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Atommeiler vor Gericht

Wie gefährlich ist die gegenwärtige Renaissance der Nuklearenergie?

von Wolfgang Kötter

Die hessische Landesregierung muss bis Ende kommender Woche eine Erklärung dafür abgeben, warum der Antrag der Organisation “Ärzte gegen den Atomkrieg” IPPNW zur Stilllegung des Atomkraftwerks Biblis B vom September 2005 noch immer nicht beschieden ist. Damit reagiert der Verwaltungsgerichtshof in Kassel auf eine entsprechende Klage der atomkritischen Ärzteorganisation, die wegen der veralteten Sicherheitstechnik die endgültige Abschaltung des Atommeilers fordert und der Landesregierung eine Verschleppungstaktik im Interesse der Atomlobby vorwirft. Aber nicht nur in Hessen, sondern auch weltweit verschärft sich die Auseinandersetzung um Vorteile und Risiken der friedlichen Kernenergienutzung.

Gegenwärtig arbeiten auf der Welt 439 Kernkraftwerke und erzeugen eine Energieleistung von 370 Milliarden Watt, das sind rund 16 Prozent der globalen Stromversorgung. Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA zufolge wird die Gesamtleistung Bis 2030 wahrscheinlich auf 679 Gigawatt wachsen. Dafür werden zurzeit 34 neue Atommeiler in allen Regionen der Welt gebaut, darunter erstmals in Ägypten, Thailand, der Türkei und Vietnam.

In Europa halten zwar Deutschland und Belgien bisher am Atomausstieg fest, und in Dänemark, Österreich, Italien und Irland ist der Bau sogar verboten. Aber in Finnland entsteht erstmals in Westeuropa seit 1991 ein vom französische Atomunternehmen Areva und dem deutschen Siemens-Konzern gemeinsam entwickelter moderner Druckwasserreaktor. Bulgarien will wegen Stromknappheit zwei alte Atomreaktoren russischer Bauart in Koslodui wieder in Betrieb nehmen, die Ende 2006 vor dem EU-Beitritt wegen Sicherheitsbedenken stillgelegt worden waren. Ein Vertrag über die Errichtung eines weiteren Atomkraftwerks wurde Mitte Januar mit Russland unterzeichnet. In Großbritannien beschloss die Labour-Regierung Anfang des Jahres ein Programm zum Bau von mindestens acht neuen Atomkraftwerken. Auch Italien, die USA, Frankreich, die Schweiz, Südafrika und die Ukraine weiten ihre nukleare Energiegewinnung zum Teil erheblich aus. Washington will sich mit dem US-Indischen Nuklearabkommen zudem einen langfristigen Markt für die amerikanische Nuklearindustrie sichern, und auch französischen Atombauer treten zunehmend als expansive Außenhändler auf. Die Vereinigten Arabischen Emirate erhalten beispielsweise zwei neuartige Atomreaktoren, im Emirat Abu Dhabi werden Atommeiler vom Typ EPR gebaut, nukleartechnische Kooperationsabkommen bestehen ebenfalls mit Algerien, Marokko und Libyen.

In Asien baut China vier neue Kernkraftwerke. Bis 2020 soll die Leistung der AKW verfünffacht werden und der Anteil des Atomstroms am gesamten Stromverbrauch dann etwa vier Prozent erreichen. Ein noch größeres Tempo legt Indien vor, das sieben Atommeiler baut. Bis 2022 wird die Erzeugung von Atomstrom auf das Achtfache steigen, und im Jahre 2052 sollen 26 Prozent des Energiebedarfs nuklear erzeugt werden. In Lateinamerika hat Brasilien sein jahrelang gedrosseltes Atomprogramm wiederbelebt und baut zu den zwei existierenden Atomkraftwerken jetzt das AKW “Angra 3”. Erwartungsgemäß erklärte daraufhin auch Nachbar und Rivale Argentinien, den wachsenden Energiebedarf der Wirtschaft zukünftig durch eine verstärkte Nutzung der Atomkraft zu decken. Dafür werden die Laufzeit der bereits bestehenden Atomkraftwerke “Atucha I” und “Embalse” verlängert und das lange verzögerte Atomkraftwerks “Atucha II” bis 2010 fertiggestellt.

“Wir sehen eine nukleare Renaissance”, frohlockt Areva-Chefin Anne Lauvergeon: “Atom ist nicht mehr der Teufel. Der Teufel heißt Kohle.” Das Deutsche Atomforum begrüßt die britische Entscheidung für den Ausbau der Kernenergie sogar als “Trendwende” in der europäischen Energiepolitik. Aber bedeutet das, Atomkraftwerke sind plötzlich sicherer geworden? Kritiker bestreiten das energisch. Selbst Hans-Holger Rogner, Leiter der für Planung und Wirtschaftsstudien zuständigen IAEA-Abteilung ist “misstrauisch wenn Leute sagen, die nächste Reaktorgeneration sei sicherer als die gegenwärtige.”

Nach wie vor bleibt die Endlagerung verbrauchter Kernbrennstäbe und des radioaktiven Mülls ungelöst, kommende Generationen erwartet damit ein gefährliches Strahlenerbe. Unvergessen bleibt die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in der Ukraine am 26. April 1986, die eine der schlimmsten Umweltkatastrophen aller Zeiten auslöste. Von der schweren Explosion in der sowjetischen Atomwaffenfabrik Majak im Jahre 1957 erfuhr die Welt erst Jahrzehnte später. Zahlreiche weitere Störfälle und Skandale begleiteten von jeher die atomare Energiegewinnung. Die japanische Atomindustrie wird seit Jahren von einer Pannenserie geplagt und schreckte die Öffentlichkeit mit Dutzenden Fällen von gefälschten Berichten über Zwischenfälle und Reparaturen. In den 17 deutschen Atomkraftwerken kam es laut Bundesumweltministerium allein im Jahr 2006 zu insgesamt 126 Pannen. An der Spitze der Statistik liegt das Kernkraftwerk Krümmel bei Hamburg. Hier wurden 15 “meldepflichtige Ereignisse” gezählt. Es folgen der hessische Meiler Biblis B mit 14 Meldungen und das Kernkraftwerk Brunsbüttel in Schleswig-Holstein mit 11 Pannen. Mehr als die Hälfte aller Zwischenfälle ereignete sich in den sieben Altmeilern, die vor 1980 in Betrieb gingen.

Entgegen den Behauptungen der Atomlobby wächst die öffentliche Besorgnis. Kleinkinder, die nahe an deutschen Atomkraftwerken wohnen, erkranken häufiger an Krebs und an Leukämie. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung des Mainzer Kinderkrebsregisters. “Es ist jetzt Zeit zu handeln, denn wir haben schon viel Zeit verloren” mahnt die IPPNW- Vorsitzende Dr. Angelika Claußen und fordert, aus der “KiKK”-Studie unverzüglich Konsequenzen zu ziehen.

Dieser Beitrag von Wolfgang Kötter erschien - geringfügig verändert - in ND vom 29.01.2008.

Veröffentlicht am

30. Januar 2008

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