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Eine Überdosis kann nicht schaden

Biovielfalt stoppt den Klimawandel


Von Vandana Shiva

Beim UN-Umweltgipfel in Rio vor 15 Jahren wurden zwei Abkommen unterschrieben: Die “Konvention über Biodiversität” und die “Konvention über Klimaveränderungen”. Auch wenn diese Dokumente seinerzeit völlig unabhängig voneinander entstanden und behandelt wurden, stehen sie doch in einem sehr innigen Verhältnis. Denn die Zerstörung der Vielfalt unserer Flora und Fauna ist eine wesentliche Ursache für das Klimachaos, dem wir ausgesetzt sind - der Klimawandel wird dadurch vehement beschleunigt.

Biodiversität schafft Nahrungsmittel, Tierfutter, Treibstoffe, Fasern und Medikamente. Biodiversität schafft Kultur - kulturelle Werte und Biodiversität gehören zusammen. Die Verdichtung der biologischen Formen ist das wahre Kapital der indigenen Gemeinschaften in Afrika, Asien und Lateinamerika. Es ist das Kapital der Farmer und Bauern. Wer sich einem davon geprägten Wirtschaften verschreibt, befriedigt praktisch alle Grundbedürfnisse - angefangen beim Besen zum Reinigen unserer Wohnungen über Medikamente, die unser Leben schützen, bis zum Saatgut, das unsere Nahrung erst hervorbringt.

Insofern gehört der Erhalt von Biodiversität ganz oben auf jede Agenda zur Überwindung von Armut, weil Armut Negation von Grundbedürfnissen bedeutet, während der Reichtum des natürlichen Lebens auf Grundbedürfnisse ausgerichtet ist. Und vergessen wir nicht: Biovielfalt regeneriert die Bodenfruchtbarkeit und verdrängt chemische Pestizide. Ein bedingungsloser Ersatz solcher Düngemittel in der Landwirtschaft beseitigt eine der aggressivsten Quellen für Treibhausgase und gleicht den Druck auf das Klima aus.

“Navdanya” nennt sich eine Landwirtschaftskooperative in Indien, die sich darum verdient gemacht hat, das dazu unverzichtbare indigene Wissen zu aktualisieren und das Bewusstsein für die Gefahren von genetischer Manipulation zu fördern - “Navdanya” verteidigt Agrarkultur gegen Biopiraterie und tritt für den Erhalt von Ernährungs- und Wasserrechten gegenüber kommerziellen Globalisierungstrends ein. Unsere Forschung in “Navdanya” hat den Nachweis erbracht, dass biodivers - sprich: ökologisch arbeitende Farmen eine über 50 Prozent höhere Absorption von Kohlenstoffen bewirken und um 20 Prozent mehr Feuchtigkeit in der Erde halten. Ein Indikator dafür, wie eine derart betriebene Landwirtschaft als Waffe gegen den Klimawandel zu gebrauchen ist.

Mit Biodiversität können wir buchstäblich unseren Kuchen backen und ihn sogar aufessen. Wir können mehr Qualität bei Nahrungsmitteln garantieren - und zwar zu niedrigeren Kosten und mit weniger Energieeinsatz.

Leider spielt das bisher in den internationalen Debatten zum Klimawandel bestenfalls am Rande eine Rolle. Statt dessen werden Pseudolösungen besprochen wie die industrielle Herstellung von Biobrennstoffen und der Handel mit Emissionsquoten. Dabei wird gern und oft übersehen, industriell produzierter Biosprit zerstört die Biodiversität und beschleunigt den Klimawandel, anstatt ihn aufzuhalten. In Indien breiten sich Jatropha-Plantagen für die Produktion von Biodiesel rasant aus und zwar auf Kosten der einheimischen Kleinbauern. Letztere verlieren ihr Land, werden ärmer und ökologisch noch verwundbarer, als sie es ohnehin schon sind. In Indonesien wird die indigene Bevölkerung rücksichtslos vertrieben, um Platz für Plantagen von Kokospalmen zu schaffen - gleichfalls um Biosprit zu produzieren. Der Mais in den USA, der immer mehr für Biosprit verwendet wird, hat die Preise in Mexiko, Guatemala und Nicaragua, wo Mais ein Volksnahrungsmittel ist, teils um das Doppelte steigen lassen.

Ein Desaster für die Biodiversität und für die Lebensqualität von Millionen Menschen - ein Desaster aber auch für eine vernünftige Klimapolitik. Um so mehr müssen wir die Artenvielfalt zum Dreh- und Angelpunkt von Klimalösungen erklären. Wie sonst sollte so etwas wie ein Netzwerk des Lebens auf der Erde zu konservieren sein? Biovielfalt verringert das Tempo des Klimawandels. Was könnte uns mehr überzeugen als dieses Angebot der Natur, das ein Angebot zum Überleben ist? Wir sollten es annehmen - wo und wer immer wir sind. Und was auch immer wir tun.

Vandana Shiva, Indische Aktivistin für Frauenrechte und Umweltschutz, Trägerin des Alternativen Nobelpreises

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   33 vom 17.08.2007. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

18. August 2007

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