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Der fatale Kuss

Von Uri Avnery, 03.01.2007

ES KLINGT wie der Werbespot einer zweitklassigen Seifenoper: eine 21-jährige Frau wird mit einer viel älteren berühmten Person fotografiert, die nach ihr grabscht, sie unter Zwang küsst und die Zunge ihr in den Rachen drückt.

Diese Szene hat die Aufmerksamkeit der israelischen Öffentlichkeit jetzt monatelang auf sich gezogen, mehr als jedes andere Ereignis, abgesehen vielleicht von der Behauptung, dass der Präsident Israels einige seiner Angestellten sexuell belästigt habe. Der Krieg und seine Folgen wurden verdrängt.

Das Interesse daran hängt natürlich mit der Identität des Küssenden und der Geküssten zusammen: Chaim Ramon war damals Justizminister und eine zentrale Figur in der Regierung; die junge Frau, die nur mit H. identifiziert wurde, war ein Leutnant im Amt des “Militärischen Sekretärs” beim Ministerpräsidenten, einem wichtigen militärisch-politischen Knotenpunkt. Die fatale Begegnung fand im Büro des Ministerpräsidenten kurz vor einer Kabinettssitzung statt.

In dieser Woche fanden drei Richter - zwei weibliche und ein männlicher - einstimmig Ramon eines unziemlichen Aktes für schuldig. Es scheint, dass die strafrechtliche Verfolgung nicht die Höchststrafe fordern wird: drei Jahre Gefängnis. Aber wahrscheinlich ist Ramons politische Karriere beendet.

Dies könnte nichts weiter als eine pikante Klatschgeschichte gewesen sein, wenn man von einem kleinen Detail absieht, das kaum erwähnt worden war: dieser fatale Kuss, der im Amte des Ministerpräsidenten stattfand, kurz vor der Kabinettssitzung, in der entschieden wurde, mit dem Krieg gegen den Libanon zu beginnen.

Nur kurze Zeit zuvor hatte auch der Generalstabchef Dan Halutz noch die Zeit und Energie für einen unkriegerischen Akt gefunden: er rief seinen Börsenmakler an und bat ihn, alle seine Wertpapiere zu verkaufen.

Man erinnere sich an den Hintergrund: ein paar Stunden zuvor hatten Hisbollahkämpfer die Grenze überschritten und zwei israelische Soldaten gefangen genommen. Zwei andere Soldaten wurden bei der Operation getötet, und sechs weitere starben bei dem Versuch, die Eindringlinge mit den Gefangenen zu verfolgen. Offensichtlich war das Kabinett dabei, über eine Militäroperation zu entscheiden, bei der viele Zivilisten und Soldaten, Libanesen und Israelis, ihr Leben verlieren würden. Doch der Oberste Kommandeur der Armee war mit seinen Wertpapieren und ein prominenter Minister mit einer Soldatin beschäftigt.

IM LAUFE des 1948er-Krieges schrieb ich Berichte über die Schlachten vom Standpunkt eines einfachen Soldaten. Nach dem Krieg, als ich diese Berichte für ein Buch sammelte, kam mir die Idee, dass es interessant sein könnte, die Beschreibung des Krieges auch vom Gesichtspunkt des Kommandanten hinzuzufügen, der die unser Schicksal betreffenden Entscheidungen traf.

Ich ging auf meinen Brigadechef zu, einen Kommandeur, der von uns allen sehr bewundert wurde, und er gab mir die detaillierte Beschreibung der Kampagne. Vor meinen Augen kam ein völlig anderer Krieg zum Vorschein. Die Namen der Orte und Schlachten waren zwar dieselben, aber es gab keine Ähnlichkeit zwischen unserem Krieg, dem Krieg, in dem die größte Sorge der Kämpfer war, von einem Tag zum anderen zu überleben - und dem Krieg des Oberkommandierenden, der Figuren auf dem Spielbrett bei einem schwierigen Schachspiel mit dem feindlichen Kommandeur bewegte. Der Unterschied zwischen den beiden Ebenen faszinierte mich. Vielleicht war es genau dies, was das Buch “In den Feldern der Philister, 1948” zu einem Bestseller werden ließ.

All die großen Schriftsteller, die über Kriege schrieben - von Leo Tolstoi (“Krieg und Frieden”) bis Erich Maria Remarque (“Im Westen nichts Neues”) und Norman Mailer (“Die Nackten und die Toten”) haben diesen enormen Unterschied hervorgehoben. Der Soldat kriecht durch Dornengebüsch, versinkt im Schlamm und duckt sich in seiner Höhle; die Kommandeure verrücken Pfeile auf einer Landkarte.

Für den einfachen Soldaten, und noch mehr für einen Zivilisten, ist es schwierig, sich in die geistige Welt eines Generals zu versetzen, der über eine Militäroperation entscheidet und der weiß, dass es dabei so und so viele “Opfer” geben wird, Tote und Verletzte. Aber schließlich ist es sein Beruf: das Ziel der militärischen Maßnahme gegen die erwarteten Verluste abzuwägen. Er erhält z.B. den Befehl, den Hügel 246 zu erobern und arbeitet einen Plan aus, bei dem er damit rechnet, dass er das Leben von etwa hundert seiner Soldaten kostet. Während er rechnet, treiben die Soldaten Unsinn, sprechen mit ihren Eltern am Telefon oder versuchen, noch etwas zu schlafen.

ICH SCHREIBE dies nicht in philosophischer oder literarischer Stimmung, sondern um die unerträgliche Leichtfertigkeit zu unterstreichen, mit der Politiker und Generäle über den Beginn eines Krieges entscheiden. Die Wertpapiere von Halutz und der Kuss von Ramon sind nur ein Symptom dieses Phänomens.

Vorvorgestern erschien Ehud Olmert vor der Untersuchungskommission (die er selbst ernannt hat) und beschrieb, wie sein Kabinett sich entschieden hat, den 2. Libanonkrieg zu beginnen. Dieses Zeugnis wird geheim gehalten. Aber man kann vermuten, dass Olmert nicht vergessen hat, gegenüber den trauernden Angehörigen sein Beileid auszusprechen und seine Hoffnung, die Verletzten möchten sich schnell wieder erholen. Aber hat einer seiner Minister wirklich den Preis der Operation an menschlichem Leben abgewogen - auf unserer Seite und auf der der anderen? Hat der Generalstabschef, der gerade über seine Wertpapiere entschieden hatte, dieses Thema überhaupt angesprochen? War der Justizminister, der gerade ein kleines amouröses Abenteuer erlebt hatte, dessen Konsequenzen er sich nicht hätte träumen lassen, in einer entsprechend ernsthaften Stimmung?

Das ist kein speziell israelisches Problem. Haben George W. Bush und seine Neocon-Clique wirklich die Opfer berücksichtigt, als sie sich entschieden, in den Irak einzufallen? Ignorieren wir einen Augenblick all die Lügen, die sie verbreiteten und die erlogenen Geschichten über Massenzerstörungswaffen, die phantasierten Verbindungen zwischen Saddam und Osama und all die anderen Unwahrheiten und Täuschungen. Konzentrieren wir uns nur auf die zwei wirklichen Ziele des Krieges (die wir damals herausgestellt haben): a) ihre Hand auf dem Ölhahn im Irak und die ganze Region zu halten, einschließlich des Kaspischen Meeres und b) eine amerikanische Garnison mitten im Nahen Osten aufzustellen.

Wenn Bush vor einer Untersuchungskommission in Washington, DC stehen müsste, wie Olmert es in Tel Aviv tat, würden ihm sicher ein paar Fragen gestellt werden (die wir schon damals in dieser Kolumne gestellt haben): Haben Sie die vielen Soldaten und Zivilisten berücksichtigt, die getötet und verwundet werden? Was brachte Sie dahin zu denken, dass die einfallende Armee mit Blumen überschüttet werden würde? Warum glaubten Sie, die Luftwaffe werde das Problem lösen und Bodentruppen würden nur eine geringe Rolle spielen? Haben Sie sich vorgestellt, dass der geplante kleine Krieg sich über drei Jahre und länger erstrecken würde? Haben Sie in Erwägung gezogen, dass der irakische Staat in Stücke geschlagen wird und dass die drei dort lebenden Völker versuchen werden, einander an die Kehle zu gehen? Hatten Sie erwartet, der Krieg würde Irans Position im Nahen Osten stärken? Kurz gesagt, hatten Sie überhaupt eine Ahnung von dem Land, in das Sie einzufallen im Begriff waren?

Natürlich hat keiner in der US-Regierung, der Einfluss hatte, diese Fragen damals gestellt. Ein törichter und machttrunkener Präsident, ein habgieriger Vizepräsident und ein Klüngel von arroganten und ignoranten, ideologischen Fanatikern entschieden über ein Abenteuer, dessen Ende noch immer nicht in Sicht ist. Danach gingen die Staatmänner und Strategen zu ihren vornehmen Restaurants und hatten üppige Mahlzeiten, während 3.000 Soldaten, die bis jetzt getötet worden sind, den Tag in glücklicher Unwissenheit darüber verbrachten, was dort auf höchster Ebene vor sich ging. Die Medien und die Senatoren waren natürlich begeistert.

ES IST aber nicht die Vergangenheit, über die ich schreibe - ich schreibe über die Zukunft.

In diesem Augenblick denken Leute in Washington und in Jerusalem über einen Krieg im Iran nach. Nicht darüber, ob er beginnen solle, sondern wann und wie.

Wenn dies ein amerikanischer Krieg sein wird, dann werden seine Konsequenzen viel ernster sein als die im Irak. Der Iran ist eine sehr harte Nuss. Das iranische Volk ist vereinigt. Es hat eine ruhmreiche nationale Tradition, einen hoch entwickelten Nationalstolz und eine strenge religiöse Ideologie. Man kann seine Ölanlagen bombardieren. Aber es ist ein großes Land, das nicht von einer entwickelten Infrastruktur abhängt. Es kann nicht allein durch Bombardements unterworfen werden. Es wird keine Alternative für einen militärischen Angriff auf dem Boden geben.

Bush bereitet schon den Krieg vor. In der vergangenen Woche instruierte er seine Soldaten im Irak, alle “iranischen Agenten” dort zu jagen und zu töten. Das erinnert an den berüchtigten “Kommissarbefehl” vom 6. Juni 1941 - am Vorabend der deutschen Invasion in die Sowjetunion. Adolf Hitler hatte die sofortige Hinrichtung von jedem gefangenen politischen Kommissar der Roten Armee befohlen. Da die Kommissare uniformierte Soldaten waren, wurde jeder Kommandeur, der diesen Befehl ausführte, ein Kriegsverbrecher.

Es ist ziemlich sicher, wenn die USA den Krieg führen werden, dass sich dann das iranische Volk hinter seine Regierung stellen wird. Die Iraner werden den Schluss ziehen, dass alles, was ihre Regierung ihnen über den Westen gesagt hat, wahr ist. Die Opposition, die vor kurzem ihr Haupt erhoben hat, wird still sein und verschwinden. Der großmäulige Präsident Mahmoud Ahmadinejab, dessen Weisheit von vielen seiner Landsleute nun hinterfragt wird, wird übernacht zu einem Nationalhelden werden. Es wird ein jahrelanger Krieg werden, und viele tausend amerikanischer Soldaten werden fallen - ganz zu schweigen von iranischen Soldaten und Zivilisten.

Präsident Bush mag zögern und diese Aufgabe an Israel weiterreichen. Kürzlich machte Olmert eine Bemerkung, die Amerikaner hätten ihn in den Libanonkrieg gestoßen. Sie glaubten, die israelische Armee könne die Hisbollah leicht besiegen und dies werde der amerikanischen Klientel in Beirut helfen. (Eine ähnlich dumme Überlegung brachte die Amerikaner dahin, Sharons ersten Libanonkrieg 1982 abzusegnen)

Heute sprechen unsere Politiker und Generäle frei über den unvermeidlichen Angriff auf den Iran. Die pro-israelische Lobby in den USA, die jüdische wie die christliche, bemüht sich sehr, die amerikanische öffentliche Meinung in diese Richtung zu stoßen. All diese Damen und Herren in ihren komfortablen Villen - weit weg von den voraussichtlichen Schlachtfeldern - sehnen sich nach einem Krieg, der das Leben der Söhne und Töchter - anderer Leute - kosten wird.

Die Befürworter des Krieges erklären, er sei notwendig, um einen “zweiten Holocaust” zu verhindern. Dies ist bereits zu einem Mantra geworden. In dieser Woche hat Jacques Chirac das bestritten, als er das Selbstverständliche aussprach: dass wenn eine iranische Atombombe auf Israel abgeschossen werde, Israel Teheran von der Erdoberfläche wischen würde. Die iranischen Herrscher sind nicht wahnsinnig und das “Gleichgewicht des Terrors” wird seinen Job tun. Aber die “Freunde” Israels und der USA begannen, Chirac mit verbalen Steinen zu bewerfen; er machte einen eiligen Rückzieher.

VERMUTEN WIR einen Augenblick lang, dass es der israelischen Luftwaffe mit Hilfe der amerikanischen Seestreitkräfte, die gerade im Persischen Golf “aufmarschieren”, gelingen werde, Ziele im Iran zu bombardieren - was wird dann geschehen?

Iranische Raketen werden über Tel Aviv und Haifa regnen. Das Versprechen unserer Luftwaffe, sie beim ersten Schlag auf dem Boden zu zerstören, ist nicht mehr wert als ähnliche Versprechen, von denen wir im Libanon hörten. Um Israel zu verteidigen, müssten amerikanische Soldaten in den Iran hineingehen. Israels Abrechnung wird mit jedem Opfer mehr belastet. Falls Israel das erste Land ist, das - Gott bewahre - eine Atombombe zündet, wird die Schande ewig dauern.

Die arabischen Massen - tatsächlich die ganze muslimische Welt, Sunniten wie Schiiten - werden sich um den Iran scharen. Die sunnitischen Staatsführer, die jetzt im Geheimen auf Israels Seite stehen, werden in Panik davonlaufen. Wir werden der Rache, die früher oder später einsetzen wird, allein gegenüber stehen. Werden wir uns auf die Erben Bushs verlassen können, die vielleicht weniger leichtsinnig sein und die eher auf die öffentliche Meinung der Welt hören werden, die zwangsläufig uns wegen dieses ganzen Abenteuers die Schuld geben werden?

Der Iran ist kein zweiter Irak, er ist auch nicht die Hisbollah mal zehn. Es ist eine völlig andere Geschichte.

Aber denkt hier jemand ernsthaft darüber nach? Werden die Nachfolger des Wertepapier verkaufenden Generalstabschefs und der zungenküssende Minister sich mehr Gedanken darüber machen? Oder werden sie sich mit derselben unerträglichen Leichtfertigkeit für ein neues militärisches Abenteuer entscheiden?

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert

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Veröffentlicht am

05. Februar 2007

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