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Wie der Ausbruch eines Vulkans

Notizen aus Kalkutta und Delhi: Und plötzlich war Krieg


Von Luc Jochimsen

Schrei Kalkutta! So titelten am 22. November große Blätter wie The Times of India und The Telegraph und druckten Sonderausgaben über Ausnahmezustand, Armeeeinsatz, Ausgangssperre… “It´s a battlefield out here”.

Wir waren am 21. November morgens aus Delhi angekommen. Die Fahrt vom Flughafen zum edlen Hotel Oberoi mitten in der Innenstadt zog sich hin. Unser Bus wurde von einer Polizeieskorte durch das übliche Verkehrschaos gelotst. Da tobte der Straßenkampf schon vier Stunden, ohne dass uns etwas auffiel. Wir hatten einen überaus freundlichen Polizisten in Zivil im Bus. Es gäbe Demonstrationen, die würden uns zu Umwegen zwingen. “Das Übliche”, sagte er, “jeden Tag wird in Kalkutta demonstriert, für und gegen alles Mögliche.”

Im Hotel lief der Fernseher und die Bilder, die zu sehen waren, kontrastierten mit dem kostbaren Mobiliar, der Stille des Palmen-Innenhofs, dem sanften Grün des Pools so sehr, dass ich meinen Augen nicht traute. Brennende Autos, verwüstete Läden, eine immer größer werdende Menge von jungen Männern, die mit Steinen gegen zurückweichende Polizisten losgingen. - “Wo spielt sich das bloß ab?” fragte ich den Portier, der meinen Koffer brachte. “Fast um die Ecke von hier”, antwortete er lächelnd, “ein paar Straßenzüge weiter. Es geht um Nandigram.”

So geriet ich also in einen Stadt-Aufstand - ziemlich unwissend, wenn auch nicht ganz uninformiert. Denn Nandigram war mir vorher schon ein Begriff. Nandigram war gewissermaßen in aller Munde in Delhi. Dort hatten mich Künstler auf die “Schande” aufmerksam gemacht, die Menschenrechtsverletzungen, zu denen es Anfang November gekommen war. Diese Künstler gehörten zu den Mitunterzeichnern einer Protest-Resolution, die von den “Regierenden” forderte, die Leute nicht länger zu vertreiben und zu terrorisieren. Mit den “Regierenden” war die kommunistische Regierung von West-Bengalen gemeint, aber auch die in Delhi. Und die hatte reagiert. Premierminister Singh erklärte in einer aufsehenerregenden Rede am 20. November, dass er volles Verständnis für den Protest der Künstler und Intellektuellen habe. Der Staat habe die Pflicht, “alle seine Bürger zu schützen”.

Das war schon starker Tobak. Jeder in und außerhalb Kalkuttas wusste, dass die dort seit 30 Jahren herrschende kommunistische Partei ihre Anhänger mit paramilitärischen Milizen schützt und jeden, der sich ihr in den Weg stellt - und das waren in diesem Fall kleine Leute, keine Kapitalistenknechte - bedroht und verfolgt, bis auf Hab und Gut und Leben und Tod.

Frage an den Maler Shuvaprasanna am 21. November in seinem Haus in Kalkutta: “Sie gehören doch zu den Künstlern, die immer die Kommunisten in West-Bengalen unterstützt haben, warum protestieren Sie jetzt?” - “30 Jahre an der Macht haben die Partei verändert. Sie ist ein Apparat geworden, der nichts mehr duldet, außer sich selbst. Sicher braucht Kalkutta Wachstum, aber doch nicht auf Kosten der Landbevölkerung, die gerade durch eine jahrzehntelange kluge Politik genau dieser Partei zu einigem Wohlstand gekommen ist und jetzt ihr Leben verteidigt. Menschenrechte missachten, das ist die Linie, die nicht überschritten werden darf. Von keiner Partei - von einer kommunistischen schon gar nicht. Indien ist eine Demokratie!”

Die Nacht des 21. November war ruhig in Kalkutta, die meisten Straßen menschenleer. Polizeisperren riegelten den Bezirk des Aufruhrs ab. Unser Programm ging weiter wie vorgesehen. Beim Oberbürgermeister fragten wir nach dem Schicksal von Taslima Nasreen. Ja, sie habe Kalkutta verlassen. Ja, dies sei ein Bruch mit der liberalen, toleranten Politik der Stadt. Es könne auch bisher niemand sagen, wie es zu diesem explosiven “Protest-Gemisch” kam: Wut über Mord und Totschlag in Nandigram, noch größere Wut gegen die Schriftstellerin, die angeblich Muslime beleidigt habe. Der Oberbürgermeister wirkte ratlos - wie die Minister, die im Fernsehen zu Wort kamen. Eine Konsequenz zogen sie allerdings alle: die Ordnung muss wiederhergestellt werden - und zwar eine Ordnung nach den Geboten Gandhis: tolerant, respektvoll dem anderen gegenüber, gewaltlos und demokratisch. Ständig zitiertes Zitat “Indien ist eine Demokratie!”

Am 22. November hatten wir noch einen Termin bei einem erst kürzlich gegründeten Nachrichtenkanal. Auf allen Monitoren waren die Bilder vom Vortag zu sehen - stundenlange Wiederholungsschleifen. Der Chefredakteur meinte: “Unsere Welt gerät manchmal aus den Fugen. Es ist wie ein Vulkanausbruch. Dann richtet sich alles wieder ein… bis zum nächsten Mal.” Er sprach von immer brisanteren Konflikten zwischen Hindus und Muslimen und davon, dass Gandhis übergroßes Vorbild aus dem Gedächtnis schwindet. “Ob dann unsere Demokratie hält, ist die große Frage.”

Gandhi hatte nur Worte

Am 20. November morgens hatte ich in Delhi die Gedächtnisorte für Nehru und Gandhi besucht. Die weiße Residenz inmitten eines “englischen” Parks so voller Andenken an den ersten Premier Indiens. Ein Wohnzimmer eingerichtet, als würde jederzeit wieder jemand darin Platz nehmen, Blumensträuße auf den Tischen, die Korridore voller Bücherregale (Sartre, Camus, Graham Greene). Selbst das Schlafzimmer ist zu besichtigen, das auch das Sterbezimmer ist.

“Hier finden wir den Geist unseres Landes”, erklärt mir ein alter Herr, der mich beim Studieren der Briefe an den Vater - in einem Englisch, wie es heute Tony Blair spricht - beobachtet hat. “Den Geist und den Schmerz”, fügt er hinzu, “denken Sie an die Teilung unseres Landes. Wissen Sie, dass der pakistanische Präsident in Delhi geboren ist - und unser Premierminister in Islamabad?”

Drei Straßenzüge weiter ein anderes britisches Herrenhaus hinter einer langen Mauer, an der Dutzende Rikschas und Fahrräder stehen. Durch ein schmales Portal geht es auf das Grundstück, das einem Wallfahrtsort gleicht. Ein kleiner Anbau des Haupthauses ist das Ziel: ein vielleicht acht Quadratmeter großes Zimmer. Von hier aus hat Mahatma Gandhi im Winter 1947/48 versucht, das neue unabhängige Indien aus einer Orgie der Gewalt zu Gewaltlosigkeit und Demokratie zu überreden. Er hatte nur Worte - richtete sie an alle und jeden, die zuhören wollten. Der kleine Raum am Ende des kolonialen Prunksitzes war das Gehäuse dieser einmaligen Kampagne, der Ort, von dem alles ausging, der Ort, zu dem alle kamen. Es ist heute noch alles so, wie es damals war: die Baumwollspindel, die Brille, die Bleistifte, der große Sonnenhut, ein Lager am Boden, zwei Leinensäcke als Kopfstützen … unaufhörlich schieben sich die Besucher durch den winzigen Raum. Es gibt eine Tür, die ins Freie führt. Durch sie ist Gandhi jeden Tag gegangen, um draußen mit den Menschen zu sprechen und zu beten - so auch am 30. Januar 1948 zum letzten Mal. Ein paar Meter vom Haus entfernt, inmitten einer unüberschaubaren Menschenmenge schoss der Attentäter.

Die Menschen heute scheinen jeden Meter dieses Ortes abzugehen, jeden Zentimeter abzutasten. Viele weinen. Junge Frauen erklären, “wie es damals war”, und es erscheint so gegenwärtig, dass ich - die Besucherin aus einer anderen Welt, die als zwölfjähriges Mädchen 1948 die Film-Bilder dieses mageren, alten Mannes gar nicht verstanden habe -, dass ich das Gefühl nicht loswerde: Gandhi lebt, sein im 20. Jahrhundert einmaliger Appell an Frieden und Humanität ist nicht vergessen - und wie sehr tut das not.

Luc Jochimsen war im November 2007 als Mitglied einer Bundestagsdelegation in Delhi, Kalkutta und Bombay, um Politiker, Parlamentarier und Verleger zu treffen.

Quelle: Freitag   - Die Ost-West-Wochenzeitung 51/52 vom 21.12.2007. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

24. Dezember 2007

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