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Teil II: Revolution in greifbarer Nähe

Eva Golinger interviewt Noam Chomsky


Von Noam Chomsky, 04.10.2007 - Venezuelanalysis

Eva: Chávez ist in Manaus. Gestern und heute hält er sich dort auf.

Chomsky: Stimmt.

Eine Taktik der US-Aggression gegen Venezuela und gegen den Aufstieg der neuen Linken und des neuen Sozialismus in Lateinamerika ist genau dies: Spaltung und Maßnahmen gegen das, was Venezuela unter Chávez in der gesamten Region anführt und was nun zu Souveränität und Integration in Lateinamerika führt. Der Blickwinkel der Medien ist, meiner Ansicht nach, eine weitere Taktik der Aggression gegen Venezuela und andere Länder in der Region. Offensichtlich handelt es sich um psychologische Kriegsführung - innerhalb Venezuelas sowie auf internationaler Ebene. Man will nicht, dass Menschen auf der ganzen Welt erfahren, was tatsächlich vor sich geht. Unter Chávez wurden Hunderte neue Medien auf Gemeindeebene geschaffen. Das hilft uns im Kampf gegen die Medienmanipulationen der venezolanischen Konzern-Medien im Innern. Auf internationaler Ebene jedoch haben wir wenig in Händen, um uns im Krieg des Medienimperialismus zu behaupten. Wie können wir das erreichen?

Nun, die Geschichte der westlichen Medien ist sehr interessant. Wie schon erwähnt, war die Presse in England und in den USA Mitte des 19. Jahrhunderts am freiesten. Man kann das vergleichen mit dem, was Sie eben beschreiben. Es gab Hunderte von Zeitungen aller Art (z.B. Arbeiterzeitungen oder Blätter aller möglicher ethnischen Gemeinden). Man konnte sich aktiv und direkt beteiligen, wirklich beteiligen. Die Menschen lasen - Arbeiter lasen. Da war ein Schmied aus Boston, der einem 16-Jährigen Geld gab, damit er ihm während der Arbeit vorlas. Die Fabrikmädchen, die von den Bauernhöfen kamen, hatten ein hohes kulturelles Niveau, sie lasen zeitgenössische Literatur. Ein Aspekt ihres bitteren Schicksals im industriellen System war, dass das System sie ihrer Kultur beraubte. Sie hatten extrem interessante, lebendige und spannende Zeitungen herausgebracht. In dieser Zeit war die Presse tatsächlich frei und äußerst lebendig. Dies hat sich - vor allem in England und in den USA - erst langsam geändert. Beide Länder waren die freiesten der Welt. In England versuchte man es daraufhin mit Zensur. Es hat nicht funktioniert, weil es zu viele Schleichwege gab. Dann versuchte man es mit repressiven Steuern, was auch nicht recht funktionierte. Ähnlich lief es in den USA. Zwei Dinge haben letztendlich funktioniert: Kapitalkonzentrationen und Abhängigkeit von Werbekundschaft. Bei Ersterem ist es offensichtlich: Wenn man Kapital anhäuft, kann man alles Mögliche unternehmen, was kleinere Presseblätter sich nicht leisten können. Das andere, die Abhängigkeit von Anzeigenkunden, bedeutet, dass Zeitungen von ihren Werbekunden im wahrsten Sinne betrieben werden.

Wenn Anzeigen die Einnahmequelle - zumindest die Haupteinnahmequelle - sind, so hat dies stets gewaltigen Einfluss. Heute liegt dieser Einfluss bei nahezu 100%. Schalten Sie den Fernseher ein. Ein Sender wie beispielsweise CBS verdient sein Geld nicht, weil Sie fernsehen, er verdient es an seinen Anzeigenkunden. Die Werbekunden sind am Drücker. Der Konzernsender verkauft sein Publikum an die Anzeigenkunden. Daher spiegelt das Produkt ‘Nachricht’ natürlich in erster Linie die Interessen des Konzernsenders sowie die Interessen des Käufers und des Marktes wider, das heißt, der Werbekunden. Dies und die Konzentration von Kapital hat langfristig zu einer Eliminierung, oder zumindest extremen Reduzierung, der lebendigen, unabhängigen, lokalen Medienvielfalt geführt. Das war eine ernste Angelegenheit. In den USA, zum Beispiel, wo es nie wirklich eine organisierte sozialistische Bewegung gegeben hat, existierten bis in die 50er Jahre hinein rund 800 Arbeiterzeitungen. Sie erreichten pro Woche wahrscheinlich so um die 30 Millionen Menschen. Verglichen mit heutigen Standards waren es reichlich radikale Blätter - in denen die Macht der Konzerne verurteilt wurde. Verurteilt wurde auch die so genannte ‘gekaufte Priesterschaft’. Damit waren vor allem die Medienherausgeber gemeint - ein vom Konzernsystem gekauftes Pfaffentum, das ein anderes Bild der Welt vermittelte. In England dauerte dieser Prozess bis in die 60er Jahre. In den 60ern hatten die britischen Tageszeitungen noch eine Arbeiterbasis und waren ziemlich linksorientiert. Schaut man sich heute die britischen Zeitungen an, so erschaudert man. Die größte englische Zeitung war The Daily Herald. Sie hatte die größte Auflage - mehr als alle anderen. Es handelte sich um ein sozialdemokratisches Arbeiterblatt, das eine andere Sicht der Welt vermittelte. Das Blatt ging ein - allerdings nicht wegen mangelnden Leserinteresses (wahrscheinlich hatte es sogar die größte Leserschaft), sondern weil es keine Anzeigenkunden fand und weil es an Kapital mangelte.

Was Sie oben beschrieben haben, ist im Westen Teil der Geschichte. Langsam, langsam wurden wir von jenen Standardprozessen überrollt, die sich aus Kapitalkonzentration und natürlich der Werbekundenabhängigkeit (das ist die zweite Form) ergeben. Aber allmählich erwacht die Sache auch hier im Westen wieder zu neuem Leben - außerdem durch das Internet und preisgünstige Formen der technischen Produktion. Veröffentlichungen über den Desktop sind weit billiger als Großveröffentlichungen. Hinzu kommt das Internet. Die neuen Techniken sind eine Chance, die Folgen der Konzentration von Kapital auszuhebeln. Die Auswirkungen auf die Natur unserer Medien, auf die Schulen usw. sind enorm. Eine Wiederbelebung ist erkennbar. Die große Schlacht, die heute in Gange ist, wird darüber entscheiden, wer das Internet kontrolliert. Das Internet wurde an Orten wie dem MIT (Massachussettes Institute of Technology) entwickelt - im staatlichen Sektor unserer Wirtschaft also. Die meisten Dinge der neuen Ökonomie kommen aus dem staatlichen Sektor, es handelt sich keineswegs um eine Ökonomie des Freien Marktes. Mit dem Internet hat es seine besondere Bewandtnis. Es wurde im staatlichen Bereich, wie dem MIT, entwickelt - gesponsert auch durch das Pentagon. Etwa 30 Jahre lang war es in staatlicher Hand, bevor es 1995, unter Präsident Clinton, in die Hände der Konzerne gegeben wurde. Heute wird darum gekämpft, ob das Internet frei sein soll oder nicht. In den großen Konzernzentralen gibt es gewaltige Anstrengungen, um Wege zu finden, es (das Internet) zu kontrollieren. Man will den Zugang versperren zu Dingen, die aus Konzernsicht nicht gut sind. Aber es gibt mittlerweile Graswurzelbewegungen - wichtige Bewegungen - die dagegen ankämpfen. Es wird gerungen, aktuell und live. In einer kapitalistischen Demokratie steht nirgends geschrieben, dass die Medien von Konzernen gelenkt sein müssen. Die Gründerväter Amerikas wären geschockt. Sie glaubten, die Medien müssten in öffentlicher Hand sein. Wenn man zurückgeht… heute ist es kaum mehr zu glauben.

Deswegen sind die Sendefrequenzen auch in öffentlicher Hand.

Stimmt, aus diesem Grund sind Sendefrequenzen etwas Öffentliches. Dass Konzerne auf diesen Wellen senden, ist ein Geschenk an sie. Gehen wir zurück in die Zeit von (Präsident) Jefferson - oder sogar bis in die Zeiten von Hamilton, Madison und dem Rest von ihnen. Sie haben sich für eine Subventionierung der Presse durch die öffentliche Hand eingesetzt - damit die Zeitungen, als Quelle der unabhängigen Information - überleben konnten. Die Postgebühren wurden so festgesetzt, dass die Zeitungen bevorzugt waren. Eine möglichst große Bandbreite an unterschiedlichster Information sollte in der Öffentlichkeit Verbreitung finden, usw.. Mit der Bill of Rights wurde die Pressefreiheit formal festgeschrieben. Wir könnten darüber streiten, ob es funktioniert hat. Formal spricht (in der Bill…) nichts dagegen oder dafür, dass eine Regierung sich einmischt, um die Medien zu unterstützen. Es ist aber nicht nur potentiell so, dass die Leute, die den Rahmen unserer Verfassung schufen, davon ausgingen, es war tatsächlich so. Doch über die Jahre hat sich vieles verändert - die vorherrschende Kultur, die Haltung und die Hegemonialkultur (wie Gramsci sagen würde). Die Vorstellung, dass Konzerne Medien besitzen, ist uns so selbstverständlich geworden wie die Luft, die wir atmen. Dabei ist es keineswegs selbstverständlich. Es ist Produkt der Konzentration von Kapital und des Systems der Indoktrination, das mit dieser Konzentration einhergeht… Es müsste nicht so sein.

Noch etwas zu diesem Thema: Vor einigen Monaten beschloss die Venezolanische Regierung, die Sendelizenz eines Konzernmediensender nicht mehr zu verlängern. Es gab viele Gründe - Steuerhinterziehung, für die Mitarbeiter wurden keine Sozialabgaben bezahlt, außerdem war der Konzern in den Staatsstreich (gegen Chávez) verwickelt gewesen. Hat der venezolanische Staat so demonstriert, dass die Sendefrequenzen sicher in die öffentliche Hand gehören, was denken Sie? Halten Sie es für möglich, dass sich dies in anderen Ländern - etwa in den USA - wiederholt? Ich meine, die Lizenz wurde ja nicht entzogen, sie wurde nur nicht erneuert.

Sie sprechen den Fall des Senders RCTV an. Meine Meinung hierzu ist zwiespältig. In formaler Hinsicht, denke ich, es war ein taktischer Fehler. Zweitens braucht es sehr vieler Beweise, um Medien irgendwelcher Art abzuschalten. In dieser Hinsicht ist meine Haltung kritisch…

Aber haben Konzerne ein besonderes Anrecht auf solche Konzessionen?

Ja, ich weiß, das ist die andere Seite. Die Frage ist, was kommt an deren Stelle? In einem - sehr entscheidenden - Punkt stimme ich mit den westlichen Kritikern überein, wenn sie behaupten, so etwas könnte es bei uns nicht geben. Sie haben Recht. Den Grund nennen sie allerdings nicht: Wenn es einen Sender wie RCTV in den USA oder England oder irgendwo in Westeuropa gegeben hätte, wären dessen Betreiber und Manager längst vor Gericht gestellt und hingerichtet worden - in den USA wären sie hingerichtet worden, in Europa hätte man sie lebenslänglich hinter Gitter geschickt und zwar schon 2002. Stellen Sie sich vor, die New York Times oder CBS News würden einen Staatsstreich unterstützen, der die Regierung stürzt - wenn auch nur für einen Tag. Die Reaktion wäre: “Stellt sie an die Wand!” Stimmt, im Westen wäre das (Nichtverlängern einer Sendelizenz) nicht vorgekommen, weil die Sache nie so lange gedauert hätte. Ich denke, darauf sollte mehr fokusiert werden. Was die entzogene Lizenz angeht, so stellt sich die Frage, was damit passiert, was an deren Stelle kommt. In Venezuela war das kein sehr populärer Akt, habe ich das Gefühl, aber Sie kennen sich da besser aus. Die Bevölkerung sollte eine Stimme bei diesem Thema haben - eine laute Stimme, die gewichtigste Stimme. Aus diesem Grunde denke ich, ist es eine Sache mit vielen Aspekten. Es kommt darauf an, was am Ende herauskommt. Wird es tatsächlich Volksmedien geben? Das ist eine der Fragen.

Sollten die Menschen des Volkes demnach über die Sendelizenzen entscheiden?

Ja, sie sollten diejenigen sein, die entscheiden. Im Grunde sind sie es technisch gesehen jetzt schon - selbst in den USA. Sie sind Gemeingut. Die Konzerne besitzen sie nicht, es handelt sich um ein Geschenk der Steuerzahler an sie, und die Steuerzahler wissen es noch nicht einmal. Kulturell sind wir an einem Punkt angelangt, wo die Leute diese Dinge normal finden. Aber sie sind nicht normal. Es handelt sich um ein großes Geschenk der öffentlichen Hand. Ein Rückblick in die Geschichte der Telekommunikation - Radio und Fernsehen - ist in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich. Das Radio wurde in den 20er Jahren erfunden. Fast in der gesamten Welt war es ein öffentliches Gut. Die USA bildeten eine interessante Ausnahme. Sie waren weltweit fast der einzige Fall eines Landes mit privatem Radiowesen. Es gab Kämpfe. Die Gewerkschaften, Bildungsinstitutionen, Kirchen - alle wollten, dass das Radio öffentlich sei. Die Konzerne wollten ein privates Radio. Die Sache war hart umkämpft, aber weil die amerikanische Gesellschaft in hohem Maße durch die Geschäftswelt gelenkt ist, gewann diese schließlich die Oberhand. Das Radio wurde zur Privatsache. Als später das Fernsehen erfunden wurde, war es fast überall öffentlich, keine Frage. Nur in den USA stand diese Frage erst gar nicht zur Debatte. Es war Privatsache, da die kommerzielle Kultur inzwischen eine solche Dominanz erreicht hatte, dass die Leute das Naheliegende nicht mehr sahen, nämlich, dass wir öffentlichen (Sende-)Raum an die Geschäftswelt verschenken. Schließlich wurde dem öffentlichem Rundfunk und dem öffentlichen Fernsehen ein minimales Nischendasein eingeräumt - nachdem es Druck vonseiten der amerikanischen Öffentlichkeit gegeben hatte, die Konzernmedien müssten ein Mindestmaß an Verantwortung zeigen - zum Beispiel Bildungsfernsehen, ein paar Programme für Kinder, Dinge dieser Art. Die Konzerne hielten nichts von dieser Idee. Sie wollten keine öffentlichen Pflichten übernehmen, also erlaubten sie ein kleines öffentliches Nebengleis. Dadurch war es ihnen möglich, zu behaupten: Nicht wir tragen die Verantwortung, sondern die Öffentlichen sind zuständig. Sie haben nicht allzu viel daraus gemacht. Es wird von den Konzernen mitfinanziert - ein ins Auge stechender Unterschied zu anderen Staaten (auch zu vergleichbaren Staaten). Amerika ist ein sehr freies Land - vielleicht das freieste der Welt - aber es wird allein durch die Geschäftswelt gelenkt, was enorme Auswirkungen auf alles hat.

Das Thema der diesjährigen Buchmesse in Venezuela lautet: ‘USA: Ist eine Revolution möglich?’ Was sagen Sie: Ist sie möglich?

Ich glaube, sie ist zum Greifen nah, sie liegt direkt unter der Oberfläche. Ich meine, die Unzufriedenheit ist enorm hoch. Seit Jahren hat die große Mehrheit der US-Bevölkerung das Gefühl, von ihrer Regierung nicht repräsentiert zu werden, dass die Regierung Sonderinteressen vertritt. In der Amtszeit von Ronald Reagan war die Quote auf rund 80% der US-Bevölkerung hochgeschnellt. Zwischen der Politik und der Haltung gegenüber der Bevölkerung besteht eine enorme Kluft. Bei vielen wichtigen Themen stehen beide große Parteien weit rechts von der Bevölkerung. Um nur ein Beispiel zu nennen: Lesen Sie heute, am 21. September, in der New York Times Paul Krugmanns Kolumne. Er gilt in den Medien als extrem links, er ist ein linker, liberaler Kommentator, ein sehr guter Ökonom. Krugmann befasst sich seit geraumer Zeit intensiv mit dem schrecklichen Gesundheitssystem der USA. Es ist eine Katastrophe. Es ist pro Kopf doppelt so teuer wie das jedes anderen Landes… und, was seine Leistungen angeht, eines der schlechtesten in der industriellen Welt. Krugmanns Kolumne heute Morgen beginnt mit dem Satz: Hoffen wir, dass eine allgemeine Krankenversicherung politisch endlich möglich sein wird. Ein sehr interessanter Kommentar - vor allem, wenn er vom linken Medienrand kommt. Was heißt, “politisch möglich”? Seit Jahrzehnten unterstützt eine überwältigende Mehrheit in der Bevölkerung dies (die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung), aber politisch war es nie möglich. Jetzt soll es plötzlich politisch möglich sein - warum? Krugmann nennt den Grund nicht. Er lautet: Die Produktionsbranche erleidet massiven Schaden, weil das Gesundheitssystem der USA hoffnungslos ineffizient und überteuert ist. Es ist um einiges teurer, ein Auto in Detroit zu produzieren als ein paar Meilen weiter im kanadischen Windsor, weil in Kanada ein effizientes, funktionierendes Gesundheitswesen existiert. Wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, wo Konzerne des produzierenden Gewerbes Druck ausüben, damit unser empörendes Gesundheitswesen irgendwie gelötet wird. Also wird es “politisch möglich”. Solange es nur die große Mehrheit der Bevölkerung wollte, war es “politisch unmöglich”.

Die Erklärung, die dahintersteckt, ist so offensichtlich wie interessant. “Politisch möglich” heißt nicht, dass die Bevölkerung dahinter steht. “Politisch möglich” heißt vielmehr, dass einige Sektoren des konzentrierten Kapitals dahinterstehen. Wenn die Pharmaindustrie und die Finanzinstitutionen dagegen sind, ist es “politisch nicht möglich”. Aber wenn das produzierende Gewerbe sich dafür einsetzt, wird es vielleicht “politisch möglich” werden. Das sind allgemeingültige Überlegungen - wir sprechen hier nicht von links-liberalen Kommentaren oder Leitkommentaren im Wall Street Journal, sondern über das breite Meinungsspektrum. Eine Sache wird “politisch möglich”, wenn massives, konzentriertes Kapital dahintersteht. Was die Öffentlichkeit denkt, ist dabei unerheblich. Das ist auch bei internationalen Themen zu erkennen - aktuell bei der Frage: Werden die USA in den Iran einmarschieren? Dies wäre so ziemlich das Schlimmste. Jeder ernstzunehmende Präsidentschaftskandidat sagt, yeah - mit Ausnahme von Dennis Kucinich - aber die, die wirklich eine Chance haben, sagen alle yeah, wir haben das Recht, in den Iran einzumarschieren. Sie sagen: “Alle Optionen liegen auf dem Tisch”, so wird es ausgedrückt. Tatsächlich heißt das: “Wir wollen sie angreifen, und wir können sie angreifen”. Das geht so ziemlich über das ganze politische Spektrum. Wie denkt die Bevölkerung? Circa 75% der US-Bevölkerung sind gegen jede Drohung gegenüber dem Iran und favorisieren diplomatische Beziehungen zu diesem Land. Aber das steht nicht zur Debatte, darüber wird noch nicht einmal berichtet. Es ist nicht Teil der Diskussion. Das Gleiche gilt für das Thema Kuba. Seit es Umfragen gibt - also seit den 70ern - möchte ein signifikanter Teil der US-Bevölkerung, dass wir in normale diplomatische Beziehungen zu Kuba eintreten und die wirtschaftliche Strangulierung und den Terror (okay, von dem erfahren sie nichts, aber sie wären dagegen) beenden. Doch es ist keine Option, Staatsinteressen sprechen angeblich dagegen. Es besteht eine Kluft zur Bevölkerung, man diskutiert auch nicht. Durchkämmen sie die Medien und Journale - auch die linken Journale - Sie werden nichts finden. Nun, unser Land ist sehr frei, aber auch sehr von der Geschäftswelt kontrolliert.

Wie könnte es zu einem Wandel kommen?

Es könnte geschehen, durch eine Form von Organisierung, die die öffentliche Meinung - die Öffentlichkeit - mitnimmt und in eine organisierte Macht umwandelt. Das gab es schon früher…

Brauchen wir letztendlich also doch Kontrolle über die Medien?

Nun, das wäre ein Teil. Allerdings müsste diese Medienkontrolle zu einem gewissen Teil Folge der Organisierung der Bevölkerung sein. Die Medien… nehmen wir zum Beispiel die Vietnam-Zeit. Damals verwandelten sich die Medien in moderate Kriegskritiker - infolge der populären Massenbewegungen. Ich könnte Ihnen ausführliche Beispiele nennen. Ein Fall, an den ich mich sehr gut erinnere, ist der einer bestimmten amerikanischen Zeitung. Ihr Herausgeber war ziemlich konservativ und ein Freund von mir. Diese Zeitung war die erste in den USA, die den Abzug (aus Vietnam) forderte. Maßgeblichen Einfluss darauf hatte der Sohn des Herausgebers, der im Widerstand aktiv war, ich kannte ihn durch seine Widerstandsaktivitäten. Er hat seinen Vater beeinflusst. Ein Einzelfall, aber diese Dinge passierten überall. Die Veränderungen in den Volksbewegungen und in der Haltung der Bevölkerung führten auch in den Medien zu einer Verschiebung. Es war keine riesige Verschiebung, aber sie war erheblich. Ein Grund: Journalisten sind Menschen. Sie leben in einem kulturellen Umfeld. Sie kommen aus einer Kultur, in der Fragen gestellt werden, in der kritisiert wird, in der man einander herausfordert usw.. Das alles prägt sie. Viele Dinge haben sich verändert. Nehmen wir das Thema Aggression. Zur Zeit werden viele Parallelen gezogen zwischen den Reaktionen auf den Irakkrieg und damals auf den Vietnamkrieg - fast alles ist falsch. Gegen den Vietnamkrieg gab es kaum Opposition. Als der Vietnamkrieg auf einer vergleichbaren Stufe war wie heute der Irakkrieg, gab es fast noch keine Opposition dagegen. Der Protest gegen den Irakkrieg ist weit größer als der gegen den Vietnamkrieg, als dieser auf einer vergleichbaren Stufe war, auf jeder vergleichbaren Stufe. Die Leute haben diese Dinge vergessen. Sagen wir, ab 1968 gab es Proteste gegen den Vietnamkrieg, aber damals waren schon eine halbe Million Soldaten in Vietnam. Die USA waren dort einmarschiert… sieben, sechs oder sieben Jahre war es schon her, dass sie in Südvietnam einmarschierten. Südvietnam war praktisch ausgelöscht, und ganz Indochina horchte auf. Das war weit jenseits dessen, was sich heute im Irak abspielt. Dann kamen die Proteste. In großen US-Zeitungen gab es erst ab dem Herbst 1969 erste Aufrufe zum Rückzug aus Vietnam - 7 Jahre nach Kriegsbeginn also. Heute steht das Thema (Irakkrieg) in der New York Times. Sie meinen es nicht ernst, aber zumindest kann man dort darüber lesen. Etwas hat sich getan. Und diese Veränderung findet sich auch in anderen Bereichen. Nehmen wir zum Beispiel die Rechte der Frauen - ein wichtiges Thema, es geht die Hälfte der Bevölkerung an. Die Zustände sind heute ganz anders als in den 60er Jahren. Sie sehen es hier an unserem Institut (MIT). Gehen Sie mal durch die Gänge der Hörsäle. Die Hälfte sind Frauen, ein Drittel Angehörige von Minoritäten. Die Kleidung ist lässig, die Leute unterhalten sich ungezwungen usw.. Als ich hier vor 50 Jahren anfing, war alles völlig anders: männliche Weiße, gut angezogen, mit anbiederndem Verhalten prägten das Bild. Machen Sie Ihre Arbeit und stellen Sie keine Fragen, hieß es. Das ist ein Beispiel für die Veränderung - in der ganzen Gesellschaft. Nun, sie… das Gleiche sieht man bei den Solidaritätsbewegungen.

Volksbewegungen verändern eine Gesellschaft. Wenn sie eine bestimmte Größe erreicht haben, können sie Fundamentales bewirken und eine Herausforderung darstellen, was die Herrschaft einer Klasse und was die ökonomische Kontrolle betrifft.

Denken Sie, die Revolution in Venezuela könnte den Menschen in den USA ein Beispiel sein? Dass Wandel von unten möglich ist?

Ja, falls zwei Dinge passieren. Erstens muss sie sich als erfolgreich erweisen. Zweitens muss sie sich gegen Medien durchsetzen, die die Geschehnisse verzerren werden. Diese zwei Dinge müssten passieren, okay? Ich habe erwähnt, dass ich im letzten Oktober in Chile war. Das Bild, das die dortigen Medien - zum Beispiel (die Zeitung) El Mercurio -, über Venezuela verbreiten, unterscheidet sich nicht allzu sehr von dem, das der alte El Mercurio, unter Pinochet, gezeichnet hätte. Solange dieses Bild existiert, solange es jenes Prisma ist, durch das die Dinge wahrgenommen werden, wird sich nicht viel ändern. Wenn man es schafft, dieses Prisma zu verändern, so dass mehr oder minder korrekt über die Dinge berichtet wird und zweitens, wenn das, was passiert, ein mögliches Modell darstellt, wenn beides erzielt wird, dann, ja, dann könnte es passieren.

Möchten Sie den Menschen von Venezuela eine Botschaft übermitteln? Irgendetwas sagen?

Yeah, macht es möglich. Es ist eine Aufgabe der Menschen in Venezuela und in Lateinamerika insgesamt, das Programm der Integration voranzubringen, die Repression zu besiegen, Armut und Ungleichheit sowie den Mangel an Demokratie, der in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Formen angenommen hat, zu besiegen. Zieht es durch, bis zum Erfolg - in Solidarität und Kooperation mit den Menschen in den reichen Ländern. Bringt die Sache voran, bis zu dem Punkt, an dem man es auch bei uns kapiert hat. Beide Seiten sind nötig. Beide Seiten müssen interagieren. Nehmen wir zum Beispiel die ‘Theologie der Befreiung’. Sie kam überwiegend aus Lateinamerika, aber sie hatte Einfluss in den USA, sie hatte enormen Einfluss auf die Kirchen und auf die Gesellschaft. Das Gleiche lässt sich von anderen Entwicklungen sagen. Interaktion ist in vielerlei Hinsicht möglich - heute mehr denn je, aufgrund der Existenz interkommunikativer Möglichkeiten und aufgrund von Solidaritätsbewegungen usw..

Quelle: Quelle: ZNet Deutschland   vom 11.10.2007. Orginalartikel: A Revolution is Just Below the Surface . Übersetzt von: Andrea Noll.

Veröffentlicht am

14. Oktober 2007

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