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Zahl der Kriege und bewaffneter Konflikte auf niedrigstem Stand seit 1993

Das Kriegsgeschehen des Jahres 2007: Allgemeine Trends

Nach Untersuchungen der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) an der Universität Hamburg wurden im Jahr 2007 weltweit 42 Kriege und bewaffnete Konflikte geführt. Damit befindet sich diese Zahl auf dem niedrigsten Stand seit 1993. Allerdings verlief die Entwicklung 2007 nicht nur positiv. So waren auch sechs neu eskalierte kriegerische Konflikte zu verzeichnen, denen neun beendete gegenüberstanden.

Beendet wurde der Krieg in Nepal, in dem maoistische Rebellen seit 1999 für einen Systemwechsel gekämpft haben. Auch der "Sommerkrieg" zwischen Israel und der libanesischen Miliz Hizb-allah eskalierte nicht erneut. Seit einem 2006 geschlossen Waffenstillstand schwiegen auch die Waffen im Krieg der Lord’s Resistance Army (LRA) gegen die ugandische Regierung. Ebenfalls beendet wurden die früheren Kriege in Côte d’Ivoire und Laos, die 2006 bereits nur noch das Ausmaß bewaffneter Konflikte angenommen hatten. Darüber hinaus wurden auch die bewaffneten Konflikte in der angolanischen Exclave Cabinda, in Haiti und Saudi-Arabien sowie in der brasilianischen Metropole Sao Paulo beendet.

Drei Kriege und drei bewaffnete Konflikte wurden 2007 neu registriert. Im Libanon eskalierte der Konflikt zwischen der islamistischen Gruppierung Fatah al-Islam und Sicherheitskräften zwischen Mai und September zu einem lokal begrenzten Krieg um das palästinensische Flüchtlingslager Nahr al-Bared im Norden des Landes. Im Gazastreifen wurde der Machtkampf zwischen den beiden wichtigsten Gruppen der Palästinenser, Hamas und Fatah, mit kriegerischer Gewalt ausgetragen. In den Grenzregionen Pakistans zu Afghanistan entwickelte sich der Kampf gegen Rückzugsbasen der Taliban unter Einbeziehung lokaler islamistischer Gruppierungen zu einem eigenständigen Krieg.

Drei frühere Kriege eskalierten 2007 nach langen Jahren relativer Ruhe zu bewaffneten Konflikten: Der Krieg in der an Somalia grenzenden äthiopischen Region Ogaden war 1984 beendet worden. Und in Niger und Mali waren die Konflikte mit Rebellengruppen der Tuareg seit 1994 bzw. 1996 nicht mehr mit kriegerischer Gewalt ausgetragen worden.

Die von organisierten Kämpfen zahlenmäßig am stärksten betroffene Weltregion ist nach wie vor Asien mit 16 kriegerischen Konflikten. Mit jeweils 12 Kriegen und bewaffneten Konflikten weisen aber auch Afrika und der Vordere und Mittlere Orient eine große Anzahl kriegerischer Auseinandersetzungen auf. In Lateinamerika waren zwei kriegerische Konflikte zu verzeichnen. Damit bestätigt sich auch im Jahr 2006 die regionale Ungleichverteilung des weltweiten Kriegsgeschehens: Weit über 90 Prozent aller Kriege finden in der "Dritten Welt" statt.

Das Kriegsgeschehen des Jahres 2007: Überblick

Insbesondere drei Konflikte erregten 2007 öffentliches Interesse. Neben dem Krieg im Irak, der seit 2003 regelmäßig im Mittelpunkt internationaler Aufmerksamkeit steht, galt dies 2007 auch wieder für den so genannten Antiterrorkrieg in Afghanistan. Speziell für Deutschland spielte dabei die Frage der Ausweitung des ISAF-Einsatzes und der Einsatz von Tornado-Kampfflugzeugen zur Luftaufklärung im Süden des Landes eine große Rolle. Der dritte vielbeachtete Konflikt fand in Palästina statt. Dort eskalierte im Gazastreifen der Machtkampf zwischen Hamas und Fatah zum Krieg mit der Folge, dass sich im Gazastreifen die Hamas vorerst durchsetzen konnte, während die nicht mehr dauerhaft von Israel besetzten Gebiete im Westjordanland von der Fatah kontrolliert werden.

Als Konflikt mit den weltweit gravierendsten humanitären Auswirkungen dauerte im Sudan der Krieg in der Region Darfur an. Dieser wurde aber auch 2007 nur sporadisch beachtet, obwohl er sich seit 2006 auf die Nahbarländer Tschad und Zentralafrikanische Republik ausgeweitet hat.

Neben den neuen bewaffneten Konflikten in Niger, Mali und Äthiopien eskalierten in Afrika die beiden Kriege im Osten der Demokratischen Republik Kongo und in Somalia nochmals. Positiv verlief dagegen die Entwicklung in Burundi, wo nur noch sporadische Kampfhandlungen mit Resten ehemaliger Rebellengruppen zu beobachten waren. Keine wesentlichen Veränderungen ergaben sich in den bewaffneten Konflikten in der senegalesischen Casamance-Region und in Nigeria.

Von den 16 kriegerischen Konflikten in Asien erhielt 2007 lediglich der Tamilenkonflikt auf Sri Lanka zeitweise größere öffentliche Aufmerksamkeit. In Pakistan gingen zwar die Kampfhandlungen mit Rebellen in der Provinz Belutschistan zurück, jedoch eskalierte der Konflikt mit den Taliban um deren Rückzugsgebiete in den Grenzregionen zu Afghanistan unter Einbeziehung lokaler islamistische Gruppierungen von einem Nebenkriegsschauplatz des "Antiterrorkrieges" zu einem eigenständigen Krieg.

Positiv scheinen die Entwicklungen im indonesischen Westpapua und in Osttimor zu verlaufen, wo Kampfhandlungen jeweils zuletzt in der ersten Jahreshälfte berichtet wurden. Alle anderen kriegerischen Konflikte in Asien wiesen keine wesentlichen Veränderungen auf. Indien blieb auch 2007 das Land mit den meisten kriegerischen Konflikten. Die Kriege in Myanmar (früher Birma), dem südlichen Thailand und auf den Philippinen dauerten ebenfalls an.

Im Vorderen und Mittleren Orient fanden 2007 mit den Kriegen im Irak, Afghanistan und in den palästinensischen Autonomiegebieten die bewaffneten Auseinandersetzungen mit dem breitesten öffentlichen Interesse statt. Darüber hinaus dauerte auch der Nahostkonflikt zwischen palästinensischen bewaffneten Gruppen und dem israelischen Militär an. Im Libanon eskalierte der Konflikt mit der islamistischen Fatah al-Islam zu einem sowohl lokal als auch zeitlich begrenzten Krieg.

Der Kurdenkonflikt in der Türkei stieß vor allem wegen der Androhung des Vorgehens türkischer Streitkräfte gegen Rückzugsbasen der PKK im Nordirak auf ein zeitweises Interesse. Dass der Konflikt in Algerien noch andauert, wurde durch die Bombenanschläge der letzten Woche in Erinnerung gerufen. Im russischen Tschetschenien-Konflikt hielt der Trend der Vorjahre an und das Kriegsgeschehen weitete sich auf andere Gebiete des Nordkaukasus innerhalb der Russischen Föderation aus. Wenig Veränderungen ergaben sich 2007 in den kriegerischen Konflikten in Jemen und Georgien.

In Süd- und Mittelamerika dauerten die seit Mitte der 1960er Jahre geführten Kampfhandlungen mit zwei linksgerichteten Rebellengruppen in Kolumbien noch an. Dabei wurden mit der kleineren ELN erfolgversprechende Friedensgespräche geführt, die ein Ende des Krieges in Aussicht stellen. Dagegen blieben die Gespräche mit der größeren FARC trotz Vermittlung des Nachbarlandes Venezuela bislang erfolglos.

Quelle: Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF)   Universität Hamburg - Pressemitteilung vom 17.12.2007.

 

AKUF-Kriegsdefinition

"Krieg" definiert die AKUF in Anlehnung an den ungarischen Friedensforscher István Kende (1917-1988) als einen "gewaltsamen Massenkonflikt, der alle folgenden Merkmale ausweist:

(a) an den Kämpfen sind zwei oder mehr bewaffnete Streitkräfte beteiligt, bei denen es sich mindestens auf einer Seite um reguläre Streitkräfte (Militär, paramilitärische Verbände, Polizeieinheiten) der Regierung handelt;

(b) auf beiden Seiten muss ein Mindestmaß an zentralgelenkter Organisation der Kriegführenden und des Kampfes gegeben sein, selbst wenn dies nicht mehr bedeutet als organisierte bewaffnete Verteidigung oder planmäßige Überfälle (Guerillaoperationen, Partisanenkrieg usw.);

(c) die bewaffneten Operationen ereignen sich mit einer gewissen Kontinuität und nicht nur als gelegentliche, spontane Zusammenstöße, d.h. beide Seiten operieren nach einer planmäßigen Strategie, gleichgültig ob die Kämpfe auf dem Gebiet eines oder mehrerer Gesellschaften stattfinden und wie lange sie dauern." Kriege gelten als beendet, soweit Kampfhandlungen dauerhaft, d.h. für mindestens ein Jahr, eingestellt bzw. nur unterhalb der Schwelle der AKUF-Kriegsdefinition fortgesetzt werden.

Bei einem "bewaffneten Konflikt" handelt es sich um gewaltsame Auseinandersetzungen, bei denen die Kriterien der Kriegsdefinition nicht in vollem Umfang erfüllt sind.

Veröffentlicht am

19. Dezember 2007

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