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US-Vorwahlen: Lady mit Eunuchen-Chor

US-Vorwahlen: Rassismus und Sexismus auf der Straße zum Weißen Haus

Von Konrad Ege

Kurz vor den entscheidenden Vorwahlen bei den Demokraten am 5. Februar in 24 US-Bundesstaaten hat Caroline Kennedy, Tochter des 1963 ermordeten Präsidenten John F. Kennedy, erklärt, sie betrachte Barack Obama als politischen Erben ihres Vaters. Dieser Kandidat sei fähig, soziale Barrieren zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen, vor allem aber Gräben zwischen den “Rassen” zu überwinden.

Was Hillary Clinton und Barack Obama an Reformen versprechen, unterscheidet sich nur in Schattierungen. Es ist Liberalismus amerikanischen Stils im Sozialen und Wirtschaftlichen und in der Gesellschaftspolitik. In der Außen- und Militärpolitik ist das Duo nicht so “präemptiv” wie George Bush, aber machtpolitisch genug, um nicht wirklich in Frage zu stellen, warum das US-Militärbudget größer sein muss als die entsprechenden Ausgaben im gesamten Rest der Welt. Weil die programmatischen Unterschiede so klein sind, driftet der Wahlkampf ins Persönliche und in die wegen der komplexen Rassenkonstellation Amerikas brandgefährliche Arena der Identitätspolitik: Möglicherweise muss man sich auf eine Welt gefasst machen, in der ein “Präsident McCain” oder ein “Präsident Romney” in Washington residiert.

Es ist fast “zu viel” des Guten: Zum ersten Mal eine Frau und zum ersten Mal ein Afro-Amerikaner mit realen Chancen, Präsidentin beziehungsweise Präsident zu werden. Tatsachen, die noch vor 20 Jahren nicht im Bereich des Möglichen lagen - zum Beispiel in South Carolina, wo Obama bei den Vorwahlen 55 Prozent der Stimmen insgesamt bekam und ein Viertel der weißen Wähler auf seiner Seite hatte. Viele Bürger hätten es noch persönlich erlebt, dass “ein Mann, der aussieht wie Barack Obama, in South Carolina keine öffentliche Toilette benutzen konnte”, sagte der dortige Gouverneur. Als Bürgerrechtler Jesse Jackson in den achtziger Jahren Präsident werden wollte, fehlte ihm das Geld - Obama kann heute die hundert Millionen Dollar teure Eintrittskarte zur Teilnahme an einem Präsidentschaftswahlkampf zahlen.

Hillary Clinton greift zurück auf ihr Netzwerk politischer Freundschaften aus dem Weißen Haus und dem Senat. Zusammen mit ihrem Wahlhelfer Bill scheint sie nicht überzeugt zu sein, dass Amerika wirklich reif ist für einen schwarzen Präsidenten, sondern eher für eine weiße Frau. In South Carolina versuchte sie Obama auf das Label “schwarzer Kandidat” zu reduzieren. Unterschwellige Bemerkungen - zum Beispiel, dass doch auch Jesse Jackson seinerzeit in diesem Staat gut abgeschnitten habe, weil es dort so viele Schwarze gebe - werden verstanden in einem Amerika, in dem Rasse unter der Oberfläche brodelt. Sie sollen Stimmen bringen in weißen Bundesstaaten. Und Stimmen bei den Hauptwahlen im November.

Dramatischer Einbruch

Das ist harte Politik. Bei einer kürzlichen Umfrage erklärten zwei Drittel der schwarzen Amerikaner, sie unterstützten Barack Obama. Clinton hingegen hat in den vergangenen Monaten einen dramatischen Einbruch erlebt bei schwarzen Wählern, und hofft nun auf mehr weiße Stimmen. In der weißen Bevölkerung mögen Obama vor allem junge Menschen, Wohlhabende und solche mit guter Schulbildung. Einkommensschwache und Arbeiter wählen eher Clinton, auch die Hispanics. Die Stimmen dieser Bevölkerungsgruppe, die zahlenmäßig so stark ist wie die afro-amerikanische, gehen mit großer Mehrheit an die Kandidatin. In vielen Kommentaren heißt es, Latinos vertrauten Schwarzen nicht, weil die ihnen Balken und Steine in den Weg legten. So einfach dürfte es nicht sein: Die Clintons arbeiten schon seit Jahren mit Latino-Aktivisten - in Obamas Kampagne sucht man die vergeblich.

Hillary Clintons loyalste Wählerinnen sind Frauen mittleren Alters - noch nie hat in den USA eine der beiden großen Parteien eine Frau zur Präsidentschaftskandidatin gekürt. Eine Präsidentin gab es bisher nur in der Fernsehserie Commander in Chief mit Geena Davis. So mancher Mann hat Schwierigkeiten mit Frauen an der Macht. Ein Talk Show-Moderator urteilte, Clintons Stimme klinge wie “Fingernägel auf einer Schiefertafel”, und Clintons männliche Unterstützer seien ein “Eunuchen-Chor”. Noch schlimmer geht es im Internet zu. Auf Hunderten Websites kommen Hassgefühle zum Ausdruck gegen “Hitlery” und “Hilldabeast”.

Wie Robert Kennedy

Gerade für viele junge Amerikaner ist Barack Obama der Hoffnungsträger, dessen Rhetorik Abschied verspricht von einer festgefahrenen Politik. Caroline Kennedy, die Tochter des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy, hat Obama als politischen Erben ihres Vaters gepriesen. Der charismatische Obama verkündet, Amerikaner könnten vereint handeln, die Trennmauern zwischen Bevölkerungsgruppen und den Rassen schadeten der ganzen Gesellschaft. Nach Ansicht von Bill Clintons Arbeitsminister Robert Reich ist Obama vergleichbar mit Robert Kennedy. Der Bruder des ermordeten Präsidenten kandidierte 1968 und löste eine Welle der Emotionen und Begeisterung aus mit seinen Reden, dass Amerika eine bessere Nation sein könne. Das sei mehr ins Gewicht gefallen als politische Programmpunkte.

Ob das Prinzip Hoffung aber reicht, um bei den Hauptwahlen einer republikanischen Angriffsmaschine zu widerstehen, die 2004 den Vietnamkriegsveteranen Kerry zum Schwächling machte und Drückeberger Bush zum wahren Garanten der nationalen Sicherheit? Und ob eine Mehrheit wirklich für eine Frau stimmen würde in einer Nation, in der trotz einer - verglichen mit Deutschland - ausgeprägten Gesetzgebung zur Gleichberechtigung Sexismus “so allgegenwärtig ist wie die Luft, die wir atmen”, wie die Feministin Gloria Steinem sagte? Bei einer Umfrage des Instituts Gallup erklärten im Herbst nur 61 Prozent der Befragten, die USA wären bereit, eine Frau ins Weiße Haus zu schicken. Doch zuerst einmal müssen die Demokraten einen Kandidaten für die Hauptwahlen nominieren, ohne sich vorher zu zerfleischen.

Quelle: Freitag   - Die Ost-West-Wochenzeitung 05 vom 01.02.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

02. Februar 2008

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