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Arktis: Wettlauf um Ressourcen

Trotz Klimawandel und Umweltgefahren wittern Anrainerstaaten und Energiekonzerne ein Milliardengeschäft bei der Ausbeutung der arktischen Bodenschätze


Von Inge Wenzl

Der Klimawandel ist an der Arktis bereits Wirklichkeit: Nach aktuellen Berechnungen des Weltklimarats stiegen dort die Temperaturen in den vergangenen 100 Jahren doppelt so schnell, wie auf dem übrigen Globus. Das Meereis der nördlichen Halbkugel schrumpft nach Berechnungen des National Snow and Ice Data Centers um 72.000 Quadratkilometer jährlich, und die Nordwest-Passage, die durch das nordkanadische Achipel führt, war letzten August erstmals ohne Eisbrecher befahrbar. Einmal dauerhaft eisfrei, wird sich so die Schifffahrtsroute von Europa nach Asien erheblich verkürzen. Chinesische, japanische und koreanische Reedereien bauen schon an Schiffen mit verstärktem Bug. Bereits in wenigen Jahren könnte dort ein reger Verkehr herrschen, ebenso wie auf der Nordost-Passage entlang der sibirischen Küste.

Das Tauwetter in der Arktis weckt Goldgräberstimmung. Unter dem Eis nördlich des Polarkreises sollen ein Viertel der weltweiten Erdöl- und Erdgasreserven schlummern. Auch Kohle, Gold und Diamanten soll es dort geben. Doch Karsten Piepjohn, Geologe an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), gibt sich skeptisch, denn was tatsächlich unter dem Meereis und dem grönländischen Eisschild lagert, wisse niemand so genau. Kohle oder Metalle könnten im Ozean jedenfalls nicht abgebaut werden und Öl und Gas aus der Tiefsee zu fördern, käme viel zu teuer.

So sei es Russland im vergangenen August um ein politisches Signal gegangen: Taucher hatten am Nordpol in 4.300 Meter Tiefe ihre Flagge gehisst, mit der Begründung, der Lamonossow-Rücken, ein Untersee-Gebirgszug von rund 1.800 Kilometer Länge, sei die kontinentale Fortsetzung Sibiriens. Damit habe Russland das Recht, etwaige Ressourcen unter dem Meereis auszubeuten. Dänemark hielt dagegen, das Unterwassergebirge gehöre zu Grönland. Um dies zu beweisen, schickte seine Regierung im August ein Bohrschiff los. So versuchen beide Länder sich am internationalen Seerecht vorbei ein möglichst großes Stück vom Kuchen zu sichern. Juristisch steht den Anrainern nur eine Wirtschaftszone von 200 Seemeilen vor ihrer Küste zu.

Schon heute werden an der Arktis im großen Stil Rohstoffe abgebaut: Auf der Kola-Halbinsel fördert Russland Nickel, Kupfer und Eisenerz, in Norilsk Nickel und Kupfer und in Ostsibirien Zinn und Gold. Skandinavien baut Eisen, Kupfer und Gold ab und Alaska Zink und Blei. In der Arktis lagern außerdem bedeutende Mengen nichtmetallischer Rohstoffe wie Diamanten und Gesteine.

Auch mit fossilen Brennstoffen ist die Arktis reich gesegnet. Im Pechorabecken und auf Spitzbergen gibt es große Steinkohlegruben. Umfassende Öl- und Gasvorkommen werden vor allem in den Schelfgebieten vermutet. Doch bisher wird nur in der norwegischen See offshore Öl gefördert. 1988 wurde in der russischen Barentssee das bisher noch unerschlossene Schtokman-Feld entdeckt, mit 3.200 Milliarden Kubikmetern das größte bekannte Gasfeld der Welt.

Als “reinen Irrsinn” bezeichnet Jörg Veddern, Klimaexperte von Greenpeace Deutschland, den Run auf die fossilen Brennstoffe der Arktis: “Da werden genau die Rohstoffe gefördert, die für den Klimawandel verantwortlich sind”, kritisiert er. Mit der Zunahme der Ölförderung und einem regen Schiffverkehr in nicht allzu ferner Zukunft steigen außerdem die Gefahren einer Umweltkatastrophe. Wie empfindlich arktische Ökosysteme sind, zeigte nicht zuletzt das Tankerunglück der Exxon Valdez vor knapp 19 Jahren. Seine Folgen sind bis heute spürbar, denn durch die Kälte werden Öl und andere Umweltgifte viel langsamer abgebaut.

Das Risiko eines Lecks oder Ölunfalls steigt mit dem Auftauen der Permafrostböden. Akut davon betroffen ist der warme Permafrost in Alaska, wo die Oberflächentemperatur seit den achtziger Jahren um zwei bis drei Grad gestiegen ist. Mit dem Abschmelzen der oberen Bodenschichten versinken Pipelines und Ölförderanlagen buchstäblich im Morast. Auch im Osten wird es in weiterer Zukunft Statik-Probleme geben. Das Bundesumweltministerium warnt vor möglichen Schäden an der Linie der Transibirischen Eisenbahn und dem Bilbino-AKW in Ost-Russland.

Besonders hart trifft die aktuelle Entwicklung an der Arktis die Ureinwohner: Alëuten, Inuit, Saami, Niwaken, Nanai und Ewenken. Ein massiverer Rohstoffabbau stößt bei vielen von ihnen auf Protest, denn als Fischer, Jäger und Rentierzüchter sind sie auf eine intakte Umwelt angewiesen.

Anders als die Antarktis ist die Arktis nicht vertraglich geschützt. Der Antarktisvertrag verbietet eine militärische Nutzung, das 1991 unterzeichnete Madrider Protokoll unterbindet für die nächsten 50 Jahre eine Ausbeutung ihrer Rohstoffe. Auch die Arktis spielt eine zentrale Rolle für das Weltklima und umfasst einzigartige Lebensräume. Umweltorganisationen, wie WWF und Greenpeace, fordern deshalb, sie unter einen ähnlichen Schutz zu stellen.

Quelle: Freitag   - Die Ost-West-Wochenzeitung 01 vom 04.01.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

06. Januar 2008

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