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An Amerikas pazifischer Nordwestküste konfrontieren Menschen die Kriegsmaschinerie

Von Ron Jacobs - ZNet 14.03.2007

Beim Thema radikale politische Aktion denkt man normalerweise an Städte wie San Francisco, Chicago oder New York. Der amerikanische Süden und Nordwesten springen einem nicht automatisch ins Auge. Dabei verfügen die Apfel- und Waldgärten des amerikanischen Nordwestens - wo die Bäume in Reih und Glied stehen -, über ein reiches Erbe an radikalem Arbeiterprotest. Man denke nur an den Generalstreik von Seattle 1919, ganz zu schweigen von den Aktionen der ‘Black Panther Party’ (Abteilung) Seattle oder der ‘Seattle Liberation Front’ in den 60er und 70er Jahren. Was den Süden der USA angeht, so denkt man eher an radikal rechtsgerichtete Politik - gegen Schwarze und gegen die Arbeiterbewegung. Aber auch hier findet sich im selben Maße der Kontrast, das Gegenteil. So startete Martin Luther King Jr. seine Kampagne des radikalen gewaltlosen Widerstandes vom Süden aus. Im amerikanischen Süden begannen die Schüler-sit-ins (Kampagnen gegen die Segregation an öffentlichen Einrichtungen), im Süden konfrontierten Robert Williams und seine bewaffneten afroamerikanischen Mitstreiter die rassistisch-gewalttätigen Nachtgestalten des Klu-Klux-Klan, die Klansmänner in ihren weiß-blauen Kutten.

Beim Thema Radikalität wird auch der Mittlere Westen der USA gerne übersehen - ein Umstand, der auf geschichtlicher Blindheit beruht, denn während des Vietnamkrieges fanden einige der radikalsten und massivsten Proteste gegen den Krieg in Madison/Wisconsin statt. Oder man denke nur an die (ersten) Studenten des SDS (Students for a Democratic Society); die Geschichte dieser Bewegung der ‘direkten Aktion’ zeigt, dass die wichtigsten studentischen Vertreter dieser Form des gewaltlosen Widerstandes von Colleges im Mittleren Westen kamen:

Ann Arbor (MI), Kent (Ohio) oder Grinell (Iowa), um nur einige Namen zu nennen. Warum? Vielleicht, weil die Wut wuchs, als man sah, dass Amerika nicht das war, was es zu sein vorgab? Ein zweiter möglicher Grund könnte sein, dass arbeitende Menschen praktisch denken, sie wollen die Dinge anpacken und erledigen, nicht reden. Vielleicht war es eine Kombination aus beiden Faktoren, vielleicht spielten weitere Faktoren mit eine Rolle.

Der Nordwesten zeigt uns, wo’s langgeht

Am 5. März 2007 wurden in Tacoma, im Bundesstaat Washington, mehrere Personen von Polizisten attackiert. Mindestens drei Personen wurden verhaftet. Zuvor war es zu einer Serie von Protesten gekommen. Diese richteten sich gegen die Verschiffung von Rüstungsgütern im Hafen von Tacoma. Warum die Polizei angriff und Leute verhaftete, war, laut Augenzeugen, nicht ersichtlich. Zeugen sagten gegenüber der Presse, die Demonstranten hätten lediglich Schilder hochgehalten. Ich unterhielt mich mit Jeff Berryhill aus Olympia (Washington). Er und zwei weitere Personen (Wally Cudderford und Caitlin Esworthy) wurden verhaftet. Berryhill sagte mir, er hätte ein Schild “mit der Aufschrift ‘Courage to Resist.org’ hochgehalten “, dann wäre er von einem Gummigeschoss der Polizei getroffen worden. (‘Courage to Resist’ [Mut zum Widerstand] ist eine Organisation, die Militärdienstverweigerer unterstützt). Kurz darauf hätte ihn ein Projektil der Polizei in den Oberschenkel getroffen. Das alles geschah am 5. März, einige Stunden vor Einbruch der Morgendämmerung. Der ungewöhnliche Zeitpunkt der Verhaftungen (die Proteste hatten schon am Vorabend begonnen) hing anscheinend mit der Tatsache zusammen, dass die eigentlichen Verladearbeiten erst nach Mitternacht begannen. Die ganze letzte Woche über fanden Abend für Abend Proteste statt. Bis Freitag, den 9. März, kam es zu keinen weiteren Verhaftungen. Am Freitag wurde eine Frau verhaftet, weil sie einen Rucksack in eine Zone getragen hatte, in der dies nicht erlaubt war. Der Protest vom Freitag war der massivste dieser Woche. Die Polizei reagierte mit Tränengas, Schockgranaten und anderen Mitteln polizeilicher Aggression. Unter den Demonstranten war auch die Anwältin Lynne Stewart. Nach ihrer sehr fragwürdigen Verurteilung in Zusammenhang mit Terrorismus-Vorwürfen ist sie mittlerweile auf Kaution frei.

Erinnern wir uns: Im Mai vergangenen Jahres fanden im Hafen von Olympia vergleichbare Proteste statt. Olympia liegt circa 30 Meilen südlich von Tacoma. Bei den Mai-Protesten wurden Dutzende Personen verhaftet, es gab mehrere Verletzte. Anscheinend sah sich das Militär veranlasst, seine Verladeoperationen nach Tacoma zu verlagern. Zweiundzwanzig Demonstranten - die sogenannten ‘Olympia 22’ - müssen sich vor Gericht verantworten. Ihr Prozess beginnt am 26. März. Der zuständige Richter verweigert ihnen die erforderliche Verteidigung. Wie im ersten Verfahren gegen den Kriegsdienstverweigerer Leutnant Ehren Watada möchte auch dieser Richter das Thema ‘Krieg’ am liebsten ausklammern.

Das offizielle Militär zögert mit einer klaren Antwort auf die Frage, warum die Verladearbeiten im Hafen von Olympia seit den Mai-Protesten gestoppt wurden. Allein die Tatsache, dass sie nach Tacoma verlegt wurden, spricht allerdings Bände.

Sämtliche Antikriegsgruppen des Nordwestens solidarisieren sich mit den Protesten von Tacoma. Ihre Solidarität ist konstant und eindeutig und reicht von der pazifistischen Organisation ‘Fellowship of Reconciliation’ bis zu den Sponsoren der direkten Aktion im Hafen von Tacoma und der PMR (Port Militarization Resistance). Die Aktion von Tacoma wird zudem unterstützt von ‘Vets for Peace’, dem ‘Olympia Movement for Justice and Peace’, den Washingtoner Grünen, ‘Iraq Veterans Against the War’ und anderen. Solidarität ist wichtig - angesichts der Versuche von Staat und Medien, aus gutem Protest miesen Krawall zu machen. In Hinblick auf die Aktionen der später verhafteten bzw. angeschossenen Demonstranten ließ die Zeitung Tacoma News Tribune den vor Ort zuständigen Polizeioffizier wie folgt kommentieren: Den Demonstranten “wurde gesagt, sie könnten demonstrieren, solange sie sich an die Regeln halten, zum Beispiel keine Straßen oder Gehsteige blockieren oder die Polizeilinie überschreiten”. Anschließend wurde ein Militäroffizieller mit den Worten zitiert, er habe nur sichergehen wollen, dass die Waffen für diesen brutalen Krieg “so sicher wie möglich” verladen werden.

Ich frage Jeff Berryhill, warum sich die PMR an den ‘direkten Aktionen’ (in den Häfen) beteiligt hat. Er sagt: “Ich glaube, dass unsere Strategie - sich darauf zu konzentrieren, die Verwicklung der eigenen Gemeinde in die Eskalation und Fortführung des Krieges - zu beenden, eine von vielen Strategieansätzen ist. Es gibt offensichtlich andere wertvolle Methoden, die gleichfalls weitergeführt werden sollten. Uns geht es um die direkte Demonstration gegenüber den Soldaten, wir wollen, dass diese Soldaten sicher in der Heimat bleiben. Auch traditionelle Ansätze wie Lobbyarbeit, Briefe und normale Märsche werden immer wieder angewendet - mit unterschiedlichem Erfolg. Aber wir wollten die Sache ein wenig unkonventioneller angehen. Dadurch haben wir ziemlich viel Öffentlichkeit erreicht und das ernsthafte Interesse der Communities für Frieden und Gerechtigkeit erregt.” Ich frage Berryhill weiter, wie er sich die Reaktion der Soldaten auf der anderen Seite der (Polizei-)Linie vorstellt, wie diese Reaktion seiner Meinung nach aussehen sollte. Er antwortet: “Zudem ist wichtig, dass die Soldaten Zeugen polizeilicher Repression gegenüber einer demokratischen Versammlung werden. Viele sind ja (in die Streitkräfte) eingetreten, um die Ideale und Standards von Freiheit und Demokratie zu verteidigen. Wenn diese Dinge den Bürgern im eigenen Land verwehrt werden, belegt dies die Kluft zwischen der Rhetorik der politisch Verantwortlichen und der Realität, mit der wir es zu tun haben.”

Überall in Amerika gibt es - große und kleine - Gemeinden, die eine Rolle spielen beim Versuch Washingtons, das irakische und afghanische Volk militärisch zu unterdrücken. Vielleicht gibt es auch in Ihrer Nähe eine Militärbasis, einen Posten oder einen Rüstungsbetrieb. Vielleicht hat an Ihrem Wohnort ein Unternehmen seinen Sitz, das in die Verschleppung und Folter von Gefangenen in US-Gewahrsam verwickelt ist. Es ist eine Tatsache, dass es in ganz Amerika kaum eine Stadt gibt, die nicht von den blutigen Tentakeln des militärisch-industriellen Komplexes erfasst wird. Wir haben es mit einem Stück ökonomischer Wirklichkeit zu tun. Diese Realität zeigt uns einerseits, dass wir in gewisser Weise mitschuldig sind an der Zerstörung und dem Blutvergießen im Irak und in Afghanistan und andererseits, dass jede(r) von uns die Möglichkeit hat, diese Verwicklungen aufzuzeigen und (hoffentlich) dagegen anzugehen - egal, wo wir wohnen.

(Die Stadt Tacoma hat die Anzeigen gegen die drei Verhafteten vom Montagmorgen übrigens zurückgezogen. Ursprünglich lauteten die Anzeigen auf Widerstand gegen einen Polizeibeamten in minderschwerem Fall [third degree], so Jeff Berryhill.)

Der Staatsanwaltschaft von Tacoma gelang es nicht, einen glaubwürdigen Fall zu basteln, also ließ sie “die Anzeige rasch fallen”. Ein Student, der die Proteste am Dienstag mit seiner Videokamera festgehalten hatte, wurde von einem Polizisten aus Tacoma aufgefordert, die Kamera abzuschalten. Als er dies nicht sofort tat, wurde er verhaftet. Auch er wurde später ohne Anzeige freigelassen.

Ron Jacobs ist Autor des Buches ‘The Way the Wind Blew: A History of the Weather Underground’; demnächst erscheint von ihm die Novelle ‘Short Order Frame Up’ (Mainstay Press)

Quelle: ZNet Deutschland   vom 17.03.2007. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel:
“Confronting the War Machine in the Pacific Northwest” .

Veröffentlicht am

19. März 2007

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