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Agustín Aguayo: “Wir können unserem Gewissen nicht entkommen”

 

Der US-amerikanische Kriegsdienstverweigerer Agustín Aguayo ist mit dem Stuttgarter Friedenspreis 2007 des Bürgerprojekts AnStifter   ausgezeichnet worden. Mit dem mit 5.000 Euro dotierten Preis wurde der Mut des ehemaligen Sanitäters der US-Armee gewürdigt.

Der in Mexiko geborene 35-jährige US-Soldat Agustín Aguayo verweigerte sich des erneuten Einsatzes im Irak und floh am 2. September 2006 aus der Armee. Er hatte in den letzten drei Jahren vergeblich darum gekämpft, als Kriegsdienstverweigerer anerkannt und aus der Armee entlassen zu werden.

Mit seiner Flucht aus dem US-Militär ist Agustín Aguayo der erste öffentlich bekannte Fall eines in Deutschland stationierten US-Soldaten, der seine Verlegung in den Irak verweigert. Er stellte sich am 26. September 2006 in Fort Irwin, Kalifornien, der Armee. Auf Verlangen seiner Einheit in Schweinfurt wurde er am 3. Oktober 2006 nach Deutschland zurückgebracht. Am 6. März 2007 wurde er wegen "Desertion" und "Verpassen der Verlegung der Einheit" zu einer Haftstrafe von acht Monaten verurteilt. Am 18. April 2007 wurde er aus der Haft entlassen. Am 10. Mai 2007 kehrte er in die USA zurück.

Mit dem Stuttgarter Friedenspreis zeichnen die AnStifter jedes Jahr Projekte oder Personen aus, die sich mit Zivilcourage und Mut für "Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität" einsetzen. Am 21. Dezember 2007 wurde der Friedenspreis im Theaterhaus in Stuttgart an Agustín Aguayo überreicht. Bei der Preisverleihung hielt Agustín Aguayo eine Rede, die wir nachfolgend ebens dokumentieren wie die Gratulation des Wehrmachtdeserteurs Ludwig Baumann.

 

"Wir können unserem Gewissen nicht entkommen"

Von Agustín Aguayo

Ich möchte mich bei den AnStiftern für diesen wundervollen Moment bedanken.

Ich fühle mich nicht ganz wohl damit, weil ich der Meinung bin, dass niemand so viel Aufmerksamkeit verdient hat. Von ganzem Herzen: Vielen Dank.

Ich möchte mich bei verschiedenen Menschen bedanken. Sie haben nicht zugelassen, dass meine Geschichte verschwindet. Sie haben mich in den schwierigsten Momenten meines Lebens unterstützt. Als ich zum Militär ging, habe ich eine Familie gesucht. Ich habe diese Familie, eine Familie der Unterstützung, in Deutschland gefunden. Ich danke Rudi Friedrich von Connection e.V., Michael Sharp,

David Stutzman und Tim Huber vom Military Counseling Network, den Aktiven vom Munique American Peace Committee, der American Voices Abroad, der Tübingen Progressive Americans, Meredith Wheeler, Elsa Rassbach, Jim Miller, Billy Manigault. Danke.

In den letzten fünf Jahren habe ich die schwierigsten und schönsten Momente meines Lebens erlebt. Ich habe sehr viel über mich und über die Welt erfahren. Das wichtigste für mich ist: Wir können unserem Gewissen nicht entkommen.

Ich habe auch gelernt: Wir werden als Kriegsdienstverweigerer geboren. Es ist uns von der Natur gegeben, gegen den Krieg zu sein. Wenn wir als Kriegsdienstverweigerer geboren werden, dann können wir auch den Weg zurück zu unserer Natur finden.

Ein Freund von mir fragte mich: "Warum hast Du dieses Bewusstsein bekommen und nicht die anderen?" Ich bin nichts Besonderes. Wir alle haben die Möglichkeit, mit unserer inneren Stimme zu kommunizieren. Der Ausdruck conscientious objection (Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen) beschreibt im Englischen eine Person, die aus moralischen oder religiösen Gründen gegen den Krieg ist. Ein Freund wies mich kürzlich darauf hin, dass dieser Ausdruck in einer falschen Weise benutzt wird. Er sollte nicht nur für den Krieg gebraucht werden, sondern für alles, wo wir mit unserem Gewissen in Konflikt kommen. Deshalb sollten alle Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen aufstehen gegen Unrecht und gegen Dinge, die gefährlich sind und andere Menschen verletzen. Wir müssen unserem Gewissen folgen. Das ist eines der wichtigsten Dinge, die ich gelernt habe.

Allen Soldaten wird gesagt, dass sie das Richtige tun. Aber was ist die richtige Sache? Richtig ist es, sich für Frieden einzusetzen.

Ich danke Euch, dass Ihr der Welt sagt: Es ist richtig gegen Krieg zu sein. Die Welt kann sehr grausam sein, das haben die Menschen im Irak in den letzten Jahren erfahren müssen. Es liegt an uns, Dinge zu ändern. Als ich hier war, habe ich erlebt, wie unterschiedliche Gruppen zusammenarbeiten können, um einer Person zu helfen. Es liegt noch viel Arbeit vor uns. SoldatInnen, die den Krieg ablehnen, müssen wissen, dass es eine Gemeinschaft gibt, die sie unterstützt. Das ist unsere Herausforderung.

Ich möchte Sie bitten, über etwas nachzudenken. Als ich im Gefängnis war, habe ich Hunderte von Briefen bekommen. Es waren die glücklichsten Momente meines Lebens im Gefängnis: die hoffnungsvolle Erwartung auf diese Briefe. Ein Deutscher hat mir etwas geschrieben und ich möchte Sie bitten, wenn sie heute Abend wieder zu Hause sind, daran zu denken: "Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin."

 

Redebeitrag von Agustín Aguayo anlässlich der Verleihung des Stuttgarter Friedenspreises, 21. Dezember 2007. Übersetzung: Ebbe Kögel. Abschrift und Bearbeitung: Rudi Friedrich.  Nachdruck erwünscht. (c) Die AnStifter, Olgastraße 1 A, D 70182 Stuttgart und Agustin Aguayo/Ebbe Kögel


Ludwig Baumann: Gratulation für den Preisträger des Stuttgarter Friedenspreises 2007

"Du, Agustín, hast Zeichen gesetzt"

Lieber Agustín, es ist mir eine große Freude, dass ich Dir zu diesem schönen und bedeutendem Preis gratulieren darf.

Ich denke: Desertion damals und heute hat viele Gemeinsamkeiten. Ich meine nicht, dass man die Naziverbrechen relativieren soll. Ich habe Diktatur erlebt und Demokratie ist für mich ein hohes Gut. Aber sehen wir uns die westlichen Demokratien einmal an: Der UNO-Beauftragte für Ernährung, Prof. Jean Ziegler, beschuldigt unsere reichen Länder des millionenfachen Mordes an den Armen, weil unsere Länder zu ihrem Vorteil der übrigen Menschheit eine Weltwirtschaft aufzwingen, bei der jeden Tag bis zu Hunderttausend Menschen elendig verhungern. Das muss auch verteidigt werden. Wie soll es da denn Frieden geben?

Im Gegenteil: Präsident Bush hat auf der Höhe seiner Macht China und anderen Ländern den Atomkrieg angedroht, Kriege, die die Menschheit noch nie hat erleiden müssen. Was kann man da besser tun, als zu desertieren?

Ganz egal, ob im Irak oder überall in der Welt. Es ist doch ein Wahnsinn. Wenn ich einen Menschen töte, gelte ich als Mörder, wenn es mir befohlen wird, gelte ich als Held.

Du Agustín hast Zeichen gesetzt dafür, dass wir uns niemals mehr von denen da oben dazu missbrauchen lassen sollen, Menschen, andere Völker und uns selber umzubringen. Dafür danken wir Dir. Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam mit Dir kämpfen für Gerechtigkeit, für das Leben und für den Frieden.

 

Gratulation des Wehrmachtsdeserteurs Ludwig Baumann für den Preisträger des Stuttgarter Friedenspreises 2007, Agustín Aguayo am 21.12.2007.



Weblinks:

Veröffentlicht am

25. Dezember 2007

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