Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Ein Winternachtstraum

Von Ran HaCohen, antiwar.com, 29.01.2007

Die Vollversammlung der Vereinten Nation hat gerade eine Resolution verabschiedet, die die Leugnung des Holocaust verurteilt. Die Resolution, die von 103 Ländern mit übernommen wurde, wurde in gegenseitigem Einvernehmen ohne Abstimmung angenommen. Vielleicht ist es noch zu früh, die Reaktionen auf diese neueste Resolution vorauszusagen. Aber versuchen wir mal zu spekulieren, wie sie aussehen könnten.

Empörung in Israel

Die israelische Boulevardpresse wird dies sicherlich in großen roten Schlagzeilen: “UN-Heuchelei” bringen. Die Redaktionen werden sich damit befassen, die UN-Heuchelei aufzudecken. Die israelischen Minister und Botschafter werden einstimmig folgende weisen Worte von der Website der ständigen israelischen Botschaft bei der UN zitieren: “Die zwangsläufige Mehrheit, der sich der arabisch-mulimische Block erfreut, macht es dieser Gruppe möglich, jede anti-israelische Resolution - egal wie einseitig sie sein mag - anzunehmen. Dieselbe zwangsläufige Mehrheit blockiert die Annahme jeder Resolution, die nur einen Hauch an Kritik gegenüber Palästinensern oder irgendeinen arabischen Staat hat.”

Die letzte Resolution, die von allen angenommen wurde, ist ein erneuter Beweis für die traditionelle anti-israelische Haltung der UN. Noch einmal hat die UN ihre Zwangsvorstellungen gegenüber Israel und den Juden offen gelegt.

Viele Völkermorde

Nach der öffentlichen Empörung werden TV-Studios die besten Köpfe aus Israels führenden Hochschulen für Geschichte einladen, um (ohne auf das Zeitalter der Entdeckung Amerikas zu kommen) die Zuschauer daran zu erinnern, dass es viele Massenmorde allein im 20. Jahrhundert gegeben hat: den Völkermord an den Armeniern, Stalins Säuberungen, Maos langen Marsch, in Kambodscha, Ruanda, im früheren Jugoslawien - um nur ein paar zu nennen. Die UN hat keine vergleichbare Resolution hinsichtlich Verleugnungen dieser Völkermorde verabschiedet, diese auch in der jetzigen Resolution nicht erwähnt. Wieder sind es allein die Juden, die ganze Judenheit und immer nur die Juden. Mehrere israelische Kolumnisten werden die letzte Resolution mit der von 1975 vergleichen, als die UN den Zionismus mit Rassismus gleich setzte: beide Resolutionen weisen eine antisemitische Tendenz auf - immer stehen die Juden im Mittelpunkt. Ein bekannter Journalist von Maariv wird selbst den israelischen UN-Botschafter kritisieren, dass er den Resolutionsentwurf nicht gleich in Stücke zerrissen habe wie sein Vorgänger 1975. “Es ist höchste Zeit, dass man die UN aufhält, sich so zu verhalten, als ob es nur Juden gäbe”, wird der Journalist sich beklagen. “Es gibt doch mehr als 150 Nationen auf der Welt. Lasst uns doch endlich in Ruhe!”

Die Einstimmigkeit, mit der die Resolution angenommen wurde, wird auch nicht unerwähnt bleiben. “Nicht einmal unsere traditionellen Freunde Mikronesien und die Marschall-Inseln haben dagegen votiert”, wird ein Journalist bei Haaretz sich beklagen: “Diese Einmütigkeit und Einseitigkeit der UN-Mitglieder erinnert an Wahlen in totalitären Staaten, wo Tyrannen von 99% der Stimmberechtigten unterstützt werden. Eine Resolution, die einstimmig angenommen wurde, ist entweder belanglos oder hat eine kritische Schieflage. Auf jeden Fall kann und sollte sie von Frieden liebenden Leuten nicht ernst genommen werden.

Schlimmere Verbrechen anderswo

Die Empörung wird nicht auf Israel beschränkt bleiben. Englisch sprechende Historiker wie Prof. Simon Schama werden die voreingenommene Resolution auch zurückweisen. Aus einem Artikel, den er zusammen mit dem Rechtsexperten Anthony Julius in The Guardian schrieb, wird Schama seinen eigenen Protest von vor kurzer Zeit gegen einen ähnlich tendenziösen Boykottaufruf gegen Israel zitieren. Darin bemerkt er, “dass nichts über die ungeheuerlichen Menschenrechtsverletzungen gesagt wird, die woanders auf der Welt geschehen (Darfur, Tschetschenien und an anderen Orten).” Die letzte Uno-Resolution wird, wie Schama und Julius richtig verweisen, denselben Makel haben: wieder werden Juden besonders behandelt. Die Resolution behauptet, die “universalen Werte der Menschenrechte zu bestätigen”, aber tatsächlich ist sie nicht in der Lage, zu erklären, warum “sie nur die Leugnung des Genozids der Juden beklagt, als einzigen unter den Nationen der Welt”.

Ebenso werden die beiden Wissenschaftler betonen, dass, während Männer geschlachtet und Frauen en masse im Sudan vergewaltigt werden, die UN es für der Mühe wert hält, die Leugnung des Genozids zu verurteilen, deren letzte Opfer vor 60 Jahren ermordet wurden. Unterdessen geht der Genozid in Darfur weiter, ganz zu schweigen von dem blutigen Chaos in dem von den USA besetzten Irak. Es gibt keinen besseren Beweis für den vollkommenen, moralischen Bankrott der UN, werden Schama und Julius zweifellos betonen.

Wer fürchtet sich vor Atombomben?

Der juristische Wissenschaftler Alan Dershowitz wird seine Professionalität durch die Analyse der Rede des israelischen UN-Botschafters Danny Gillermann demonstrieren. Gillermann sagte, dass während die UN die Leugnung des Holocausts beklagt, ein Mitgliedsstaat - nämlich der Iran - Waffen entwickelt, um noch einen Genozid zu begehen. Derschowitz wird leicht den schwachen Punkt in diesem Argument herausstellen: wenn allein das Besitzen von nuklearen Waffen genügt, um einen Staat genozidaler Absichten anzuklagen, dann ist es doch tatsächlich eher Israel als der Iran, dem Schuld gegeben werden sollte. Denn der Iran ist gerade erst dabei, einige dieser Massenvernichtungswaffen zu bekommen, die Israel schon lange besitzt. Und während der Iran mit keinem seiner Nachbarn im Krieg ist und auch kein fremdes Land besetzt hält, ist Israel offiziell mit mehreren arabischen Staaten im Krieg und besetzt seit 40 Jahren Palästina. “Also sagen Sie mir, wer oder was ist gefährlicher: ein Staat, der zweifellos nukleare Waffen besitzt oder ein Staat, der angeklagt wird, weil er versucht, sich welche zu beschaffen?” wird Derschowitz rhetorisch fragen.

Auch die Türkei

Auch die amerikanischen Juden werden sich aufregen. Die Anti-Defamation-Liga (ADL) unter ihrem Direktor Abe Foxman wird sich nicht still verhalten. “Die anti-israelische Tendenz in der UNO”, wie die ADL es schon seit langem nennt, bricht neue Rekorde: während ein respektiertes Vollmitglied der UN, die Türkei, offen den Genozid an den Armeniern leugnet und die Staaten bedroht, die diesen Genozid als Tatsache hinstellen, regt sich die UN ausschließlich über das Problem der Leugnung des jüdischen Holocaust auf, was in vielen Ländern sogar rechtlich verfolgt wird, und nur von ein paar sehr unbedeutenden Einzelnen und Organisationen oder bei einer irren Konferenz im Iran geleugnet wird, an der sogar ein paar Juden teilgenommen haben. Natürlich hat die Türkei die neue Resolution unterstützt. Foxman wird noch einmal sagen: “Wir haben den bedrückenden Beweis der Heuchelei der UN und der Tatsache, dass die Goyim ‚uns nur lieben, wenn wir tot sind’.”

Wacht endlich auf!

Nichts von alledem wird natürlich geschehen. Keiner von denen, die immer dagegen protestieren, dass Israels Grausamkeiten betont werden, die sich dann immer auf andere Tragödien berufen, wenn Israel kritisiert wird; keiner wird ein einziges Wort dagegen sagen, weil der Holocaust zu Israels Gunsten besonders hervorgehoben wird. Das einzige Land, das gegen die Resolution war, war der Iran, der behauptet, dass der Holocaust dazu benützt wird, um die Aufmerksamkeit der Welt von Israels Verbrechen gegen die Palästinenser abzulenken.

Gewiss ist der Holocaust eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte und seine Leugnung moralisch verwerflich, aber es gibt jetzt viel dringendere Probleme, mit denen man sich befassen muss. Der armenische Genozid wird viel mehr geleugnet als der Holocaust: Vor nur zwei Wochen wurde ein Journalist ermordet, der für sein Schreiben und seine öffentlichen Statements über den armenischen Genozid sehr bekannt war. Der Genozid in Darfur findet jetzt vor unsern Augen statt, nicht vor Jahrzehnten - er könnte im Gegensatz zum Holocaust gestoppt werden. Und die palästinensische Tragödie - ob ein Genozid oder nicht - kostet fraglos mehr Leben als jede Holocaustleugnung je gekostet hat.

All das berührt keinen der schamlos heuchlerischen Kavaliere, die Israel nicht herausgestellt sehen wollen. Das nächste Mal, wenn Israel kritisiert werden wird, werden sie wieder “Anti-Semitismus!” schreien, das nächste Mal wird man sie beobachten, wie sie sich auf die Gräueltaten in aller Welt berufen, nur um von Israels Verbrechen abzulenken. Man frage sie dann bitte, ob sie auch gegen die letzte UN-Resolution protestiert haben oder ob Heuchelei ihnen willkommen ist, solange sie zu ihren Gunsten geschieht.

Deutsche Übersetzung: Ellen Rohlfs

Veröffentlicht am

06. Februar 2007

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von