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Pakistan: Sie geben Musharraf die Schuld, nicht Al Kaida

Zur Ermordung Benazir Bhuttos


Von Robert Fisk
, 30.12.2008 - The Independent (UK) / ZNet

Seltsam, wie schnell uns die Geschichte präsentiert wurde. Benazir Bhutto - die mutige Führerin der Pakistanischen Volkspartei (PPP) - wurde in Rawalpindi Opfer eines Attentats. Rawalpindi grenzt an die Hauptstadt Islamabad, wo Ex-General Pervez Musharraf lebt. George Bush sagt uns, die Mörder seien "Extremisten" und "Terroristen". Niemand wird dies bestreiten.

Allerdings wollte Bush mit seinem Kommentar suggerieren, Islamisten steckten hinter dem Attentat. Wieder einmal die Verrückten der Al Kaida. Die Al-Kaida-Spinne habe die einsame, tapfere Frau niedergestreckt, die es wagte, Demokratie für ihr Land zu fordern.

Angesichts der kindischen Berichterstattung über diese abscheulichen Tragödie (und wie korrupt Frau Bhutto auch immer gewesen sein mag, machen wir uns keine Illusionen, diese tapfere Frau ist natürlich eine wahre Märtyrerin) verwundert es nicht, dass der "Gut-versus-Böse"-Esel vorgeführt werden kann, um das Schreckliche in Rawalpindi zu erklären.

Wer am Donnerstag BBC oder CNN sah, hätte sich nicht vorstellen können, dass die beiden Brüder Benazir Bhuttos - Murtaza und Shahnawaz - 1981 einen pakistanisches Linienflieger entführten und nach Kabul umlenkten, wo Murtaza die Freilassung politischer Gefangener in Pakistan forderte. Ein Militäroffizier, der sich an Bord befand, wurde ermordet. Die politischen Gefangenen wurden tatsächlich freigelassen - wahrscheinlich, weil amerikanische Passagiere im Flugzeug saßen.

Vor wenigen Tagen erschien in der London Review of Books einer der bemerkenswertesten Artikel des Jahres (typisch, dass er so unbeachtet blieb). Unter der Schlagzeile ‘Daughter of the West’1996 liefert Tariq Ali darin eine brillante Analyse der in Pakistan vorherrschenden Korruption (und der Korruption Bhuttos). Der Artikel lag auf meinem Schreibtisch, als Benazir Bhutto in Rawalpindi ermordet wurde. Ich wollte ihn gerade fotokopieren.

Am Schluss des Artikels geht Ali ausführlich auf den Mord an Murtaza BhuttoSiehe www.lrb.co.uk/v29/n24/ali_01_html . ein. Er wurde von Polizisten nahe seines Hauses ermordet. Damals war seine Schwester Benazir gerade Premierministerin von Pakistan und wütend auf Murtaza, weil dieser die Rückkehr der PPP zu ihren (alten) Werten forderte und die Einsetzung von Benazirs Ehemann als Industrieminister (ein äußerst lukrativer Posten) kritisiert hatte.

In einer Passage des Artikels - die nach der Ermordung Benazir Bhuttos vielleicht an Bedeutung gewinnen könnte -, schreibt Ali über den Mord an Murtaza: "Die tödliche Kugel wurde aus kurzer Distanz abgefeuert. Die Falle war sorgfältig präpariert, aber, wie in Pakistan üblich, war die Operation selbst krud - falsche Einträge in Polizei-Logbüchern, verlorene Beweise, verhaftete und eingeschüchterte Zeugen, ein Polizist wurde getötet, weil man befürchtete, er könnte reden. Dies machte es offensichtlich, dass die Entscheidung, den Bruder der Premierministerin zu exekutieren, auf sehr hoher Ebene gefallen war".

Als Murtazas 14jährige Tochter Fatima ihre Tante Benazir beschwörend fragte, warum man Zeugen verhafte aber nicht die Killer ihres Vaters, sagte Benazir: "Schau - du bist zu jung. Du verstehst diese Dinge nicht". Zumindest wird uns dies in Alis Artikel suggeriert. Über allem schwebte allerdings die schockierende Macht des pakistanischen Geheimdienstes ISI (Inter Services Intelligence).

Der ISI ist eine große Institution - korrupt, bestechlich und brutal - und arbeitet für Musharraf.

Der ISI arbeitete und arbeitet jedoch auch für die Taliban - und er arbeitet für die Amerikaner. Er arbeitet praktisch für jeden. Der ISI ist Musharrafs Schlüsselinstrument, um mit Amerikas Feinden in Gesprächskontakt zu treten - wenn er sich bedroht fühlt oder um Druck auf Afghanistan auszuüben oder um jene "Extremisten" und "Terroristen" zu besänftigen, die George Bush so sehr bedrücken.

Erinnern wir uns auch an Daniel Pearl, den Reporter des Wall Street Journal2002, der entführt wurde und von seinen islamistischen Entführern in Karachi enthauptet. Das fatale Treffen mit seinen Mördern war durch einen kommandierenden Offizier des ISI eingefädelt worden. Ahmed Rashids Buch ‘Taliban’ liefert frappierende Beweise für ein Netz an Korruption und Gewalt innerhalb des ISI. Lesen Sie es, und alles, was ich oben beschrieben habe, ergibt Sinn.

Zurück zur offiziellen Version. Am Donnerstag sagte George Bush, er "freue" sich auf die Gespräche mit seinem alten Freund Musharraf. Natürlich wird es dabei um Benazir gehen. Und natürlich wird es nicht um die Tatsache gehen, dass Musharraf einem alten Bekannten weiter Schutz gewährt - einem gewissen Mr. Khan, der sämtliche Atomgeheimnisse Pakistans an Libyen und den Iran weitergegeben hat. Nein - besser man lässt dieses Stück "Achse des Bösen" außen vor.

Natürlich bittet man uns wieder einmal, uns auf die ganzen "Extremisten" und "Terroristen" zu konzentrieren. Wir sollen nicht logisch nachfragen, wie die Pakistaner nach Benazirs Ermordung fühlen.

Dabei ist es nicht schwer, zu begreifen, dass die verhassten Wahlen, die über Musharraf schweben, wahrscheinlich auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben werden, nachdem seine wichtigste politische Gegnerin ganz zufällig vor dem Wahltag liquidiert wurde.

Gehen wir die Sache mit der Logik an, die Inspektor Ian Blair - mit seinem Polizistennotizblock - an den Tag gelegt hätte, bevor er der oberste Polizist Londons wurdeChef von New Scotland Yard.

Frage: Wer zwang Benazir Bhutto, in London zu bleiben und verzögerte ihre Rückkehr nach Pakistan? Antwort: General Musharraf.

Frage: Wer ordnete diesen Monat die Verhaftung Tausender ihrer Anhänger an? Antwort: General Musharraf.

Frage: Wer verhängte diesen Monat einen temporären Hausarrest über Bhutto? Antwort: General Musharraf.

Frage: Wer verhängte diesen Monat das Kriegsrecht? Antwort: General Musharraf.

Frage: Wer tötete Benazir Bhutto? Antwort: Nun, eben.

Sehen Sie das Problem? Gestern informierten uns unsere TV-Krieger: Die Mitglieder der PPP riefen, Musharraf "Mörder!". Sie würden sich beschweren, weil Musharraf Benazir nicht genügend Schutz bereitgestellt habe. Falsch. Sie riefen "Mörder!" weil sie glauben, er habe sie getötet.

 

Quelle: ZNet Deutschland   vom 04.01.2008. Orginalartikel: They Don’t Blame Al-Qa’ida. They Blame Musharraf . Übersetzt von: Andrea Noll.

Fußnoten

Veröffentlicht am

07. Januar 2008

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