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Elisabeth Käsemann: Vor 30 Jahren von argentinischen Militärs ermordet

Von Michael Schmid

Am 24. Mai 1977 wurde Elisabeth Käsemann in Argentinien von Militärs ermordet. Am 7. März 1977 war die 30jährige Deutsche verhaftet und in ein Folterzentrum gebracht worden. In der Nacht vom 23. auf den 24 Mai 1977 wurde sie gemeinsam mit anderen Häftlingen "zur Verlegung" gerufen. "Verlegung", das war den Gefangenen bewusst, war das Todesurteil. Kurz darauf wurde Elisabeth Käsemann hingerichtet.

Elisabeth Käsemann wurde am 11. Mai 1947 in Gelsenkirchen geboren. Ihr Vater war der bekannte Theologe Ernst Käsemann. Durch die spätere Lehrtätigkeit ihres Vaters als Theologieprofessor wuchs Elisabeth Käsemann in Mainz, Göttingen und Tübingen auf.

Nach dem Abitur in Tübingen begann sie 1966 das Studium der Soziologie und Politik an der Freien Universität Berlin und engagierte sich in der Studentenbewegung. 1968 entschloss sie sich zu einem Auslandspraktikum in Bolivien. Das Elend in den Slums von La Paz machte ihr klar, dass sie in Lateinamerika bleiben wollte, um gegen Ungerechtigkeit und Armut zu kämpfen. Ihren Eltern schrieb sie: "Ich bin dabei, mich mit dem Schicksal dieses Kontinents zu identifizieren. Vielleicht wird das zu Entscheidungen führen, die ihr nicht versteht oder die euch viel Kummer bereiten könnten."

Seit 1971 lebte Elisabeth Käsemann dann in Buenos Aires/Argentinien, wo sie in den Slums arbeitete. Dort leistete sie Sozialarbeit für Kranke und Bedürftige und erkannte, wie fehlende Bildung und Machtlosigkeit miteinander verknüpft waren. Sie teilte ihr Leben mit den Armen und Entrechteten. Sie sah es auch als ihre Pflicht, sich für die Abschaffung des neokolonialen Wirtschaftssystems mit seinen verheerenden Folgen für die Mehrheit der Bevölkerung in Südamerika einzusetzen. Mit ihrer Arbeit in sozialistischen Organisationen glaubte sie, dem Ziel einer gerechteren Gesellschaftsordnung näher zu kommen.

Im März 1976 hatten sich die Militärs in Argentinien an die Macht geputscht. Unter der zunehmenden Gewalt der Militärdiktatur verschwanden und starben Tausende von Menschen. Elisabeth Käsemann schloss sich in dieser politischen Situation einer oppositionellen Gruppe an, die Dokumente und Reisepässe fälschte, um gefährdete Personen außerhalb Argentiniens in Sicherheit zu bringen. So geriet sie selbst als Mitglied einer Gruppe, die Widerstand zu leisten versuchte, ins Visier der Machthaber.

Nach ihrer Festnahme versuchten die Eltern von Elisabeth Käsemann alles ihnen mögliche, um sie zu retten. Sie wandten sich sofort mit der Unterstützung der Evangelischen Kirche an das Auswärtige Amt in Bonn. Letztlich hat die deutsche Diplomatie völlig versagt. Statt ihrer Hilfspflicht nachzukommen wurden alle Bemühungen der Eltern ignoriert und mit Gleichgültigkeit behandelt.

Am 16. Juni 1977 wurde die 30jährige Elisabeth Käsemann auf dem Lustnauer Friedhof in Tübingen beigesetzt. Ihre Eltern teilten der Öffentlichkeit mit: "Wir haben heute unsere Tochter Elisabeth bestattet, am 11. Mai 1947 geboren, am 24. Mai 1977 von Organen der Militärdiktatur in Buenos Aires ermordet, gab sie ihr Leben für Freiheit und mehr Gerechtigkeit in einem von ihr geliebten Lande."

Elisabeth Käsemann ist eine von 72 Deutschen, die Opfer der argentinischen Militärdiktatur wurden. Bis heute hoffen Angehörige und Freunde auf Wahrheit und Gerechtigkeit.


Anlässlich des 30. Todestages von Elisabeth Käsemann am 24.05.07 hat die "Koalition gegen Straflosigkeit" in Nürnberg die Ausstellung "Elisabeth Käsemann - Ein Leben in Solidarität mit Lateinamerika" eröffnet (mehr dazu siehe unten). Zunächst zeigt aber in nachfolgendem Artikel Esteban Cuya am "Fall Käsemann", wie schwer deutschen wie argentinischen Behörden die juristische Aufarbeitung der Militärdiktatur fällt.

Späte Wahrheiten

Von Esteban Cuya

Bei keinem Verbrechen gegen deutsche Staatsbürger im Ausland hat sich die deutsche Diplomatie so angreifbar gemacht wie bei dem Mord an Elisabeth Käsemann in Argentinien. Am 24. Mai 2007 jährt sich die Tat zum 30. Mal.

Elisabeth Käsemann war bereits während ihrer Schulzeit politisch aktiv und setzte sich für soziale Projekte ein. Nach dem Abitur studierte sie Soziologie und Politik an der Freien Universität Berlin. Ende September 1968 reiste sie für ein Praktikum nach Südamerika. Ihre Eindrücke in den Armenvierteln Boliviens führten dazu, dass sie in Lateinamerika bleiben wollte, um gegen die Armut und Ungerechtigkeit zu kämpfen. "Ich bin dabei, mich mit dem Schicksal dieses Kontinents zu identifizieren", schrieb sie damals an ihre Eltern. "Vielleicht wird das zu Entscheidungen führen, die ihr nicht versteht oder die euch viel Kummer bereiten könnten."

Einige Jahre später siedelte sie nach Buenos Aires über. Dort arbeitete sie als Übersetzerin, studierte Wirtschaftswissenschaft und engagierte sich zusammen mit der Theologiestudentin Diana Austin in einem Sozialprojekt in den Slums von Buenos Aires. Wenige Monate zuvor hatte das Militär unter Führung von General Jorge Videla die verfassungsgemäße Regierung unter Isabel Perón durch einen Putsch gestürzt. Im August 1976 schrieb sie an ihre Eltern: "Die Verhältnisse sind sehr schlecht. Tausende, von denen man nichts weiß. Täglich werden die Kreise enger gezogen. Konzentrationslager überall, ein Menschenleben ist wenig wert, und man gewöhnt sich daran, dass überall im Bekanntenkreis Leute verschwinden und man nichts mehr von ihnen hört." Auch von Gerüchten über geheime Folterzentren berichtete sie.

Elisabeth Käsemann setzte sich aktiv gegen die argentinische Militärdiktatur ein. Sie gehörte einem Netzwerk an, das gefährdete Personen außerhalb Argentiniens in Sicherheit brachte. In der Nacht vom 8. auf den 9. März 1977 wurde sie in Buenos Aires von Soldaten entführt, in das geheime Haftzentrum "Campo Palermo" verschleppt und dort in stundenlangen Verhören mit Schlägen und Elektroschocks gefoltert. Tage später wurde Elisabeth Käsemann in das Lager "El Vesubio" in der Provinz Buenos Aires verlegt, das unter den Gefangenen als die "Hölle" bekannt war. In der Nacht vom 23. auf den 24. Mai 1977 wurde Elisabeth mit 15 weiteren Gefangenen in Handschellen und mit einer über den Kopf gestülpten Kapuze nach Monte Grande in der Provinz Buenos Aires transportiert und dort durch Schüsse in Genick und Rücken aus unmittelbarer Nähe ermordet.

Nach ihrem Tod behauptete das argentinische Militär, es habe ein Feuergefecht in der Ortschaft Monte Grande stattgefunden, bei dem 16 "subversive Verbrecher", unter ihnen Elisabeth Käsemann, getötet worden seien. Der Mord war mit ungeheurem Leid für ihre Familie verbunden. Nachdem ihr Kind gefoltert und getötet wurde, zog die deutsche Boulevardpresse auch noch über ihre angeblichen "terroristischen Umtriebe" in Argentinien her.

Die Tübinger Staatsanwaltschaft, bei der Strafanzeige "wegen des nicht natürlichen Todes von Elisabeth Käsemann", eingereicht wurde, hielt die bereits damals vorliegenden Beweise für nicht ausreichend für weitere Ermittlungen und stellte im Februar 1980 das Verfahren ein.

Auch die damalige Bundesregierung in Bonn zeigte wenig Interesse, das Schicksal Elisabeth Käsemanns aufzuklären. Weder wurde der argentinische Botschafter in das Auswärtige Amt einbestellt, noch wurde das Auswärtige Amt gegenüber der argentinischen Regierung aktiv. Während der zehn Wochen Gefangenschaft, die der Bundesregierung bekannt war, versäumte diese, sich aktiv für die Freilassung von Elisabeth Käsemann einzusetzen. Ihr Vater, der bekannte Theologieprofessor Ernst Käsemann aus Tübingen, schrieb damals: "Die Diplomatie kümmert sich nicht um die Menschenrechte und den Zivilschutz, sondern um ihre nationalen Repräsentationspflichten und kommerziellen Interessen. Ein verkaufter Mercedes wiegt mehr als ein Leben."

Fast zwei Jahrzehnte später, im Februar 1999, stellten Elisabeth Käsemanns Eltern bei der Staatsanwaltschaft Tübingen erneut eine Strafanzeige wegen Mordes an Elisabeth Käsemann - zusammen mit einem Strafantrag gegen den ehemaligen Präsidenten und Oberbefehlshaber des argentinischen Heeres Jorge Rafael Videla, gegen Emilio Massera, Juntamitglied und Oberbefehlshaber der Marine und gegen den Ex-General Carlos Suárez Mason. Da bei der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth bereits mehrere Fälle aus Argentinien anhängig waren, wurde ihr das Ermittlungsverfahren übertragen.

Nach intensiven Untersuchungen und Zeugenanhörungen erließ das Amtsgericht Nürnberg-Fürth im Juli 2001 Haftbefehl gegen den Ex-General Carlos Suárez Mason. Ihm wurde zur Last gelegt, als Chef des Heereskorps der Zone 1 für die Folter und Ermordung von Elisabeth Käsemann verantwortlich gewesen zu sein. Im Dezember 2001 und November 2003 ergingen weitere internationale Haftbefehle, unter anderem gegen den Ex-General Jorge Rafael Videla und den Ex-Admiral Emilio Massera.

Ende Januar 2004 wurden Jorge Videla und Emilio Massera wegen der deutschen Haftbefehle von den argentinischen Behörden festgenommen und unter Hausarrest gestellt. Zuvor hatte die Bundesregierung dem argentinischen Außenministerium Auslieferungsgesuche bezüglich Videla und Massera überstellt, denen bislang aber nicht nachgekommen wurde.

Der Autor ist Mitglied der Koalition gegen Straflosigkeit.

Amnestie und Militärdiktatur

Während der Militärdiktatur verschwanden etwa 30.000 Personen in geheimen Haftlagern. Unter den Opfern waren auch zahlreiche Deutsche und Deutschstämmige, rund hundert Fälle sind namentlich bekannt. Nach dem Ende der Diktatur 1983 wurden zwar einige Mitglieder der Militärjunta in einem spektakulären Prozess zu Gefängnisstrafen verurteilt, doch bereits nach kurzer Zeit begnadigt. Der 2003 gewählte Präsident Néstor Kirchner hob die Amnestiegesetze wieder auf, die im Juni 2005 durch den Obersten Gerichtshof von Argentinien für verfassungswidrig erklärt wurden. Seither sind einige Verfahren gegen mutmaßliche Täter eingeleitet worden, und die ersten Urteile sind ergangen. Weitere Informationen beim Nürnberger Menschenrechtszentrum.

Quelle: amnesty journal Mai 2007

Ausstellung "Elisabeth Käsemann - Ein Leben in Solidarität mit Lateinamerika"

Anlässlich des 30. Todestages von Elisabeth Käsemann am 24.05.07 hat die "Koalition gegen Straflosigkeit" die Ausstellung "Elisabeth Käsemann - Ein Leben in Solidarität mit Lateinamerika" eröffnet. 

Anhand von Fotos, Textpassagen und Zeitungsausschnitten informiert die Ausstellung über den familiären Hintergrund Elisabeths, ihren Lebensweg und über ihr politisches Engagement in Deutschland und Argentinien. Außerdem wird auf die Umstände ihrer Ermordung, das Versagen der deutschen Diplomatie und auf die Arbeit der "Koalition gegen Straflosigkeit" genauer eingegangen. Die Koalition setzt sich seit 1998 gegen Straflosigkeit von Menschenrechtsverbrechen in Argentinien ein, indem sie - unter anderem auch im Fall Käsemann - Strafanzeige in Deutschland gegen Mitglieder der argentinischen Militärdiktatur gestellt hat.

Veröffentlicht am

25. Mai 2007

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