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Nuklearer Ritterschlag

Aufstieg: Ein Vertrag mit den USA soll Indien in die Erstliga der Atommächte befördern


Von Wolfgang Kötter

Indiens Premier Manmohan Singh spricht gern von einer “strategischen Zusammenarbeit” mit den USA. Er hat nichts dagegen, wenn sein Land als “regionales Gegengewicht” zu China und der Nuklearvertrag mit den USA als Vehikel gilt, einem solchen Part gerecht zu werden. Ein Jahr lag dieses Abkommen auf Eis. Singh hätte mit einer Unterschrift seinen Sturz riskiert. Ende 2007 jedoch ist vieles anders - der Vertrag könnte bald das Unterhaus in Delhi passieren und vom Agreement zwischen einer etablierten und einer aufsteigenden Atommacht künden.

Alles begann zunächst mit einem Paukenschlag: Am 2. April 1954 appellierte Indiens Premierminister Jawaharlal Nehru an die Atomwaffenstaaten, alle Nuklearversuche einzustellen. Als einer der Wortführer der sich gerade formierenden Blockfreien-Bewegung sprach er von einer allgemein wachsenden Besorgnis über die gesundheitsschädigenden Folgen der seinerzeit allein überirdischen Kernwaffentests. Nehru trug in den folgenden Jahren nicht wenig dazu bei, dass es 1963 zum Teilteststoppvertrag kam, mit dem Versuche in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser fortan verboten blieben. Gegenüber der Ächtung unterirdischer Tests verhielt sich sein Land hingegen reserviert. Man verhandelte zwar auf der Genfer Abrüstungskonferenz, um dann aber wegen der Blockadehaltung der etablierten Atommächte in letzter Minute auszusteigen.

Bis heute hat sich an dieser Position nichts Wesentliches geändert. Obwohl inzwischen 137 Staaten den Teststopp-Vertrag unterzeichnet haben, weisen Indien wie auch sein Atomrivale Pakistan das Abkommen nach wie vor als diskriminierend zurück. Mit dem gleichen Argument waren beide Staaten 1970 auch zum Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag auf Distanz gegangen. Begründung: Damit werde eine Zweiklassengesellschaft von Atomwaffenbesitzern und nuklearen Habenichtsen festgeschrieben.

Auf Wunsch von Staatsgründer Nehru war bereits 1948 für Indien eine Nationale Atomenergiekommission (IAEC) gegründet worden, die sich einer friedlichen Nutzung der Kernenergie widmen sollte, auch wenn man es sich ausdrücklich vorbehielt, “diese Energie - wenn erforderlich - auch anders” zu verwenden. Mit Hilfe von Kanada, der UdSSR und den USA wurden erste Atomreaktoren gebaut, Uranbergwerke betrieben sowie beachtliche Mengen an Plutonium aufbereitet. Trotz aller Assistenz aus dem Ausland galt das Prinzip Autarkie - Indien wollte den vollständigen nuklearen Brennstoffkreislauf aus eigener Kraft beherrschen.

Das eigentliche Atomwaffenprogramm startete 1962 nach dem verlorenen Grenzkrieg mit China. Am 18. Mai 1974 gelang es erstmals erfolgreich, einen nuklearen Sprengsatz zu zünden. Hatte Delhi sich noch bemüßigt gefühlt, diese erste Nuklearexplosion mit dem Euphemismus “friedlich” zu versehen, deklarierte es derartige Tests alsbald offen als Kernwaffenversuche, worauf Pakistan umgehend mit einer eigenen Testserie reagierte. Der nukleare Rüstungswettlauf in Südasien gewann an Tempo und Schärfe. Delhi und Islamabad rangen sich zwar zu einem “Heißen Draht” durch, um einen durch Zufälle oder Pannen ausgelösten Atomkrieg zu vermeiden, doch blieb man sich bis heute in erbitterter Feindschaft verbunden.

Wer von beiden Mächten zum präventiven Erstschlag ausholt, der weiß - die Vorwarnzeit ist mit drei Minuten extrem kurz. Da die Arsenale bisher noch begrenzt sind, besitzen weder Indien noch Pakistan eine gesicherte Zweitschlagskapazität. Im Konfliktfall muss also in kürzester Zeit entschieden werden, die Atomraketen zu starten oder möglicherweise zu verlieren, noch bevor sie vom Boden abgehoben haben. Kein Horrorszenarium, immerhin haben beide Staaten seit der Unabhängigkeit von 1947 bereits drei Kriege gegeneinander geführt.

Während der Kämpfe im Kargil-Gebiet (Region Kaschmir) vor acht Jahren konnten auf pakistanischer Seite nur mit knapper Not die Startvorbereitungen zu einem nuklearen Raketeneinsatz gestoppt und desaströse Folgen verhindert werden. William Arkin und Robert Norris vom renommierten Bulletin of the Atomic Scientists merkten dazu an: “Bombay, Calcutta und Dehli haben Einwohnerzahlen von zwölf, elf beziehungsweise acht Millionen Menschen - Karatschi, Lahore und Rawalpindi acht, fünf beziehungsweise zwei Millionen… Eine Bombe, die auf eine große indische oder pakistanische Stadt abgeworfen wird, sorgt für ein millionenfaches Sterben.”

Jahrelang wurde Indien geschmäht, weil es den Atomwaffensperrvertrag und auch das nukleare Testverbot ignoriert hat - bald jedoch könnte es mit diesem Paria-Status vorbei sein, wenn das mit den USA ausgehandelte Nuklearabkommen, das de facto den indischen Kernwaffenstatus akzeptiert, für den Ritterschlag sorgt. Trotz aller Kritik und der von den etablierten Atommächten verhängten Handelsbeschränkungen für den nuklearen Technologietransfer hält die Bush-Administration an diesem Vertrag fest.

Unschwer lässt sich erraten weshalb - Indien ist dazu auserkoren, den wachsenden Einfluss Chinas auch atomar zu kompensieren. Das Regime der nuklearen Nichtverbreitung nimmt ein weiteres Mal schweren, vielleicht irreversiblen Schaden. Es wird einfach ignoriert, wie sehr es gerade diesem Vertragssystem zu danken ist, dass es heute erst neun und nicht wie einst befürchtet 20 oder 30 Atomstaaten gibt. Dies könnte sich bald ändern. Viele Staaten scheinen aus den Konflikten seit 1990/91 - man denke an den Balkan, an Afghanistan, den Irak oder Sudan - die Erkenntnis zu ziehen: Im Ernstfall schützen weder das Völkerrecht noch politische Versprechen vor einem Angriff. Nur wer selbst über die ultimative Waffe verfügt, besitzt die harte Währung der Weltpolitik, mit der man sich den eigenen Schutz erkaufen kann. Für Indien gibt es daran längst keinen Zweifel mehr.

Quelle: Freitag   - Die Ost-West-Wochenzeitung 51/52 vom 21.12.2007. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Kötter und des Verlags.

Veröffentlicht am

22. Dezember 2007

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