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Das erste Opfer wird der Libanon sein

Von Robert Fisk - The Independent / ZNet 23.02.2007

Erstaunlich, wie leicht die Funken des amerikanisch-israelischen Feuers im Nahen/Mittleren Osten überspringen. Der Funkenflug jeder undurchsichtigen Äußerung, jeder Drohung aus Washington oder Teheran brennt ein Stück Libanon weg. Es ist kein Zufall, dass den UNO-Truppen im Südlibanon immer heftigeres Misstrauen vonseiten der schiitischen Bevölkerung entgegenschlägt. Es ist kein Zufall, dass Israel zornig wettert, die Hisbollah sei heute mächtiger als vor dem Juli-Krieg 2006. Und es ist kein Zufall, dass Hisbollah-Führer Sayed Hassan Nasrallah äußert, er habe weitere Raketen in den Libanon geholt.

Warum, so fragen sich die Libanesen, besuchte der syrische Präsident Bashar al-Assad am vergangenen Wochenende Irans Präsidenten Ahmadinedschad?

Wollte er die “brüderlichen” Beziehungen festigen oder ging es um die Planungen für einen eventuellen neuen Krieg gegen Israel - der im Libanon ausgefochten wird?

Bilder der neuesten iranischen Rakete (aufgenommen in Aktion während des jüngsten dreitägigen Militärmanövers) sprangen einem gestern Morgen aus allen Beiruter Zeitungen entgegen. Offensichtlich handelt es sich um Raketen mit langer Reichweite - die auch auf US-Kriegsschiffe im Golf abgefeuert werden könnten. Daneben druckten die Beiruter Zeitungen gestern die neuesten Drohungen aus Washington. Amerika droht mit Luftschlägen gegen Militärziele im Iran. Aber die Libanesen werden die ersten Leidtragenden sein, soviel steht fest.

Aus westlicher Sicht verschärft sich die Krise im Libanon praktisch stündlich. Die Hisbollah und ihre Verbündeten verlangen noch immer den Rücktritt der Regierung Siniora. An die 20.000 UN-Truppen - darunter Nato-Bataillone aus Spanien, Frankreich und Italien - sind über die Hügel des Südlibanon verstreut. Glaubt man den Drohungen von Hisbollah und Israel, so wollen Israel und Hisbollah genau hier aufs Neue miteinander kämpfen.

Sieht man Israel als Stellvertreter der USA (woran die Libanesen nicht zweifeln), dann ist die Hisbollah die Stellvertreterin des Iran. Und je heftiger die USA und Israel den Iran wegen seiner Nuklearambitionen bedrohen, desto mehr verstärkt Hisbollah den Druck im Libanon.

Schon gibt es gefährliche Vorzeichen. Letzte Woche bewarfen Jugendliche in einem libanesischen Dorf spanische Soldaten mit Steinen, und französischen Soldaten, die in ihrem wöchentlichen Konvoi nach Maroun al-Ras fuhren (mit medizinischer Hilfe für die dortige Zivilbevölkerung), wurde unmissverständlich bedeutet, sie seien nicht willkommen. Sofort kehrte der Konvoi um. Warum dieser Vorfall? Vielleicht, weil Frankreichs Präsident Chirac davon spricht, UN-Truppen nicht nur an der libanesisch-israelischen Grenze einzusetzen sondern auch an der libanesisch-syrischen? Übrigens gedachte Chirac am Montag in Paris sehr beflissen der Ermordung seines Freundes Rafik Hariri.

Chirac warnt, der Sommerkrieg - zwischen Hisbollah und Israel im vergangenen Sommer - könne “den Libanon wieder in eine schwere Krise stürzen”. Falls die Libanesen sich nicht zusammenreißen, so der französische Präsident, könnten sie “erneut in einen fatalen Abgrund abgleiten”. Worte, die nicht gerade dazu angetan sind, Präsident Assad oder sein iranisches Gegenstück zu besänftigen.

Hinzu kommt folgende Aussage von Brigadegeneral Yossi Baidatz - Leiter der Wissenschaftsabteilung des israelischen Militärgeheimdienstes: Die Hisbollah “baut ihre Feuerkraft stärker aus, als sie vor dem Krieg war… Einiges ist noch aus Syrien unterwegs”. Der israelische Verteidigungsminister Amir Peretz dementiert. Eine Delegation italienischer Senatoren, zu Besuch in Beirut, brachte ihre Besorgnis über die Lage der italienischen UNO-Soldaten im Libanon zum Ausdruck - leicht einzusehen warum.

Gerade hat der italienische Generalmajor Claudio Graziano das Kommando über die multinationale Unifil übernommen. Die Israelis bezeichnen ihn als Spezialisten für “Counterterrorismus”. Für den Generalmajor ein unwillkommenes Lob von israelischer Seite - angesichts der drohenden Gefahr in den kommenden Wochen und Monaten. Generäle scheinen im Libanon derzeit ohnehin den Zorn auf sich zu ziehen. Das jüngste Opfer ist der libanesische Armeekommandeur General Michel Sulieman - nach einer bemerkenswert vernünftigen Ansprache. Im Endeffekt beschuldigte er die libanesischen Politiker, die nötige Einheit nicht herzustellen, um die Probleme des Landes zu lösen. Während der Straßenkämpfe im Januar - in Beirut und anderen Städten - war General Suliemans Soldaten das bemerkenswerte Kunststück gelungen, immer aufs Neue Aufruhrknoten aufzubrechen, ohne einen einzigen libanesischen Bürger zu töten.

“Der Libanon kann nicht von seinem Militär regiert werden oder durch Diktatur”, so Sulieman. “Es ist ein Land durchsättigt mit Demokratie … Aber dieses hohe Maß an Demokratie im Libanon könnte (das Land) ins Chaos führen.” Sulieman weiter: “Soldaten haben in diesem Land ein größeres Gewissen als manche Führer”.

Mittlerweile ist die libanesische Armee eher eine Freiwilligen- als eine Wehrpflichtigenarmee. Bis zu 70 Prozent aller Armeeangehörigen sind Schiiten. Aus diesem Grund kann die libanesische Armee kein Instrument sein, um die Hisbollah zu entwaffnen.

Quelle: ZNet Deutschland   vom 24.02.2007. Übersetzt von Andrea Noll. Originalartikel:  Lebanon Will be First Victim of Iran Crisis .

Veröffentlicht am

26. Februar 2007

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