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Willkommen in ‘Palästina’

Von Robert Fisk - ZNet 18.06.2007

Nichts als Ärger machen die Muslime im Nahen Osten. Wir verlangen, dass die Palästinenser sich an demokratische Spielregeln halten und dann wählen sie die falsche Partei - Hamas. Zusätzlich gewinnt die Hamas einen Mini-Bürgerkrieg und beherrscht den Gaza Streifen. Aber wir, der Westen, beharren immer noch darauf, mit dem diskreditierten Präsidenten Mahmoud Abbas zu verhandeln. Heutzutage hat “Palästina” - lasst uns die Anführungsstriche beibehalten - zwei Premierminister. Willkommen im Nahen Osten.

Mit wem können wir verhandeln? Mit wem reden wir? Nun, natürlich hätten wir vor Monaten bereits mit der Hamas reden müssen. Aber wir mochten die demokratisch gewählte Regierung des palästinensischen Volkes nicht. Wir hatten von denen erwartet, dass sie Fatah mit ihrer korrupten Führungsspitze wählen. Aber sie wählten Hamas, die sich weigert, Israel anzuerkennen oder das völlig diskreditierte Oslo-Abkommen zu befolgen.

Nicht einer - auf unserer Seite - fragte, welches Israel insbesondere die Hamas denn anerkennen müsse. Israel in den Grenzen von 1948? Israel in den Grenzen nach 1967? Das Israel, das eine große Anzahl Siedlungen auf arabischem Land für Juden und ausschließlich für Juden gebaut hat und weiterhin baut, und sich damit immer mehr der verbleibenden 22% von “Palästina” einverleibt, um das noch verhandelt wird?

Und so wird heute von uns verlangt, dass wir mit unserem treuen Polizisten Herrn Abbas reden, dem “gemäßigten” (wie ihn BBC, CNN und Fox News bezeichnen) Führer der Palästinenser, einem Mann, der ein 600-seitiges Buch über Oslo schrieb, ohne auch nur einmal das Wort “Besatzung” zu erwähnen, der immer über die israelische “Umgruppierung” anstelle über den “Abzug” redet, einem Führer, dem wir vertrauen können, weil er eine Krawatte trägt, im Weißen Haus verkehrt und all die richtigen Sachen sagt. Die Palästinenser wählten nicht Hamas, weil sie eine islamische Republik wollen - so wird Hamas blutiger Sieg dargestellt werden - sondern weil sie genug haben von der Korruption der Fatah von Herrn Abbas und der verrotteten “Palästinensischen Autorität”.

Ich erinnere mich, wie ich vor Jahren in das Haus eines PA-Offiziellen geführt wurde, dessen Wände gerade von Einschüssen israelischer Granaten übersäht waren. Alles richtig. Aber was mich empörte, waren die vergoldeten Wasserhähne im Badezimmer. Diese Wasserhähne - oder ähnliches - kosteten die Fatah ihren Wahlsieg. Die Palästinenser wollten ein Ende der Korruption - diesem Krebsgeschwür der arabischen Welt - und deshalb wählten sie Hamas. Weil sie ihr freies Wahlrecht ausgeübt haben, entschieden wir, der alles wissende, rundherum gute Westen, uns, sie dafür zu sanktionieren, sie auszuhungern, sie einzuschüchtern. Vielleicht sollten wir “Palästina” die EU-Mitgliedschaft anbieten, wenn es aus Dankbarkeit dafür die richtigen Leute wählen würde.

Überall im Nahen Osten ist es dasselbe. Wir unterstützen Hamid Karzai in Afghanistan, auch wenn er Warlords und Drogenbarone in seine Regierung aufnimmt (und im Übrigen sind wir fürchterlich betroffen über alle die unschuldigen afghanischen Zivilisten, die wir in unserem “Kampf gegen den Terrorismus” in den abgelegenen Gegenden der Helmand Provinz töten.)

Wir lieben Hosni Mubarak aus Ägypten, dessen Folterknechte mit den Politikern des Muslimischen Bruderbundes, die vor kurzem außerhalb Kairos verhaftet wurden, immer noch nicht fertig sind. Aber seine Präsidentschaft empfing die herzliche Unterstützung von Frau - ja, Frau - George W Bush. Seine Nachfolge wird mit ziemlicher Sicherheit an seinen Sohn Gamal gehen.

Wir bewundern Muammar Gaddafi, den Diktator mit den fixen Ideen aus Libyen, dessen Werwölfe die Opposition im Ausland umgebracht haben, dessen Plan, den König Abdullah von Saudi Arabien ermorden zu lassen, dem letzten Besuch Tony Blairs in Tripoli vorausging. Oberst Gaddafi, daran sei erinnert, wurde von Jack Straw als “Staatsmann” bezeichnet, als er seine nicht vorhandenen Pläne zur nuklearen Aufrüstung aufgab. Seine “Demokratie” ist völlig akzeptabel für uns, weil er im “Kampf gegen den Terrorismus” auf unserer Seite ist.

Ach ja, und außerdem lieben wir König Abdullahs unkonstitutionelle Monarchie in Jordanien, wir lieben all die Prinzen und Emire der Golfregion, vor allem die, die von unseren Waffenhändlern so geschmiert wurden, dass sogar Scotland Yard seine Ermittlungen auf Anweisung unseres Premierministers einstellt. Ich kann verstehen, warum er die Berichterstattung des Independent über das, was er altmodisch den “Nahen Osten” nennt, nicht besonders mag. Würden doch nur die Araber - und die Iraner - unsere Könige, Schahs und Prinzen unterstützen, deren Söhne und Töchter in Oxford und Harvard erzogen sind, wie viel leichter wäre die Kontrolle des “Nahen Osten”.

Darum geht es: um Kontrolle. Dafür geben und entziehen wir ihren Führern unser Wohlwollen. Nachdem nun Gaza zur Hamas gehört, was werden jetzt unsere eigenen gewählten Führer tun? Werden unsere Oberpriester in der EU, der UN, Washington und Moskau nun mit diesen erbärmlichen, undankbaren Leuten reden müssen (keine Angst, das wird nicht passieren, weil sie nicht fähig sind, denen die Hand zu geben). Werden sie stattdessen die Westbank Version von Palästina anerkennen (Abbas, die sichere Variante) und die gewählte, militärisch erfolgreiche Hamas in Gaza ignorieren?

Natürlich ist es einfach, beide Gruppen zu verdammen. Aber das tun wir mit dem gesamten Nahen Osten. Wenn nur Bashar al-Assad nicht Präsident von Syrien wäre (der Himmel weiß, was die Alternative wäre) oder wenn nur der verrückte Präsident Mahmoud Ahmedinejad nicht die Kontrolle über den Iran ausüben würde (auch wenn er derzeit nicht ein Ende eines Nuklearsprengkörpers von dem anderen unterscheiden kann).

Wäre nur der Libanon eine hausgemachte Demokratie wie unsere eigenen kleinen Hinterhofländer, wie zum Beispiel Belgien oder Luxemburg. Aber nein, diese nervtötenden Nahen Ostler wählen die falschen Leute, unterstützen die falschen Leute, lieben die falschen Leute und benehmen sich nicht wie wir zivilisierte Westler.

Was werden wir denn nun tun? Vielleicht die Wiederbesetzung von Gaza unterstützen? Sicher werden wir nicht Israel kritisieren. Und wir werden weiterhin unsere Zuneigung den Königen, Prinzen und unschönen Präsidenten des Nahen Osten geben, bis das ganze Gebiet vor unseren Augen explodiert. Dann werden wir sagen - was wir heute schon von den Irakern sagen -, dass sie unsere Opfer und unsere Liebe nicht verdienen.

Wie gehen wir mit einem Staatsstreich durch eine gewählte Regierung um?

Copyright (c) The Independent 2007

Quelle: ZNet Deutschland   vom 20.06.2007. Übersetzt von: Uschi Grandel. Orginalartikel: “Welcome to ‘Palestine’” .

Veröffentlicht am

20. Juni 2007

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