch erzeugte ungewollte Fluktuation: Mobbing-Opfer geben zweieinhalb Mal häufiger als andere Arbeitnehmer an, innerhalb der nächsten zwölf Monate den Arbeitsplatz wechseln zu wollen. Die Kosten für eine einzelne Stellenneubesetzung können sich nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes bis zum Doppelten eines Brutto-Jahresgehaltes der zu besetzenden Position belaufen. Es ist also nicht im Sinne eines Unternehmens, Mitarbeiter zu demotivieren oder gar zu vertreiben - es sei denn, der Arbeitgeber möchte die Abfindung bei betriebsbedingter Kündigung einsparen und die Stelle nicht neu besetzen. In Zeiten harten Konkurrenzkampfes um Arbeitsplätze ist Mobbing dennoch an der Tagesordnung.

Mobbing ist mehr als nur ein hingeworfener flapsiger Scherz oder eine nebenbei fallen gelassene zynische Bemerkung, die vom Gegenüber persönlich genommen wird. Mobbing ist auch mehr als ein Einzelereignis oder eine aus einer Laune heraus resultierende Anmache. Mobbing hat System und ist dauerhaft. Durch die stetigen Angriffe über Monate hinweg wird der Betroffene zermürbt, krank oder in die Flucht geschlagen.

Das Wort Mobbing stammt aus dem Englischen, to mob bedeutet anpöbeln. Als psychologische Strategie wird Mobbing erst seit kurzem untersucht, der Begriff geht auf den ehemals in Schweden lehrenden, 1999 verstorbenen deutschen Arbeitswissenschaftler Heinz Leymann zurück, der den Begriff zu Beginn der neunziger Jahre prägte. Er fasst unter dem Stichwort Mobbing all jene Handlungen zusammen, die zum Ziel haben, einem einzelnen Mitarbeiter zu schaden. Die Palette reicht dabei von ständiger Kritik über Manipulation von Arbeitsunterlagen und -ergebnissen bis hin zur Zuweisung sinnloser Aufgaben. Betroffen sind dabei nicht nur Branchen, in denen besonders hart um Arbeitsplätze gekämpft wird.

Spielplatz Öffentlicher Dienst

Der 2002 erschienene Mobbing-Report der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin identifiziert ausgerechnet Sozialberufe als höchste Risikogruppe für Mobbing. Sozialarbeiter, Altenpfleger oder Erzieher geraten fast drei Mal häufiger als andere Berufstätige in eine Mobbingsituation. Überdurchschnittlich oft betroffene Branchen sind auch das Verlagswesen, das Kreditgewerbe sowie öffentliche Verwaltungen. Weit unter dem Durchschnitt liegt dagegen die Landwirtschaft, auch Berufsjäger erfreuen sich einer ausgesprochen friedlichen Zusammenarbeit.

Warum es zum Beispiel ausgerechnet den Öffentlichen Dienst - gemeinhin die Insel der Glückseeligen in Sachen Arbeitsplatzsicherheit und gut (aus-)gebildeter Mitarbeitern trifft, ist ein Phänomen, das unerklärlich scheint: Untersuchungen gibt es wenige, aber Experten in Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen und Kliniken arbeiten ständig mit dieser Klientel. Sind die besser Qualifizierten ganz einfach diejenigen, die verstärkt Hilfe suchen? Sind es die sicheren, oft unbefristeten Arbeitsverhältnisse im Öffentlichen Dienst, die Menschen dazu bringen, ihre Arbeitszeit in ineffektives Mobbing zu investieren? “Der öffentliche Dienst hat eine Struktur, die es vereinfacht, nicht-tätig zu werden”, beobachtet Anka Kampka vom Netzwerk der Mobbingselbsthilfegruppen. “Dort gibt es sehr starre Hierarchiestrukturen. Und Geld spielt dort weniger eine Rolle als Macht.”

Neben den riskanten Tätigkeitszweigen gibt es allerdings keine völlig mobbingfreien Zonen. Zu den Opfern gehören gleichermaßen Frauen und Männer aller Altersgruppen. Oft tritt Mobbing in einzelnen Abteilungen oder Betrieben immer wieder auf, Betroffene kennen frühere oder zeitgleich stattfindende Fälle. Täter können sowohl Kollegen als auch Vorgesetzte sein; in über der Hälfte der Fälle geht die Aktivität allein oder gemeinsam mit anderen vom direkten Vorgesetzten aus.

Mobbing macht krank

Wenn beispielsweise die Chefin ständig hinter einem Mitarbeiter steht, dessen Arbeit ungerechtfertigt kritisiert, widersprüchliche Arbeitsanweisungen erteilt und die Prioritäten von Aufgaben mehrmals täglich ändert; wenn sie in dessen Abwesenheit seine Mails liest oder die Schreibtischschubladen durchwühlt, entsteht für den Betroffenen eine Form von Stress, der über Termindruck oder die Anforderungen eines generell hektischen Jobs hinausgeht. Auf längere Sicht wird ein Mobbing-Opfer anfällig für Fehler, der negative Stress greift ins Privatleben über, die psychische und physische Gesundheit werden angegriffen: Ein Drittel der Betroffenen sucht therapeutische Hilfe, hohe Fehlzeiten führen die Autoren des Mobbing-Reports auf physische als auch auf psychosomatische Erkrankungen zurück.

Negativ auf Mobbing-Opfer wirkt sich dabei auch der seit Jahren anhaltende Trend zu niedrigen Krankenständen aus, denn je öfter sie fehlen, desto stärker geraten sie unter Druck. Gesundheitliche Probleme werden bei verdichteten Arbeitsabläufen ohnehin immer stärker ignoriert. Die Folgen sind gravierendere Krankheitsverläufe, Fehler bei der Arbeit und langfristig verminderte Leistungsfähigkeit. Moderne Arbeitsstrukturen wie Team- und Projektarbeit führen zu extremer Mehrbelastung, sobald ein Kollege oder eine Kollegin krankheitsbedingt ausfällt. “Der Rückgang von Fehlzeiten ist durchaus ambivalent: Gruppenarbeit kann zur Reduktion von Fehlzeiten beitragen, weil Motivation und Arbeitszufriedenheit steigen, aber auch, weil Gruppendruck und falsch verstandene Kollegialität dazu führen, krank zur Arbeit zu gehen”, beschreibt der Soziologe Hermann Kocyba vom Frankfurter Institut für Sozialforschung das Problem. Der Arbeitnehmer muss um jeden Preis funktionieren: ein Teufelskreis.

Über die Hälfte der Anrufer des Mobbingtelefons der AOK Rheinland/Hamburg leiden unter Schlaflosigkeit. Häufig sind Magenbeschwerden, Angstzustände, Depressionen, Konzentrationsstörungen, Erschöpfung und Verlust des Selbstwertgefühls. Wenn bereits krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit vorliegt, dann sind die Betroffenen oft schon mehrere Wochen krank geschrieben. In den Krankschreibungen drückt sich die generelle Hilflosigkeit der zuständigen Stellen gegenüber dem Problem aus: “Die Helfer sind hilflos”, resümiert Mobbing- und Konfliktberaterin Anka Kampka. “Der Arzt kann erst einmal nur krank schreiben, aber ihm sitzt die Krankenkasse im Nacken, ein Therapeut erkennt das Problem nicht, Therapieansätze greifen nicht.”

Neben medizinischer und therapeutischer Hilfe braucht ein Opfer auch Rechtsberatung und weiteres Coaching. Doch die Beratungsangebote sind beschränkt und müssen von den Opfern oft selbst bezahlt werden. “Diese Menschen brauchen solide soziale Beratung, denn sie finden bei Psychologen und Ärzten nicht genügend Hilfe”, sagt Siegfried Unger, Vorstand der Gesellschaft für Arbeits- und Sozialrecht e.V. (Gefas) in Berlin. Er schwankt zwischen Empörung und Enttäuschung über Fördermittelkürzungen und die Streichung geförderter Arbeitsplätze, die es der Gefas unmöglich machen, den dringend benötigten Beratungsbedarf abzudecken. “Man könnte eine Menge so genanntes Humankapital sparen, wenn man das Problem wirklich erkannt hätte, statt es nur zu quantifizieren: Mobbing kostet den Staat, die Renten- und Krankenkassen Unsummen.”

Auch Kündigung kann ein Ziel sein

Psychologin Christel Hoyer vom Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung in Köln, das das von der AOK finanzierte Mobbingtelefon betreut, hat es mit unterschiedlichsten Anrufern zu tun: “Oft fühlen sich die Betroffenen so ausgeliefert, dass sie sich nicht mehr als Agierende sondern nur noch als Reagierende in dem Prozess sehen”, sagt sie. “Manche haben keinen Blick mehr für Lösungsmöglichkeiten”.

Wesentlicher Punkt, um die Situation zu bewältigen ist, dass die Betroffenen sich der eigenen Interessen bewusst werden und Ziele entwickeln: Will ich bleiben, was will ich schaffen? Ist der Konflikt eskaliert und aussichtslos geworden? Kann auch Kündigung, vorübergehende Arbeitslosigkeit und persönliche sowie berufliche Neuorientierung das Ziel sein? Die Frage, die das Opfer für sich klären muss lautet: Wie soll mein Leben weitergehen.

Beratung und Selbsthilfegruppen sind dabei nur Einzelschritte: In Selbsthilfegruppen finden die Opfer das Verständnis, zu dem Angehörige und Freunde oft nicht fähig sind. Wer es selbst erlebt hat, kann mehr Mitgefühl aufbringen und ausdrücken. In Therapien werden darüber hinaus die so genannten Grundkonflikte erarbeitet: Wurde das Opfer wahllos herausgegriffen oder bringt der Betroffene Verhaltensweisen mit, die ihn für Mobbingsituationen anfällig machen. Was gibt es aufzuarbeiten?

Während für den Einzelnen Lösungswege gefunden werden müssen und können, ist das Phänomen generell schwer in den Griff zu bekommen, denn, so gibt Christel Hoyer zu bedenken, “auch unfreundliche Verhaltensweisen sind ein Phänomen, das zutiefst menschlich ist und ein Teil des Überlebenskampfes um Einkommen, Status und Macht.”

Mobbing ist also keine Mode und auch kein Modebegriff: Es gibt nur einem altbekannten Phänomen einen Namen. Verhaltensforscher benutzen das Wort Mobbing seit Mitte des 20. Jahrhunderts zur Beschreibung eines Verhaltens, das häufig bei Vögeln zu beobachten ist: Schwalben stoßen auf müßig herumsitzende Katzen herab; Sperlinge schwirren unter Geschrei um eine zufällig am Tag fliegende Eule her, bis sie sich in ihrer Höhle verkriechen oder einen sicheren Ast erreichen kann, erst dann lassen die Angreifer von ihr ab. Die Hetzjagd auf Kollegen in Büros und an Werkbänken unterscheidet sich in der Wahl der Mittel und der eingeschränkten Möglichkeit zur Flucht. Eine Krähe hackt der anderen eben doch manchmal ein Auge aus.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   08 vom 22.02.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Weblinks:

Veröffentlicht am

28. Februar 2008

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