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“Hoffnung, dass solches Leiden nie von unseren Kindern und Enkeln erlitten werden muss”

Zeugenbericht von Yoshito Matsushige über den 6. August 1945 in Hiroshima

Zum internationalen Jahr des Friedens 1986 beschloss das “Hiroshima Peace Cultural Center” die Berichte von 100 Hibakusha aufzuzeichnen. Wir haben in der Lebenshaus-Website einige davon ins Deutsche übersetzte Zeugenberichte von Hibakusha bereits veröffentlicht. Diese Texte mit den Aussagen von überlebenden Opfern der Atombombenabwürfe müss(t)en jedem Menschen zur Kenntnis gebracht werden. Es soll niemand sagen können, nicht gewusst zu haben, was den Menschen in Hiroshima und Nagasaki Grauenhaftes widerfahren ist. Zum Hiroshima-Gedenktag 2007 veröffentlichen wir ein weiteres Zeugnis eines Überlebenden des Hiroshima-Verbrechens vom 6. August 1945: den Zeugenbericht von Yoshito Matsushige.

Yoshito Matsushige war zu dieser Zeit ein 32 Jahre alter Kameramann der Chugoku-Zeitung. Er war in seinem Haus in Midori-cho, 2,7 km vom Hypozentrum als die Bombe abgeworfen wurde. Er lief direkt nach der Bombardierung in der Stadt herum und nahm fünf Bilder auf, die wichtige historische Dokumente wurden.

MATSUSHIGE: Ich hatte gerade gefrühstückt und machte mich fertig, zur Zeitung zu fahren, als es passierte. Es gab einen Blitz von den Kabeln im Haus als ob ein Blitz eingeschlagen hätte. Ich hörte überhaupt kein Geräusch, wie soll ich sagen, die Welt um mich herum wurde gleißend hell. Und ich wurde vorübergehend blind, als ob eine Magnesiumfackel vor meinen Augen gezündet worden wäre. Direkt danach kam die Detonation. Ich war von der Taille aufwärts nackt, und die Detonation war so stark, es fühlte sich an als ob mich hunderte von Nadeln auf einmal treffen würden.

Die Explosion riss große Löcher in die Wände des ersten und zweiten Stockwerks. Ich konnte wegen des ganzen Schmutzes kaum das Zimmer sehen. Ich zog meine Kamera und die Kleidung, die von der Militärhauptverwaltung ausgegeben wurde, unter dem Schutt hervor und zog mich an. Ich dachte, ich würde entweder zur Zeitung oder zur Hauptverwaltung gehen. Das war etwa vierzig Minuten nach der Detonation.

Bei der Miyuki-Brücke war ein Polizeiposten. Die meisten der dort versammelten Opfer waren Mittelstufenschülerinnen der Hiroshima Girls Business School und der Hiroshima Junior High School No. 1. Sie waren eingesetzt worden, um Gebäude zu evakuieren und sie waren draußen, als die Bombe fiel. Da sie der Wärmestrahlung direkt ausgesetzt waren, waren sie mit Blasen übersät, so groß wie Bälle, auf ihren Rücken, ihren Gesichtern, ihren Schultern und ihren Armen. Die Blasen begannen aufzuplatzen und ihre Haut hing in Fetzen herunter. Einige Kinder hatten sogar Verbrennungen an ihren Fußsohlen. Sie hatten ihre Schuhe verloren und waren barfuß durch das brennende Feuer gelaufen. Als ich das sah, dachte ich, ich würde ein Foto machen und griff nach meiner Kamera. Aber ich konnte den Auslöser nicht drücken, weil der Anblick so erbärmlich war. Obwohl auch ich ein Opfer der selben Bombe war, hatte ich nur kleinere Verletzungen von Glassplittern, während diese Menschen starben. Es war so ein grausamer Anblick, daß ich den Auslöser einfach nicht drücken konnte.

Vielleicht zögerte ich dort ungefähr 20 Minuten, aber ich hatte schließlich den Mut angesammelt, ein einziges Bild zu machen. Dann bewegte ich mich vier oder fünf Meter vorwärts, um das zweite Bild zu machen. Sogar heute erinnere ich mich genau daran, wie der Sucher durch meine Tränen vernebelt war. Es kam mir vor, als ob jeder mich ansah und verärgert dachte “Er macht ein Bild von uns und wird uns überhaupt keine Hilfe bringen”. Dennoch musste ich den Auslöser drücken, also überwand ich mich und nahm schließlich das zweite Bild auf. Diese Menschen müssen mich für wirklich kaltblütig gehalten haben.

Dann sah ich einen ausgebrannten Straßenbahnwagen der gerade bei Kamiya-cho um die Ecke gekommen war. Es waren immer noch Fahrgäste im Wagen. Ich setzte meinen Fuß auf die Stufen des Wagens und sah hinein. Es waren vielleicht 15 oder 16 Menschen im vorderen Teil des Wagens. Sie lagen tot aufeinander. Kamiya-cho war sehr nah am Hypozentrum, etwa 200 Meter entfernt. Die Fahrgäste waren unbekleidet. Es heißt, wenn man in Panik wäre, finge man an zu zittern und die Haare stünden zu Berge. Und ich fühlte genau dieses Zittern angesichts dieses Szenarios. Ich trat zurück um ein Bild zu machen und legte meine Hand auf meine Kamera. Aber mir taten diese toten und nackten Menschen so leid, deren Bild der Nachwelt überlassen worden wäre, dass ich das Bild nicht aufnehmen konnte. Zu dieser Zeit durften wir auch keine Bilder von Leichen in den Zeitungen veröffentlichen.

Danach ging ich umher. Ich ging durch den am schlimmsten getroffenen Teil der Stadt. Ich lief für nahezu drei Stunden umher. Aber ich konnte kein einziges Bild dieses zentralen Gebiets machen. Es gab andere Kameramänner sowohl im Militär als auch bei der Zeitung. Die Tatsache, dass kein einziger von ihnen in der Lage war, Bilder zu machen, scheint ein Indiz dafür zu sein, wie brutal das Bombardement wirklich war. Ich bilde mir nichts darauf ein, aber es ist ein kleiner Trost, dass ich zumindest fünf Bilder machen konnte.

Während des Krieges gab es praktisch jede Nacht Luftangriffe. Und nach Kriegsbeginn kam es oft zu Nahrungsknappheit. All jene von uns, die diese Not erlebten, hoffen, dass solches Leiden nie von unseren Kindern und Enkeln erlitten werden muss. Nicht nur unsere Kinder und Enkel, sondern alle zukünftigen Generationen sollten diese Tragödie nicht durchleben müssen. Deswegen möchte ich, dass junge Menschen unseren Zeugenberichten zuhören und den richtigen Weg einschlagen, den Weg der zum Frieden führt.

Deutsche Übersetzung: Claudia Halter. Englische Fassung: Testimony of Yoshito Matsushige .

Siehe ebenfalls:

Weitere Zeugenberichte auf der Lebenshaus-Website unter:

Veröffentlicht am

05. August 2007

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