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Indien 2006: 1400 Selbstmorde in nur einer Region

Zwei Millionen in “maximaler Verzweiflung”


Von P. Sainath - CounterpunchOriginalartikel in The Hindu erschienen / ZNet 25.02.2007

Ramesshwar Kuchankar beschloss, das ‘Komitee zur Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte’ sei der rechte Ort für seinen Suizid. Das geschah am 28. November 2006 in Panderkauda im Distrikt Yavatmal. Zehn Tage später erschoss die Polizei Dinesh Ghughul auf dem Baumwollmarkt von Wani. Auch diese Stadt liegt im Yavatmal-Distrikt. Pundalik Girsawle spazierte in das Vorzimmer des Leiters der Landwirtschaftsbehörde von Wani und nahm sich das Leben - 12 Tage nach Ghughuls Tod.

Kuchankar war 27, als er starb, Ghughul 38 und Girsawle 45. Drei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die stellvertretend für das Bauernsterben in Vidharbha (im Bundesstaat Maharashtra, östlich von Mumbai) stehen. Bauernsuizid - ein neuer, zunehmender Trend. Und immer mehr Bauern geben der Regierungspolitik die direkte Schuld an ihrem Elend - nicht mehr Dürre oder Überschwemmungen. Manche dieser Menschen konfrontieren die Regierung auf tragische Weise. Girsawle und Kuchankar begingen Selbstmord. Suizid an sich ist schon eine Botschaft, doch seit einigen Monaten richten sich die Abschiedsbriefe der Bauern, die sich töten, direkt an Ministerpräsident Vilasrao Deshmukh oder sogar an den indischen Premierminister Manmohan Singh.

“Geben Sie nicht meiner Familie die Schuld für meine Tat”, schreibt der junge Kuchankar in seinem Brief. “Ich werde Keinem vergeben, der das tut”. Vielleicht hat er geahnt, welche Standarderklärung die Regierung für Bauernselbstmorde parat hält: “Familienstreitigkeiten”. In einem eindringlichen Satz in seiner Notiz schreibt Kuchankar an seine 19jährige Frau, die er sechs Monate zuvor geheiratet hatte: “Pratibha, es tut mir leid. Bitte, heirate wieder”. Kuchankar macht die fallenden Baumwollpreise für die Verzweiflung der Bauern verantwortlich. “Wir haben die Schnauze voll von den Vermarktungsverzögerungen und dem Verfall der Preise. So wird die Situation nur noch schlimmer”.

Seine Botschaft an Ministerpräsident Deshmukh lautet: “Herr Ministerpräsident, geben Sie uns (faire) Preise”. An Innenminister R.R. Patil schreibt er: “Wenn Sie uns nicht 3000 Rupien pro Doppelzentner zahlen, wird die Selbstmordrate hochschnellen” und weiter: “Der Baumwollpreis ist auf 1990 Rupien per Doppelzentner gefallen. Damit kommen wir nicht klar. Aus diesem Grund gebe ich mein Leben auf”. Kuchankars Abschiedsbrief besteht aus mehreren wütend hingekritzelten Zeilen auf einem Blatt Papier.

Pundalik Girsawle wählte die Landwirtschaftsbehörde von Wani für seinen Abgang. Er hatte dort einen Ochsenwagen für 4800 Rupien beantragt - im Rahmen eines Hilfspakets des Premierministers. Seit vier Jahren hatte Girsawle keine Ernte mehr. Sein Haus steht dicht am Wald von Tejapur. Wilde Tiere verwüsteten seine Felder. Hinzu kamen steigende Gesundheitskosten für die Familie. Girsawle ging zum Leiter der Landwirtschaftsbehörde und bat um Hilfe.

“Fünfzehn Mal ging er hin”, sagt uns seine Mutter Parvatabai in Tejapur. “Sehen Sie hier, sogar eine der Türen, die er für das Haus gekauft hat, hat er verkauft. Warum? Um die ständigen Busfahrkarten nach Wani zu bezahlen. Jemand hat dort Bestechungsgelder verlangt. Als er mit Selbstmord drohte, sagte man, “machen Sie doch, was Sie wollen”. Das hat ihn erschüttert. “Er suchte sich genau diese Behörde aus, um sich umzubringen”, sagt sie.

Nachbarn behaupten, bei seiner Leiche sei ein Scheck über 4400 Rupien gefunden worden (45 Rupien entsprechen circa einem US-Dollar). Das Geld hätte man “dorthin verpflanzt, um die Schweinerei zu vertuschen, die sein Selbstmord zum Vorschein gebracht hat”. Girsawles fünfköpfige Familie lebt nun von den 30 Rupien, die seine Witwe Sunita täglich nach Hause bringt - falls sie Arbeit findet. “Was wird aus Punadliks drei Töchtern?” fragt Girsawles Mutter Parvatabai. Sie sind 10, 12 und 14 Jahre alt. Offiziell wurde erklärt, es handle sich um keinen “Verzweiflungsselbstmord”. Teile der Medien geben diese Sicht echoartig wieder - ohne je in seinem Dorf oder bei seiner Familie gewesen zu seien.

Kishore Tiwari von der Bauerninitiative ‘Vidharbha Jan Andolan Samiti’ (VJAS)Anmerkung der Übersetzerin: VJAS ist eine indische Bauernorganisation, die auf das Thema Selbstmord als Protestform aufmerksam machen will; ein weiterer interessanter Link von VJAS zum Thema: http:/www.gmwatch.org/archive2.asp?arcid=6758 ., sagt: “Die Regierung kann die beiden Fälle keinesfalls als Bauernselbstmorde registrieren. Ein solches Eingeständnis würde den Scheinwerfer auf jene Aktionen und Aussagen lenken, die die Regierung und ihre Politik direkt ansprechen und exponieren. Aus diesem Grund müssen diese Leute von “fake” sprechen und den Familien eine Entschädigung verweigern”.

Im August 2006 hatte der Abschiedsbrief des Baumwollbauern Ramakrishna Lonkar aus dem Wardha-Distrikt Schlagzeilen in Wardha gemacht. “Nach dem Besuch des Premierministers und der Ankündigung eines neuen Baumwollkredits dachte ich schon, ich könnte wieder leben”, schrieb Lonkar. Aber nichts habe sich in Richtung Kredit getan und auch nicht in sonstiger politischer Hinsicht, so sein Fazit. Im gleichen Monat schrieb Sahebrao Adhao aus dem Amravati-Distrikt seinen Abschiedsbrief. Darin entwirft er ein düsteres Bild von Landraub, Verschuldung und Wucher. Auch dieses Opfer hatte begriffen, dass das System und die Politik gescheitert sind und hat dies in seinem Brief zum Ausdruck gebracht.

“Dieser Trend bringt die Regierung derzeit in große Schwierigkeiten”, sagt Tiwari. “Die ganze Vertuscherei, die bezahlten Pseudostudien - die andere Ursachen für die Todesfälle verantwortlich machen -, werden zunichtegemacht, wenn ein Bauer detailliert erklärt, weshalb er Selbstmord begeht und gleichzeitig mit dem Finger auf die fehlgeleitete Regierungspolitik weist”.

Der Fall Dinesh Ghughul ist komplizierter. “Er war nicht Teil der Proteste, die an diesem Tag in Wani ausbrachen”, erzählt uns seine Witwe Savita in ihrem Haus im Dorf Mendoli. Massive Verzögerungen beim Baumwollverkauf hatten die Bauern in Rage gebracht. Nur 56 Vermarktungszentren laufen noch. Vor drei Jahren waren es 300. Chaos brach aus. Ghughul wurde von Polizeikugeln tödlich getroffen. “Er ging nach Wani, um seine Baumwolle zu verkaufen. Warum hat man ihn dafür getötet?” Diese Frage hat Savita auch Innenminister R.R. Patil gestellt. “Der sagte, ‘was passiert ist, ist passiert. Lasst uns nun dir und deiner Familie helfen’.” Aufgrund der großen öffentlichen Empörung im Falle Ghughul erhielt seine Familie eine Art Entschädigung für den Verlust des Ernährers. Dennoch geht es ihnen schlecht. Sie haben nur eine APL-Karte. Die Familie sieht die Proteste, die zu Ghughuls Tod führten, als Statement. Die Proteste spiegelten Ghughuls Situation, sagt die Familie, auch wenn er selbst nicht Teil des Protestes war.

In Vidharbha geht derweil die Selbstmordwelle unvermindert weiter. Allein in der ersten Januarwoche starben 50 Menschen. Auf der Website der Regierung des Bundesstaates werden mittlerweile über 1400 Selbstmorde im Jahr 2006 - allein in 6 Distrikten der Region - eingestanden. Andererseits spielt man die Zahlen herunter: Man gibt die monatliche Zahl der Fälle bekannt, die “nicht” als Selbstmorde “anerkannt wurden”. Die Regierung argumentiert, den meisten Selbstmorden lägen “andere Ursachen” zugrunde - wie Familienstreitigkeiten, Trunksucht oder Ähnliches -, diese Ursachen hätten nichts mit der verzweifelten Lage in der Landwirtschaft zu tun.

Weil die meisten Todesfälle nicht als Entschädigungsfälle akzeptiert werden, sondern in der Kategorie ‘unberechtigt’ landen, “verlangsamt” sich die Selbstmordstatistik - zumindest auf dem Papier. VJAS weist jedoch darauf hin, dass die Rate der ‘unberechtigten’ Fälle seit dem Besuch von Premierminister Singh im Juni 2006 von Monat zu Monat angestiegen ist. “Dennoch”, so Tiwari”, “nehmen die Selbstmorde weiter zu. Schauen Sie sich nur deren eigene Gesamtstatistik an.” Auf der Regierungs-Website wird eingestanden, dass über Dreiviertel der Bauern, die in diesen sechs Distrikten leben, am Verzweifeln sind. Diese Zahlen basieren auf der größten Umfrage, die in Vidharbha je durchgeführt wurde. Fast 10 Millionen Bauern wurden erfasst. Fast 2 Millionen dieser Verzweifelten seien “maximal verzweifelt”. Diese Verzweiflung zeigt sich. Die Bauern, die sich töten, lassen keinen Zweifel daran, wem sie die Schuld geben.

P. Sainath ist Redakteur für rurale Angelegenheit bei der Zeitung ‘The Hindu’ und Autor des Buches ‘Everybody Loves a Good Drought’

Quelle: ZNet Deutschland   vom 28.02.2007. Übersetzt von Andrea Noll. Originalartikel: 1,400 Suicides in One Region Alone Last Year .

Fußnoten

Veröffentlicht am

07. März 2007

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