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Mythos Atomkraft

Kernenergie ist weder CO2-neutral noch befreit sie aus der Abhängigkeit von den Rohstofflieferanten


Von Inge Wenzl

Der Mythos von der Atomkraft als Methode klimafreundlicher Energieerzeugung ist ungebrochen. Neu gespeist wird er immer wieder durch die Propaganda der Atomlobby oder Statements von CDU-Politikern, so zuletzt von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Steinkohletag Anfang November. Dabei spuken zwei zentrale Argumente durch die medial bestrahlten Köpfe: Das erste lautet, dass die Atomenergie keine Treibhausgase produziert, das zweite behauptet, mit der Atomkraft mache man sich von Rohstoffen unabhängig, insbesondere aus den islamischen Ländern, die einen Großteil der weltweiten Öl- und Gasvorräte beherbergen.

Tatsächlich ist die CO2-Bilanz der Atomkraft jedoch nur solange neutral, wie man Uranabbau, Anreicherung des Urans, Erzeugung der Brennstäbe, Transport, Bau eines Atomkraftwerkes und ähnliches ausklammert und sich einzig und allein auf die Produktivitätsphase der Atomkraftwerke (AKW) beschränkt. Das Ökoinstitut Darmstadt kommt bei seiner aktualisierten Studie aus dem Jahre 2006 zu dem Ergebnis, dass deutsche Atomkraftwerke 33 Gramm Treibhausgase pro Kilowattstunde (kWh) ausstoßen. Das wären bei einem deutschen Standard-Kernkraftwerk mit einer Leistung von 1.250 Megawatt (MW) 250.000 Tonnen pro Jahr. Nicht berücksichtigt sind dabei ein späterer Abriss der Meiler und die Endlagerung der abgebrannten Brennstäbe, da sich zum heutigen Zeitpunkt, wo noch nicht einmal eine Endlagerstätte gefunden wurde, schwer sagen lässt, wie viel Treibhausgase dabei einmal freigesetzt werden.

Eine Studie der niederländischen Wissenschaftler Philip Smith und Jan Willem Storm van Leeuwen kommt sogar zu noch höheren Ergebnissen: Nach ihren Berechnungen entweichen während des Lebenszyklus´ eines einzigen Kernkraftwerks 84 bis 122 Gramm CO2. Mit eingerechnet ist dabei allerdings auch ihr Abriss. Smith und Storm van Leeuwen gehen ebenfalls von einem Durchschnittswert aus, das heißt einem 0,15-prozentigen Uranerz. Der Urangehalt, die Art seiner Gewinnung und seine Qualität entscheiden nämlich über die Menge an CO2, die ein AKW netto produziert. Mit der zunehmenden Erschöpfung der Ressourcen verschiebt sich die Bilanz zu Ungunsten des Atomstroms. Nach Aussage von Torben Becker, Energieexperte beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), beziehen deutsche Atomkraftwerke derzeit noch einen günstigeren Mix als den von Smith und Storm van Leeuwen unterstellten.

Die Uranvorräte sind relativ gleichmäßig über die Erde verteilt, doch in ihrer Zugänglichkeit und Konzentration im Gestein gibt es große Unterschiede. Die größten Vorkommen befinden sich in Australien, Kasachstan, Kanada und Südafrika. Besonders reichhaltig sind sie in Saskatchewan (Kanada), ihr Gehalt im Gestein liegt mit 20 Prozent so hoch, dass es mit schwächerem Erz gemischt werden muss, um es aufarbeiten zu können, denn am geeignetsten ist dafür ein Urangehalt von vier Prozent. Das Erz australischer Minen enthält dagegen nur zwischen 0,2 und 1 Prozent Uran, der Gehalt vieler kleinerer US-amerikanischen Minen ist sogar noch niedriger. Vielerorts lohnt sich ein Abbau nur, weil gleichzeitig andere Edelmetalle wie Kupfer oder Gold gewonnen werden.

Je niedriger der Urangehalt, desto größer der Abraum an nicht nutzbarem, strahlendem Erz und desto höher der Energieaufwand, um es herauszulösen. Bei etwa 0,05 Prozent liegt, so die niederländische Studie, die Grenze, ab der sich die Atomkraft unterm Strich nicht mehr rentiert, denn sie verbraucht in ihrer Entstehung genauso viel Energie wie sie hinterher produziert.

Den Löwenanteil des indirekten Energieverbrauchs der Atomenergie verschlingt die Erzeugung der Brennstäbe. Nach Berechnungen von Smith&Co. entstehen dabei 56 Gramm CO2 pro später vom Kraftwerk gelieferter Kilowattstunde. Dazu gehört neben dem Abbau des Erzes und der Herauslösung des Urans seine Aufarbeitung zum sogenannten “Yellowcake”: In diesem Prozess wird das Erz gebrochen und gemahlen und schließlich in Fässer verpackt und versandt. Später wird es in Uranhexafluorid umgewandelt, angereichert und zu Brennstäben verarbeitet. Kohlendioxid entsteht weiterhin beim Bau der Anlagen, dem Transport der funktionstüchtigen Brennstäbe zum Kraftwerk sowie der abgebrannten Brennstäbe zum Zwischen- und Endlager und beim aufwändigen Abriss der AKWs, die das Ende ihres Lebenszyklus erreicht haben.

Nicht zu vernachlässigen ist, vergleicht man die unterschiedlichen Energieträger, außerdem die Nutzung der Abwärme: Atomkraftwerke produzieren zentral große Mengen an Energie. Doch die dabei entstehende Abwärme entweicht ungenutzt in die Atmosphäre, denn, wie der Vorsitzende von der Umweltschutzorganisation Friends of the Earth Europe, Martin Rocholl, treffend sagt, wer stellt sein Haus schon freiwillig neben ein Atomkraftwerk? Damit rangiert das AKW was den Treibhausgas-Ausstoß angeht, fast auf einer Stufe mit einer gasbetriebenen Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage, wie auch das Bundesumweltministerium in seiner Broschüre Atomkraft - ein teurer Irrweg aus dem Jahre 2006 einräumt. Auch brauchen wir ein viel flexibleres Energiesystem, das etwa auf die diskontinuierliche Stromerzeugung der Windkraft reagieren kann: “Das kann ein kleines Gaskraftwerk wesentlich besser als ein großes Gas- oder Atomkraftwerk”, bemerkt Torben Becker vom BUND.

Bleibt die viel beschworene Unabhängigkeit von den als “Schurkenstaaten” gehandelten Rohöl- und Gasproduzenten und ihren zur Neige gehenden fossilen Brennstoffen - und da gilt: Auch Uran ist eine begrenzte Ressource. Peter Diehl, Leiter des World International Service on Energy (WISE) Uranium Project und Verfasser der Greenpeace-Studie Reichweite der Uran-Vorräte der Welt aus dem Jahre 2006, schätzt die bekannten Vorräte bis zu 130 US Dollar pro Kilogramm förderbaren Urans auf 4,58 Millionen Tonnen. Bei dem gegenwärtigen Verbrauch würde das noch für 67 Jahre reichen. Die Energieklippe, ab der sich ein AKW unterm Strich energetisch nicht mehr lohnt, könnte jedoch, wenn der Anteil der Atomkraft am steigenden Weltenergiebedarf mit 2,2 Prozent gleich bliebe, bereits 2050 überschritten werden.

Michael Müller, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, verweist auf die Aussage des Weltklimarats, dass der Anteil nuklearer Stromerzeugung bis 2020 nur mit Anstrengung auf drei Prozent Endenergie gesteigert werden könne: “Das ist nichts im Vergleich zu Effizienz der erneuerbaren Energien”, betont er. Und so setzen die Verfechter der Atomkraft eindeutig auf das falsche Pferd. Die Zukunft gehört dem Wind, der Sonne und den Biogasanlagen.

Quelle: Freitag   - Die Ost-West-Wochenzeitung 49 vom 07.12.2007. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

30. Dezember 2007

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