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Richterlicher Beschluss verfügt die vorläufige Einstellung des Projektes der Flussumleitung des Rio São Francisco

Neuigkeiten vom 14. Fastentag von Dom Luiz, ein Interview mit ihm aus der Tageszeitung A Tarde und ein Artikel des Franziskanerpaters Adolfo Temme


Sobradinho - Am heutigen vierzehnten Fastentag von Dom Luiz (11.12.2007) kam es zu einer entscheidenden Wende im Tauziehen um das Flussumleitungsprojekt des Rio São Francisco. Richter Souza Prudente vom Oberverwaltungsgericht der Region (Nordosten) hat gestern Abend einem Einspruch der Bundesstaatsanwaltschaft gegen die Resolution 47/2005 (17/1) des Beirats für Wasserressourcen (Conselho Nacional de Recursos Hídricos, CNRH) stattgegeben. Diese seit 2005 erwartete Entscheidung bedeutet, dass das Projekt der Umleitung des Rio São Fancisco bis auf weiteres durch richterlicher Erlass suspendiert ist.

Der Beirat für Wasserressourcen hatte im Jahr 2005, ganz im Sinne der Regierung, die Wasser-Ableitung bewilligt. Daraufhin argumentierte die von den Projekt-Gegnern angerufene Staatsanwaltschaft, dieser Beirat hätte mit seiner Entscheidung die Kompetenzen des Komitees für die Anliegen des Rio São Francisco Tals (Comitê da Bacia Hidrográfica da Bacia do Rio São Francisco, CBHSF) missachtet; in diesem Komitee war das Projekt aufgrund der überwiegenden Ausrichtung für Bewässerungszwecke vorher schon abgelehnt worden. Daraus entstand eine Patt-Stellung, die mit der gestern ergangenen Entscheidung zu Gunsten der Projekt-Gegner überwunden ist.

Allerdings muss nun damit gerechnet werden, dass die Regierung gegen die vorliegende Entscheidung bei der übergeordneten Gerichtsinstanz Einspruch erheben wird. Also gilt es, den endgültigen Spruch des Obersten Gerichtshof Brasiliens abzuwarten.

Dementsprechend vorsichtig ist die Reaktion von Dom Frei Luiz Cappio, der in einer ersten Stellungnahme in einem Fernseh-Interview am frühen Morgen bekräftigte, dass er sein Fasten nur dann abbrechen wird, wenn das Militär tatsächlich von den Baustellen an den Kanalbauarbeiten abgezogen wird und das Wasserumleitungsprojekt definitiv archiviert worden ist. “Ich treffe in meinem Leben normalerweise keine überstürzten Entscheidungen”, meinte Dom Luiz, “doch empfangen wir diese Entscheidung mit großer Freude, denn sie ist ein wichtiges Zeichen der Hoffnung. Aber wir sind noch nicht am Ziel.”

Für den morgigen Mittwoch (12.12.07) ist ein Treffen zwischen Lula und Vertretern der brasilianischen Bischofskonferenz angesetzt. Dom Luiz sprach bereits am Morgen per Telefon mit Kardinal Dom Geraldo Lírio, der den Vorsitz der brasilianischen Bischofskonferenz innehat. In diesem Telefonat versicherte der Kardinal, dass er dem Präsidenten Lula die Bedenken der Bischofskonferenz zum Projekt der Flussumleitung vorbringen werde. “Er hat uns seinen Beistand ausgesprochen”, so der freudige Kommentar Dom Frei Luiz nach dem Telefonat mit Dom Geraldo.

Unterdessen nimmt in Sobradinho die Unterstützung der sozialen Bewegungen zu. Heute Nachmittag empfing Dom Frei Luiz den national und international renommierten Koordinator der Landlosenbewegung MST, João Pedro Stedile und Lucina Genro, Bundestagsabgeordnete der Linkspartei PSOL.

Gestern rief die Via Campesina, ein nationales und internationales Netzwerk von sozialen Bewegungen im Kampf für soziale und ökologische Gerechtigkeit in ländlichen Regionen, im ganzen Land zu Protestveranstaltungen auf. Die Proteste richteten sich gezielt gegen die Umleitung des Rio São Francisco sowie gegen den geplanten Staudamm Rio Madeira in Amazonien. Besonderes Aufsehen erregte die Besetzung der nationalen Elektrizitätsbehörde ANEEL in Brasília, die schließlich von einem gewaltsamen Eingriff eines mächtigen Polizeiaufgebots beendet wurde.


Interview von Dom Luiz aus der Tageszeitung A Tarde

Dom Frei Luiz F. Cáppio
Salvador, Bahia

Samstag, 08/12/2007

Warum ich in Sobradinho faste

Vor 33 Jahren kam ich in das vom São Francisco Strom durchflossene Hinterland Bahias, und fand mich in diesem Fluß wieder. Hier entdeckte ich die mir angemessene Form, dem Beispiel des Franz von Assisi zu folgen, der für mich Vater und Vorbild in der Nachfolge Jesu ist. Wie der Heilige Franz verließ ich eine gutsituierte Familie, um mich in den Dienst der Armen zu stellen. Geboren im entwickelten Umland von São Paulo, fand ich mich nun im Armenhaus des brasilianischen Nordostens wieder. Mit dem São Francisco Strom ist es ähnlich: er entspringt im Bundesstaat Minas Gerais, das zum reichen Südwesten Brasiliens gehört, und fließt - im Unterschied zu den Flüssen seiner Nachbarschaft - in den verarmten Nordosten Brasiliens, wohin er Wasser und Nahrung trägt. Der Strom ist die Achse, das Zentrum, die Lebensader für das Volk. So kommt es, dass ich mich diesem Volk und seinem Fluß zutiefst verbunden fühle und für eine Ökologie einstehe, die von meiner franziskanischen Spiritualität getragen wird.

In all diesen Jahren erlebte ich Tag für Tag den ökologischen und sozialen Niedergang am Rio São Francisco und an seinen Zuflüssen mit. Die eingesessenen Anwohner entlang der Flüsse beklagten sich über die wachsenden Schwierigkeiten, ihren Lebensunterhalt aus dem Fluss zu gewinnen: der Fischbestand ist im Schwinden, die fruchtbaren Schwemmgebiete gehen verloren, Sandbänke breiten sich aus, die Schifffahrt gestaltet sich immer schwieriger, vergiftetes Wasser, Verschmutzung, Austrocknung, … Angesichts dessen fühlte ich mich zu einer radikalen Reaktion gezwungen, die über die weitgehend nutzlosen Anklagen der Missstände hinausgehen sollte. So kam es, dass ich zwischen 1992 und 1993 mit zwei Gefährten und einer Nonne eine große Pilgereise unternahm, die uns über ein Jahr lang von der Quelle bis zur Mündung des São Francisco Stromes führte. Wir wollten die Menschen am Strom aufrütteln, das öffentliche Bewusstsein auf die Flussproblematik lenken sowie das Volk und seine Vertretungen aufrufen, sich der Bewegung zur Rettung des São Francisco Stroms und seiner Menschen anzuschließen.

Diese Wanderung bot die außerordentliche Chance, den Strom, seine Nöte, seine Schönheit und sein Potenzial aus nächster Nähe zu erleben. Dabei wurde uns klar, dass vor allem die ausgedehnten Rodungen der Galerie-Wälder größten Schaden anrichten. Sie werden abgeholzt, um monokulturellen Ackerbau zu betreiben oder Holz für Köhlereien zu gewinnen. In der Folge versiegen die Quellen, die Flussbette versanden, die Ufer erodieren. Dazu kommen die Verschmutzung durch städtische und industrielle Abwässer sowie Wasservergiftungen, die auf schonungslosen Berg- und Ackerbau zurückgehen. Weiteres sind die großen Bewässerungsanlagen zu nennen, die einerseits enorme Konzentrationen an Spritzmitteln einsetzen, andrerseits Unmengen von Wasser verschwenden. Die Dämme und Stromkraftwerke führen sehr oft zur Vertreibung der eingesessenen Flussanrainer, bringen den natürlichen Wasserkreislauf aus dem Lot und beanspruchen 70% der Abflussmenge für die Energie-Gewinnung. Vor allem aber führt die Degradierung des Flusses die Misere und Vernachlässigung der Bevölkerung des Flusstals, denn diese Menschen erfahren die Konsequenzen der Zerstörung des Flusses am eigenen Leib.

Die Wurzel all dieser Fehlentwicklungen liegt im sogenannten “Entwicklungsmodell”, das nichts anderes ist als die ungezügelte Anhäufung von Kapital. Die darin begründete maßlose, unbegrenzte und konfliktreiche Übernutzung von Land, Wasser und Bevölkerung des “Velho Chico”wörtlich “Der Alte Franz”: Bezeichnung des São Francisco Stroms im Volksmund, die einzig auf Gewinnmaximierung abzielt, ist das Todesurteil für den Rio São Francisco, und die Galgenfrist läuft buchstäblich ab. Augenscheinlich wird das an der rasanten Abholzung des Cerrado-Gebiets im Westen Bahias, wo die wichtigsten Zuflüsse entspringen oder an der Vernichtung der Caatinga, jene an die Trockenheit angepasste Vegetationsform Nordostbrasiliens, die heute in Holzkohle umgewandelt wird. Diese Abholzung führt zur Versandung der Zuflüsse und des Hauptstroms. Der Boom der Agro-Treibstoffe aus Zuckerrohr, Soja und Eukalyptus ist die jüngste Gefahr, vielleicht jene, die schlussendlich den Tod des Flusses besiegeln wird.

Für die Rettung des São Francisco Stroms gibt es keine andere Alternative als die unverzügliche, generelle Aussetzung jeglicher weiterer zerstörerischen Projekte und ein entschlossenes Programm zur Fluss-Revitalisierung. Letzteres würde ein Mammut-Unternehmen bedeuten, über Generationen hinweg, unter Zusammenwirken aller staatlichen und zivilgesellschaftlichen Kräfte. Was sich heute als Revitalisierungs-Programm ausgibt, ist allenfalls eine Augenauswischerei, ein Feigenblatt für das Flussumleitungs-Projekt, um nicht zu sagen ein marktschreierischer Kuhhandel, wie der Propaganda-Feldzug des Ministers Geddel gezeigt hat.

Sobradinho ist ein Sinnbild

Ich habe den Ort Sobradinho als Ort meines Fastens ausgewählt. Vor 30 Jahren wurde hier ein riesiges Stauwerk errichtet und dem São Francisco Tals als künstliches Herz eingepflanzt, reduziert auf die Funktion eines Energie-Lieferanten, der für 17 % der Strom-Produktion Brasiliens sorgt bzw. für 95% der im Nordosten konsumierten elektrischen Energie. Wir können also schon hier von einer “Transposição” sprechen, einer “Umleitung” des Wassers in die Energie-Produktion, ein gewaltiger Eingriff in den natürlichen Flusslauf.

Aufgrund der äußerst autoritären Umsetzung des Kraftwerk-Projekts, der Umsiedelung von etwa 72.000 Anrainer-Familien und der Vernichtung ausgedehnten Kulturlandes ist der Ort Sobradinho als Beispiel in die Geschichte eingegangen, wie das Leben der Gier und dem Profit unterworfen wird und der Bevölkerung einem Entwicklungsmodell aufgezwungen wird, dessen hohe soziale und ökologische Kosten zum Tod des São Francisco-Tals führen werden. Im Augenblick liegt der Wasserstand des Stausees bei 14% seines Fassungsvermögens. Die Menschen an den Ufern tragen wieder die Konsequenzen. Somit ist Sobradinho schlicht zum Abbild des schwer kranken São Francisco Stroms geworden. Ein Beispiel für falsche Prioritätensetzung: Die vier Gemeinden, die an den Stausee angrenzen, haben enorme Schwierigkeiten, ihre Bevölkerung mit Wasser zu versorgen; mit 13 Millionen Reais wäre Abhilfe geschaffen, doch warten die Gemeinden seit 2001 auf grünes Licht aus der Politik …

Das Projekt zur Flussumleitung folgt der gleichen Logik wie der Stauwerk Sobradinho. Eigentlich laufen alle großen nationalen Projekte auf diese Logik hinaus, begonnen von den gentechnischen Produktivitätssteigerungen bis zu den Kraftwerken am Rio Madeira oder in Angra II: immer werden Naturraum und Wasser den Interessen privater Unternehmer überlassen und somit unsere natürlichen Ressourcen der globalen kapitalistischen Ausbeutung geopfert. Die großen Herausforderungen des Ressourcen-Schutzes, die das Überleben des Planeten und der menschliche Spezies bedrohen, werden missachtet.

Übersetzung: Martin Mayr


DER STROM DES LEBENS DARF NICHT VERSANDEN

Von Frei Adolfo Temme, Franziskanerpater

Dem Brief des Bischofs sind wir gewöhnlichen Katholiken nicht gewachsen. Er macht ernst mit der Gleichsetzung: Der Christ sollte Christus sein, und das heisst Erlöser. So schreibt Dom Cappio: “Als Jesus sich entschloss, sein Leben zu opfern, hatte er keine Angst vor dem Kreuz. Er nahm es auf sich gekreuzigt zu werden, denn das war der Preis.” Wir schrecken zurück vor der Konsequenz dieser Worte. Kann Glaube so konkret sein? Ist ein Fluss es wert, sein Leben einzusetzen? Für den Bischof ist er Lebensspender, der getötet wird. Der Strom kommt als Gottesbote, der vernichtet wird. Ja, unser Glaube ist erdgebunden, fleischgeworden. Der Sao Francisco, der in Süd Minas entspringt, läuft zunächst auf das reiche Sao Paulo zu. Dann macht er mit einer plötzlichen Kurve die Option für die Armen: Ich will den Dürstenden zu Hilfe kommen. Auf 2.800 km verteilt er Segen, oder besser: hat er einmal verteilt. Nun ist er in der Agonie und soll gegen alle Mahnungen einer Belastung ausgesetzt werden, die er nicht verkraften kann.

Die Herausforderung des Bischofs wird uns beunruhigen: Wofür setze ich denn mein Leben ein? Für Theorien etwa? Wonach hungere ich? Dom Cappio hungert nach Gerechtigkeit. Und dafür gibt er die letzten Reserven.

Der President Lula versucht den Ernst herunterzuspielen mit dem Vermerk: Für ein technisches Problem setzt man nicht sein Leben ein. Aber die Technik ist eben kein Erlöser. Die Bischofskonferenz wagt es nicht, dem Gestus beizustimmen und hebt heraus, dass es unter den Oberhirten keine Einstimmigkeit gebe, wie das natürlich sei. Aber die Entscheidung steht nun mal da als Zeichen an dem sich die Geister scheiden: da ist einer der hungert, obwohl er essen könnte von dem Tisch, bei dem keiner fragt woher das Brot kommt. Das Brot hat aber seinen Geber, Gottes freigebige Natur, die wir nicht zerstören dürfen.


Siehe ebenfalls:

Fußnoten

Veröffentlicht am

12. Dezember 2007

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