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US-Satellitenabschuss eskaliert Wettrüsten im Weltraum

Washington will auch im All militärische Hegemonie

von Wolfgang Kötter

Die Kriegsschiffe hatten sich schon gestern im nördlichen Pazifik irgendwo bei Hawaii in Position gebracht. Nachdem die Raumfähre “Atlantis” am Nachmittag sicher auf der Erde gelandet war, wurde dann ein neues Kapitel in der “Star-Wars”-Saga der Supermacht aufgeschlagen.

Die US-Marine schoss am heutigen Morgen (21.2., 4.36 MEZ) vom Aegis-Kriegsschiff “Lake Erie” aus mit einer erstmals mit Wärmeleittechnik eingesetzten SM-3-Antiballistikrakete den eigenen Himmelskörper US-193 in einer Höhe von etwa 250 km über dem Pazifik ab. Seine Stromversorgung hatte bereits kurz nach dem Start im Dezember 2006 versagt und der 1,3 Tonnen schwere Spionagesatellit von der Größe eines Kleinbusses irrte seither unkontrollierbar im Weltraum umher. Offiziell lautet die Rechtfertigung, man wolle Menschen vor eventuell abstürzenden Satellitenteilen und dem giftigem Treibstoff Hydrazin schützen. Kritiker aber sehen in dem 40 Millionen Dollar teuren Abschuss eher die Absicht, zu testen, ob das im Bau befindliche Raketenabwehrsystem NMD (National Missile Defense - Nationale Raketenabwehr) zum Abschuss von Satelliten fähig ist. Die USA wollten “den Rüstungswettlauf ins All verlegen”, hieß es aus Moskau. “Unabhängig von der Begründung”, meint Jeffrey Lewis, Direktor der rüstungskritischen “Initiative für Nuklearstrategie und Nichtverbreitung” in Washington, “wird die Aktion dem Pentagon höchstwahrscheinlich nützliche Daten über die Durchführung von Antisatelliten-Missionen liefern.” Politisch brisant ist der Vorgang auch deshalb, weil die USA im vergangenen Jahr China scharf für den Abschuss eines defekten Wettersatelliten kritisiert hatten. Mit der Erprobung einer Antisatellitenwaffe wollen die US-Weltraumstrategen nun einer Vision näher kommen, deren Wurzeln bereits ein Vierteljahrhundert zurückreichen.

Am 23. März 1983, zur besten Sendezeit, versprach der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Ronald Reagan, in der als “Star-Wars-Rede” bekannt gewordenen Fernsehansprache dem amerikanischen Volk einen Schutzschild ewiger Unverletzlichkeit: Das aus Tausenden teilweise im Weltraum gestützten Abwehrwaffen wie Laserkanonen, orbitalen Abfangraketen, kinetischen Weltraumgranaten und selbstlenkenden Kampfsatelliten bestehende System würde einst alle feindlichen Atomraketen abfangen können, verkündete er.

Mögen die Worte des Ex-Schauspielers und “großen Kommunikators” kritischen Zuschauern damals auch eher als futuristische Allmachtsfantasie denn als realistisches Projekt erschienen sein, so steckte dahinter doch ein nüchternes Kalkül. Es galt, Rückhalt für eine radikale außenpolitische Wende der USA zu gewinnen. Extrem rechte Politiker, die sich in der “High-Frontier-Group” organisiert hatten, drängten auf eine Abkehr von der bisherigen Rüstungskontrollpolitik und die Erringung militärischer Überlegenheit unter anderem auch im Weltraum. Das simple Filmmuster aus den “Star-Wars”-Kassenschlagern bot sich hervorragend dafür an, der Öffentlichkeit die “Strategische Verteidigungsinitiative” (SDI) als Verwirklichung des auf der Leinwand immer wieder neu errungenen Sieges der Guten über das “Reich des Bösen” anzupreisen. Robert M. Bowman, Professor am Air Force Institute of Technology in Dayton, aber erkannte bereits sehr frühzeitig: “Der kurzfristige militärische Nutzen von Star Wars liegt in der Möglichkeit, Satelliten anzugreifen und auszuschalten.” Wie die Filmserie, die die Sternenkriegs-Saga zu insgesamt sechs Teilen fortschrieb, erlebte auch die militärische Idee der Weltraumbewaffnung durch die Jahrzehnte hindurch immer wieder Neuauflagen. Nicht zufällig verfolgt die gegenwärtige Bush-Regierung den Wunschtraum von absoluter Sicherheit besonders hartnäckig, erhofft sie sich von seiner Realisierung doch die unbegrenzte Freiheit zu globalen Militärinterventionen, ohne dafür Vergeltung fürchten zu müssen.

Misstrauen in die Motive Washingtons wird ebenfalls durch die Verweigerungshaltung seiner Diplomaten in der Genfer Abrüstungskonferenz genährt. Hier lehnen die USA hartnäckig einen überarbeiteten Vertrag gegen die Stationierung von Waffen jeglicher Art sowie die Zerstörung von Objekten im Weltraum ab, den Russland und China in der vergangenen Woche gemeinsam vorgelegt haben. “Die Waffenstationierung im All durch einen Staat wird unweigerlich zu einer Kettenreaktion führen”, begründete der russische Außenminister Sergej Lawrow den Vorschlag, “und das wiederum bedeute eine neue Runde des Wettrüstens sowohl im Kosmos als auch auf der Erde. Chinas Außenminister Yang Jiechi betonte, dass ein friedlicher Weltraum frei von Waffen und Wettrüsten im Interesse aller Staaten sei. Das Weiße Haus reagierte prompt: “Wir sind gegen jeden Vertrag, der den Zugang oder die Nutzung des Weltraums verbietet oder begrenzt”, erklärte ein Sprecher noch am gleichen Tag. “Weitere bindende Rüstungskontrollvereinbarungen sind einfach kein brauchbares Instrument, um langfristig die Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeter zu fördern”, hatte Botschafter Donald A. Mahley bereits am 24. Januar 2008 in einer Rede am Institut für Weltraumpolitik der George Washington University deutlich gemacht.

Die konzeptionelle Grundlage dieser Haltung bildet die “National Space Policy”. Darin wird die Hegemonie im All gegenüber jedem potentiellen Rivalen zur offiziellen Doktrin erhoben. Es geht sowohl darum, gegnerische Flugkörper auszuschalten als auch vom All aus Ziele auf der Erde zu bekämpfen. “Die Handlungsfreiheit im Weltraum ist für die Vereinigten Staaten genauso wichtig wie die Macht in der Luft und zur See”, heißt es in dem Strategiepapier. Die USA wollen “andere davon abbringen oder abschrecken”, die Ausübung der amerikanischen Rechte im Weltraum zu stören oder auch nur Technologien zu diesem Zweck zu entwickeln. Man werde “auf Eingriffe antworten” und “falls nötig die Benutzung von Weltraumtechnologie unterbinden, die US-Interessen feindlich ist”. Die Doktrin öffne die Tür zu einer “Kriegsstrategie für den Weltraum”, warnt Theresa Hitchens, Präsidentin des Washingtoner Center for Defense Information.

In ihrem Zusammenwirken kombinieren die neuen Waffensysteme globale Satellitenüberwachung mit flächendeckender Raketenabwehr und offensiven Waffen im Kosmos. Die Bemühungen der Bush-Regierung, sich auch den Weltraum als mögliches Kampffeld für kommende militärische Auseinandersetzungen zu erschließen, fügen sich nahtlos ein in ihr Streben nach globaler Hegemonie. Doch nicht zum ersten Mal würden sich amerikanische Hoffnungen auf eine militärische Monopolstellung als trügerisch erweisen.

Dies ist die aktualisierte und leicht veränderte Fassung eines im ND vom 21.02.2008 erschienen Artikels.

Veröffentlicht am

22. Februar 2008

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