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‘SICKO’: Der neue Film von Michael Moore

Teil 1: Die menschliche Tragödie


Von Robert Weissman - ZNet 21.06.2007

Als bekannt wurde, dass Michael Moore an einem neuen Kinofilm arbeitet - über die amerikanische Gesundheitsindustrie - drehten alle durch. Der neue Film heißt ‘SICKO’.

Memos schwirrten hin und her, in denen Versicherungen und Pharmakonzerne, Manager und Abgeordnete gewarnt wurden, öfter mal einen Blick über ihre Schulter zu werfen, man müsse auf der Hut sein: Moore und sein Kamerateam lauerten in den Hecken. Diese Leute haben tatsächlich etwas zu befürchten. Sie haben unsägliches, unnötiges Leid und Elend verursacht, für das sie sich rechtfertigen müssen.

Im Endeffekt kommt Moores Film jedoch ohne diese Personen aus.

Der Film bezieht seine Dynamik aus einer Reihe von herzerschütternden Geschichten. ‘SICKO’ stellt dem amerikanischen Gesundheitssystem ein verheerendes Zeugnis aus. Der Film lässt die Opfer, die Patienten, selbst zu Wort kommen.

Als Moore auf seiner Internetseite ankündigte, an einem Film über die Auswüchse des amerikanischen Gesundheitswesens zu arbeiten und entsprechende Beispiele zu sammeln, bekam er 25.000 Antworten.

Moore stellt uns Dawnelle vor, deren 18-monatige Tochter Michelle starb, weil ihr ‘Kaiser’-Gesundheitsplan nicht mit der Klinik einverstanden war, in die das Kind mit dem Krankenwagen eingeliefert wurde. Stattdessen musste Michelle an ein ‘Kaiser’-Klinikum verlegt werden. Fünfzehn Minuten nach ihrer Einlieferung in die ‘Kaiser’-Klinik war sie tot. Todesursache war vermutlich eine bakterielle Infektion, die mit Antibiotika behandelbar gewesen wäre.

Julie ist Krankenhausangestellte. Sie erzählt, dass ihr Versicherungsplan ihr die Erlaubnis verweigerte, ihrem krebskranken Ehemann das empfohlene Knochenmark zu spenden. Kurz darauf starb ihr Mann.

Larry und Donna sind ein Paar in mittleren Jahren. Donna leidet an Krebs. Die Behandlungs- und Folgekosten stellen eine so hohe Belastung für beide dar, dass sie ihr Haus verkaufen und zu ihrer erwachsenen Tochter ziehen mussten - in ein kleines Zimmer. Am Tag nach dem Einzug trat Larry eine Stelle als Vertragsarbeiter im Irak an.

Moores Kamera fängt das Chaos ein, das Leid und die Entwürdigung, die ganz normalen Menschen zugefügt werden - Menschen, die ihr Möglichstes tun, um mit ihrer ausweglosen Situation fertig zu werden.

Moores InternetseiteAnmerkung d. Übersetzerin: siehe Moores Website: www.michaelmoore.com . und sein neuer Film haben viele Beschäftigte der Krankenversicherungsbranche dazu ermutigt, ihre Meinung zu sagen: Ihr Job zwinge sie, Dinge zu tun, für die sie sich schämten.

Auch Lee arbeitete früher in dieser Branche. Sein Job war es, Geldleistungen für Kranke abzulehnen oder hinauszuzögern. Er erklärt, wie hart Versicherer vorgehen, um Leistungen zu verweigern. Jede Ausrede sei ihnen recht. “Es geschieht nicht absichtslos”, sagt er zum Thema Negativbescheide über Gesundheitsleistungen. “Es passieren keine Fehler - es ist nicht so, dass jemand durch die Maschen des Systems rutscht. Jemand hat diese Maschen so weit gemacht, damit ihr durchrutscht”.

Auch Becky ist in diesem Gewerbe tätig. Wenn sie mit Kunden telefoniert, ist sie eine richtige “Hexe”, gesteht sie unter Tränen. Über die familiären und persönlichen Verhältnisse ihrer Kunden wolle sie am liebsten gar nichts wissen - sonst drehe es ihr den Magen um, wenn die unausweichliche Ablehnung der Gesundheitsleistung anstehe.

Dr. Linda Peeno arbeitete früher als medizinische Kontrollärztin für ‘Humana’. 1996 sagte sie vor einem Komitee des US-Kongresses aus, ihre Ablehnung einer nötigen Behandlung habe den Tod eines Patienten verursacht. “Ich bin in erster Linie hier”, so Dr. Peeno gegenüber dem Komitee, “um eine öffentliche Beichte abzulegen. Im Frühjahr 1987 habe ich als Ärztin einem Mann die Operation verweigert, die sein Leben gerettet hätte und somit seinen Tod verursacht. Niemand - keine Einzelperson oder Gruppe - hat mich deswegen zur Verantwortung gezogen, denn durch diese Tat habe ich meiner Firma eine halbe Million Dollar gespart”.

Selten geht es in Moores Film um Menschen, die gar keine Krankenversicherung haben. Stattdessen schildert der Erzähler (Moore) die Nöte der 250 Millionen Krankenversicherten in den USA.

Aber auch einige Unversicherte kommen in ‘SICKO’ vor. So schiebt beispielsweise ein Krankenhaus eine schwache, geistig verwirrte Frau in einem Taxi ab. Es entsorgt sie buchstäblich auf der Straße - in der Nähe eines Obdachlosenheims.

Rich hatte einen Unfall mit der Säge. Er hat sich zwei Fingerkuppen abgesägt. Er ist nicht krankenversichert. Man sagt ihm, das Wiederannähen der Ringfingerkuppe koste ihn $12 000, das des Mittelfingers $60 000. Rich ist “ein hoffnungsloser Romantiker” und wählt den Ringfinger.

In der PR zu Moores neuem Film heißt es, ‘SICKO’ sei ein neues Beispiel für Moores erprobten Ansatz: Ein ehrlicher Mann, der eine Sache allein angeht. Man verspricht, der Film sei “in jeder Hinsicht so investigativ wie frühere Michael-Moore-Filme”.

Das ist irreführend, denn Moore hat diesmal einen etwas anderen Ansatz gewählt. Der Film ist humorvoller, aber es gibt weniger Gimmicks (Dreingaben). Moore versucht auch nicht, Industriemanager zu konfrontieren, und seine eigene Rolle ist wesentlich kleiner als in früheren Filmen.

Es ist zudem etwas irreführend, zu behaupten, Moores neuer Film sei so investigativ wie seine früheren Werke - reine Untertreibung. Selbst die begeistertsten Moore-Fans werden feststellen, dass der neue Film tiefer geht als seine Vorgänger. Dieser Film hat mehr Power und Tiefgang. ‘SICKO’ ist mit Abstand Moores gelungenster Film.

Es ist schlicht ein Meisterwerk. Der Film geht sehr, sehr respektvoll und einfühlsam mit den Opfern um. An vielen Stellen weckt er Empörung. Aber es ist die Wut über die schrecklichen Geschichten, die wir zu hören bekommen. Die Erzählung verharrt vorwiegend im Understatement. Man wird mit echten Emotionen überflutet. Gleichzeitig schafft es ‘SICKO’, uns klarzumachen, dass es unweigerlich am System liegt, wenn die reichste Nation in der Weltgeschichte jämmerlich darin versagt, alle ihre Menschen unter Krankenversicherungsschutz zu stellen.

Gibt es eine Chance auf Veränderung in den USA?

Ja.

Im zweiten Teil von ‘SICKO’ werden Vergleiche zu Gesundheitssystemen in anderen Ländern gezogen. Ergebnis: Nationale Versicherungen mit nur einem Auszahler liefern die mit Abstand beste Versorgung. Mehr dazu unten. Filmvorschauen finden am 23. Juni überall in den USA statt. Nationaler Kinostart von ‘SICKO’ ist am 29. Juni. Machen Sie sich auf einiges gefasst. Sie werden Wut empfinden - und Sie werden weinen.

Robert Weissman ist Redakteur des Multinational Monitor (Washington, DC) http://www.multinationalmonitor.org .

Weissman ist zudem Leiter von ‘Essential Action’ http://www.essentialaction.org .

Quelle: ZNet Deutschland   vom 20.06.2007. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “SiCKO, Part I: The Human Tragedy” .

Fußnoten

Veröffentlicht am

26. Juni 2007

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