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Diese Minute und dann die nächste…

Von Laurie Hasbrook - ZNet 10.05.2007

“Um was es wirklich geht, ist heute, ist morgen früh. Diese Minute und dann die nächste werden darüber entscheiden, ob Sie oder ich alles in unserer Macht Stehende tun, um der herrschenden Tyrannei und Ungerechtigkeit - um uns und in unseren Herzen - ein Ende zu bereiten. Jetzt ist die einzige Zeit, die uns zur Verfügung steht”, schrieb die Lyrikerin June Jordan (1936 - 2002).


Gerade jetzt. An manchen Tagen ist der sich auftürmende Abwasch in meiner Spüle alles, was JETZT zählt - wenn mein Haushalt unerledigt ist und meine 9 und 11 Jahre alten Söhne nerven, weil sie unbedingt etwas haben wollen (den neuesten Elektronikdingsbums). An solchen Tagen erscheint mir mein Ziel, verantwortungsvolle Söhne großzuziehen - in dieser materialistischen, militaristischen und patriarchalen Kultur - in weite Fernen gerückt. Dann muss mich jemand daran erinnern, was für ein Geschenk es ist, diese Minute und die nächste zu erleben und was für eine Verantwortung im Kampf gegen Tyrannei und Ungerechtigkeit.

Aber was ist mit denjenigen, die seit Jahrzehnten leiden - aus Gründen, Umständen, über die sie keine Kontrolle haben? Was ist mit den Menschen, die sich isoliert fühlen, kein Licht am Ende des Tunnels sehen? Ihr trockener Kommentar: Wenn ich ein Licht sehe, kommt es ganz bestimmt von der Lok, die direkt auf mich zurast. Ich denke an die Mütter im Irak. Angesichts ihrer Wirklichkeit wird mir die Bedeutung des Jetzt, dieser jetzigen Minute, wieder bewusst. Mir wird klar, dass ich unendlich mehr Kontrolle über meine Zeit habe, dass ihnen diese Kontrolle versagt ist. Hier ein kurzer Auszug aus einer aktuellen Geschichte. Es ist eine von vielen Geschichten, aus dem endlosen Strom, die unsere Organisation ‘Voices for Creative Nonviolence’ erreichen. Die Zeilen stammen von einer Mutter. Sie lebt in Bagdad und heißt Haifa:

“Ihr Lieben, ich bin so erschöpft, weil es mir nicht gelingt, meine Kinder von unserer Situation abzulenken. Hamid ging in ein Geschäft. Man will ihn dort als Verkäufer anstellen, er soll irgendwelchen Ramsch verkaufen. Ich will ihn davon abhalten, denn er soll sich vor dem Laden postieren und die Ware auf der Straße verkaufen. Etwas Gefährlicheres gibt es nicht. Er will aber arbeiten. Er sagt, wenn wir schon nicht zur Schule dürfen, muss ich wenigstens arbeiten, um nützlich zu sein, für mich und meine Familie… Gestern wurden im Viertel Al Karada 200 Personen getötet, das meiste davon Straßenverkäufer. Ich habe solche Angst um Hamid. Und der kleine Saif ist so dreckig vom Spielen auf der Straße. Wir haben seit drei Tagen kein Wasser. Ich kann ihn nicht lange im Haus halten, er ist ein Kind und will spielen. Manchmal vergisst er, ob er seine Mahlzeit schon bekommen hat oder nicht. Huda will immer spazieren gehen und alles sehen. Ich kann mich nicht um alles kümmern. Ich würde sonst völlig verrückt. Kein Zuhause, nicht einmal Wasser, und alles ist so dreckig. Ich kann keine Flaschen kaufen, die sind ja so teuer. Alles hier ist übel, und ich schaffe es nicht, hart zu sein zu den Menschen, die ich liebe. Meine Schwestern haben emsig mit ihren eigenen Familien zu tun, sie suchen bis heute nach einem Ort, wo sie sicher sind. Ich verliere meine Persönlichkeit, ich verliere meine Kinder - nicht einmal sie hören mehr auf mich. Wir sind alle verloren und finden keine Lösung….”

Haifa hat mit ‘love and peace’ unterschrieben. In der kleinen Weile, die ihr blieb - wahrscheinlich zum letzten Mal -, schrieb sie an ihre Freunde in den Vereinigten Staaten. Sie schrieb über die Tyrannei und Ungerechtigkeit, die so typisch ist für den Alltag im Irak. Zum Schluss segnete sie uns mit den Worten “Liebe und Frieden”.

Diese Minute zählt und die nächste. Daran sollten wir denken, wenn wir uns langweilen oder müde sind vom Kampf gegen die Tyrannei und die Ungerechtigkeit. In diesen Augenblicken sollten wir an Haifa denken und ihren Alltagskampf, an ihre Angst um ihre Kinder, an ihre Verzweiflung. Trotz allem hat sie uns den Gruß “Liebe und Frieden” geschickt. Daran sollten wir denken und an (June Jordans Worte): “Jetzt ist die einzige Zeit, die uns zur Verfügung steht!”

In dieser Minute und in der nächsten sollten wir uns engagieren und gewaltlos kämpfen, damit es unseren irakischen Brüdern und Schwestern, in ihrer verzweifelten Lage, besser geht. Demnächst wird dem US-Kongress ein weiteres Gesetz vorgelegt werden - eine weitere Zusatzfinanzierung für die Kriege im Irak und in Afghanistan. Es geht um eine Summe von $145 Milliarden. Unsere Stimme ist wichtiger denn je, denn der amerikanische Kongress wird aufgefordert, Waffen und Waffensysteme zu finanzieren. Es geht um Projekte, die geradezu obszön teuer sind und frühestens ab 2009 oder 2010 im Irak wären. Bitte, unterstützen Sie uns im Kampf gegen weitere Gelder für den Krieg: kein einziger Dollar mehr und kein einziges Leben mehr. Weitere Infos finden Sie auf unserer Webseite www.vcnv.org   (bitte lesen Sie unbedingt Jeff Leys Artikel ‘Iraq and Afghanistan Supplemental Spending 2008: A comprehensive analysis of the 2008 Iraq war funding request”! Weitere Informationen auf unserer Internetseite.)

Diese Minute und die nächste zählen, denn sie entscheiden, ob Sie oder ich alles in unserer Macht Stehende tun, um der herrschenden Tyrannei und Ungerechtigkeit - um uns und in unseren Herzen - ein Ende zu bereiten.

laurie@vcnv.org Laurie Hasbrook ist eine der Koordinatorinnen von ‘Voices for Creative Nonviolence’ in Chicago.

Quelle: ZNet Deutschland   vom 17.05.2007. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “This Minute and Then the Next” .

Veröffentlicht am

21. Mai 2007

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