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Dom Luiz Cappio beendet sein Fasten

Brief zum Ende des Fastens von Dom Luiz Cappio - Den Kampf um das Überleben des Rio São Francisco gemeinsam fortsetzen. 


Dom Luiz Cappio, Bischof von Barra, erklärte am Donnerstag  (20.12.2007) nach der Abendmesse in Sobradinho, die von Dom José Geraldo, Bischof von Juazeiro, geleitet wurde, sein Fasten offiziell für beendet.

Aus Protest gegen die von der Regierung mit zweifelhaften Methoden in Angriff genommene Umleitung des Rio São Francisco hat er bereits 23 Tage ohne Nahrungsaufnahme zugebracht. Nach der Bekanntgabe einer höchstrichterlichen Entscheidung vom 19.12., der den Bau der Kanalsysteme - zwischendurch war ein Baustop verfügt worden - wieder freigab, war Dom Cappio zusammen gebrochen und musste kurzzeitig im Spital Memorial in Petrolina behandelt werden.

Vor über 700 Teilnehmern las Dom Cappio im Rollstuhl sitzend und offensichtlich in guter Verfassung einen Brief an die Menschen des Nordostens: “Nach diesen 24 Tagen beende ich mein Fasten, aber nicht meinen Kampf, der auch unserer ist.” Er bedankte sich bei allen Anwesenden für die Solidarität. Seine Entscheidung wurde mit Freude und mit viel Applaus zur Kenntnis genommen. Seit seiner Einlieferung ins Krankenhaus war seitens seiner Familie sowie von Künstlern und Weggefährten der Wunsch nach einem Ende des Hungerstreiks laut geworden. Während der 24 Tage des Fastens hat Dom Cappio neun Kilo verloren und wiegt nun 63,5 kg.

Der Befreiungstheologe Leonardo Boff sagte, durch seinen Hungerstreik habe Dom Cappio eine breite Debatte über die Lage im brasilianischen Nordosten ausgelöst. “Im Grunde wollte Dom Luiz den Präsidenten daran erinnern, dass er gewählt wurde, weil er versprochen hatte, für die Armen zu regieren”.

Bereits am Tag zuvor wiederholte Präsident Lula auf die Fragen von Journalisten über die Umsetzung des Projekts, dass er mit allen Mitteln daran festhält und dass sie - bereits von Pedro II. als Traum ausgesprochen - das größte Werk seiner Regierung sein wird. “Würde sich der Staat ergeben, würde er sich aufgeben - er muss aber funktionieren”, sagte Lula und  forderte Dom Cappio zum Abbruch des Fastens auf, da er nicht nachgeben wird. Das Projekt würde 12 Millionen Menschen des Nordostens zugute kommen und auch die Zukunft des Flusses garantieren. Die Gegner des Projekts und Dom Cappio bezweifeln das allerdings und sprechen von Privilegien für die exportorientierte Agro- und Hydro-Industrie.

Gustav Krammer, Pax Christi Burgenland, 21.12.2007

Brief von Bischofs Luiz Cappio über das Ende des Fastens gegen die Umleitung des Rio São Francisco

Sobradinho, 20.12.2007

Ankunft des Herrn

“Meine Schwestern und Brüder der Region des São Francisco, des Nordostens und von Brasilien: Paz e Bem! Friede und Wohlergehen!”

Mach die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest! Sag den Verzagten: Habt Mut, fürchtet  euch nicht! Seht, hier ist euer Gott! Die Rache Gottes wird kommen und seine Vergeltung: er selbst wird kommen und euch erretten. Dann werden die Augen der Blinden geöffnet, auch die Ohren der Tauben sind wieder offen. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, die Zunge des Stummen jauchzt auf. (Jes, 35, 3-6)

Gestern vollendete ich 36 Jahre meines Priesterseins - 36 Jahre im Dienst an den Bewohnern der Favelas von Petropolis (Rio de Janeiro), der Arbeiter an den Stadträndern von São Paulo und dem Volk in den semiariden Gebieten des Nordostens Brasiliens. Gestern sahen wir fassungslos, wie die Mächtigen das Theater der Unterwürfigkeit der Justiz feierten. Gestern, als mir meine Kräfte ausgingen, erfuhr ich wirklich die Hilfe jener, die mir in diesen langen und leidvollen Tagen zur Seite standen.

Aber unser Kampf geht weiter und er hat seine Fundamente dort, wo alles seinen Bestand hat: im Glauben an den Gott des Lebens und in der organisierten Vorgangsweise des Volk. Unser weiterer Kampf besteht darin, das Leben des Rio São Francisco und seines Volkes zu garantieren und den Zugang zum Wasser sowie eine wirkliche Entwicklung zugunsten aller betroffener Bevölkerungsteile im gesamten semiariden Gebiet zu gewährleisten, und nicht nur eines Teiles.

Das ist den Einsatz meines Lebens wert und ich bin glücklich, dass ich mich dazu entschieden habe, als Teil meiner Hingabe an den Gott des Lebens, an das lebendige Wasser, das Jesus ist und das sich denen schenkt, die elendiglich zu leben haben aufgrund von Strukturen der Unterdrückung und des Todes.

Während dieser Tage war es eine große Freude für uns zu sehen, wie das Volk sich erhebt und wie in seinem Herzen die bewusste Kraft der Einheit wieder aufleuchtet, wenn Kinder und Jugendliche Lieder der Hoffnung und Parolen mit erhobenen Händen singen; wenn die Blicke sich in eine Zukunft richten, die wir für unser geliebtes Brasilien ersehnen: eine Zukunft, in der alle - alle ohne irgendwelche Ausnahmen - Brot zu essen, Wasser zu trinken, Land zum Arbeiten, Menschenwürde und Bürgerrecht haben.

Ich habe mit viel Liebe und Hochachtung die Solidarität von jedem von euch, nahe oder entfernt, erhalten. Ich freute mich über die Solidarität meiner Brüder im Bischofsamt, Patern und Hirten, die auf brüderliche Weise ihr Verständnis der schwerwiegenden Momente, die wir erleben, zum Ausdruck brachten.

Durch ihr mutiges Positionspapier machte uns die Brasilianische Bischofskonferenz CNBB wieder Hoffnung und lässt sie wieder als solche erkennen, die sie immer in ihren Blütezeiten war: Jesus und seinem Evangelium gegenüber treu ist sie eine Einrichtung, die sich den großen Anliegen Brasiliens und seines Volkes zuwendet und bei der Verteidigung der Würde der menschlichen Person und der unaufgebbaren Grundrechte klare und entschlossene Positionen einnimmt. Vorrangig stellt sie sich auf die Seite der Armen und Marginalisierten in diesem Land.

Ich habe mit großem Respekt die Appelle meiner Familienangehörigen, von Freunden und Schwestern und Brüdern vernommen, die mich in diesem Kampf begleiten und die mich stets lebend und im Einsatz für das Leben wollten: im Kampf gegen die Zerstörung unserer Biodiversität, unserer Flüsse, unserer Landsleute und gegen die Arroganz jener, die alles in einen Kaufladen und in Wechselgeld transformieren wollen. In Sobradinho ist ein wunderbares Gemeinschaftswerk entstanden, wir erleben unvergleichbare Momente der intensiven Gemeinsamkeit und der Ausübung von Solidarität.

Nach diesen 24 Tagen beende ich mein Fasten, aber nicht meinen Kampf, der auch der eure ist, der unserer ist. Wir müssen die Debatten ausweiten, die wahren Informationen verbreiten und am Wachsen unserer Bewegung arbeiten, bis wir jenes Projekt des Todes zum Fall gebracht und eine wirkliche Entwicklung für die semiariden Gebiete und den São Francisco erreicht haben.

Euch zuliebe, die ihr mit mir gekämpft habt und den gleichen Weg beschreitet, beende ich mein Fasten. Ich weiß, dass ich mit euch rechnen kann, und ihr könnt auf mich zählen, wenn es darum geht, unsere Schlacht fortzusetzen, damit “alle das Leben haben, und zwar Leben in Fülle”.

Dom Frei Luiz Flávio Cappio, OFM
Bischof von Barra-BA

Quelle: Carta de dom Cappio anunciando o fim de seu jejum contra a transposição do Rio São Francisco . Übersetzung von Gustav Krammer

 



Nachricht vom 20. Dezember 2007

Bischof Cappio: Solidaritätsbrief der Deutschen Bischofskonferenz an Präsident Lula da Silva

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, hat sich in einem Brief an Staatspräsident Lula da Silva mit dem im Hungerstreik befindlichen Bischof Luíz Cappio (Brasilien) solidarisiert. Lehmann brachte seine eindringlich Sorge um das Leben des Bischofs zum Ausdruck und bat Präsident Lula, den Hilferuf von Dom Luíz und den der vielen Menschen, die sein Fasten und Beten begleiten, zu erhören.

Der Brief im Wortlaut:

Deutsche Bischofskonferenz
Der Vorsitzende

Zeugnis des Bischofs Dom Frei Luíz Flavio Cappio OFM

Sehr geehrter Herr Präsident,

mit großer Sorge hat die Deutsche Bischofskonferenz vom radikalen Zeugnis von Herrn Bischof Luíz Flavio Cappio erfahren. Über viele Jahre haben unsere Hilfswerke ADVENIAT und MISEREOR sein entschiedenes Eintreten für die von Armut betroffene Landbevölkerung begleitet. Seine Entscheidung, sein Leben für die Natur und die Menschen am Rio Sãõ Francisco einzusetzen, haben wir mit großem Respekt aufgenommen.

Als Partner der Kirche und der Menschen in Brasilien ist es uns ein tiefes Anliegen, Bischof Cappio unsere Verbundenheit auszusprechen und die Menschen in Deutschland zur Solidarität aufzurufen. Bitte verstehen Sie unseren Appell nicht als Versuch einer politischen Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ihres Landes. Es entspricht unserem weltkirchlichen Auftrag aus dem prophetischen Geist des Evangeliums Solidarität zu üben und die Stimme zu erheben zur Bewahrung der Schöpfung - über die Landesgrenzen hinaus.

Die Nachrichten, die wir täglich aus Brasilien erhalten, geben uns Anlass zu der Befürchtung, dass der ungelöste Konflikt um die Umleitung des Rio Sãõ Francisco mit dem Tod unseres Mitbruders enden könnte. Wir teilen die Position der Brasilianischen Bischofskonferenz CNBB, dass der Staat die Verantwortung hat, der Bevölkerung Zugang zu gutem Wasser zu ermöglichen und dass die Suche nach Lösungen für eine nachhaltige Entwicklung in einem breit angelegten Dialog erfolgen muss. Wir teilen auch die Meinung, dass der Rio Sãõ Francisco revitalisiert werden muss und die Rechte der regionalen Bevölkerung - besonders der indigenen, der afrikanisch-stämmigen Bevölkerung und der Flussuferbevölkerung - respektiert werden müssen. Als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz bitte ich Sie mit allem Respekt vor Ihrer Person und Ihrer Verantwortung als Staatspräsident, den Hilferuf von Dom Luíz und der vielen Menschen, die sein Fasten und Beten begleiten, zu erhören.

Über Ihre Antwort würde ich mich sehr freuen.

Hochachtungsvoll
Karl Kardinal Lehmann

Bonn, im Dezember 2007



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Veröffentlicht am

21. Dezember 2007

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