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Dogmen statt Bunker brechen

Terror-Stopp-Pilotprojekt für Afghanistan: Einen Versuch ist es wert

Von Jürgen Rose

“›Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt‹ ist wohl der Satz, mit dem die Amtszeit von Peter Struck am besten charakterisiert wird”. Mit diesen Worten beginnt die hochoffizielle Eloge auf den Ex-Verteidigungsminister im Intranet der Bundeswehr. Wie fern der Realität sich dieser wahrlich geniale Geistesblitz des inzwischen recht ernüchtert wirkenden Sozialdemokraten befindet, zeigt die täglich prekärer werdende Lage in Afghanistan.

Spätestens wenn deutsche Panzer an den Hindukusch verlegt werden, sei der Zeitpunkt erreicht, an dem deutsche Truppen besser ihren Rückzug antreten sollten, urteilte ein ungenannt bleiben wollender Bundeswehrgeneral beizeiten. Ende 2006 wurden die ersten Schützenpanzer vom Typ Marder in Masar-i-Sharif stationiert - Zeit also, über einen Rückzug aus dem Desaster nachzudenken. Doch im Gegenteil - Merkel, Steinmeier und Jung legen nach. “Mission Creep” lautet der militärische Fachbegriff und reflektiert die “schleichende Ausweitung des Kampfauftrages”. Sechs bis acht Tornado-Aufklärungsflugzeuge soll die Luftwaffe nach dem Willen der Bundesregierung nach Afghanistan schicken, um die NATO bei ihrem Feldzug gegen das Freiheitsstreben der Paschtunen im Süden und Osten Afghanistans zu unterstützen. Bei den Luftoperationen gegen Dörfer, Gehöfte und die Zivilbevölkerung sollen deutsche Kampfflieger Ziele markieren, die dann von alliierten Piloten angegriffen werden.

Bleibt anzumerken: Wenn Terrorismus gemeinhin bedeutet, unschuldige Menschen für politische Ziele zu opfern, dann erfüllt das Töten von Zivilisten aus dem Cockpit eines Kampfjets den Tatbestand des Staatsterrorismus. Selbst die anti-atlantischer Umtriebe unverdächtige Zeit kann solcherart menschenverachtender Strategie kaum etwas abgewinnen und moniert das von der NATO präferierte “Prinzip Bunkerbrecher”.

Was Afghanistan stattdessen braucht, ist ein tragfähiges Konzept für friedliche Entwicklung und Wiederaufbau - Ökonomie und Bildung statt Granaten. Wie das funktionieren könnte, bezeugt ein jüngst vorgestelltes “Terror-Stopp Pilotprojekt” (TSPP), das der erfahrene Afghanistan-Kenner Christoph Hörstel konzipiert hat. Dessen Biographie ist äußerst schillernd: Seit über 20 Jahren treibt er sich immer wieder in der Region herum und verfügt so über ein engmaschiges Netzwerk von Kontakten zu den diversen Akteuren. Der Paschtune Gulbuddin Hekmatyar, einer der mächtigsten Warlords und Führer der Hezb-i-Islami Afghanistan (HIA), nennt ihn einen “lieben Freund”. Auch zur engeren Umgebung von Mullah Omar, dem geistlichen Führer der Taliban, hat Hörstel Zugang. Zu größerem Bekanntheitsgrad brachte er es während des Angriffs der USA auf Afghanistan im Herbst 2001, als er vom Taliban-Regime als einziger westlicher TV-Korrespondent die Erlaubnis erhielt, direkt aus Kabul zu berichten. Nachdem dort die Würfel gefallen waren, bestellte ihn 2002 der später einem Mordanschlag zum Opfer gefallene Vizepräsident, Haji Abdul Qadir, zum offiziellen Sonderberater für die deutsch-afghanischen Beziehungen. Momentan trainiert Hörstel Führungspersonal des deutschen ISAF-Korps und ist Gastdozent am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg (IFSH) zum Thema Terror-Mediation am Beispiel Afghanistan.

Alles in allem scheint Hörstel durchaus prädestiniert dafür, ein “TSPP” auf den Weg zu bringen, das sich in groben Zügen wie folgt umreißen lässt: In einer frei zu bestimmenden Provinz Afghanistans beenden sämtliche Konfliktparteien, das heißt auch die ausländischen Streitkräfte, sämtliche Kampfhandlungen - vor allem garantiert der afghanische Widerstand in der betreffenden Gegend das Ende seiner Operationen. HIA-Chef Hekmatyar hat dem “TSPP” bereits schriftlich zugestimmt. In vier logisch aufeinander aufgebauten und basisdemokratisch verankerten Schritten sollen dann in dieser Provinz Wiederaufbau- und Entwicklungsprojekte stattfinden, die eng zwischen der ansässigen Bevölkerung, der Provinzregierung sowie der Administration in Kabul abgestimmt sind - am Anfang steht ein regionaler Entwicklungsplan. Es folgt die Einberufung der lokalen Shura jeweils dort, wo Aufbauprojekte greifen sollen, um sie demokratisch abzusichern. Die veranschlagte Anschubfinanzierung erscheint seriös: Maximal 500.000 Euro, davon mindestens 250.000 für humanitäre und soziale Hilfsleistungen. Sobald das Modell funktioniert, soll es auf andere Provinzen übertragen werden, um so das Land Schritt für Schritt befrieden zu können. Christoph Hörstel ist überzeugt: Die Gewaltspirale in der Republik am Hindukusch ist alles andere als unabänderlich. Frieden ist möglich, man muss ihn nur wollen und darf niemanden davon ausschließen.

Dipl. Päd. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr. Er vertritt in diesem Beitrag nur seine persönlichen Auffassungen.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   07 vom 16.02.2007.

Veröffentlicht am

17. Februar 2007

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