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Ein Blutiger Medien-Spiegel

Von Norman Solomon - ZNet 10.07.2007

Vielen der prominentesten US-Journalisten wäre es am liebsten, wir würden vergessen, was sie vor etwas mehr als vier Jahren gesagt und geschrieben haben, weil sie den Einmarsch im Irak vorantreiben wollten. Heute schleichen diese Leute wie die Katze um den heißen Brei, wenn es um ihre Rolle beim Hochjubeln des Krieges und beim Abdrängen kritischer Stimmen an den Rand der Medien geht.

Ich bin Mitglied der Medien-Beobachtergruppe FAIR. Die aktuelle Ausgabe unserer Zeitschrift ‘Extra’ beinhaltet einen besonderen Service für die Öffentlichkeit: Peter Hart, unser Direktor für Aktivismus, hat in FAIRS großem Forschungsarchiv gekramt und eine Sammlung wichtiger Zitate, mit denen die Medien damals die Irakinvasion hochjubelten, zusammengetragen.

Eines der ersten denkwürdigen Zitate stammte von Michael Gordon, Star-Reporter der New York Times. Gordon ist ein notorischer Unterstützer des Pentagon. Am 25. März 2003, wenige Tage vor der Invasion, gab Gordon live auf CNN den Invasoren lässig die Lizenz, das irakische Fernsehen zu bombardieren.

Gordon: “Was ich im irakischen Fernsehen gesehen habe: Saddam Hussein präsentiert seinem Volk Propaganda, sie protzen mit einem abgeschossenen Apache-Hubschrauber und behaupten, ein Bauer habe diesen abgeschossen. Er (Saddam) versucht, das eigene Volk davon zu überzeugen, dass er alles unter Kontrolle hat. Wir versuchen, die exakt gegenteilige Botschaft rüberzubringen”. Aus diesem Grund, so Gordon, sei das irakische Fernsehen “ein angemessenes Angriffsziel”.

Sehen wir uns Gordons Begründung für einen Militärangriff auf irakische Fernsehsender etwas genauer an: Diese Sender würden ihrem Publikum Propaganda präsentieren, sie zeigten Bilder des Triumphes und jubelten die Autorität des Regierungschefs hoch - derweil der Gegner “die exakt gegenteilige Botschaft rüberbringen” will. Diese Argumentation als Maßstab genommen, hätten die Irakis damals das Recht gehabt, US-Kabelsender anzugreifen - vor allem den Fox News Channel.

Hart (siehe oben) ist Autor des Buches: ‘The Oh Really? Factor: Unspinning Fox News Channel’s Bill O’Reilly’. Darin finden sich einige Fox-Zitate sowie eine Sammlung kriegsgeiler Medienstatements. Ein Beispiel: Kurz nach Beginn der Invasion sagte ein Fox-Nachrichtenkommentator: “Die amerikanische Öffentlichkeit weiß, wie wichtig dieser Krieg ist, sie ist nicht so sensibel, wenn es um Opfer geht - wie die Heulsusen der amerikanischen Presse”. (In staatlichen TV-Studios werden tollwütige Falken übrigens üblicherweise als ‘unübertroffene Helden’ bezeichnet.) Häufig stammen Harts Beispiele allerdings von US-Medien, deren Journalisten als vernünftig und professionell gelten.

Auch Brian Williams, von NBC News, hatte die Klaviatur der US-Offiziellen bedient: “Sie sagen, es sei der sauberste Krieg in der Geschichte des Militärs”, so Williams am 2. April 2003. “Sie betonen, der Kampf werde einem Regime gelten und nicht dem (irakischen) Volk; sie benutzen ‘smart bombs’, keine plumpe, alte Munition, wobei es natürlich immer Opfer geben wird… Es gibt in diesem Krieg aber eine neue Waffe: die arabischen Medien, vor allem Al-Dschasira. Es sendet rund um die Uhr; im Gegensatz zu den amerikanischen Medien kommt hier die Pentagon-Linie kaum zur Geltung. Seine Kritiker sagen, es (Al Dschasiera) konzentriere sich zu sehr auf die zivilen Opfer und provoziere den Zorn der arabischen Straße”.

Am nächsten Tag war Williams Kollegin Katie Couric auf demselben Sender zu sehen. Ihre Schmeicheleien - beim Interview mit einem Militäroffiziellen - noch unverhohlener. Vor den Zuschauer/innen des ‘Today’-Programms rief sie spontan aus: “Danke, dass Sie zu dieser Show gekommen sind! Und ich möchte hinzufügen, die Special Forces rocken!”

Eine Woche später, auf MSNBC, geriet der hartgesottene Chris Matthews in euphorische Beachball-Stimmung, als die amerikanischen Truppen gerade das Saddam-Regime stürzten. “Wir sind alle Neokons!” rief er.

Anfang Mai 2003, als Präsident Bush mit dem Flieger auf einem US-Flugzeugträger landete und sich neben ein Plakat stellte, auf dem ‘Mission Accomplished’ stand, sagte Lou Dobbs von CNN seinen Zuschauern spontan: “Er wirkt wie ein alternativer Generalstabschef, wie ein Rockstar, ein Kinostar oder wie einer der Jungs.”

Am selben Tag benutzte der Journalist Matthews das royale ‘Wir’. Auch Matthews blies in dasselbe Horn des Opportunismus, als er sagte, “wir sind stolz auf unseren Präsidenten. Die Amerikaner lieben es, einen Kerl zum Präsidenten zu haben, einen kräftigen Typen, der ein wenig schwadroniert - keine komplizierte Type wie Clinton oder gar Dukakis oder Mondale oder McGovern, keine solchen Typen. Sie wollen einen Kerl zum Präsidenten. Frauen mögen einen (echten) Kerl zum Präsidenten. Überprüfen Sie’s. Frauen mögen diesen Krieg. Ich denke, wir mögen die Vorstellung eines Helden-Präsidenten, ganz einfach”. Etwas zu einfach.

Christopher Hitchens. In Hinblick auf jene fatalen Behauptungen zum Irakkrieg gibt es wohl kaum einen Journalisten, der mit weniger Scham Bushs Echo spielte.

“Viele Iraker können mich heute Abend hören - in einer Radiosendung mit Übersetzung - ich richte eine Botschaft an Sie: Wenn wir eine Militärkampagne starten müssen, dann wird sie sich gegen den Gesetzlosen, der dieses Land regiert, richten und nicht gegen Sie (die Iraker)”, so Bush am 17. März 2003.

Am nächsten Tag schrieb Hitchens in einem Essay: “Das Verteidigungsministerium hat eine Munition entwickelt, die sehr zielgenau und akkurat ist. Durch diese Munition braucht man viel weniger Opfer in Kauf zu nehmen beziehungsweise kann auf unserer Seite mit viel weniger Opfern rechnen. Die Vorhersage, es werde zu verbreiteten Gemetzeln kommen, hat sich schon beim letzten Mal als falsch erwiesen - und die damals (im ersten Golfkrieg) verwendeten Waffen waren noch nicht annähernd so zielgenau.” Hitchens Proklamation: “Inzwischen ist davon auszugehen - als praktische Tatsache - dass es möglich ist, gegen ein Regime zu kämpfen aber nicht gegen das Volk oder die Nation”.

Mehr als vier Jahre später - nach Hunderttausenden ziviler Opfer auf irakischer Seite - bestätigen die allerzuverlässigsten epidemiologischen Untersuchungen, wie irreführend obige Aussagen waren. Und nicht nur dies: Sie haben rein gar nichts mit der menschlichen Realität zu tun.

Wer sich Anfang 2003 so feurig für den Irakkrieg einsetzte, verspürt heutzutage vielleicht das Verlangen, das Thema zu wechseln: Reden wir über Gott.

Auf DVD erschienen: Der Film ‘War Made Easy: How Presidents and Pundits Keep Spinning Us to Death’, basierend auf Norman Solomons gleichnamigem Buch. Produziert wurde der Film von der Media Education Foundation. Sean Penn führt als Sprecher durch die Doku: www.WarMadeEasyTheMovie.org .

Quelle: ZNet Deutschland   vom 10.07.2007. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “A Bloody Media Mirror” .

Veröffentlicht am

14. Juli 2007

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