Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Politik aus der Minderheitenposition: Erfolg nicht zur letzten Kategorie machen

Von Michael Schmid (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 55 vom Dezember 2007Der gesamte Rundbrief Nr. 55 kann hier heruntergeladen werden  PDF-Datei , 790 KB)

Es ist ein kalter Novembertag, zahlreiche Menschen haben sich an der Gedenkstätte in Gammertingen-Mariaberg zu “Einer halben Stunde des Schweigens für alle Opfer der Gewalt und Euthanasie” versammelt. Es ist das 17. Mal seit 1991, dass wir während der deutschlandweiten Ökumenischen FriedensDekade   an diesem Mahnmal stehen. Es wurde 1990 eingerichtet zum Gedenken an jene 61 Menschen, die während der Herrschaft der Nazis aus den Mariaberger Heimen , der ältesten Einrichtung stationärer Behindertenhilfe in der Bundesrepublik, abgeholt und im nahen Grafeneck vergast wurden. In Grafeneck begann im Jahr 1940 die sogenannte Aktion “T4”. In einem Jahr wurden hier 10.654 Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen ermordet.Siehe hierzu Gedenkstätte Grafeneck   und Endstation Grafeneck

In den ersten zwei, drei Jahren, nachdem diese Gedenkveranstaltung durch die Initiative des damaligen Pfarrers der Mariaberger Heime, Hartmut Otto, entstanden war, haben viele Menschen teilgenommen. Sein Nachfolger war dann nicht mehr bereit, sich daran zu beteiligen. Und so war es vor allem uns als Lebenshaus vorbehalten, diese Veranstaltung weiterzuführen. Oft standen wir nur noch im kleinen Kreis eine halbe Stunde in der meist winterlichen Kälte zusammen, um der Gewaltopfer schweigend zu gedenken. Wir machten weiter, es kommt ja nicht auf die Masse an, wir hielten fest an dieser Gedenkveranstaltung, selbst wenn wir nur sehr Wenige waren.

Ohne dass wir etwas verändert hätten, waren letztes Jahr ganz unerwartet rund 25 Menschen zur Gedenkfeier zusammengekommen, darunter erstmals die beiden Vorstände der Mariaberger Heime.

Letztere haben kurz vor der diesjährigen Veranstaltung anerkannt, dass sie Verantwortung für das Gedenken der Euthanasie-Opfer aus der eigenen Einrichtung übernehmen sollten. Dies ist eine unmittelbare Folge dessen, dass wir als kleine Gruppe mit Hartnäckigkeit seit 16 Jahren an dieser Veranstaltungsform festgehalten haben.

Dies hat auch zu einer erheblich größeren Zahl an Teilnehmenden beigetragen. Andererseits sorgte eine wunderbare musikalische Feierstunde im unmittelbaren Anschluss an das “Schweigen” dafür, dass mehr Menschen als sonst kamen.

Erfolg und Erfolglosigkeit

Anhand dieser über lange Jahre von uns durchgeführten Gedenkfeier lässt sich verdeutlichen, dass sich jeder kritischen Minderheit, die zu einem anderen Leben beitragen möchte, früher oder später die Frage nach Erfolg und Erfolglosigkeit stellt. Hier, wie bei allen unseren möglichen oder tatsächlichen Handlungen, taucht immer wieder die Frage auf: Wer sieht das schon, wenn wir in Mariaberg an der abgeschiedenen Gedenkstätte stehen? Wie öffentlich wird es? Welchen Sinn hat dieser Protest oder jene Aktion? Was wollt ihr damit schon erreichen? Und wen? Bildet ihr euch im Ernst ein, dass das Erfolg haben kann? Was verändert das schon, was ihr in eurem Lebenshaus macht? Und dafür all dieser Aufwand, das teure Gebäude? Es sind genau solche Fragen, welche die “Parteilichkeit für das Leben” selber verunsichern. Hinter ihnen lauert der Zynismus. Das Ergebnis der wahrgenommenen oder tatsächlichen Erfolglosigkeit kann dann Frustration und Entmutigung sein.

Wie aber wehren wir uns gegen die eigene Apathie und gegen das erdrückende Gefühl der Ohnmacht? Eine wichtige Antwort kann darin liegen, wie wir selber zur Frage des Erfolgs stehen.

Von Martin Buber stammt der Satz: “Erfolg ist kein Name Gottes.” Dahinter verbirgt sich eine Haltung, die sich vom Zwang zum Erfolg freizumachen sucht. Natürlich soll das Herstellen von Öffentlichkeit, das Gewinnen von Mitmachenden, die Veränderung von Akzeptanz eine Rolle spielen. “Aber das letzte Kriterium der Beteiligung an widerständigem, an solidarischem Verhalten kann nicht der Erfolg sein”, hat die 2003 überraschend verstorbene Theologin Dorothee Sölle in ihrem wichtigen Buch “Mystik und Widerstand” geschrieben, “das hieße immer noch nach der Melodie der Herren dieser Welt zu tanzen.” Sie berichtet von ihren eigenen großen Zweifeln über den Sinn ihres Tuns, die sie zum Beispiel 1976 nach einer symbolischen gewaltfreien Aktion vor dem Pentagon mit einer kleinen Widerstandsgruppe aus der katholischen Linken in den USA überkommen hätten. Damals habe der katholische Priester und Friedensaktivist Daniel Berrigan zu ihr gesagt: “Du kannst den Erfolg nicht zu deiner letzten Kategorie machen. Wenn du nur das tust, was Erfolg verspricht, dann machst du dich selbst kaputt. Wenn für dich das Entscheidende in deinem Handeln das Erfolghaben ist, dann zerstörst du deinen eigenen Anspruch auf Wahrheit, dann zerstörst du den Menschen, der du eigentlich bist.”

Der Weg der Minderheit

Erfolg nicht zur obersten und einzigen Kategorie bei seinem Handeln zu machen, ist also das eine, um den langen Atem für ein notwendiges Engagement behalten zu können.

Nun wünschen wir uns ja selbstverständlich dennoch, dass die aktuellen Kriege beendet, die globale Armut überwunden, die Klimakatastrophe nicht eintreten soll. Dabei stoßen wir z.B. auf eine komplexe Weltherrschaft multinationaler Konzerne oder den militärisch-industriellen Komplex. Wir denken oft, wir müssten diesen mächtigen Gruppen sehr viele Menschen entgegensetzen, also Mehrheiten gewinnen, um etwas erreichen zu können. Doch zumeist befinden wir uns in einer absoluten Minderheitenposition. Das trifft auch für unser Lebenshaus auf der Schwäbischen Alb zu. Wie oft sind wir auf massive Schwierigkeiten gestoßen, auf Ausgrenzung, auf nachhaltige Anfeindungen.

Doch was hilft es, wenn wir nur darüber jammern, dass wir nicht mehr, dass wir keine Mehrheit sind? Was bringt es uns, wenn wir nur diese übermächtigen Gruppen und Strukturen anstarren und uns von der Apathie der vielen unschädlich gemachten Einzelnen beeindrucken lassen? Dann erfasst uns ebenfalls die Weltangst, wir resignieren und richten uns ein, in das besteingerichtete Gefängnis, das es je gab in Gestalt unserer Wohlstandsgesellschaft.

Stattdessen gilt es also diese Minderheitensituation wahrzunehmen und das Potential zu entdecken, das darin stecken kann. Dann geht es darum, Gleichgesinnte zu suchen und mit diesen eine Basisgruppe für die Verwirklichung der gemeinsamen sozialen, politischen und ökologischen Ziele zu bilden. Das primäre Ziel einer solchen Gruppe sei dann nicht die Veränderung der Großgesellschaft, hat unser leider viel zu früh verstorbener Freund Willi Haller in seinem Buch “Ohne Macht und Mandat” geschrieben, “sondern die Bildung einer alternativen Gesellschaft innerhalb der Großgesellschaft, ohne sich durch deren Grenzen einschränken zu lassen.” Es geht also im ersten Schritt darum, solidarische Gemeinschaften an der Basis der Gesellschaft zu bilden. “Die Veränderung der eher ablehnend und feindselig gesinnten Großgesellschaft ist erst als sekundäres, indirektes Ziel ins Auge gefasst”, so Willi Haller.

Verbunden ist dieser Ansatz, den wir mit unserem Lebenshaus umzusetzen suchen, mit der Hoffnung, dass diese Gemeinschaften und Gruppierungen wachsen und sich netzartig miteinander verknüpfen. Und dass sie schließlich für die Gesamtgesellschaft zum nachahmenswerten Beispiel werden. Denn es geht ja um die Entwicklung einer solidarischen Gemeinschaft und Gesellschaft, die irgendwann weltumspannende Ausmaße annehmen muss.

Es gibt viele Beispiele dafür, dass Minderheiten etwas bewirken können. Es ist noch keine zwei Jahrzehnte her, da hat uns dies die Minderheit in der damaligen DDR sehr eindrucksvoll vor Augen geführt, als sie letztlich die Mauer zum Einsturz brachte.

Untersuchungen aus den USA über den Prozess der Durchsetzung von sozialen Innovationen weisen in die gleiche Richtung. Es heißt dort, dass 5 % der Bevölkerung genügen, um eine Idee fest zu verwurzeln. Hat die Idee erst einmal 20 % der Bevölkerung erfasst, so wird sie unaufhaltsam. Allerdings ist offen, wie lange diese beiden Schritte dauern. Jedenfalls braucht es aber nicht von vornherein die Mehrheit, auf die wir mit unserer machtpolitischen Prägung starren wie das Kaninchen auf die Schlange.

Solidargedanke und Vertrauen als Basis

Beflügelt von der Vision einer solidarischen Gesellschaft und Welt haben wir den Weg mit dem Lebenshaus begonnen. Wir wünschen eine Gesellschaft, in der niemand verachtet, diskriminiert oder ausgeschlossen wird, in der alle Platz haben und alle das an menschlicher Zuwendung, sozialer Anerkennung und vorbehaltloser Vergebung erhalten, was sie zu einem Leben in Würde und Fülle brauchen. Damals im Jahr 1993 war natürlich nicht klar, wohin dieser Weg führen würde. Inzwischen können wir sehen, dass zumindest im Kleinen etwas aufgebaut werden konnte, was auf keinen Fall selbstverständlich ist.

Schon gleich zu Beginn unserer Vereinsgeschichte wurde sichtbar, wie der Solidargedanke trägt. Als es um den Gebäudekauf ging, haben uns viele Menschen Direktkredite und Spenden zur Verfügung gestellt, so dass die Kaufsumme fast vollständig über diesen Weg aufgebracht werden konnte. Auch in all den folgenden Jahren, bis heute, haben sich viele Menschen auf den Solidargedanken eingelassen und mit ihrem finanziellen Beitrag großartige Dinge ermöglicht, wie z.B. die weitere Finanzierung von Ausbau und Renovierung des Gebäudes, die Unterstützung unzähliger benachteiligter Menschen, den Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, Aktionen wie Mahnwachen oder große Zeitungsanzeigen zum Tschernobyl-Jahrestag, etc., etc. Insgesamt ein doch ziemlich lebendiges Solidarprojekt.

Uns ist bewusst, dass dieser Weg auf gegenseitigem Vertrauen beruht. Wir wissen es zu schätzen, welche Geldbeträge uns anvertraut werden, um damit Sinnvolles zu tun. Andererseits konnten wir bisher immer darauf vertrauen, dass wir einen Kreis von Freundinnen und Freunden, Unterstützerinnen und Unterstützer haben, auf die wir zählen können. Anders wäre es nicht möglich gewesen, uns auf diesen Weg einzulassen und die Risiken einzugehen, die durchaus damit verbunden sind. Dieses grundsätzliche Vertrauen kann selbst durch einzelne Neider nicht erschüttert werden, die Misstrauen säen wollen. Schlichtes Vertrauen lässt in jedem von uns das Beste entstehen.

Fußnoten

Veröffentlicht am

24. Dezember 2007

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