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Gandhi und der Westen - eine Geschichte der Missverständnisse

Von Wolfgang Sternstein

Vor sechzig Jahren, am 30. Januar 1948, wurde Gandhi von einem Hindu-Fanatiker erschossen. Die geradezu religiöse Verehrung, die bei einem Teil seiner Landsleute und das hohe Ansehen, das er in vielen Teilen der Welt genießt, können freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass er im eigenen Land wie auch im Westen nur selten verstanden wurde und noch seltener Nachfolger fand. Selbst so bedeutende Gelehrte wie Albert Schweitzer, Karl Jaspers und Erik H. Erikson haben ihn, wie ich im Folgenden zu zeigen versuche, nicht wirklich verstanden. Von den zahlreichen Missverständnissen, denen seine Lehre und sein Leben ausgesetzt war, seien hier die sieben häufigsten angesprochen.

Missverständnis Nr. 1: Gewaltfreiheit wird mit Friedlichkeit verwechselt.

Wenn Nachrichtensprecher mitteilen, eine Demonstration sei “gewaltfrei” verlaufen, so meinen sie damit, sie sei ohne Gewalthandlungen von Seiten der Demonstranten oder der Polizei verlaufen. Das war ursprünglich anders. Der Berliner Politologe Theodor Ebert prägte den Begriff Gewaltfreiheit, um damit Gandhis Prinzip und Methode der Satjagraha zu bezeichnen. Was aber ist Satjagraha? Vor etwa hundert Jahren, genau genommen im Jahre 1906, entdeckte Gandhi eine Methode der Konfliktaustragung, die er Satjagraha nannte: Festhalten an der Wahrheit, Kraft der Wahrheit, der Liebe oder der Seele (im Unterschied zu Körperkraft). Wahrheit ist für Gandhi ein anderes Wort für Gott, deshalb kann Satjagraha auch als die Kraft Gottes beschrieben werden, die in uns und durch uns wirkt.

Was hat es mit dieser Kraft auf sich? Es handelt sich, kurz gesagt, um die Fähigkeit, Böses mit Gutem zu vergelten, um es auf diese Weise zu überwinden. Dazu Gandhi selbst:

“Immer und immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Gute Gutes hervorruft, das Böse aber Böses erzeugt. Wenn daher dem Ruf des Bösen kein Echo wird, so büßt es aus Mangel an Nahrung seine Kraft ein und geht zugrunde. Das Übel nährt sich nur von seinesgleichen. Weise Menschen, denen diese Tatsache klar geworden ist, vergalten daher nicht Böses mit Bösem, sondern immer nur mit Gutem und brachten dadurch das Böse zu Fall. Gleichwohl lebt das Böse weiter. Denn nicht viele befolgen diese Lehre, obwohl das Gesetz, das ihr zugrunde liegt, mit wissenschaftlicher Genauigkeit arbeitet.”Fritz Kraus (Hg.): Vom Geist des Mahatma. Ein Gandhi-Brevier, Zürich o.J., S. 134

Das ist im Grunde nichts Neues. Gandhi meinte denn auch, was er zu sagen habe, sei so alt wie die Berge. Er habe lediglich versucht, es in die Tat umzusetzen. Im abendländisch-christlichen Kulturraum kennen wir es aus der Bergpredigt Jesu von Nazareth. Es ist die Lehre von der Feindesliebe. Ihr Geltungsbereich wird jedoch im Christentum zumeist auf das Verhalten von Einzelnen beschränkt. Bei Konflikten zwischen Gruppen und Nationen gälten andere Gesetze, die Gewalt keineswegs ausschlössen. Gandhi widerspricht dieser Auffassung nachdrücklich. Das hat Martin Luther King klar erkannt, als er schrieb: “Ehe ich Gandhi gelesen hatte, glaubte ich, dass die Sittenlehre Jesu nur für das persönliche Verhältnis zwischen einzelnen Menschen gelte. Das ‚Dem biete die andere Backe dar’ und ‚Liebe deine Feinde’ galt meiner Meinung nach nur dann, wenn ein Mensch mit einem anderen in Konflikt geriet. Wenn aber Rassengruppen und Nationen in Konflikt kamen, schien mir eine realistischere Methode notwendig zu sein. Doch nachdem ich Gandhi gelesen hatte, sah ich ein, wie sehr ich mich geirrt hatte. Gandhi war wahrscheinlich der erste Mensch in der Geschichte, der Jesu Ethik von der Liebe über eine bloße Wechselwirkung zwischen einzelnen Menschen hinaus zu einer wirksamen sozialen Macht in großem Maßstab erhob. Für Gandhi war die Liebe ein mächtiges Instrument für eine soziale und kollektive Umgestaltung. In seiner Lehre von der Liebe und Gewaltfreiheit entdeckte ich die Methode für eine Sozialreform, nach der ich schon so viele Monate gesucht hatte.”Martin Luther King: Freiheit! Der Aufbruch der Neger Nordamerikas, München 1968, S. 74

Gewaltfreiheit kann demnach organisiert und eingeübt werden und sie lässt sich in dieser Form bei Konflikten auf allen gesellschaftlichen Ebenen anwenden. Sie ist, kurz gesagt, eine konstruktive Alternative zur Gewalt als Mittel der Konfliktaustragung. Damit ist gemeint, sie ersetzt etwas Schlechtes durch etwas Gutes, etwas Untaugliches durch etwas Taugliches. Man kann Gewaltfreiheit auch als die Fähigkeit beschreiben, Gewalt hinzunehmen ohne zurückzuschlagen, aber auch ohne zurückzuweichen, um sie auf diese Weise zu überwinden, sie gleichsam wieder aus der Welt zu schaffen. Die zu Grunde liegende Vorstellung ist, dass Gewalt wie ein Gift wirkt, das die persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen zerstört, das jedoch durch das Gegengift der Gewaltfreiheit neutralisiert werden kann.

Ich fürchte, der Versuch, die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs Gewaltfreiheit wieder herzustellen, ist zum Scheitern verurteilt. Martin Arnold hat deshalb vorgeschlagen,
Satjagraha mit Gütekraft zu übersetzen. Ich ziehe indes den Begriff Wahrheitskraft vor, da er weniger missverständlich ist und dem von Gandhi geprägten Begriff Satjagraha, einer Verbindung der Sanskritworte satja (Wahrheit) und agraha (festhalten, zupacken, angreifen), am nächsten kommt.

Bei Konflikten, in denen Wahrheitskraft zur Anwendung kommt, geht es folglich keineswegs friedlich zu. Entweder wird Gewalt in der milden Form des körperlichen Zwangs durch Polizisten, etwa bei der Räumung einer Sitzblockade, angewandt oder in massiver Form durch Schlagstock- und Tränengaseinsatz durch die Staatsgewalt oder aber in Form von Tätlichkeiten von Seiten politischer Gegner. Für Satjagrahis (gewaltfreie Kämpfer) ist Gewaltanwendung allerdings in jedweder Form tabu.

Missverständnis Nr. 2: Gewaltfreiheit (Wahrheitskraft) wird mit Passivität gleichgesetzt.

Man könnte dieses Missverständnis auch das “christliche” nennen, da es seine Wurzel im Christentum, wie es im Westen verstanden wird, hat. Ihm liegt die Vorstellung zugrunde, der Christ solle dem Bösen nicht widerstehen. Er solle die Gewalt des Angreifers vielmehr bereitwillig erdulden nach dem Jesuswort: “Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andre hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.”Mt 5,39-41 Ich halte die Auslegung, die unter Feindesliebe passives Erdulden der Gewalt versteht, für falsch. Was Jesus meines Erachtens sagen will, wird klar, wenn wir im Text das Wort Gewalt ergänzen: Du sollst dem Bösen nicht mit Gewalt widerstehen, du sollst ihm vielmehr widerstehen, indem du Böses mit Gutem vergiltst, um es auf diese Weise zu überwinden. Satjagraha (Wahrheitskraft) hat jedenfalls mit Passivität nichts, aber auch gar nichts zu tun. Sie ist vielmehr höchste Aktivität. Die Lehre von Nichtwiderstehen gegenüber dem Bösen, die sich auch bei Tolstoi findet, hat ihre Ursache meines Erachtens in einem falschen Verständnis des Lebens und der Lehre Jesu. Die christliche Dogmatik sieht in ihm das sündlose Opferlamm, das für unsere Sünden den Tod erlitt. Vorbild für diese Deutung ist das vierte Lied des zweiten Jesaja vom Gottesknecht: “Zu unserm Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaft angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Munde nicht auf.” Jes 53, 5-7 Gandhi bestreitet die Deutung Jesu als sündloses Opferlamm. Er nennt ihn vielmehr einen Fürsten des Satjagraha und die christlichen Märtyrer Satjagrahis.

Im Katholizismus versuchte man, das jesuanische Gebot der Feindesliebe dadurch zu umgehen, dass man die hohen ethischen Forderungen der Bergpredigt als “evangelische Räte” auf den Klerus beschränkte, die Laien jedoch von der Verpflichtung zur Feindesliebe freistellte. Die Reformatoren, welche die Unterscheidung von Klerikern und Laien zugunsten eines “Priestertums aller Gläubigen” aufhoben, suchten das Problem auf ihre Weise zu lösen. So unterschied beispielsweise Luther im Christen eine Christperson und einer Weltperson. Als Christperson hat der Christ Jesu Gebot der Feindesliebe bedingungslos zu befolgen und die Gewalt des Feindes widerstandslos zu erdulden. In seiner Eigenschaft als Weltperson, die für den Schutz anderer verantwortlich ist, ist er berechtigt, ja verpflichtet, dem Bösen mit Gewalt zu wehren, da andernfalls das Gute vernichtet würde.

Bei Max Weber erscheint dieses Denkmuster als Gegensatz von Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Der Gesinnungsethiker folgt seiner hehren Gesinnung, indem er Gewalt grundsätzlich und kompromisslos ablehnt. Er rettet seine Seele, liefert aber zugleich seine Angehörigen und sein Volk der Gewalt des Feindes aus. Der Verantwortungsethiker hingegen begegnet der Gewalt des Feindes mit Gegengewalt, um seine Angehörigen und sein Volk zu schützen, selbst wenn er dabei “Schaden nimmt an seiner Seele”.

Für Gandhi ist diese Zweiteilung des Menschen völlig unannehmbar. Wer gewaltfrei oder wahrheitskräftig handelt, schützt damit sich und seine Angehörigen gleichermaßen. Dass er dabei riskiert, verletzt oder getötet zu werden, tut nichts zur Sache, denn dieses Risiko läuft der Soldat ja auch, sogar in weit höherem Maße, da einem Konflikt, bei dem beide Seiten Gewalt anwenden, eine Tendenz zur Eskalation innewohnt, während der gewaltfrei ausgetragene Konflikt eine Tendenz zur Deeskalation aufweist. Für Gandhi gilt: Wer an der Wahrheit festhält, kann nicht verlieren, selbst wenn er im Kampf sein Leben verliert. Wer dagegen die Wahrheit loslässt, hat schon verloren, selbst wenn er aus dem Kampf als Sieger hervorgehen sollte.

Es gilt also festzuhalten: Wahrheitskraft ist eine positive, aktive und aufbauende, ja eine schöpferische und heilende Kraft, welche die Gewalt in allen ihren ErscheinungsformenMit struktureller Gewalt ist die in den Besitz- und Machtverhältnissen gleichsam geronnene Gewalt gemeint, mit personeller Gewalt die physisch und psychisch verletzende oder tötende Gewalt und mit kultureller Gewalt u.a. Gewalt rechtfertigende oder verherrlichende Ideologien. als strukturelle, personelle und kulturelle Gewalt (nach Johan Galtung) überwindet. Sie ist ein Drittes jenseits des Gegensatzes von Aktivität und Passivität, von Gewalt antun und Gewalt erleiden.

Missverständnis Nr. 3: Satjagraha (Wahrheitskraft) wird mit passivem Widerstand gleichgesetzt.

Gandhi hat anfangs für seine Kampfmethode mangels eines besseren den Begriff passiver Widerstand gebraucht. Als ein Journalist den Widerstand der Inder gegen die Rassendiskriminierung in Südafrika als “Waffe der Schwachen” kennzeichnete, erkannte er die Untauglichkeit dieses Begriffs, der zu Missverständnissen geradezu einlud und ersetzte ihn durch den von ihm geschaffenen Begriff Satjagraha. Um den Unterschied möglichst klar herauszuarbeiten unterschied er fortan eine “Gewaltlosigkeit der Starken” (Satjagraha) und eine “Gewaltlosigkeit der Schwachen” (passiver Widerstand). Wer passiven Widerstand leistet, verzichtet zwar auf verletzende und tötende Gewalt als Mittel der Konfliktaustragung, nicht aber auf die Methoden des Zwanges und des politischen Drucks.

Verwirrend ist, dass sich die Gewaltlosigkeit der Starken und die der Schwachen oftmals der gleichen Aktionsmethoden bedienen, nämlich der Aufkündigung der Zusammenarbeit in Form von Streik oder Boykott. Der Unterschied zeigt sich jedoch rasch, sobald der Gegner zur Gewalt greift um den Widerstand zu brechen. Die “Gewaltlosigkeit der Schwachen” wird dann gewöhnlich zusammenbrechen oder in gewaltsamen Widerstand übergehen, die “Gewaltlosigkeit der Starken”, sofern es sich denn tatsächlich um solche handelt, wird die Gewalt des Gegners hinnehmen ohne Zurückweichen oder Zurückschlagen, um sie dadurch zu überwinden. Selbstverständlich kann es auch bei einem derartigen Kampf Tote und Verletzte geben, langfristig wird jedoch eine Verhandlungslösung erreicht, welche die legitimen Interessen aller Beteiligten berücksichtigt.

In ausgeprägter Form findet sich die Gleichsetzung von Wahrheitskraft und passivem Widerstand selbst bei dem Gandhi durchaus geistesverwandten Albert Schweitzer: “Er (Gandhi) meint, der passive Widerstand, im Geist der Hasslosigkeit der wahren Ahimsa (Nicht-Gewalt) durchgeführt, sei die Waffe, die ihm die Ethik zu führen erlaubt. Er irrt. Zwischen dem tätigen und dem passiven Widerstand ist nur ein ganz relativer Unterschied. Durch Zustände, die auf nicht-gewaltsame Weise geschaffen werden, soll ein Druck auf den Gegner ausgeübt und Nachgiebigkeit erzwungen werden. Als ein Angriff, der schwerer abzuwehren ist als der tätige, kann der passive Widerstand mehr Erfolg haben als dieser. Es ist aber auch Gefahr, dass diese versteckte und indirekte Anwendung von Gewalt mehr Erbitterung schafft als die offene. Ist passiver Widerstand anders geartet als aktiver? Nein: Er ist Gewalt.”Albert Schweitzer: Vorträge, Vorlesungen, Aufsätze, herausgegeben von Claus Günzler u.a., München 2003, S. 198

Gandhi ist da ganz anderer Ansicht: “Zwischen passivem Widerstand und Sajagraha ist der Unterschied groß und grundsätzlich … Wenn wir weiterhin glauben und andere glauben lassen, wir seien schwach und hilflos und leisteten deshalb passiven Widerstand, dann würde unser Widerstand uns niemals stark machen, und bei der geringsten Gelegenheit würden wir unseren passiven Widerstand als eine Waffe des Schwachen aufgeben. Wenn wir dagegen Satjagrahis sind und Satjagraha leisten in dem Glauben, stark zu sein, so werden sich daraus zwei klare Folgen ergeben. Indem wir den Gedanken der Stärke nähren, werden wir von Tag zu Tag stärker. Mit dem Wachsen unserer Stärke wird auch unsere Satjagraha wirksamer, und wir werden nie nach einer Gelegenheit Ausschau halten, sie aufzugeben. Und während wiederum im passiven Widerstand kein Raum für Liebe ist, hat andererseits in der Satjagraha Hass nicht nur keinen Platz, sondern ist ein ausdrücklicher Verstoß gegen ihr leitendes Prinzip.”Fritz Kraus (Hg.): Vom Geist des Mahatma. Ein Gandhi-Brevier, Zürich o.J., 167

Missverständnis Nr. 4: Die religiös-philosophische Wurzel von Satjagraha wird abgeschnitten

Ich nenne dieses Missverständnis das wissenschaftliche, weil Sozialwissenschaftler mit Gandhis Satjagraha-Konzept naturgemäß Probleme haben. Zwar schließt Gandhis Formel “Gott ist die Wahrheit” auch philosophische Wahrheitsdefinitionen ein, doch nur, sofern sie eine metaphysische Dimension der Wirklichkeit anerkennen. Das ist beim wissenschaftlichen Wahrheitsbegriff definitionsgemäß nicht der Fall. Wird dem Satjagraha-Konzept die religiös-philosophische Wurzel abgeschnitten, stirbt es wie eine Pflanze, die man ihrer Wurzel beraubt. Die “Gewaltlosigkeit der Starken” verwandelt sich augenblicklich in die “Gewaltlosigkeit der Schwachen”, d.h. in verdünnte Gewalt oder passiven Widerstand. Dieses Missverständnis begegnet u.a. bei Gene Sharp und Adam Roberts, teilweise auch bei Theodor Ebert.Gene Sharp: The Politics of Nonviolent Action, 3 Bände, Boston 1973; Adam Roberts (Hg.): Gewaltloser Widerstand gegen Aggressoren. Probleme, Beispiele, Strategien, Göttingen (1971) Ihrer Ansicht nach hat Gandhi durch seine Askese und die religiöse Begründung von Satjagraha eine breite Akzeptanz seines Konzepts im Westen verhindert. Ich weiß nicht, was Gandhi auf diesen Vorwurf geantwortet hätte. Meine Antwort lautet: Billiger ist Satjagraha nun mal nicht zu haben. Wer nicht bereit ist, den Preis zu bezahlen, soll es lassen. Jesus von Nazareth sprach in einem ähnlichen Zusammenhang vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle, die zu erwerben jeden Preis wert seien.Mt 13, 44-46

Heißt das, eine Satjagraha-Kampagne könne nur durch ausgebildete Satjagrahis mit Erfolg durchgeführt werden? Keineswegs. Die Erfolgsaussichten sind zwar desto größer, je mehr Satjagrahis sich daran beteiligen. Die zweitbeste Lösung aber ist die Verbindung einer gewaltfreien Führerschaft mit einer gewaltlosen Gefolgschaft. Von einer Kombination gewaltfreier und gewaltsamer Aktionsmethoden ist jedoch abzuraten, da sie auf gegensätzlichen Prinzipien beruhen. Gandhi und King hätten lange warten müssen, hätten sie ihre Kampagnen mit ausgebildeten Satjagrahis durchführen wollen. Gandhi stand überdies unter extremem Handlungszwang, denn in Indien war bereits eine Befreiungsbewegung entstanden, welche die Briten durch Attentate und Terroranschläge zu massiven Unterdrückungsmaßnahmen herausforderte. Ihr Gewaltverzicht zu predigen, ohne ihr eine konstruktive Alternative zur Gewalt als Mittel der Konfliktaustragung anzubieten, hielt er für nutzlos, ja verwerflich. Eine gemischte Kampagne leidet freilich an der Schwäche, dass mit dem Tod der charismatischen Führergestalt die treibende Kraft für den gewaltfreien Kampf versiegt. Das war sowohl in Indien als auch in den USA der Fall.

Missverständnis Nr. 5: Satjagraha wird mit moralischem Zwang gleichgesetzt

Karl Jaspers schreibt in seinem 1958 erschienenen Buch: Die Atombombe und die Zukunft des Menschen. Politisches Bewusstsein in unserer Zeit: “Es wird berichtet von der Verwandlung der Atmosphäre in Indien durch Gandhi. Statt der Liberalität verbreitete sich ein allgemeiner Zwang des Fürwahrhaltenmüssens. Diese Gewaltlosigkeit, die zwar auf physische Gewalt verzichtet, übt eine andere, die unerträglich werden kann… Man könnte erinnern an die alte indische Lehre von der Gewalt der Asketen. Durch ihre unerhörte Selbstvergewaltigung häufen sie eine magische Macht, die zur Herrschaft über alle Dinge führt. Selbst die Götter geraten in Angst vor der Macht solcher Asketen. Gandhis Selbstdisziplin erfolgt nicht ohne innere Gewaltsamkeit. Diese wird bei den ihm Folgenden anders, weil fanatisch. Solche Gewaltsamkeit gegen sich selbst aber ist keineswegs Läuterung, nicht freies Zu-sich-selbst-Kommen. Daher ist, wer sich selbst vergewaltigt, zur Vergewaltigung anderer bereit. Solche Vergewaltigung anderer durch moralischen Druck ist ein Element in Gandhis Wirksamkeit.”München 1958 (Sonderausgabe des Deutschen Bücherbundes), S. 66

Der amerikanische Psychoanalytiker Erik H. Erikson zielte in die gleiche Richtung, als er in einem fiktiven Brief an Gandhi dessen Askese als Selbstvergewaltigung aufzudecken unternimmt, die zwangsläufig zur moralischen Vergewaltigung seiner Angehörigen, seiner Anhänger und seiner Gegner führen müsse. Als Analytiker Freudscher Schule glaubt er aufgrund der Ambivalenz der Gefühlsbeziehungen in Gandhis “Liebeskraft” (Satjagraha) latent eine nicht minder starke doch uneingestandene und unerkannte “Hasskraft” am Werk zu sehen: “Aber ich muss jetzt bekennen, dass ich so manches Mal in Deinem Werk … an Abschnitte geraten bin, die mich beinahe an den Punkt gebracht hätten, von dem auch ich nicht mehr imstande gewesen wäre, mit dem Schreiben dieses Buches fortzufahren, weil ich gerade in der leidenschaftlichsten Berufung auf die Wahrheit die Gegenwart einer nicht greifbaren Art von Unwahrheit zu verspüren glaubte, von etwas Unreinem, wo alle Worte von etwas Unwirklich-Reinem zu sprechen vorgeben; und vor allem von verdrängter Gewalttätigkeit, wo angeblich Gewaltlosigkeit (gemeint ist Gewaltfreiheit, d.A.) das einzige Thema sein will.”Erik H. Erikson: Gandhis Wahrheit. Über die Ursprünge der militanten Gewaltlosigkeit, Frankfurt 1971, S. 272 f.

Für Gandhi, wenn ich ihn recht verstehe, bedeutet Satjagraha etwas Drittes jenseits des Gegensatzes von (egoistischer) Liebe und Hass, und mit Brahmatscharja (Streben nach dem Göttlichen) meint er etwas Drittes jenseits des Gegensatzes von Trieb ausleben und Trieb unterdrücken. Bei Sigmund Freud hätte Erikson durchaus den Schlüssel zum Verständnis von Gandhis Askese finden können. Freud erkannte klar die Kultur schaffende Wirkung der Triebsublimation. Er sieht in den Kulturleistungen des Menschen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, in Philosophie, Kunst und Wissenschaft sublimierte Triebenergie am Werk. Was Gandhi von uns Normalsterblichen unterschied, war seine für viele Menschen erschreckende und abstoßende Radikalität. Er gibt sich mit der relativen Sublimierung der Triebenergie nicht zufrieden. Ihm geht es um nichts Geringeres als die vollständige Triebsublimation, nicht nur des Sexualtriebs, sondern sämtlicher Triebe, um sie in geistige Energie umzuwandeln und zum Wohl der Menschheit einzusetzen: “Brahmatscharja bedeutet nicht nur physische Selbstkontrolle. Es bedeutet völlige Kontrolle über alle Sinne. So ist ein unreines Denken ein Bruch von Brahmatscharja, ebenso Ärger. Alle Kraft kommt von der Erhaltung und Sublimierung der Vitalität, die für die Erzeugung von Leben verantwortlich ist. Wird diese Vitalität gespart, statt verschwendet zu werden, so wird sie in schöpferische Energie der höchsten Art verwandelt… Bei jemandem, der große Menschenmassen zu gewaltfreier Aktion zu organisieren hat, muss die vollständige von mir beschriebene Kontrolle versucht und verwirklicht werden.”Fritz Kraus (Hg.): Vom Geist des Mahatma. Ein Gandhi-Brevier, Zürich o.J., S.79

Missverständnis Nr. 6: Satjagraha (Wahrheitskraft) könne nur gegen einen moralisch ansprechbaren Gegner mit Erfolg eingesetzt werden

Deshalb habe Gandhi die Engländer besiegen können, einem Hitler oder Stalin gegenüber sei Wahrheitskraft jedoch zum Scheitern verurteilt. Diesem Argument liegt die Vorstellung zugrunde, Wahrheitskraft beruhe auf einem moralischen Appell oder der Anwendung moralischen Drucks. Gandhi hat dieser Auffassung vehement widersprochen. Wahrheitskraft ist für ihn nicht subtile oder verdünnte Gewalt, sondern das Gegenteil von Gewalt. Sie schafft die Gewalt sozusagen wieder aus der Welt und zwar nach der schlichten Dreisatzregel: Wo wenig Gewalt ist, genügt auch wenig Gewaltfreiheit, um sie zu neutralisieren, wo viel Gewalt ist, bedarf es viel Gewaltfreiheit und wo sehr viel Gewalt ist, bedarf es sehr viel Gewaltfreiheit, um sie wieder aus der Welt zu schaffen.Mahatma Gandhi: Für Pazifisten, Münster 1996, S. 51-70, hier S. 59

Selbstverständlich kann auch ein gewaltfreier Kampf verloren gehen, doch nur, wenn die Satjagrahis resignieren, zum passiven Widerstand übergehen oder zur Gewalt ihre Zuflucht nehmen. Solange sie an der Wahrheit festhalten, können sie nicht wirklich verlieren, selbst wenn sie im Kampf ihr Leben verlieren, denn das Festhalten an der Wahrheit ist Sieg, das Loslassen der Wahrheit ist Niederlage. Die Erfolgsaussichten (im herkömmlichen Sinn des Wortes) eines gewaltfreien Kampfes sind allerdings desto größer, je mehr Menschen sich bereit finden, ihr Leben im Kampf einzusetzen und je besser sie vorbereitet und organisiert sind. Gandhi sieht hier bei allen Unterschieden in Zielen und Mitteln eine gewisse Parallele zum bewaffneten Kampf. Wie eine gewaltfreie “Schlacht” aussehen könnte, hat er mit dem Versuch, die Dharasana-Salzwerke im Zuge der Unabhängigkeitskampagne von 1930/31 zu erobern, vorexerziert.Beschrieben in: Louis Fischer: Das Leben des Mahatma Gandhi, München (1951), S. 286 ff. Diese Schlacht ging zwar verloren, da es den Satjagrahis nicht gelang, die Salzwerke zu erobern. Im Unabhängigkeitskampf Indiens spielte sie jedoch eine wichtige Rolle und trug durch indirekte Wirkungen zu seinem Erfolg bei.

Die Engländer waren übrigens keineswegs Menschenfreunde, die den rückständigen Indern die Segnungen der modernen Zivilisation bringen wollten. Sie waren rücksichtslose Kolonialisten, deren Hauptziel darin bestand, den indischen Subkontinent wirtschaftlich auszubeuten und in politischer Abhängigkeit zu halten. Sie bevorzugten allerdings das System indirekter Herrschaft, d.h. sie zogen eine Schicht von Indern heran, die dieses Geschäft für sie besorgten und daran kräftig verdienten. Dieser “Kompradorenbourgeoisie” gehörte der in London zum Rechtsanwalt ausgebildete Gandhi ja ursprünglich ebenfalls an.

Der relativ gewaltlose Verlauf des indischen Unabhängigkeitskampfes ist meines Erachtens auf die deeskalierende Wirkung der Gewaltfreiheit zurückzuführen. Hier wird folglich auf das Konto der Engländer verbucht, was in Wahrheit dem Konto Gandhis gutgeschrieben werden muss.

Missverständnis Nr. 7: Die Zweck-Mittel-Relation wird außer Acht gelassen

Ein Hauptargument gegen das Satjagraha-Konzept lautet, es sei außerstande, ein Land gegen einen militärischen Angreifer zu verteidigen. Gandhi bestritt diese Behauptung. Als Indien 1942 durch eine japanische Invasion bedroht war, entwickelte er in Grundzügen das Konzept der Sozialen Verteidigung, das auf den Methoden des gewaltfrei-gewaltlosen Kampfes beruht. Richtig ist allerdings, dass Gewaltfreiheit das denkbar ungeeignetste Mittel ist, Reichtum, Macht und Privilegien zu erwerben oder als Staat andere Länder zu erobern sowie die Rohstoffversorgung des eigenen Landes zu sichern und den Zugang zu fremden Märkten und Transportwegen offen zu halten. Wer diese Ziele verfolgt, muss zu direkter oder indirekter Gewalt greifen. Wählt er gewaltfreie Methoden, wird er mit Sicherheit scheitern. Andererseits gilt: Wer Frieden, Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechte erkämpfen oder verteidigen will, sollte zu gewaltfreien Methoden greifen. Mit Gewalt wird er sein Ziel niemals erreichen. Zwischen Mittel und Zweck, Weg und Ziel besteht folglich ein ebenso enger Zusammenhang wie zwischen Same und Pflanze. Die weit verbreitete Ansicht, die auch Max Webers Unterscheidung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik zugrunde liegt, dass nämlich der gute Zweck die bösen Mittel heilige, zumindest aber rechtfertige oder entschuldige, lässt er nicht gelten. Mittel und Zweck, Weg und Ziel müssen übereinstimmen, soll der Zweck erfüllt, das Ziel erreicht werden.

Das Missverständnis besteht in diesem Fall darin, Wahrheitskraft für eine Aktionsmethode zu halten, die für beliebige Ziele einsetzbar ist. Es ist zwar richtig, dass sie auf allen gesellschaftlichen Ebenen von der persönlichen bis zur globalen Ebene mit Aussicht auf Erfolg eingesetzt werden kann, vorausgesetzt, die von mir genannten Bedingungen sind erfüllt. Das heißt aber nicht, dass sie für beliebige Ziele einsetzbar ist. Was in den Augen der Kritiker der schwerwiegendste Nachteil von Satjagraha ist, ist m.E. ihr größter Vorzug, vorausgesetzt die angestrebten Ziele sind wirklich rein.

Wahrheitskraft im kleinen wie im großen Maßstab ist, soweit ich sehe, das einzige, was die hilflos am Abgrund der Selbstvernichtung entlang taumelnde Welt noch retten kann. Doch, nüchtern betrachtet, ist das Verhängnis nicht mehr abzuwenden. Es ist wie in der griechischen Tragödie. Es gibt zwar einen Rettungsweg, doch der Held sieht ihn nicht, und selbst wenn er ihn sähe, könnte er ihn nicht gehen.

Fußnoten

Veröffentlicht am

08. Januar 2008

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