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Iran im Fadenkreuz: Washington bereitet eine neue Konfrontation vor

Von Patrick Cockburn - The Independent / ZNet 13.02.2007

Indem sie die iranische Regierung auf “höchster Ebene” beschuldigen, raffinierte, moderne Straßenrandbomben (in den Irak) geliefert zu haben, rücken die USA einem Krieg mit dem Iran näher. Durch solche Bomben wurden 170 US-Soldaten getötet, 620 verletzt.

Die Vorwürfe gegen den Iran erinnern - in Glaubwürdigkeit und Tonfall - an die Vorwürfe der US-Regierung vor vier Jahren, als es um angebliche Massenvernichtungswaffen im Iran ging. Damals sollten die Vorwürfe den Irak-Einmarsch 2003 rechtfertigen.

Hochrangige amerikanische Offizielle der Verteidigung, die sich in Bagdad aufhalten, geben - unter der Bedingung der Anonymität - ihre Einschätzung bekannt: Die Bomben seien im Iran fabriziert und anschließend über die Grenze in die Hände militanter Schiiten geschmuggelt worden. Diese sogenannten EFPs (Explosively Formed Penetrators) sollen sogar Abrams-Panzer durchschlagen.

Die amerikanischen Offiziellen in Bagdad schlagen harte Töne an: Washington werde die Konfrontation mit Teheran verstärken, Washington schließe den Einsatz von Waffengewalt nicht aus, Washington habe eine zweite Flugzeugträger-Taskforce in den Golf entsandt.

“Wir glauben, dass die Aktivitäten von hochrangigen Kreisen der iranischen Regierung ausgehen”, so ein US-Offizieller in Bagdad. Er macht die al-Kuds-Brigade für den Einsatz der EFPs verantwortlich. Die Sache deute auf Ajatollah Ali Khamenei, den obersten Führer des Iran, hin, bemerkt er noch. Es ist das erste Mal, dass die USA die iranische Regierung offen beschuldigen, etwas mit Waffenlieferungen in den Irak zu tun zu haben - Waffen, die im Irak Amerikaner töten.

Die Anschuldigungen stammen von (anonymen) hochrangigen US-Offiziellen in Bagdad und Washington - bizarre Anschuldigungen. Seit 2003 kämpfen die USA im Irak gegen einen Sunniten-Aufstand - gegen Leute also, die den Iran zutiefst hassen.

Diese Rebellengruppen haben die demokratisch gewählte irakische Regierung wiederholt beschuldigt, ein Faustpfand des Iran zu sein. Es ist unwahrscheinlich, dass sunnitische Guerillas größere Mengen an militärischer Ausrüstung aus Teheran bezogen. Seit dem Sturz Saddam Husseins wurden im Irak circa 1.190 amerikanische Soldaten durch sogenannte IEDs (improvisierte Explosivfabrikate) getötet. Meistens handelt es sich dabei um schwere Artilleriegranaten (120 mm bzw. 155 mm), die noch aus den Arsenalen des alten Regimes stammen. Sie werden durch Zündung einer Explosivkapsel ausgelöst, die per Draht an eine kleine Batterie angeschlossen ist. Der auslösende Stromkreis wird mittels eines Kommandodrahtes oder einer simplen Fernbedienung (Spielzeug- oder Garagentorfernbedienung) hergestellt.

Diese Art Bomben wurde schon im Irischen Unabhängigkeitskrieg 1919-1921 von irischen Partisanen eingesetzt - gegen britische Patrouillen und Konvois. Im Zweiten Weltkrieg waren sie gang und gäbe. Damals verwendeten sämtliche Armeen auch sogenannte geformte Ladungen (“shaped charges”). Sie hatten eine vergleichbare Funktion wie die modernen EFPs, über die sich die USA heute so beschweren. Selbst der Name - EFPs (Explosiv Geformte Penetratoren) - sollte wohl auf die Bedrohlichkeit der neuen Waffe hinweisen.

Ende letzten Jahres wurde der Baker-Hamilton-Report vorgestellt - von einer Kommission, der sowohl Demokraten als auch Republikaner angehörten. In dem Bericht wird die Aufnahme von Gesprächen mit Iran und Syrien zur Lösung der Irakkrise angeregt. Nun tut Bush allerdings genau das Gegenteil - indem er Iran und Syrien für die amerikanischen Verluste im Irak verantwortlich macht.

Letzten Monat ließ Washington fünf iranische Offizielle in ihrem Büro in Arbil, der Hauptstadt des irakischen Kurdengebiets, verhaften. Das Büro existiert dort schon lange. In Bagdad wurde ein Iraner entführt, angeblich durch eine irakische Militäreinheit, die unter amerikanischem Einfluss steht. Zuvor schon hatte Präsident Bush erklärt, Iraner, die es auf US-Streitkräfte abgesehen hätten, könnten getötet werden. Das klang wie der Türöffner für Attentate.

Die Äußerungen aus Washington suggerieren, man kämpfe im Irak seit dreieinhalb Jahren gegen Schiitenmilizen; dabei gab es fast ausschließlich Kämpfe mit sunnitischen Aufständischen. Die Sunniten-Verbände werden oftmals von gut ausgebildeten ehemaligen irakischen Offizieren geleitet. Bei diesen Männern/Offizieren handelt es sich häufig um Ex-Angehörige der militärischen oder geheimdienstlichen Eliteeinheiten Saddams. Im Iran-Irak-Krieg zwischen 1980 und 1988 wurde Saddam Hussein sowohl von den USA als auch von der UdSSR unterstützt - mit modernen Waffen und Training für seine Truppen.

Die heutige Einschätzung Amerikas, was die militärischen Möglichkeiten der Iraker angeht, ist der amerikanischen Haltung vor vier Jahren diametral entgegengesetzt. Damals behaupteten Bush und Blair, die Iraker seien technisch in der Lage, Langstreckenraketen zu produzieren, und sie seien fast so weit, eine atomare Vorrichtung herzustellen. Heute sagt Washington, die Iraker seien so rückständig, dass sie keine effektive Straßenrandbombe produzieren könnten, sie benötigten dazu die Hilfe des Iran.

Vielleicht hat das Weiße Haus ja vor dem Hintergrund der Präsidentschaftswahlen 2008 entschieden, es sei politisch wesentlich vorteilhafter, den Iran für das eigene Scheitern im Irak verantwortlich zu machen: der Iran als heimlicher Strippenzieher, der die Gegner der US-Regierung im Irak unterstützt.

Sehr wahrscheinlich haben schiitische Milizen Geld und Waffen aus dem Iran bezogen, und es ist gut möglich, dass auch die sunnitischen Aufständischen ein wenig Hilfe erhalten haben. Andererseits besitzen die meisten Männer im Irak Waffen. Millionen Iraker haben in der Zeit des Hussein-Regimes ein militärisches Training absolviert. Nach Saddams Sturz wurden die gut gefüllten Arsenale samt und sonders geplündert. Kein Irakexperte glaubt heute, dass der Iran den sunnitischen Aufstand je in signifikanter Weise unterstützt hat.

Die Beweise gegen den Iran sind noch unsubstanzieller als jene gefakten oder missinterpretierten Belege über angebliche irakische Massenvernichtungswaffen, die die USA und Großbritannien 2002 und 2003 verbreiteten. Die neuen Anschuldigungen wirken extrem übertrieben. Abrams-Pranzer wurden übrigens nur wenige zerstört. Die angebliche Beweislage suggeriert, (im Irak) führten die Schiiten einen Krieg mit den Amerikanern, in Wirklichkeit stehen die Schiiten unter Kontrolle jener Parteien, die im Irak die Regierung stellen.

Quelle: ZNet Deutschland   vom 21.02.2007. Übersetzt von Andrea Noll. Originalartikel: Target Teheran: Washington sets stage for a new confrontation .

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Veröffentlicht am

22. Februar 2007

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