Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Ruf an den G8-Gipfel in Heiligendamm

Von Ulrich Duchrow - Rede bei der Kirchentagsdemo "Kirche Gib 8" am 7. Juni 2007 in Köln


Liebe Freundinnen und Freunde,

viele von uns haben die schwierige Entscheidung treffen müssen: Sollen wir zum Kirchentag oder nach Heiligendamm zum Protestieren fahren. Diese Demo gibt uns die Möglichkeit, vom Kirchentag aus zu protestieren.

Wohlgemerkt: wir sind hier nicht zusammengekommen als Lobbyisten, sondern als Protestierende. Lobby macht Sinn gegenüber demokratisch legitimen Institutionen. Die G8 ist keine demokratisch legitimierte Institution. In ihr maßen sich die Regierenden von 13% der Weltbevölkerung an, für 100% der Menschen und Völker zu sprechen und zu entscheiden. Kein Beschluss der Vereinten Nationen hat sie berufen. Sie geben vor, die Weltprobleme lösen zu wollen. Dabei sind sie die Hauptverursacher der lebensgefährlichen Entwicklungen auf dieser Erde. Albert Einstein sagt zu Recht:

"Probleme in dieser Welt sind nicht mit der gleichen Denkweise zu lösen, die sie verursacht haben".

Die Denkweise der G8 heißt:

  • Wirtschaftswachstum - oder genauer: Wachstum des Kapitals der Kapitaleigentümer, Wachstum ohne Arbeitsplätze, Wachstum ohne Mindestlöhne, Wachstum des Kapitals ohne gerechte Steuer für die öffentlichen Aufgaben, Wachstum der Zerstörung der Erde.
  • Privatisierung - d.h. die Unterwerfung allen Lebens unter die Logik der Kapitalvermehrung, die Zerstörung der erkämpften sozialstaatlichen Garantie der Grundversorgung aller in Würde.
  • Liberalisierung - also Bahn frei für die Starken, die Oligopole und Monopole im weltweiten Markt auf Kosten derer, die hungern und dürsten müssen.
  • Deregulierung - also Bahn frei für die großen Finanzjongleure, die Spekulanten und Steuerhinterzieher.
  • Keine Deregulierung der menschlichen Bewegungsfreiheit, sondern Zäune, Mauern und Abschiebung gegen die Armgemachten: Festung Europa.
  • Und schließlich: militärische Durchsetzung der Kapitalinteressen bis hin zu imperialen Kriegen wie in Afghanistan und Irak.

Diese Denk- und Handlungsweise der G8 ist hauptverantwortlich für die bedrohlichen Probleme auf diesem Planeten. Von G8 deren Lösung zu erwarten, hieße den Bock zum Gärtner machen - da hat Einstein Recht. Natürlich verpackt diese Denkweise sich in schöne Worte wie "Demokratie", "Neue soziale Markwirtschaft", "Armutsbekämpfung", "Freihandel", "humanitäre Intervention". Und die Medien machen mit. Aber immer mehr Menschen durchschauen den Schwindel. Darum sind wir hier und in Heiligendamm zum Protest.

Wie äußern wir diesen Protest? Der Kirchentag nennt die Veranstaltung, die hier um 20 Uhr beginnen soll: Ruf an den G8-Gipfel in Heiligendamm. Also rufen sollen und wollen wir. Es gibt auf dem Kirchentag und beim Gegengipfel in Heiligendamm differenzierte, argumentierende Seminare, Workshops und Podien zu den konkreten Alternativen. Hier und jetzt sollen wir rufen. Also tun wir es gemeinsam und laut!

Rufen wir den selbsternannten Weltherrschern zu:

  • WIRTSCHAFT NICHT FÜR’S KAPITAL - WIRTSCHAFT FÜR DAS LEBEN!
    (alle wiederholen: WIRTSCHAFT NICHT FÜR’S KAPITAL - WIRTSCHAFT FÜR DAS LEBEN!)
  • NICHT DEM MAMMON DIENEN, SONDERN GOTT
    (wh: NICHT DEM MAMMON DIENEN, SONDERN GOTT!)
  • GOTT GEHÖRT DIE ERDE, NICHT DEN REICHEN!
    (wh: GOTT GEHÖRT DIE ERDE, NICHT DEN REICHEN!)
  • STOPPT DEN RAUBBAU AN DER ERDE!
    (wh: STOPPT DEN RAUBBAU AN DER ERDE!)
  • RAUS AUS AFGHANISTAN! RAUS AUS IRAK!
    (wh: RAUS AUS AFGHANISTAN! RAUS AUS IRAK!)

Angela Merkel warnt wie Herr Schäuble vor Gewalt. In der Tat müssen und werden diejenigen unter den Globalisierungskritikern, die sich u.a. durch polizeiliche Provokateure zu Gegengewalt verführen lassen, lernen, dass sie der staatlichen Gewalt in die Hände arbeiten. Nur aktive Gewaltfreiheit wird die direkte Gewalt des Staates, die strukturelle Gewalt der Wirtschaft und die kulturelle Gewalt der Medien und der Religionen überwinden wird. Außerdem verdecken die Steinewerfer die Tatsache, dass die eigentlichen Gewalttäter die sind, die das kapitalistische imperiale System stützen. Neulich deutete ein vorzüglicher Kommentator in der Deutschen Welle den Zaun in Heiligendamm so, dass dieser die Bevölkerung vor staatsterroristischen Gewalttätern wie George Bush und Vladimir Putin bewahren solle.

Frau Merkel behauptete in der Bundestagsdebatte zu Heiligendamm: "Ich werde auf den Protest hören." Das wäre eine echte Überraschung.

Wer aber sicher auf ernsthafte Rufe und auf Schreie des Schmerzes hört, wie wir aus den biblischen Zeugnissen wissen, ist Gott. Gott hörte die Schreie der hebräischen Sklaven in Ägypten. Gott zeigte dem Propheten Daniel im Gebet, dass das bis an die Zähne bewaffnete, unterdrückerische Imperium zusammenbrechen und Gottes menschlicher, herrschaftsfreier Ordnung Platz machen wird. Gott hörte die Gebete der Jüngerinnen und Jünger Jesu, nachdem dieser vom Imperium Romanum als Rebell am Kreuz ermordet wurde. Gott sandte am ersten Pfingsten die heilige Geistkraft Gottes. Sie ermöglichte es ihnen, mitten im Imperium ein Leben des Teilens, der Freude und einer neuen solidarischen Gemeinschaft zu beginnen. Darum rufen wir zu Gott mit den Worten der Vollversammlung des ÖRK in Porto Alegre:

  • GOTT IN DEINER GNADE VERWANDLE DIE WELT
    (wh: GOTT IN DEINER GNADE VERWANDLE DIE WELT!)

Dazu braucht Gott aber sein Volk. Darum haben wir auch unseren Kirchen etwas zuzurufen, besonders den Kirchenleitenden. Seit 1983 im konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Befreiung der Schöpfung hat sich die ökumenische Bewegung bemüht, Kirchen, Gemeinden und Basisgruppen in allen Kontinenten zur Absage an Geist, Logik und Praxis der neoliberalen und imperial-militaristischen Weltordnung zu bewegen. Diese aber wird geführt durch die G7/8 und ihre plutokratischen Einrichtungen wie z.B. IWF, WB und WTO. Unter dem Einfluss vor allem der Kirchen des Südens wurden erstaunliche Beschlüsse gefasst. Die Generalversammlung des Reformierten Weltbundes in Accra z.B. verabschiedete ein Bekenntnis, in dem es heißt:

"Wir glauben, dass Gott über die ganze Schöpfung regiert. "Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist" (Ps 24,1).

Darum sagen wir Nein zur gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung, wie sie uns vom globalen neoliberalen Kapitalismus aufgezwungen wird. … Wir weisen jeden Anspruch auf ein wirtschaftliches, politisches und militärisches Imperium zurück, das Gottes Herrschaft über das Leben umzustürzen versucht, und dessen Handeln in Widerspruch zu Gottes gerechter Herrschaft steht."

Leider ist die Mehrheit der europäischen Kirchen diesen klaren Bekenntnissen nicht gefolgt. Sie träumt davon, wir hätten noch die soziale Marktwirtschaft, die Herrschenden müssten nur ihr aufgeklärtes Eigeninteresse wahrnehmen und sie auf Weltebene übertragen. Gerade dies aber wollen die Eliten nicht, wie wir an der neoliberalen und militaristischen EU-Verfassung sehen, die unser gutes Grundgesetz aushebeln soll. In Deutschland hat sich die EKD sogar den Marketing Firmen ausgeliefert und schwärmt von einer markt-effektiven "Kirche der Freiheit", statt dem biblischen Gott an die Seite der Armgemachten und Unterdrückten zu folgen. Dort wäre ihr Ort.

Konkret heißt das: Die Kirchen gehören klar an die Seite der Verlierer und vor allem Verliererinnen der G8-Globalisierung, an die Seite der Erwerbslosen, der prekär lebenden Lohnabhängigen, der solidarischen sozialen Bewegungen und Gewerkschaften. Dass eine solche Umkehr möglich ist, zeigt z.B. Heiner Geißler. In den 1980ern führte er als Generalsekretär der CDU gemeinsam mit Helmut Kohl den Neoliberalismus in Deutschland ein. Heute sagt er nicht nur: "Wenn Jesus heute lebte, träte er Attac bei", sondern er tritt auch selbst ein.

Denn nur durch Bündnisse von unten und einen gemeinsamen hartnäckigen Kampf der Betroffenen werden wir die zerstörerische kapitalistische Globalisierung von oben überwinden, werden wir solidarisches Wirtschaften für das Leben lernen, werden wir die Kriege für Wirtschaftsinteressen durch Verweigerung aushungern.

Dazu müssen wir uns aber auch gegenseitig zurufen:

Überwinde Deine Ohnmachtgefühle und Trägheit.

Beteilige Dich hartnäckig an den solidarischen Bewegungen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

Ändere Deinen Lebensstil so, dass alle leben können.

Ja, mach´ auch in der Nachfolge Gandhis und Martin Luther Kings Boykotte und Blockaden mit. Auch Jesus ging in das damalige Wirtschaftszentrum, den Tempel, und stürzte die Tische und Kassen der Händler um. Wann wird der Rat der EKD wenigstens zusammen mit den Ordensleuten für den Frieden vor der Deutschen Bank Mahnwachen halten? Er müsste in Deutschland nicht einmal die Kreuzigung fürchten, obwohl Herr Schäuble Protestler gern kriminalisiert.

Also: lassen wir uns selbst verwandeln durch den Pfingstgeist. Dann können wir solidarisch Mensch werden und unseren Teil dazu beitragen, unsere Kirche und sogar die G8-Weltordnung zu verwandeln.

Wir brauchen nicht Heiligendamm, wir brauchen Heiligen Geist. Darum singt immer wieder unser Pfingstlied:

"O komm, du Geist der Wahrheit,
und kehre bei uns ein,
verbreite Licht und Klarheit,
verbanne allen Schein.
Gieß aus dein heilig Feuer,
rühr Herz und Lippen an,
dass jeglicher getreuer
den Herrn bekennen kann.

Unglaub und Torheit brüsten
Sich frecher jetzt als je;
Darum musst du uns rüsten
Mit Waffen aus der Höh.
Du musst uns Kraft verleihen,
Geduld und Glaubenstreu
Und musst uns ganz befreien
Von aller Menschenscheu."

Das wünsche ich uns.

 

Siehe auch das Interview von Peter Bürger mit Ulrich Duchrow  "Kirche Gib 8!"

Veröffentlicht am

13. Juni 2007

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von