Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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“Armut in der Welt: Wie solidarisch ist unser Lebensstil?”

Von Michael Schmid - Referat beim “Treff im Lebenshaus” am 27.10.2007

I.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts muss festgestellt werden, dass ein großer Teil der Menschheitsfamilie in menschenunwürdiger Armut lebt. 854 Millionen Menschen sind permanent unterernährt. Jeden Tag sterben auf diesem Planten 100.000 Menschen an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Von den rund 6 Mrd. ErdbewohnerInnen müssen 1,2 Milliarden Menschen mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen, können sich also das Lebensnotwendige nicht leisten. Die Folgen sind verheerend, ja millionenfach tödlich.

Jedes Jahr werden durch Hunger, Durst, Seuche und Krieg mehr Menschen zerstört, als durch das Blutbad des Zweiten Weltkriegs in sechs Jahren. Für die Menschen der “Dritten Welt” ist der “Dritte Weltkrieg” volle Realität.

Dass Menschen jeden Tag durch Hunger zerstört werden, gehört zu einer “Normalität”, die eiskalt ist. Und dies geschieht auf einer Erde und zu einer Zeit, in der für jeden einzelnen Menschen eine Ration von 2700 Kalorien pro Tag bereitgestellt werden könnten.

“Die Gleichung ist einfach: Wer Geld hat, isst und lebt. Wer keines hat, leidet und wird invalide oder stirbt”, stellt Jean Ziegler, der Schweizer Soziologe und UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, fest: “Ständiger Hunger und chronische Unterernährung sind von Menschen gemacht. Verantwortlich für sie ist die mörderische Ordnung der Welt. Wer auch immer an Hunger stirbt - er ist Opfer eines Mordes.”

Die Herren des globalisierten Kapitals üben das Recht über Leben und Tod dieser Milliarden von Menschen aus. “Durch ihre Investitionsstrategien, ihre Währungsspekulationen, die politischen Bündnisse, die sie eingehen, entscheiden sie Tag für Tag darüber, wer das Recht hat, auf diesem Planeten zu leben, und wer dazu verurteilt ist, zu sterben”, so Ziegler.

Es sind aber nicht nur die Reichen, die durch die ungerechten Strukturen immer reichen werden, während die Armut wächst. Auch als BürgerIn eines reichen Industrielandes sind wir in diese ungerechten Strukturen verwickelt und profitieren davon. Denn wir sind Mitglieder jener Minderheit der “transnationalen KonsumentInnenklasse” (Wolfgang Sachs), die sich z.B. durch Automobilität, den Besitz von Elektro(nik)geräten sowie einen hohen Fleischverzehr “auszeichnet”. Natürlich tun wir dies in unterschiedlicher Weise, denn auch die Gesellschaften des Nordens sind durch soziale Spaltungsprozesse, durch eine Vergrößerung der Kluft zwischen reich und arm geprägt.

Wir dürfen also nicht unsere Augen vor dem Elend in dieser Welt verschließen. Und unsere Herzen ebenfalls nicht.

Doch verspüren wir nicht auch so etwas wie eine moralische Müdigkeit, also Apathie oder sogar Ratlosigkeit, wie so viele Menschen, wenn wir immer wieder mit Fakten und Bildern des Hungers und des Elends besonders aus den ärmsten Ländern der Welt konfrontiert werden?

Der frühere Generaldirektor der UNESCO, Federico Mayor, vertrat die Meinung, würden wir Anteilnahme für jedes einzelne Leben auf diesem Planeten aufbringen, würde bei uns nicht so etwas aufkommen wie “Mitleidsverdrossenheit” fallen. Zur Anteilnahme gehöre das Interesse an den Lebensbedingungen anderer Menschen sowie tiefer Respekt Anderen gegenüber. Zudem der tiefe Wunsch, Miteinander zu leben statt gegeneinander.

In diesem Zusammenhang erzählt Mayor von seiner ganz persönlichen Praxis: “Jeden Morgen, wenn ich aufwache und sehe, wie die Sonne aufgeht, versuche ich deshalb, mir das Kind im Morgengrauen oder bei Sonnenuntergang oder im Dunkeln Tausende von Kilometern weit weg vorzustellen, das hungrig ist, das vielleicht nie zur Schule gehen kann, das vielleicht sogar noch in dieser Nacht sterben wird. Das ist keine angenehme Übung, aber das Leben ist keine ganz angenehme oder schmerzfreie Übung. Das Leben verlangt sehr viel Aufmerksamkeit auch für jene Menschen, die so sehr außerhalb meiner Erfahrenswelt stehen, dass ich meiner Erinnerung konstant nachhelfen muss, um ihre Not zu sehen.”

Federico Mayor geht es also auch darum, die Probleme, Absurditäten und Widersprüche der Geschehnisse in unserer globalen Lebenswelt in uns aufzunehmen und ein gewisses Maß an Leidenschaft zu verspüren, um sie verändern zu wollen. Anders, so glaubt er, ist das Erlernen des Miteinanders, ist die Entwicklung von Frieden und Gerechtigkeit nicht möglich. Und: Mitgefühl könne dann rege und aufmerksam bleiben, wenn es in Taten ausgedrückt werde, die das Problem zu lösen versuchen. Wir müssten also ständig bereit sein, weiterzugehen und im Hier und Jetzt nach den Mechanismen der Armut und Lösungen dafür zu suchen.

II.

Nun ist es sicherlich so, dass in Ländern der “Dritten Welt” mit relativ geringen Geldbeträgen viel bewirkt werden könnte, um die schlimmsten Auswirkungen des Elends zumindest abzumildern. Solche Geldbeiträge könnten von Regierungen und Regierungsorganisationen kommen, aber auch von zivilen Organisationen und von uns privat.

Im Zusammenhang mit den Kosten für eine Wärmedämmung des Lebenshauses hat jemand folgende Anmerkung gemacht: “Wenn man sich dagegen vorstellt, was man mit dem Geld alles machen kann: Ein afghanischer Arzt bekommt nicht viel mehr als 100 Dollar im Monat. Der Tagessatz für ein afghanisches Krankenhaus ist nicht viel mehr als 10 €. Trotzdem können sich viele Leute dort einen Krankenhausaufenthalt nicht leisten. Die Ausbildung und Arbeit von einheimischen Minenräumern, die zum Beispiel medico finanziert, kostet auch nicht die Welt, und ganze Dörfer haben für ein paar Tausend Euro wieder Zugang zu Trinkwasser und zu ihren Feldern.”

Durch diese Anfrage fühle ich mich persönlich ziemlich herausgefordert. Seit den 70er Jahren komme ich z.B. regelmäßig nach Taizé. Ab meinem ersten Taizé-Aufenthalt hat mich besonders herausgefordert, dass wir damaligen Jugendlichen und jungen Erwachsenen dazu ermutigt wurden, uns für eine bewohnbare Erde einzusetzen, aus unserem “Leben durch konkretes Handeln ein Gleichnis des Miteinanderteilens zu machen” und dieses in Gemeinschaft mit anderen zu verwirklichen. Diese Herausforderung war für mich sehr wichtig, ich habe Entschlüsse für meinen weiteren Lebensweg gefasst, die zum Teil bis heute tragen. Jedenfalls denke ich, bin ich seither für die Fragen von Arm und Reich, auch für einen solidarischen Lebensstil, relativ gut sensibilisiert. Deshalb lasse ich mich durch die von Bernd aufgeworfene Fragestellung gerne herausfordern.

Und gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass uns die Fragestellung, so wie sie aufgeworfen worden ist, in ein ziemliches Dilemma führt. Denn wenn wir schon so fragen wollen, dann kann und darf das ja nicht nur und nicht ausgerechnet bei der Wärmedämmung des Lebenshauses anfangen. Vielmehr würde dies dann potentiell jede Ausgabe des Lebenshauses betreffen und jede private Ausgabe von uns. Brauchen wir überhaupt als Verein ein Gebäude, ein Büro, eine Spülmaschine, zwei PCs, einen Rundbrief, eine Internetseite, etc., etc.? Brauchen wir privat überhaupt ein Auto, ein Fernsehgerät, einen PC, Urlaubsreisen, Restaurantbesuche, eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus, etc., etc.? Mit allen diesen Ausgaben könnte irgendwo in der Welt etwas Sinnvolles gemacht werden. Das sollten wir uns ernsthaft bewusst machen und uns dem Elend gegenüber nicht gleichgültig zeigen.

III.

Bevor es darum gehen kann, wer wie viel Geld in die “Dritte Welt” transferieren oder spenden soll, muss es m.E. um die Veränderung der ungerechten Strukturen gehen. Denn, wie Jean Ziegler sehr zutreffend bemerkt: “Es kommt nicht darauf an, den Menschen der Dritten Welt mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu stehlen”.

Wenn ich hier nochmals auf Taizé zurückkommen darf. Für mich ist heute noch sehr aktuell, was 1976 einige Brüder aus Taizé gemeinsam mit Jugendlichen aus Asien in dem “Zweiten Brief an das Volk Gottes” aus Kalkutta bzw. Chittagong geschrieben haben: “Das Miteinanderteilen schließt die ganze Menschheitsfamilie ein. Es ist unerlässlich, gemeinsam zu kämpfen, um die Güter der Erde neu aufzuteilen. Eine Neuverteilung des Reichtums erfordert nicht nur, dass die Industrieländer ihren Überfluss abgeben. Strukturen, die die internationale Ungerechtigkeit aufrechterhalten, müssen um jeden Preis geändert werden. Maßstab sind die tatsächlichen Bedürfnisse aller Menschen bis hin zu den Allergeringsten, und nicht die Befriedigung der Bedürfnisse der westlich orientierten Menschen.”

Für uns heute sollte das bedeuten, zunächst zu versuchen, die größeren Zusammenhänge zu erkennen, die immer neues Elend, neue Formen der Gewalt und immer neue Zerstörungen der Lebensgrundlagen hervorrufen. Diesen Zusammenhang sehe ich im kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensmodell, das im Rahmen der Globalisierung weltweit durchgesetzt wird. Der Konkurrenzkampf des Kapitals um immer effektivere und schnellere Möglichkeiten zur Akkumulation, zur Kapitalanhäufung, erfasst den gesamten Globus. Er unterwirft Menschen und Umwelt immer uneingeschränkter den Imperativen der Kapitalverwertung. Und das hat viele Verlierer zur Folge, zieht viel Leid nach sich.

Wenn wir das mit der Globalisierung des Kapitalismus verbundene Leid von Menschen wahrnehmen, dann gehört das “Ganze” unseres wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens auf den Prüfstand und muss in den Prozess der Veränderung einbezogen werden. Christlich gesprochen käme es darauf an, dem neoliberalen Kapitalismus mit seinen dürftigen, eindimensionalen und lebenszerstörenden Normalitätsvorstellungen eine von der Vision des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit inspirierte Praxis des Widerspruchs und des Widerstands entgegenzustellen, aber auch eines provokativen und kreativen Aufbruchs in eine andere mögliche Welt.

Glücklicherweise gibt es weltweit Gruppierungen und soziale Bewegungen, die sich für eine andere Welt engagieren.

Wir haben uns zu unserem kleinen Verein Lebenshaus Schwäbische Alb e.V. zusammengeschlossen, um uns gemeinsam in diesen Veränderungsprozess einzubringen, den wir für wichtig erachten.

Bei der Initiierung unseres Lebenshauses war für mich der Gedanke aus Taizé, unser “Leben durch konkretes Handeln zu einem Gleichnis des Miteinanderteilens zu machen” und dieses in Gemeinschaft mit anderen zu verwirklichen, zentral wichtig. Andere Menschen mögen andere Motive gehabt haben.

Als Lebenshaus Schwäbische Alb e.V. suchen wir die Zusammenarbeit mit allen, die wie wir gegen ungerechte Strukturen und für eine gerechtere Welt eintreten. Aus diesem Grund arbeitet das Lebenshaus Schwäbische Alb e.V. mit Kairos Europa zusammen und sind wir Mitglied im Ökumenischen Netz Württemberg, beides Netzwerke von Initiativen, Gruppen und Einzelpersonen in Europa bzw. Württemberg, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzen und die gemeinsam mit Kirchen, sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und Nicht-Regierungsorganisationen für eine gerechtere und tolerantere Gesellschaft kämpfen.

Das Lebenshaus ist Mitglied im globalisierungskritischen Netzwerk attac, das verhindern will, dass der technische Fortschritt weltweit nur den Reichen und Mächtigen dient. Das Lebenshaus ist Mitträgerin der Schuldenerlasskampagne erlassjahr.de, weil die Auslandsschulden der armen Länder so hoch geworden sind, dass sie sich äußerst schädigend gerade auf die Ärmsten auswirken. Wir sind Mitglied und Kunde der GLS Gemeinschaftsbank, weil es bei dieser außergewöhnlichen Bank nicht um Gewinnorientierung geht, die Armut, Ausbeutung und Krieg nach sich zieht, sondern um einen Umgang mit Geld, durch den soziale Gerechtigkeit, Eigenverantwortung und Demokratie gefördert wird. Wir unterstützen Menschenrechtsgruppen wie das Komitee für Grundrechte und Demokratie und sind Mitglied im Flüchtlingsrat Baden-Württemberg und beim Internationalen Verein für Menschenrechte Nydia Erika Bautista e.V., weil ihr Widerstand an einer entscheidenden Stelle ansetzt. Wir unterstützen Friedensbündnisse und sind deren Mitglied wie in der Kooperation für den Frieden oder beim Trägerkreis “Atomwaffen abschaffen”, weil Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung untrennbar zusammengehören.

Schließlich ist ein ganz wichtiger Bestandteil unserer Arbeit als Lebenshaus die praktische Solidaritätsarbeit mit Menschen, die es schwer haben in ihrem Leben und in unserer Gesellschaft. D.h. Menschen, die sich in einer schwierigen Übergangssituation oder in einer Krise befinden, auch Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind oder Menschen, die sonst in ihrer aktuellen Lebenslage gehandicapt sind, bekommen Beratung und lebenspraktische Unterstützung. Für ein Zusammenleben in einer Hausgemeinschaft haben wir das vereinseigene Gebäude zur Verfügung. Darüber hinaus begleiten wir viele Menschen, die zur Beratung oder wegen irgendwelchen Unterstützungen zu uns kommen. Dabei geht es unter anderem um Flüchtlinge und Asylsuchende. Flüchtlinge gehören zu den “Allergeringsten” in unserer Gesellschaft.

Auch hier übrigens hat sich für mich die Anregung aus dem Taizé der 70er Jahren, unsere Wohnräume zu einem Ort zu machen, “an dem andere immer willkommen sind, zu einem Haus des Friedens und des gegenseitigen Verzeihens” wunderbarerweise verwirklicht. Ich bin sehr froh und dankbar darüber, dass wir durch das Mitmachen und die Unterstützung vieler Menschen diese Anliegen von Miteinanderteilen und Gastfreundschaft im Lebenshaus verwirklichen können. Und dass es durch das Zusammenwirken einer Gemeinschaft von Menschen sogar möglich wurde, dafür extra ein Gebäude zur Verfügung zu stellen.

Für alles das, was wir als Lebenshaus umsetzen benötigen wir Geld, viel Geld sogar. Ohne dass wir dieses Geld dann in Projekte in die “Dritte Welt” abführen würden. Das machen wir nicht, weil wir uns nicht als Hilfsorganisation gegründet haben, sondern andere Aufgaben verfolgen.

IV.

Sofern es um Geldzuwendungen in Projekte in die “Dritte Welt” geht, dann gibt es da aus meiner Sicht zunächst Forderungen an die Politik zu richten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die weltweiten Militärausgaben lagen 2005 nach Schätzungen des Internationalen Friedensforschungsinstitut Stockholm (SIPRI) bei 1.100 Milliarden US-Dollar. Das entspricht 2,5 Prozent des Bruttosozialprodukts der Welt oder durchschnittlich 173 US-Dollar pro Kopf. Zur Erinnerung: 1,2 Milliarden Menschen müssen mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Und da werden 173 US-Dollar pro Kopf für Rüstung ausgegeben!

Die Beiträge der Vereinten Nationen zu wirtschaftlichen, sozialen und humanitären Programmen für die ärmsten Länder der Welt - im Rahmen von UNICEF, des Welternährungsprogramms, des UNO-Entwicklungsprogramms und anderen - belaufen sich auf 10,5 Milliarden pro Jahr. 1.100 Milliarden Dollar für die Rüstung, 10,5 Milliarden für zivile Programme der UNO für die Ärmsten!

Ein anderes Beispiel: Afghanistan. Während die OEF- und ISAF-Truppen im Land Krieg führen, stirbt die Bevölkerung gleichzeitig an Krankheit und Unterernährung. Über 70% der Afghanen leiden unter chronischem Nahrungsmangel, besonders im Süden des Landes. Ein Viertel hat keinen Zugang zu Trinkwasser, nur 10 Prozent verfügen über elektrischen Strom. Während für militärische Ausgaben im Zeitraum von 2002 bis 2006 gigantische 82.5 Mrd. Dollar bezahlt wurden, belief sich die Entwicklungshilfe im selben Zeitraum auf jämmerliche 7.3 Mrd., ein Betrag, der bei weitem nicht ausreicht, um die erdrückende Not auch nur ansatzweise zu lindern. Der Großteil der westlichen Gelder versickert zudem in völlig sinnlose Projekte und wandert damit nutzlos in die Taschen westlicher Konzerne.

Also hier hat es ziemlich riesige Reserven von Geldmitteln, die statt für mörderische Rüstungszwecke und Kriege für zivile Aufgaben verwendet werden könnte.

Aber natürlich reicht es ja nicht aus, “nur” politische Forderungen aufzustellen: Wer politische Forderungen stellt, ohne sein eigenes Leben zu verändern, wird zum Heuchler; wer nur sein eigenes Leben verändert, ohne sich für politische Veränderungen einzusetzen, bleibt ein Träumer im schlechten Sinne.

Deshalb sollten wir unser privates Konsumverhalten schrittweise überprüfen und ökologisch umgestalten; wir sollten unser Sozialverhalten verstärkt an Solidarität und Zusammenarbeit ausrichten; wir sollten eine geistige Orientierung jenseits des Materialismus suchen. Und neben vielem anderen können wir dann auch einen spürbaren Teil unseres Geldes für Entwicklungs-, Friedens-, Umwelt- und andere Projekte mit dem Ziel einer nachhaltigen Lebensweise einsetzen.

Deshalb habe ich persönlich z.B. neben vielem anderen seit fast 30 Jahren einen Dauerspendenauftrag über die Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt für soziale Aktionsgruppen in Indien laufen, für Gruppen also, die dort in Dörfern Graswurzelarbeit machen.

Aber obwohl mit relativ wenig Geldeinsatz in anderen Ländern sinnvolle Projekte unterstützt werden können, kann die Konsequenz ja dennoch nicht lauten, jegliche eigene Lebensaktivität einzustellen, die Geld kostet.

V.

Noch einmal zurück zur Wärmedämmung des Lebenshauses, die jetzt aktuell den Anlass für unsere Beschäftigung mit diesen Fragen geboten hat. Dass wir eine Wärmedämmung des Gebäudes machen, hat damit zu tun, dass wir den Energieverbrauch erheblich reduzieren und möglichst vom Heizöl wegkommen wollen. Das hängt zusammen mit der Erkenntnis, dass wir heute nicht mehr einfach ohne nachzudenken Energie verbrauchen wollen und dürfen. Eine Fortsetzung der gegenwärtigen Entwicklung wird zu noch größeren Umweltzerstörungen und zu weiteren Kriegen führen.

Der Klimawandel mit seinen spürbaren Auswirkungen ist inzwischen in aller Munde. Schon aus Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen und vor allem den armen Menschen in dieser Welt wegen müssen wir uns dieser Herausforderung stellen. Die Mehrzahl der armen Menschen wird von den Folgen der Klimakatastrophe betroffen sein, weil wir in den Industriestaaten die Luft verpesten.

Eindringlich führt uns Desmond Tutu unsere Verantwortung vor Augen. Er fragt:

“Was wäre, wenn man gegen die Klimaveränderung mehr unternehmen müsste, als einen Schalter umzulegen? Würden unsere Freunde in der industrialisierten Welt umdenken, wenn der Klimawandel größere Auswirkungen auf sie selbst hätte - als lediglich mehr Sommermonate und die Ankunft neuer exotischer Arten? Besänftigt und eingelullt genossen sie das Privileg der geistigen Verdrängung dessen, was wirklich vor sich ging in der wertvollen und gleichzeitig so fragilen Atmosphäre, die den Planeten umgibt, auf dem wir leben. Wo der Klimawandel sich in der industrialisierten Welt bemerkbar gemacht hat, lief es bislang relativ glimpflich ab - abgesehen von Ereignissen wie Hurrikan ‘Katrina’ 2005. Die Bewohner Nordamerikas und Europas haben bisher nur den Hauch des ‘Windes der Veränderung’ zu spüren bekommen.

Ich frage mich, wären diese Leute nicht viel, viel ängstlicher, wenn sie vom Zyklus der Mutter Natur abhängig wären, um ihre Familien zu ernähren? Um wie Vieles größer wäre ihre Sorge, wenn sie in einem Slum lebten oder in einem Township aus Lehmhütten oder wenn ihr Obdach aus Plastiktüten bestünde? Das ist die Realität in weiten Teilen Afrikas unterhalb der Saharazone. Die Armen, die Verletzlichen, die Hungernden sind dem Klimawandel am härtesten ausgeliefert - jeden Tag ihres Lebens.”

Die Klimakatastrophe hat also viel mit der Gerechtigkeitsfrage zu tun. Aber auch unter dem Gesichtspunkt von Krieg und Frieden spielt der Umgang mit Energie eine große Rolle.

Die Reserven an Erdöl, Erdgas und Uran reichen nur noch für wenige Jahrzehnte. Und die Konkurrenz um die verfügbare Ölförderung und das Erdgas wächst rasch. Die Militärpräsenz der USA in Nahost und Zentralasien und nicht zuletzt der Irak-Krieg zeugen davon, dass sie sich auf zunehmende Konkurrenz bei sich dem Ende zuneigenden Ölvorräten eingestellt haben. Kriege um Öl sind eben nicht kurz vor 2050 zu führen, sondern jetzt zu Beginn der mühsamen Öljahre, wo die Förderung aufgrund bereits ausgebeuteter Quellen schwieriger wird. Auch ein Land wie Deutschland, das unter derzeitigen Vorzeichen stark von Energieeinfuhren abhängig ist, sorgt dafür, dass ihm der Energiehahn nicht zugedreht werden kann. Nicht nur, aber auch mit militärischen Mitteln. Schon in den Verteidigungspolitischen Richtlinien des Jahres 1993 wurde die Sicherung der Transportwege für Öl und Gas als mögliche Aufgabe der Bundeswehr betrachtet. Auch das Weißbuch 2006 greift das Thema in dieser Form auf. Insgesamt wächst also die Gefahr von Konflikten und Kriegen.

Aus friedenspolitischer Sicht lautet die Frage etwas plakativ zugespitzt: Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne? Eine 100prozentige Energieversorgung über Sonne, Wind, Biomasse, Wasser und Erdwärme ist möglich. Und wer von dezentral erzeugten erneuerbaren Energien lebt, muss nicht rund um die Welt Kriege führen um knappe Rohstoffe und liefert kein Futter für den Bau von Atombomben.

Wir müssen also den vollständigen Umstieg auf Erneuerbare Energien anstreben. Und weil diese auch nicht völlig unbegrenzt und konfliktfrei zur Verfügung stehen werden, muss es gleichzeitig um eine konsequente Einsparung von Energie und eine Erhöhung der Energieeffizienz gehen.

Indem unser Verein ein eigenes Gebäude hat, haben wir damit auch eine Verantwortung übernommen, möglichst verantwortungsvoll mit Energie umzugehen. Deshalb muss für uns eine wichtige Fragestellung lauten: Wie lässt sich die Abhängigkeit von Heizöl verringern und in der Tendenz ganz überwinden, ohne auf andere fossile Brennstoffe zurückzugreifen?

Nun sagen alle mir bekannten einschlägigen ExpertInnen ganz allgemein, dass insbesondere durch die Dämmung der Wände und Kellerdecken sehr viel Energie eingespart werden kann. Und das Energiegutachten, dass wir diesen Frühsommer für das Lebenshaus-Gebäude anfertigen ließen, bestätigt genau dies: mit der Dämmung der Außenwände und Kellerdecken ließe sich sehr viel Öl einsparen. Die Nutzung von Solarwärme wäre eine weitere sinnvolle Maßnahme hierfür.

Das kostet eine Menge Geld, gewiss. Doch diese Investition ist aus meiner Sicht ein wichtiger Beitrag zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Aber auch aus wirtschaftlicher Sicht sind das für unseren Verein vernünftige Maßnahmen. Denn in den kommenden rund 15 Jahren werden sich die fossilen Rohstoffpreise mindestens verdoppeln, wenn nicht gar verdreifachen bis vervierfachen.

VI.

Ich möchte jetzt zum Austausch einladen. Und nochmals ein paar Fragen in den Raum stellen: Ist es gerechtfertigt, Geld für Dinge auszugeben, die aus Sicht der Armen als purer Luxus erscheinen müssen? Was bedeutet es für uns, Mitglieder jener Minderheit der “transnationalen KonsumentInnenklasse” (Wolfgang Sachs) zu sein, die sich durch Automobilität, den Besitz von Elektro(nik)geräten sowie einen hohen Fleischverzehr “auszeichnet” und gleichzeitig zu wissen, dass nicht sechs Milliarden Menschen so leben und konsumieren können wie wir? Wie solidarisch ist unser persönlicher Lebensstil? Wie gehen wir mit diesem Problem um? Als Lebenshaus? Privat?

Mehr zum Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V. findet sich unter folgenden Links:

Veröffentlicht am

30. Oktober 2007

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