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Multi-Kulti am Ende?

Fiasko: Die Diskussion um ein Zusammenleben ohne Bevormundung halten viele für beendet. Dabei müsste sie erst beginnen

von Regina General

Der deutsche Stammtisch wusste es schon immer, und viele Politiker nutzten das Thema, um in die eher rechte oder eher linke Wählerschaft hinein zu punkten: Multi-Kulturalismus gegen Anpassung. Inzwischen werden Zuwanderer in allen politischen Lagern nicht mehr Gastarbeiter oder Fremde genannt, sondern korrekt, Menschen mit Migrationshintergrund. Doch die Wortwahl verhinderte nicht, dass vor allem im Wahlkampf der Begriff als Ausgrenzungskriterium verstanden wurde. Er bildete den Kristallisationskern, um den herum Themen wie Kampf gegen den Terror, Überwachung oder Abschiebung erfolgreich polarisierend gruppiert werden konnten. Bislang jedenfalls.

Und nun das: Ausgerechnet aus den Reihen der politisch und intellektuell engagierten Vertreter von Emanzipation, Integration und Gleichberechtigung unterschiedlicher Volksgruppen, Religionen und Geschlechter die kategorische Feststellung, Multi-Kulti war ein Irrtum. Was angedacht wurde, funktioniert nicht, es führe, im Gegenteil, zu Ausgrenzung, Segregation und dem Abschieben von Menschen mit anderer Lebensgeschichte in Ghettos.

Multi-Kulti wird als bequeme Verantwortungslosigkeit gegenüber Parallelgesellschaften vor allem bei denen gegeißelt, die sich für besonders links oder aufgeschlossen halten. Kritiker behaupten, durch die Verklärung des Fremden wäre den Immigranten jeder Anreiz genommen worden, sich in die neue Umwelt einzufügen. Auch politische Verantwortungsträger links der Mitte wie in der vergangenen Bundesregierung hätten Sprachschulung und Eingliederung kaum forciert. Politik und Gesellschaften des Westens seien nicht nur von blauäugigen Prämissen ausgegangen, die intellektuellen Zweifler öffneten das Einfallstor, um kategorisch vermittelten und brachial durchgesetzten Weltbildern, wie vom Islam propagiert, den Weg in die Mehrheitsgesellschaft zu bahnen. Wer die eigenen Werte ständig kritisiere, könne sie auch nicht überzeugend vermitteln. Damit entstünde eine Attraktivitätslücke, in der scheinbar in der Vergangenheit bewährte Glaubens- und Verhaltensregeln greifen. Vor allem dann, wenn sich Zuwanderer von der Gesellschaft zu wenig wahrgenommen und gewürdigt sehen. In solchen Fällen gingen Gehorsam und Trotz, Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit und ein nur ihnen vorbehaltener Verhaltenskodex eine so feste Verbindung ein, dass es schon ganz besonderer Umstände bedarf, um wieder heraus zu finden.

“Kolonialismus und Sklaverei” hätten bei Europäern und Amerikanern, so unter anderen die niederländische Abgeordnete somalischer Herkunft Ayaan Hirsi Ali, eine Freundin Theo Van Goghs, die von seinem Mörder und dessen Gesinnungsgenossen fanatisch bedroht wird, “ein Gefühl von Schuld hinterlassen, das dazu verführt, andere Kulturen einfach immer ganz wunderbar zu finden. Diese Haltung ist denkfaul, wenn nicht rassistisch”, heißt es bei ihr.

Äußerungen wie diese führten zu einer hitzigen Debatte im Internetportal perlentaucher, die jüngst in einem Buch aufgearbeitet wurden. (Thierry Chervel, Anja Seeliger (Hg.) Islam in Europa. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007) Wie sollten Werte der europäischen Aufklärung vermittelt werden, lautet die Frage? In ihrer Gesamtheit verpflichtend oder mit Zugeständnissen? Werte der Aufklärung quasi im Weichspülgang für Zuwanderer? Ayaan Hirsi Ali wurde von einigen Diskutanten eine kompromisslose, fundamentalistische Position der Aufklärung vorgeworfen, die den millionenfach nach Europa eingewanderten Moslems keine Möglichkeiten ließe, sich in den westlichen Ländern einzuleben. Pasqual Bruckner, Essayist und Romancier nennt es den “Rassismus der Antirassisten”. Dem widersprechen etwa Garton Ash (Professor für europäische Studien in Oxford), Ian Buruma, (Professor für Menschenrechte am amerikanischen Bard College), der schwedische Schriftsteller, Lars Gustafson und viele andere.

In der Debatte werden die Kulturen polemisch gegeneinander gestellt, die Alternative, so heißt es, könne jedoch nicht Gleichmacherei sein. Auffallend ist, dass Kultur und Religion als weitgehend, in Bezug auf den Islam sogar als gänzlich kongruente Begriffe interpretiert werden. Mindestens in der politischen Debatte sollten aber Lebenswirklichkeiten und religiöse Indoktrination auseinander gehalten werden. So gäbe es auch unter Muslimen ein Potential, das sich nicht als tief gläubig versteht und eine große Anzahl von Menschen, die zwar nicht auf den Glauben, wohl aber darauf verzichten könnten, sich islamischer Gesetzlichkeit zu beugen. Mit ihnen müsste eines der Hauptziele der Aufklärung, die Trennung von Kirche und Staat kompromisslos durchgesetzt werden.

Im vergangenen Herbst erschien in Deutschland ein Buch, das die Autorin, eine Berliner Rechtsanwältin, die von aggressiven Islamanhängern an den Rand der Illegalität gedrängt wird, Der Multikulti-Irrtum nannte. (Ullstein Verlag, Berlin 2007) Provokant setzt sie nach: Das Fiasko der Integrationspolitik beträfe Deutschland nicht nur auch, sondern viel mehr als etwa die Niederlande, denn hier sei Integration von vornherein nicht gewollt gewesen. Etwa 80 Prozent der Immigranten fühlten sich nicht angenommen, obwohl ein hoher Prozentsatz der mittleren Generation über gute bis sehr Kenntnisse der Sprache und Kultur verfüge oder sogar Einbürgerungspapiere besäße. Und das beträfe alle sozialen Schichten, vom Arbeiter bis zum Akademiker. Die Gesellschaft bewerte sie nach Namen und äußeren Kriterien und lasse ihnen kaum die Chance einer Teilhabe. Was dazu führe, dass sie, vor allem aber ihre Nachkommen, sich an den Werten der Herkunftsländer orientierten.

Ates beschwört die Gefahr eines Nationalismus der Einwanderer, der auf der Identifikation mit einer scheinbar problemlosen Geschichte des Herkunftslandes fuße, vom Islam getragen werde und bereit sei, in das Vakuum einer faktischen Leugnung von Nation der Deutschen einzudringen. “Warum sollten sie, die sich eines so positiven Nationalgefühls erfreuen, sich mit der problematischen deutschen Nationalität identifizieren?” Werte wie Nation oder Religion genössen in der deutschen Gesellschaft keinen allzu hohen Stellenwert, was bei einigen Immigranten zum Gefühl einer Überlegenheit führe, die gesellschaftlich umzusetzen, der Islam als geeignetes Mittel erscheine. Diese Parallelgesellschaften lebten immer häufiger nach der Scharia entlehnten Normen. Unrecht an Frauen, “Ehren”morde eingeschlossen. Allein in Berlin, wie das Amnestie International Journal berichtet, wurden Ende 2004, Anfang 2005 insgesamt sechs Ehrenmorde verübt. Deutsche Gerichte ermittelten keineswegs in allen Fällen wegen Mordes, sondern nahmen Totschlag als minderschweres Delikt an.

In der internationalen Debatte wird der “Respekt” vor der Andersartigkeit als Methode gesehen, den Anderen erneut einer rassistischen oder ethnischen Definition zu unterwerfen. “Man verweigert” dem Individuum so, “was bisher unser Privileg gewesen ist, den Übergang von einer Welt in die andere, von der Tradition zur Moderne, vom blinden Gehorsam zur Vernunftentscheidung”, schreibt Pasqual Bruckner. Und Hirsi Ali formuliert in ihrer Autobiographie: “Ich habe die Welt des Glaubens, der Beschneidung und der Ehe für die der Vernunft und sexuellen Befreiung verlassen …” In der neuen Umgebung jedoch fühlt sie sich weitgehend allein gelassen.

Wer seine Heimat verlassen muss, kann in der Regel die Zwänge benennen, wer sie verlassen will, sucht Veränderung. Beide Gruppen wissen, sie werden kein Land vorfinden, das dem eben verlassenen entspricht - nur in jenen Aspekten verändert, die zum Weggang führten. Die bewusste Entscheidung zur Emigration setzt den Willen zum Einleben, mindestens vorübergehend, voraus. Diese “Leistung” wurde von den Einwanderern der ersten Generation auch selbstverständlich erbracht.

Allerdings: Die Mehrzahl heutiger “Immigranten” in westlichen Ländern sind nachgereiste, angeheiratete Verwandte oder Nachkommen. Ohne Erfahrungen im Land ihrer Eltern ergeht es ihnen wie vielen, die in einiger Entfernung vom Familienursprung die Tradition verklären, bewahren, sich auf Normen berufen, die in den Herkunftsländern selbst häufig seit langem in Frage gestellt werden. Das nachzuweisen, braucht es nur einen Blick auf Banater Sachsen, Russlanddeutsche oder Mennoniten, die in amerikanischen Enklaven leben.

Es fällt auf, dass der Debatte vorwiegend Frauen Anstöße geben. Deren Erfahrungen sind offenbar so prägend, dass sie Gefahren für sich, ihre Kinder und die Mehrheitsgesellschaften in Europa klarer zu sehen und genauer zu benennen glauben. Erwägen manche noch, ob nicht das Wohlbefinden der Zuwanderer als oberstes Prinzip für sozial- oder religionspolitische Entscheidungen gelten müsse, wehren sich diese Frauen vehement: Kaum eine Frau könne sich in dieser Debatte Gehör verschaffen, Wohlbefinden sei so ausschließlich als das der Männer definiert. Steht die Frage im Raum, was an einem islamischen Krankenhaus schlecht sein könne - es gebe schließlich auch Kliniken anderer Konfessionen - sagen sie: alles. Weil dort nicht von medizinischen Kriterien, sondern vom Willen des Ehemanns abhänge, ob ein Kaiserschnitt zu machen sei oder nicht.

Was also sollten die europäischen Einwanderungsgesellschaften und speziell die Linken tun, um ein Miteinander auf Dauer zu organisieren? Eine auf Gleichberechtigung fußende Ordnung aufbauen, was sonst. Alles andere mündet in Hegemonieansprüchen der Alteinwohner über die Neuankömmlinge, im Nationalismus also, mindestens aber weit rechts der Mitte, wo noch immer gilt, Andersartigkeit müsse durch Bevormundung bekämpft werden. Eine Gesellschaft, die Einwanderer braucht, darf die Kultur der Zuwanderer nicht verteufeln. Allerdings muss es Normen geben, denen sich alle zu unterwerfen haben. Und die sind in europäisch geprägten Ländern unverzichtbar durch die Aufklärung definiert. (Was es heißt, den Weg zurück zu versuchen, wissen Deutsche sehr genau: Er führt in die Barbarei, wie in den dreißiger, vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.)

Wissenschaft muss sich des brisanten Themas weit mehr als bisher annehmen, um genauer definieren zu können, wie Eingliederung funktioniert: Bislang gibt es nur wenige empirische Daten, dafür eine Menge scheinbar feststehender Thesen über das Leben von Immigranten. Wie viel Zeit Integration benötigt, ist eine der ungeklärten Fragen. Wie lange bleiben Einwanderer in ihren Ankunftsquartieren? Die als gelungen geltende Integration der polnischen Zuwanderer ins Ruhrgebiet der 20er Jahre brachte zunächst auch gewaltige Konflikte, ein nicht geringer Prozentsatz kehrte während der Weltwirtschaftskrise nach Polen zurück. Selbst die Integration der deutschen Flüchtlinge aus den Ostgebieten dauerte fast eine Generation. Und das war keineswegs das Versäumnis der Zuwanderer, die aufnehmende Gesellschaft verhielt sich wie ein falsch gepolter Magnet, der abstößt statt anzieht.

In der westeuropäischen Debatte und bei Ates wird eine Einheit der Auffassungen der Zuwanderer vorausgesetzt, denen nur wenige islamkritische und daher bedrohte Frauen gegenüber stehen. Tatsächlich weisen Untersuchungen Heterogenität aus. Einwanderer sind in sehr unterschiedlichem Maße zu Integration, vor allem zur Anerkennung der Normen des Aufnahmelands bereit. Und sie sind auch nicht gleichermaßen religionsgebunden. Homogen ethnische Gemeinschaften von Zuwanderern gibt es (noch) nicht. Wenn allerdings in Stadtbezirken, in denen 30 oder 40 Prozent der Wohnbevölkerung Migranten sind, in den Schulen fast 100 Prozent der Schüler Migrationshintergrund aufweisen, ist das nicht nur den Zugereisten geschuldet, sondern denen, die ihren Kindern aus Angst vor verpassten Chancen “bessere” Schulen suchen.

Untersuchungen in Kanada haben ergeben, dass die in Deutschland so geschmähte Parallelgesellschaft durchaus als Auffanggesellschaft für Immigranten dienen kann, die Wege ebnet, Kontakte vermittelt, die Verwaltungen des neuen Landes erklärt und so Integration erleichtert. Der Berliner Sozialwissenschaftler Hartmut Häußermann hat in seinen Forschungen zur Parallelgesellschaft auch für Deutschland die These belegt, dass ethnische Segregation unter den modernen Bedingungen die Kontakte zu Einheimischen nicht verhindert und Herkunftskultur dort nicht stärker gelebt wird als in anderen Quartieren, vor allem aber, dass Migranten mehrheitlich ethnisch einheitliche Räume keineswegs auf Dauer bevorzugen. Bildung, Arbeitskontakte und der Ehrgeiz, der nachkommenden Generation Eingliederung zu erleichtern, sorgen für eine Entflechtung. Am allerwenigsten allerdings dort, wo Arbeitszusammenhänge fehlen und Ausgrenzung gleich in vielfacher Hinsicht funktioniert: Gesellschaftlich, kulturell, vor allem aber finanziell. Denn eines steht fest: Der kulturellen Integration muss die strukturelle vorausgehen. Das heißt, die Eingliederung über Arbeit und politische Teilhabe - mindestens im kommunalen Bereich - ist Voraussetzung dafür, dass Integration gelingen kann. Und hier sind Vorleistungen der Aufnahmegesellschaft unverzichtbar.

Die Debatte zum Islam in Europa über Fundamentalismus der Aufklärung oder Rassismus der Antirassisten mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Timothy Garton Ash, Ian Buruma, Necla Kelek und Ayaan Hirsi Ali wurde im Internet auf www.perlentaucher.de   geführt.

Quelle: Freitag   - Die Ost-West-Wochenzeitung 06 vom 08.02.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

09. Februar 2008

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