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Dom Luiz wird jetzt von einem befreundeten Arzt begleitet. Weltweiten Protest sichtbar machen!

Sobradinho - Seit 17.12.07, dem 21. Tag seines Fastens, wird Bischof Cappio ständig von einem befreundeten Arzt begleitet. Der ärztliche Bericht spricht von beginnender Organschwäche, aber Dom Luiz Cappio hält an seiner Entscheidung fest, sein Fasten durchzuhalten. Er beteuert: “Ich fühle mich geistig und spirituell stark.”

Seit Beginn seines Fastens hat er bereits acht Kilo an Gewicht verloren. Er weist Zeichen von niedrigem Blutdruck auf und hat immer wieder starke Blutdruckschwankungen. Außerdem wandern die Magenbakterien, wo sie kein geeignetes Milieu mehr finden, in andere Gegenden des Körpers und verursachen so Unwohlsein.

Für die am 19.12.07. eingeräumte Sitzung des obersten Bundesgerichtshof sind bereits mehrere Busse mit Flussanrainern, Mitgliedern der sozialen Bewegungen und Pastoralmitarbeiter in Brasília eingetroffen. Sie haben ihre Zelte vor dem Regierungs- und Justizgebäude aufgeschlagen. Mit dieser Geste möchten sie Dom Luiz Cappio ihre Solidarität aussprechen und gegen das Flussumleitungsprojekt demonstrieren. Sie werden bis zum Ende der Gerichtsverhandlung bleiben und versuchen, durch ihre friedliche Präsenz die Minister auf die fatalen Konsequenzen aufmerksam zu machen, falls es zur Weiterführung des Projektes kommen sollte.

Mahnwachen und nationales solidarisches Fasten

Als Geste der Solidarität finden im ganzen Land Kundgebungen statt. Der heutige Tag (17.12.) wurde zum “Nationalen Tag des solidarischen Fastens und der Mahnwache” erklärt. Daran beteiligten sich die CNBB (brasilianische Bischofskonferenz), die CARITAS, die CIMI, die CPT, die sozialen Bewegungen, aber auch verschiedene brasilianische Persönlichkeiten haben sich der Aktion angeschlossen.

Im Bundesland Bahia haben die Kundgebungen bereits am Samstag (15.12.) begonnen. Dort haben sich am Wochenende, unter großer Teilnahme der Bevölkerung, über dreitausend Personen zusammengefunden. Sie haben angekündet, sich bis zum Ende der Gerichtsverhandlung auf dem “praça da Piedade”, mitten im Stadtzentrum, zu versammeln, um gemeinsam die Bevölkerung auf die dramatische Situation hinzuweisen.

Ebenso haben sich am heutigen Tag (17.12.), tausende von Menschen in anderen großen Städten Brasiliens wie Belo Horizonte, São Paulo, Rio de Janeiro, Porto Alegre, Florianópolis, Fortaleza, Alagoas, João Pessoa und Manaus zu Kundgebungen getroffen. Gemeinsam bilden sie eine solidarische Kette, die Dom Luiz Kraft geben soll in dieser schweren Zeit.

Kritische Stimmen aus aller Welt sichtbar machen!

Für die entscheidende Sitzung des Obersten Bundesgerichtes am 19.12.07 ist es wichtig, die Richter darauf aufmerksam zu machen, dass die internationale Öffentlichkeit über die Unrechtmäßigkeiten des Projektes der Flussumleitung informiert ist und es in der ganzen Welt kritische Stimmen gibt. Deshalb der Aufruf, den Protestbrief, der sich findet unter  “Solidaritätsbekundungen mit Dom Luiz Cappio an Verantwortliche in Brasilien” , an den Präsidenten, die Minister des Obersten Gerichtshofes und die Botschaft zu schicken.

Die nächsten Tage werden entscheidend sein!


Präsident Lula und Dom Cappio im Spiegel der Geschichte


Von Paulo Maldos

Dom Luiz Flavio Cappio begann vor 17 Tagen einen Hungerstreik zur Verteidigung des São Francisco Stroms bzw. gegen die künstliche Umleitung dieses gewaltigen Flusses. Damit setzt sich Dom Cappio für die Menschen ein, die am und vom Fluss leben - Anrainer, Fischer, Quilombolas (Nachkommen entlaufener Sklaven), Indigenen Völkern - sowie für alle, die im brasilianischen Nordosten unter Wassernot leiden. Schließlich gilt Dom Cappios Fasten dem gesamten natürlichen Lebensraum des nordostbrasilianischen Trockengürtels.

Dom Cappio fordert eine nationale Debatte über das Flussumleitungsprojekt, das nur dem Geschäft mit Wasser, der industrialisierten Agrarbranche und den großen Baufirmen dienen würde. Dom Cappio weist auf die Alternative zur Flussumleitung hin, wobei es sich um ein Projekt handelt, das ebenfalls von der Regierung Lula ausgearbeitet wurde, bzw. genauer von der Nationalen Wasserbehörde ANA. Dieses Projekt konzentriert sich in erster Linie auf den schonenden Umgang mit der Umwelt und zielt darauf ab, Wasser bereitzustellen, nicht vorrangig Geschäfte.

Der Präsident Lula hat den versprochenen Dialog nicht weitergeführt und damit jenen Pakt gebrochen, der den ersten Hungerstreik beendet hat. Vielmehr stellt sich der Präsident nun vehement gegen Dom Cappio, indem er versichert, dass die Bauarbeiten durch das Militär unwiderruflich weitergehen würden. Dies bedeutet, dass für Lula der Tod von Dom Cappio einen gleichermaßen möglichen wie akzeptablen Ausweg darstellt.

Unterdessen bildet sich um den radikalen Akt des Bischofs eine Kette solidarischer Allianzen und Unterstützungen, deren ethische, politische, soziale und ideologische Provenienz leicht erkennbar ist: Es handelt sich um eben jene sozialen Bewegungen, Politiker, Menschenrechtskämpfer, pastorale Dienste, und um jene Persönlichkeiten aus katholischer Kirche, Politik und Kultur, die seit den 80er Jahren Lula als Anführer der breiten Volksmasse unseres Landes gefördert haben. Dieses soziale, politische und kulturelle Universum hat mit Lula während der letzte zwei Jahrzehnte ein Wechselverhältnis gepflegt, das jenem zwischen Kerze und Flamme ähnlich ist: der eine Teil lebt vom anderen Teil.

Die Auseinandersetzung um das Wasserumleitungsprojekt und die damit verbundene Aussicht auf Leben oder Sterben Dom Cappios führen vor folgende Wegkreuzung: überlebt Dom Cappio, so wird sich besagter Weg fortsetzen, wenngleich immer konfliktreicher angesichts der von Lula seit fünf Jahren bezogenen Positionen; sollte Dom Cappio aber sterben, würde dies das endgültige Ende der gemeinsamen Weggeschichte bedeuten.

Nicht nur Dom Cappio würde sterben; auch Lula und seine PT (Arbeiterpartei) wären damit als politische Referenz für die sozialen Bewegungen in der brasilianischen Geschichte gestorben.

Vor nicht allzu langer Zeit haben wir das Ende der Diktatur erlebt, als Resultat eines beispielhaften Zusammenbruchs, den breite soziale und gewerkschaftliche Bewegungen erwirkt hatten und in deren Reihen Lula zum zentralen Protagonisten aufgeblüht war. Wir haben das Ende der Neuen Republik als das Durchsetzen der zivilgesellschaftlichen Alternative erlebt, als Akt des bürgerlichen Widerspruchs. Wir sind in schwarzer Kleidung mit den sozialen Bewegungen auf die Straße gegangen und haben den Absturz des Abenteurers Collor und seines Regimes erreicht. Wir sind Zeugen des per Wahlzettel frustrierten neoliberalen Kurses des “Tucanos” Fernando Henrique Cardoso. Schlussendlich haben sich alle “mit der einzigartigen Verachtung in den Augen der einfachen Leute” gestraft gefunden, so wie es mit der Schlüsselfigur im Stück “Roda Viva” von Chico Buarque de Holanda passiert.

Die Geschichte Lulas erinnert in manchem an den Verlauf des São Francisco Flusses: viele saubere Quellen, dort wo er entspringt; danach ein abschüssiger, hindernisreicher Lauf, mit viel Unrat, Sandbänken und einander gegenläufigen Strömungen; schließlich die Verführung durch das große Kapital im Unterlauf; und damit ein Verfall, der verhindert, dass er im Ozean der Lebensgeschichte des brasilianischen Volkes mündet - sei es der Fluss, sei es der politische Anführer. Die Geschichte des volksnahen Lulas wird in einer Geschichte des Scheiterns auslaufen.

Der phyische Tod Dom Cappios würde den politischen Tod Lulas bewirken.

Brasília, 14. Dezember 2007

Paulo Maldos ist Politischer Beirat des Cimi-Indianermissionsrats


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Veröffentlicht am

18. Dezember 2007

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