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Kolumbien: Das Dorf des Friedens San José Apartadó

Friedensdorf Angriffen ausgesetzt

von Teo Ballvé, 01.02.2008 - ZMagazine

Im Juli letzten Jahres stoppten zwei Männer ein Auto, das unterwegs war nach San José de Apartadó, einer kleinen Gemeinde im Nordwesten Kolumbiens. Sie trugen Uniformen, die sie als Angehörige der paramilitärischen Gruppe ‘Schwarze Adler’ auswiesen. Sie zwangen Dairo Torres, mit vorgehaltener Waffe, auszusteigen und den Fahrer, weiterzufahren. Einige Minuten später fand ein anderer Autofahrer Torres’ leblosen Körper. Er war aus nächster Nähe erschossen worden.

Dairo Torres war der Gemeindeführer des ‘Friedensdorfes’ San José de Apartadó. Die Gemeinde besteht aus mehreren hundert Familien, die alle gewaltsam von ihrem Land vertrieben worden waren. Gegründet wurde das Dorf 1997. Damals erklärte sich die Gemeinde neutral - in Kolumbiens langem, schwärendem internem Konflikt. Neutralität bedeutet, dass kein Bewaffneter das Dorf betreten darf - auch kein Angehöriger der staatlichen Sicherheitskräfte. Ein weiteres Schlüsselprinzip lautet: Die Gemeindemitglieder weigern sich, jedweder bewaffneter Gruppe in direkter oder indirekter Weise zu helfen.

In den vergangenen Jahren lebten fast 1300 Menschen im Friedensdorf. Sie organisierten sich, um ihr Land zurückzuerhalten, von dem sie vertrieben wurden. Einige Gemeindemitglieder planen, im Februar 2008 in das kleine Dorf Mulatos zurückzukehren. Doch die Paramilitärs treiben erneut ihr Unwesen. Armee und Polizei dulden diese Repression und beteiligen sich vielfach sogar aktiv daran.

Torres ist der vierte Gemeindeführer des Dorfes, der innerhalb der letzten beiden Jahre ermordet wurde. Innerhalb eines Monats wurden zwei Nachbarn ermordet, die mit der Gemeinde sympathisiert hatten. Laut Aussage der Gemeinde wurde der eine Nachbar von der Armee, der andere von Paramilitärs getötet.

Eine kürzlich veröffentlichte juristische Studie der Law School of the Autonomous University of Colombia fand heraus, dass keines der mehr als 600 registrierten Verbrechen, die sich während der zehnjährigen Geschichte (des Dorfes) ereignet haben - einschließlich Mord und “Verschwindenlassen” - je zu einer Verurteilung geführt hat. In den wenigsten Fällen kam es überhaupt zu einem Prozess. “Man sieht sich der Perversion der Justiz dieses Landes von Angesicht zu Angesicht gegenüber - denn dieser Mechanismus funktioniert in doppelter Weise: Sie erklären nicht nur die Schuldigen für unschuldig, sie erklären auch die Unschuldigen für schuldig”, sagt Gemeindeführer Milton Barrera.

Tatsächlich hat die Regierung die Gemeinde oft bezichtigt, Guerillasympathisanten Unterschlupf zu gewähren. Die Regierung behauptet sogar, das Dorf sei ein Hotspot der Guerilla. Dabei wurden rund 25 Gemeindemitglieder von der Guerilla ermordet - 25 von 168 insgesamt gewaltsam Getöteten. Laut oben erwähnter Studie gehen die übrigen dieser 168 Morde auf das Konto des Militärs und der Paramilitärs.

Die Befriedung Urabás

San José liegt am Ufer des Apartadó-Flusses, in der Region Urabá, einer Grenzregion zu Panama. Die Geschichte der Guerilla in Urabá ist sehr lange. Sie reicht bis in die 60er und 70er Jahre zurück. Damals kamen die ersten Guerilleros in das Gebiet - angezogen durch die wachsende Zahl von Bananenarbeitergewerkschaften und durch die absolute Abwesenheit des offiziellen kolumbianischen Staates und angelockt durch den Dschungel, dessen Dickicht optimal für den Guerillakampf ist. Der Staat reagierte erbittert auf die wachsende Macht der Rebellen. In den 80er Jahren war Urabá eine jener Regionen Kolumbiens, in denen am meisten Gewalt herrschte.

Nach gescheiterten Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der größten Guerillaorganisation, FARC, entstand 1985 eine politische Linkspartei - die UP (Unión Patriótica). Sie setzte sich aus Gewerkschaftern, Campesinos und links-sozialen Bewegungen aller Art zusammen, die die Guerilla in eine legale, gewaltfreie, politische Bewegung einbinden wollten. Die UP wurde in ganz Urabá zu einer erstklassigen politischen Kraft. San José wurde zu einer Unterstützer-Bastion dieser Partei. Ende der 80er Jahre löste sich die UP jedoch auf. Staatliche Sicherheitskräfte und Paramilitärs hatten mehr als 3000 UP-Mitglieder, darunter zwei Präsidentschaftskandidaten, ermordet oder “verschwinden” lassen.

Seit damals, als San José de Apartadó eine Bastion der UP war, schlagen rechtsgerichtete Paramilitärs (vor Ort “Paras” genannt), wie mit Hämmern auf den kleinen Ort ein. Zwischen 1994 und 1998 führten die Paras, mit Rückendeckung des Militärs, eine “Säuberungs”-Kampagne in Urabá durch. Urabá sollte von der Guerilla gesäubert werden. Die Gewalt richtete sich jedoch größtenteils gegen gewaltlose, soziale Organisationen - vor allem gegen Gewerkschaften, gegen eher linksgerichtete politische Bewegungen, Bauernorganisationen und Geistliche. Ihnen wurde vorgeworfen, “subversiv” zu sein. Stolz sprechen die Paramilitärs und das Militär von einem Prozess der “Pazifizierung Urabás”.

“Das Friedensdorf entstand aus dem Kontext der Konfrontation und Vernichtung sozialer Organisationen durch die Hand des Staates und der Paramilitärs heraus”, so der Gemeindeführer Pedro Rodríguez. “Als die Vernichtung immer größere Ausmaße annahm, fingen wir an, uns Gedanken über eine neutrale Gemeinde zu machen”.

Der Gemeindeaufbau

Die Gemeinde San José verteidigt ihre Neutralität mit Zähnen und Klauen. Sie will neutral bleiben - gegenüber dem Staat und gegenüber sämtlichen bewaffneten Akteuren. 2004 schlug die Regierung die Errichtung eines Polizeiaußenpostens in San José vor. Dies wäre ein direkter Verstoß gegen die Regeln der Gemeinde gewesen. Die Gemeinde machte den Gegenvorschlag, die Polizei nur an der Peripherie einzusetzen. Aber die Zeitlimits, die in den Gesprächen vereinbart wurden, verstrichen, ohne dass es zu Resultaten kam.

Dann geschah das Massaker, dem acht Gemeindemitglieder zum Opfer fielen. Es passierte im Februar 2005. Augenzeugenaussagen und Menschenrechtsberichte weisen darauf hin, dass Angehörige der 17. Brigade der Kolumbianischen Armee an dem Massaker beteiligt waren. Die kolumbianische Regierung nutzte das Massaker - das zu Unrecht der FARC angelastet wurde -, als Vorwand, um in San José eine Polizeistation einzurichten. Dazu wurde das Haus eines Bewohners der Gemeinde illegalerweise besetzt.

Als Reaktion verließen sämtliche Gemeindemitglieder das Dorf San José und siedelten sich einige Meilen entfernt an der Straße an. Die neue Siedlung erhielt den Namen San Josecito, “kleines San José”. Sie wurde zum Hauptquartier der Friedensgemeinde. Diese Vertreibung war eine von mindestens zehn Massenvertreibungen, die der Gemeinde durch bewaffnete Parteien zugefügt wurde.

“Eines der Ziele der Gemeinde”, so Rodríguez, “ist es, unser Land zurückbekommen; alle wirklichen Besitzer sollen ihre Ländereien zurückerhalten”. In den letzten Jahren gelang es einigen Gemeindemitgliedern nach und nach, sich wieder auf ihrem Land anzusiedeln - auf Land, von dem sie einst vertrieben worden waren. Oft hatten sie damals nichts mitnehmen können “außer den Kleidern, die wir am Leib trugen”.

Eine “Rückkehr” - so nennt man eine solche Wiederansiedelung -, ist ein kompliziertes und gefährliches Unterfangen. In anderen Regionen Urabás und über ganz Kolumbien verstreut hat die kolumbianische Regierung Wiederansiedelungen genehmigt und amtlich geregelt. “Wir glauben aber nicht an eine staatliche “Rückkehr”“, so ein Gemeindemitglied von San José. “Wir machen es lieber selber - autonom”.

Der Grund ist unschwer zu erkennen. Auf den Wegen zwischen den einzelnen Dörfern der Friedensgemeinde San José findet man hie und da Gruppen von kleinen Einraum-Backsteinhütten. Es sind staatlich gesponserte Ansiedelungsprojekte der Regierung. Die Regierung ließ diese Hütten errichten. Laut Friedensgemeinde wurden sie für einen Fototermin, anlässlich des Besuches einer internationalen diplomatischen Delegation, gebaut. Niemand bewohnt diese Hütten jedoch.

Die Friedensgemeinde hat eine eigene Strategie entwickelt: Zunächst wird das Land, das San Josecito am nächsten liegt, wiederbesiedelt. Man könnte von einer “Seerosenblatt-Strategie” sprechen. Später wird man von hier aus auf entferntere Ländereien hüpfen können - so wie ein Frosch von Seerosenblatt zu Seerosenblatt - um auch dort wieder zu siedeln. Die erste Wiederansiedelung fand 1998 statt. Es ist die Siedlung La Unión. Sie liegt San Josecito am nächsten. Danach folgten Arenas Altas (2000) und La Esperanza (2006).

Der Prozess der Rückkehr dauert Monate, bis er ganz abgeschlossen ist. Zunächst beobachtet die Gemeinde das betreffende Gebiet, um die Sicherheitslage zu evaluieren und um festzustellen, welche Infrastruktur noch vorhanden ist. Meistens ist kaum mehr etwas vorhanden, da diese Gebiete bombardiert wurden und Opfer der Politik der verbrannten Erde des Militärs und Paramilitärs sind. Der nächste Schritt ist der Anbau von Pflanzen und der Aufbau von rudimentären Strukturen. Kollektive Arbeitsgruppen erledigen diese Tätigkeiten - so schnell es geht. Wenn die ersten Pflanzen erntereif sind, begleitet eine große Gruppe aus Gemeindemitgliedern die Familie, die sich als Pionier wieder auf ihrem Land ansiedeln und hilft ihnen bei der Sesshaftwerdung.

Mulatos - Erinnerungen

Die nächste “Rückkehr” betrifft Mulatos. Mulatos war jener Ort, an dem im Februar 2005 das Massaker verübt wurde. Diese Rückkehr wird besonders schmerzlich, gefährlich und symbolisch sein. Hier wurden 8 Menschen, darunter zwei Gründungsmitglieder der Gemeinde (Luis Eduardo Guerra und seine Familie), mit Macheten zerhackt.

Als die Nachricht von dem Massaker in San José eintraf, machte sich eine Suchmannschaft von 100 Personen auf den Weg - in der Hoffnung, wenigstens die Leichen bergen zu können. Guerra wurde mit dem Gesicht nach unten im Schlamm gefunden, daneben seine 17jährige Gefährtin Beyarina Areiza. Ihr Körper war in zwei Hälften zerschnitten. Daneben lag Guerras 11jähriger Sohn Deiner.

Dreißig Minuten Fußmarsch entfernt fand die Gemeinde ein Massengrab mit den Leichen von fünf Campesinos. Es handelte sich um einen Feldarbeiter sowie ein Ehepaar und seine beiden Kinder. Das jüngste Opfer, Santiago, war noch nicht einmal zwei Jahre alt, Natalia war sechs. Als die Opfer des Massakers geborgen wurden, standen Mitglieder der 17. Brigade der Kolumbianischen Armee in der Nähe und lachten. Sie wurden beobachtet, wie sie eine blutige Machete, die sie am Tatort gefunden hatten, säuberten. “Die wurde benutzt, um Kehlen durchzuschneiden”, sagte ein Soldat. Nach diesen Morden beschlossen 120 Familien, Mulatos zu verlassen.

Zwei Jahre nach der Gräueltat, erhielten 69 Angehörige der 17. Brigade eine Vorladung zu einer Befragung im Büro des Generalstaatsanwalts. Bis heute wurden jedoch noch keine formalen Anklagen erhoben. (Die 17. Brigade ist eine der wenigen Einheiten der Kolumbianischen Armee, die von der US-Regierung wegen Verstoßes gegen die Menschenrechte disqualifiziert wurde - das heißt, sie erhält keine US-Militärhilfe gemäß ‘Plan Colombia’).

“Wir werden in Mulatos zunächst mit der Rückkehr von 8 Familien beginnen. Wir werden hoch erhobenen Hauptes gehen, weil wir nicht dulden, dass unser Land gestohlen wird”, sagt Acosta. Die Rückkehr ist für den 21. Februar geplant - am zweiten Jahrestag des Massakers. Ein anderes Gemeindemitglied: “Eines war uns stets klar: Wir können jederzeit sterben. Das ist unsere Realität. Wir wissen, wir gehen in eine komplizierte Region”.

In der letzten Zeit haben die verbalen Drohungen durch die Paramilitärs wieder zugenommen - vor allem rund um eher isolierte kleine Dörfer. Die Methoden haben sich verändert, aber die Bedrohung bleibt: “Die Paramilitärs sind in jeder Gemeinde Urabás präsent. Sie betreten eine Stadt nicht mehr als großer Block. Jetzt kommen sie in Gruppen, in kleinen Gruppen. Aber sie blockieren weiterhin ständig und permanent Straßen, sie entführen ständig und permanent (Personen). So kontrollieren sie die Region - wirtschaftlich, sozial und physisch”, so Rodríguez’ Beobachtungen.

Die Friedensgemeinde bleibt voller Hoffnung. Rodríguez: “Wir sind eine starke Gemeinde. In zehn Jahren des Kampfes hat uns weder die Guerilla noch der Staat fertiggemacht”.

Teo Ballvé ist kolumbianischer Journalist und Webeditor bei NACLA. Gemeinsam mit Vijay Prashad veröffentlichte er das Buch: ‘Dispatches From Latin America: On the Frontlines Against Neoliberalism’ (Southend Press, 2006). Zudem trug Juan Ricardo Aparicio zum vorliegenden Artikel bei.

Das Friedensdorf San José wurde 2007 mit dem Aachener Friedenspreis   ausgezeichnet.

Quelle: ZNet Deutschland   vom 11.02.2008. Orginalartikel: Peace Community Under Attack . Übersetzt von: Andrea Noll.

Veröffentlicht am

12. Februar 2008

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