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Die dritte Front von al-Qaida

Algerien: Im Maghreb lassen sich Ausläufer des Irak-Krieges nicht mehr übersehen


Von Sabine Kebir

Als das Land in den neunziger Jahren unter islamistischem Dauerterror litt, der fast 200.000 Menschen das Leben kostete, war die Haltung des Westens vieldeutig: Manchen war es gleichgültig, dass sich in Algerien Muslime untereinander abschlachteten - bestätigte dies doch das negative Bild vom zivilisatorisch zurückgebliebenen Islam, das einen Clash of Civilisations rechtfertigen konnte. Andere waren bereit, die Islamisten als authentischen Ausdruck eines modernen Islam zu respektieren und forderten die Anerkennung des Wahlsieges der Islamischen Heilsfront (FIS) von 1992. Europäische Regierungen wie Menschenrechtsverbände kritisierten das repressive Vorgehen der algerischen Armee gern und vehement als inhuman.

Das änderte sich schlagartig mit dem 11. September 2001. Die Erfahrungen des nordafrikanischen Landes, das es geschafft hatte, den Terror aus eigener Kraft - wenn schon nicht zu besiegen - so doch erheblich einzudämmen, wurden plötzlich ganz anders beurteilt. Ohne dass öffentlich viel Aufhebens davon gemacht wurde, avancierte Algerien zum Alliierten des Westens im Anti-Terror-Kampf und überwand eine jahrelange Isolation.

Nun, da Algier am 11. April gleich von drei schweren Selbstmordattentaten erschüttert wurde, die 23 Menschen das Leben kosteten, ändert sich der Blick erneut, immerhin galten die Anschläge bestens bewachten staatlichen Institutionen: dem Innenministerium und zwei Polizeikommissariaten.

Es erhebt sich die Frage, flammt der gleiche Terror wieder auf, der das Land vor einem Jahrzehnt gequält hat? Als das Gemetzel in einen Bürgerkrieg abzugleiten drohte, war es dem Präsidenten Zeroual (später dann dem heutigen Staatschef Bouteflika) gelungen, den Mordwahn zu zügeln, indem er großzügige Amnestieangebote machte und den Tätern Wiedereingliederung versprach, sobald sie freiwillig die Waffen niederlegten. Gleichzeitig wurde der Bevölkerung ein Tribunal gegen schwer belastete Gewalttäter versprochen, für die es keine Amnestie geben sollte - doch fanden diese Prozesse nie statt. Dafür fiel die Resozialisierungshilfe für die Rädelsführer um so üppiger aus: Ein Großteil der neuen Shopping Malls in Algier, aber auch andere bedeutende Unternehmen gehören heute deren Netzwerken. Da die Auflösung staatlicher Wirtschaftsstrukturen eine Grundforderung des islamistischen Lagers schon seit den siebziger Jahren war, schien es opportun, durch eine strikte Reprivatisierung die Galionsfiguren und Handlanger des alten Terrorismus nicht nur ruhig zu stellen, sondern auch zu bedienen. Die FIS-Aktivisten von einst mussten sich nicht einmal mehr aus weltanschaulichen Gründen gedrängt sehen, wieder in die Schlacht gegen das verhasste System der einstigen Staatspartei FLN zu ziehen. Der Staat überließ ihnen großzügig Erziehung und Bildung, inklusive der Universitäten, duldete islamistisch eingestellte Administrationen und verzichtete beinahe ganz auf das, was man laizistische Kulturpolitik nennt. Den Hinterbliebenen der Terroropfer, die mit winzigen Renten zufrieden sein mussten, blieb nicht anderes übrig, als diese Politik der Concorde Civile verbittert hinzunehmen - es schien der Preis des inneren Friedens, der wohlfeiler nicht zu haben war.

Wer nun sind unter diesen Umständen die neuen Terroristen? Schon die Entführung einer deutschen Touristengruppe in der Sahara im Jahre 2003 hatte gezeigt - die riesige nordafrikanische Wüste war zum Rückzugs- und Operationsfeld von Islamisten geworden, die über internationale Kontakte verfügten und bestens ausgerüstet waren. Seither kam es offenbar in der Sahara zu einer Kooperation zwischen algerischen und amerikanischen Sicherheitsagenten, die diese Strukturen aufzuklären und zu attackieren suchten. Wenn Außenminister Bedjaoui angesichts des für September 2007 angekündigten Aufbaus einer US-Militärbasis in der Sahara am 4. März öffentlich betonte, dieser Stützpunkt werde nicht auf algerischem Territorium liegen, war dies nichts anderes als eine Botschaft an die Terroristen. Wenn al-Qaida - nach dem Irak und Afghanistan - auch im Maghreb operiert, kann es nach den Gesetzen der Logik eigentlich nur um eine dritte Front gegen die USA und deren Verbündete in Nordafrika gehen. Al-Qaida zählt dazu neben dem marokkanischen auch das algerische Regime und begründet das nicht zuletzt damit, dass die algerischen Behörden junge Männer an der Ausreise hinderten, die sich dem irakischen Widerstand anschließen wollten. In Algier kursiert das Gerücht, mindestens 200 der im Irak umgekommenen Selbstmordattentäter stammten aus Algerien.

Inzwischen besteht kein Zweifel mehr, die Attentäter des 11. April 2007 kommen aus dem gleichen sozialen Milieu wie die Terroristen der neunziger Jahre: perspektivlose Jugendliche, die sich für eine solche Tat motivieren lassen, gibt es auch heute genug. Seit Monaten berichten die algerischen Medien fast täglich von Operationen der Ordnungskräfte gegen Terroristen. Dass dabei auch viele Soldaten umkommen, spricht für die Qualität von Ausbildung und Bewaffnung der Gegenseite. Schauplatz der Gefechte sind die östlich von Algier liegenden Berge der Kabylei, ohne dass die früher dort erhobenen Autonomieforderungen eine Rolle spielen. Dennoch sollte diese Konfrontation nicht als innerer Konflikt verharmlost werden. Dem Westen muss klar werden: Der Irak-Krieg wächst sich zum globalen asymmetrischen Schlagabtausch aus, der weder mit lokaler militärischer Repression noch mit High-Tech-Waffen aufzufangen ist, sondern nur durch einen radikalen Politikwandel.

Quelle: Freitag   - Die Ost-West-Wochenzeitung 16 vom 20.04.2007. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

27. April 2007

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