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G8: Achte auf das, was sie tun, nicht auf das, was sie sagen

Von George Monbiot - Monbiot.com / ZNet 06.06.2007

Es ist wieder einmal Zeit für dieses anrührende jährliche Ritual, bei dem die mächtigsten Menschen der Welt sich selbst zu Tränen treiben. In Heiligendamm werden sie mitfühlen mit den Elenden der Erde. Sie werden sich auf die Brust klopfen und viele wackere und notwendige Dinge sagen - über den Klimawandel, Afrika, Armut, Handel - aber ein Wort wird ihnen nicht über die Lippen kommen: “Macht”. Inmitten all des patrizianischen Wohlwollens wird es kein Eingeständnis geben, dass die Macht, die sie über andere Staaten ausüben, all das zerstört, wofür sie zu stehen vorgeben.

Die Führer der G8-Staaten präsentieren sich als eine Macht, die sich uneingeschränkt für das Gute einsetzt. Manchmal scheitern sie, aber sie streben nur danach, die Welt besser zu gestalten. Bob Geldof und Bono hauchen diesem Gespinst Leben ein, indem sie über die guten Werke sprechen, die unsere Führer tun könnten, oder über die guten Werke, die sie zu tun unterlassen haben, ohne aber die aktiven Schädigungen zu erwähnen. Sie weigern sich einzugestehen, dass das, was die reichen Staaten mit dem kleinen Finger geben, sie mit beiden Händen wieder reinholen.

Man schaue sich an, was grade jetzt auf den Philippinen geschieht. Dieses Land hat viele Probleme, aber eins sticht hervor: nur 16% der Kinder zwischen vier und fünf Monaten werden ausschließlich über die Brust gestilltBaby Milk Action, 9th November 2006. International campaign aims to save Philippines baby milk marketing law - and infant lives. http://www.babymilkaction.org/press/press9nov06.html .. Das ist eine der niedrigsten Raten, die auf Erden dokumentiert worden ist, und sie ist seit 1998 um ein Drittel gefallen.Connie Levett, 3rd February 2007. Formula for profit seen as recipe for disaster. Sydney Morning Herald. http://www.smh.com.au/news/world/formula-for-profit-seen-as-recipe-for-disaster/2007/02/02/1169919531018.html . Weil 70% der Filipinos unzureichenden Zugang zu sauberem Wasser haben, ist das Ergebnis eine Katastrophe für die Gesundheit der Bevölkerung. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jährlich zirka 16.000 philippinische Kinder als Folge von “unangemessenen Fütterungspraktiken”.Jean Marc Olivè, WHO country representative, cited by the Philippines Sunday Times, 5th November 2006.

Das sind nur die Todesfälle, die durch unmittelbare Auswirkungen der Fütterung von Kindern durch Ersatznahrungsmittel für Muttermilch herbeigeführt worden sind. Eine Übersicht über in wissenschaftlichen Zeitschriften erschienene Studien, die von den gegen die Trockenmilchprodukte engagierten Gruppen Infact und Ibfan zusammengestellt worden ist, legt nahe, dass Stillung über die Brust die Wahrscheinlichkeit des Vorkommens von Asthma, Allergien, Krebs im Kindesalter, Diabetes, Heubner-Herter-Krankheit, Morbus Crohn, Kolitis, Fettsucht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, verlangsamter geistiger Entwicklung, Ohrinfektionen und Zahnfehlstellungen verringert.INFACT Canada and IBFAN, July 2006. Risks of Formula Feeding: a brief annotated bibliography. http://www.infactcanada.ca/mall/risks-formula-feeding.asp . Der Wechsel von der Flasche zur Brust könnte 13% aller Kindstode verhindernGareth Jones et al, 5th July 2003. How many child deaths can we prevent this year? The Lancet, Vol 362, pp 65-71. und hätte damit größere Auswirkungen als jede andere Maßnahme. Patentheilmittel sind selten in der Medizin, aber die Milchdrüse ist eines.

Sowohl die Regierung der Philippinen als auch die UN beschuldigen die Produzenten von milchpulverbasierter Babynahrung für den Rückgang bei der Bruststillung. Diese Unternehmen geben in den Philippinen mehr als hundert Millionen Dollar im Jahr für Werbung für Muttermilchersatzmittel aus, was mehr als der Hälfte des jährlichen Etats des Gesundheitsministeriums entspricht.AC Nielsen, cited by Maricel E Estevillo, 14th July 2006. Business World, Philippines. Die Leute, die am anfälligsten für solche Werbung sind, sind die Armen, die auch mit größerer Wahrscheinlichkeit bei der Zubereitung der Nahrung auf kontaminiertes Wasser zurückgreifen müssen. Manche geben bis zu einem Drittel ihres Haushaltseinkommens für Babynahrung aus; Milchpulver ist das meistverkaufte Produkt in den Philippinen.Connie Levett, ibid. Es wird fast ausschließlich von Unternehmen produziert, die in den reichen Ländern angesiedelt sind.

Seit Ferdinand Marcos 1986 abgesetzt worden ist, hat die philippinische Regierung versucht, sich zwischen diese Unternehmen und die verwundbaren Mütter zu stellen.The current rules are contained in Executive Order 51, passed in 1986. Sie ist darin gescheitert. Sie schließt ein Schlupfloch, und die Babynahrungsunternehmen finden ein anderes. Baby Milk Action, eine der beeindruckendsten Gesundheitskampagnen, hat ein Dossier mit Brüchen der Warenvertreibungsregeln der Weltgesundheitsorganisation zusammengestellt. Babynahrungsunternehmen haben Geschenke sowohl an Gesundheitsarbeiter als auch Mütter verteilt, Kurse und Informationsveranstaltungen zur Bewerbung ihrer Produkte organisiert sowie diese in Fernsehen, Film und Zeitungen beworben.Alessandro Iellamo, WHO Philippines, 30th May 2007. Description of the Bonna Kid Bigay Tibay sa Barangay, 29th May 2007, pers comm. Alessandro Iellamo, May 2007. Philippine Struggle for Child Survival: Call for International Solidarity. Diese Praktiken, obwohl in den Philippinen weitgehend erlaubt, werden alle in den Regeln abgelehnt.World Health Organisation, 1981. The International Code of Marketing of Breastmilk Substitutes. http://www.who.int/nutrition/publications/code_english.pdf .

Im Februar diesen Jahres ließ der Pharma- und Gesundheitsverband der Philippinen (PHAP) eine Reihe von Zeitungsanzeigen drucken, in denen Besorgnis über die Lage von Frauen, die ihre Kinder nicht stillen können, geäußert wurde. Diese Werbekampagne wurde von dem Sonderberichterstatter der UN Jean Ziegler als “irreführend, betrügerisch und böswillig in der Zielsetzung” beschrieben. Er gab an, dass die Anzeigen “Daten von UN-Behörden wie der WHO und der UNICEF verfälschen … mit dem einzigen Ziel, den riesigen Profit der Milchunternehmen ohne Rücksicht auf das Wohl der philippinischen Eltern und Kinder zu erhöhen.”UNHCR, 26th February 2007. Un Special Rapporteur Appalled with the Deceptive Tactics of Milk Companies in the Philippines. http://www.unhchr.ch/huricane/huricane.nsf/view01/3035D668F9E92329C125728F00294A69 .

Letztes Jahr stellte das philippinische Gesundheitsregeln ein neues Set von Regeln auf mit der Hoffnung, dieser Katastrophe für die Gesundheitslage Einhalt zu gebieten. Es verbot alle Werbung für milchbasierte Nahrungsmittel für Kinder bis zu zwei Jahren. Es verbot den Babynahrungsunternehmen, Geschenke oder Proben zu verteilen, Gesundheitsarbeiter zu unterstützen und Kurse abzuhalten.Department of Health, 15th May 2006. Revised Implementing Rules and Regulations of Executive Order no 51. Administrative Order 2006 - 0012. Die neuen Regeln scheinen streng, aber sie kommen alle direkt aus den Richtlinien der WHO. Der PHAP, zu dessen Mitgliedern die meisten der weltgrößten Pharmaunternehmen zählen,The members are listed here: http://www.phap.org.ph/directory.aspx . zog vors Oberste Gericht, um eine einstweilige Verfügung zu erwirken. Als das scheiterte, wurden die schweren Geschütze aufgefahren.

Die US-Botschaft und der regionale Handelsvertreter der USA begannen damit, Einfluss auf die philippinische Regierung zu nehmen. Der Präsident der Handelskammer der USA in Washington, die drei Millionen Unternehmen vertritt, schrieb dann einen Brief an die Präsidentin der Philippinen, Gloria Arroyo. Die neuen Regeln, so führte er an, würden “ungewollte negative Auswirkungen auf das Vertrauen der Investoren” zeitigen. Der Ruf des Landes “als ein stabiles und vertrauenswürdiges Ziel für Investitionen ist in Gefahr”Thomas J Donohue, 11th August 2006. Letter to Gloria Arroyo. Vier Tage später revidierte der Oberste Gerichtshof seine Entscheidung und erließ eine einstweilige Verfügung, wie die PHAP gefordert hatte. Sie ist bis heute in Kraft. Die Regierung ist momentan nicht dazu in der Lage, Unternehmen daran zu hindern, internationales Recht zu brechen.

Daraufhin wandte sich das Gesundheitsministerium an einen erfahrenen Regierungsanwalt, Nestor Ballacillo, um die einstweilige Verfügung aufheben zu lassen. Im Dezember wurden Ballocillo und sein Sohn erschossen, als sie aus dem Haus gingen. Der Fall ist nach wie vor ungelöst: Ballocillo war mit verschiedenen schwerwiegenden Angelegenheiten befasst. Letzten Monat erstattete der regionale Wirtschaftsbeauftragte der USA der philippinischen Regierung einen weiteren Besuch.Manila Standard Today, 9th May 2007. Report of visit of Barbara Weisel to Philippines Department of Trade and Industry. Das Gesundheitsministerium scheint inzwischen wankend geworden zu sein. In zwei Wochen werden die Aktivisten fürs Stillen über die Brust dem Obersten Gerichtshof ihre Argumente präsentieren und versuchen, die einstweilige Verfügung aufgehoben zu bekommen, während die Babynahrungsunternehmen versuchen werden, sie aufzuhalten. Wenn die Unternehmen gewinnen, werden weiterhin tausende Kinder an vorbeugbaren Krankheiten sterben.

Der Druck, den die US-Regierung und die US-Handelskammer auf die philippinische Regierung ausgeübt haben, steht im Gegensatz zu fast allem, wofür die G8 zu stehen vorgeben: die Millennium Gesundheits- und Bildungsziele, die Auslöschung der Armut, faire Handelsregelungen. Aber die G8 werden ihre proklamierten Ziele nur bis zu dem Punkt verfolgen, wo sie mit ihren eigenen Interessen in Konflikt geraten. Zurück von ihren sentimentalen Gipfeln, werden sie alles niederreißen, was sie aufzubauen vorgeben.

Die G8 fordert ein Einschreiten gegen den Klimawandel; die Weltbank, die von den Staaten der G8 kontrolliert wird, fördert Kohlekraftwerke und Abholzungsprojekte. Die G8 fordern bessere Handelsbedingungen für Afrika; Europa und die Vereinigten Staaten benutzen die Welthandelsgespräche um sicherzustellen, dass das nicht zustande kommt. Die G8-Führer fordern Schuldenreduzierung; der Internationale Währungsfonts fordert, dass arme Staaten Barrieren gegen Kapitalfluss aufheben, was ihre Verschuldung zementiert. Die G8-Führer ringen gleichzeitig ihre Hände und waschen sie sich. Wir haben getan, was wir können; wenn wir gescheitert sind, liegt das nur an der Korruption in den Eliten der Dritten Welt.

Die Frage ist nicht mehr, ob die undemokratische Macht, die die G8-Staaten über den Rest der Welt ausüben, zum Guten oder zum Schlechten benutzt werden kann. Die Frage ist, ob ihre Nutzung eingestellt wird.

Quelle: ZNet Deutschland   vom 08.06.2007. Übersetzt von: Benjamin Brosig. Orginalartikel: “G8: Watch What They Do, Not What They Say” .

Fußnoten

Veröffentlicht am

11. Juni 2007

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