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Bagdad - in einer von Angst gelähmten Stadt

Von Patrick Cockburn - The Independent / ZNet 27.01.2007

Bagdad ist gelähmt vor Angst. Der Horror eines irakischen Autofahrers ist es, plötzlich vor einem improvisierten Checkpoint zu stehen, wo Schwerbewaffnete in zivil den Fahrer aus dem Wagen zerren und töten könnten, nur weil er die falsche Religion hat. In einigen Vierteln kommt es jede Nacht zu Granatgefechten. Der Horror ist so immens, dass Bush und Blair ihn gar nicht begreifen können.

Schwarzer Rauch stieg gestern über dem Stadtzentrum auf, als amerikanische und irakische Truppen versuchten, sich in den Rebellenbezirk Haifa Street vorzukämpfen. Das Viertel liegt nur eine Meile außerhalb der Grünen Zone. Die Grüne Zone ist Sitz der Regierung, hier liegen die amerikanische und die britische Botschaft. Auf der Jagd nach Heckenschützen flogen gestern Helikopter niedrig und schnell über die Blocktürme. Unten in den Straßen manövrierten Panzerfahrzeuge.

Viele Iraker, die sich die State-of-the-Union-Rede (Präsident Bushs) ansahen, wischten sie als irrelevant beiseite. “Weitere 16.000 US-Soldaten werden nicht genug sein, um die Ordnung in Bagdad wiederherzustellen”, so Ismail, ein Sunnit, der aus seinem Haus in der Weststadt geflohen ist - aus Angst, von einem der immens gefürchteten schiitischen Polizeikommandos festgenommen und gefoltert zu werden.

Erstaunlich, wie wenig Kontrolle die amerikanischen Streitkräfte, fast vier Jahre nach der Einnahme Bagdads, über die Stadt haben. Bushs Perspektive - die Aufständischen aus ihren Festungen zu vertreiben und nicht mehr dorthin zurückkehren zu lassen -, klingt nicht gerade vielversprechend.

Am Montag wurde ein Helikopter der amerikanischen Sicherheitsfirma Blackwater über dem Sunniten-Viertel al-Fadhil abgeschossen. Das Viertel liegt nahe dem zentralen Marktviertel Bagdads. Einige der fünf amerikanischen Besatzungsmitglieder sollen den Absturz überlebt haben, wurden jedoch später mit Gewehrkugeln im Kopf tot aufgefunden. Es sah nach einer Hinrichtung vor Ort aus.

Bagdad ist inzwischen in feindliche Townships - hier Sunniten, dort Schiiten - aufgesplittet. Fremden wird mit Misstrauen begegnet. Wer nicht erklären kann, was er hier will, wird niedergeschossen. Aus dem militanten sunnitischen Stadtteil al-Amariyah in West-Bagdad wurden die Schiiten vertrieben, eine wiederauferstandene Baath-Partei hat hier die Macht übernommen. An der Wand ein Slogan in roter Farbe: “Saddam Hussein lebt für immer - als Symbol der arabischen Nation”. Ein weiterer Slogan lautet: “Tod für MuqtadaAnmerkung d. Übersetzerin: Gemeint ist die sogenannte ‘Mahdi-Armee’ des Schiitengeistlichen Muqtada al-Sadr und seine Idiotenarmee”.

In Vierteln, in denen ich früher oft zu Mittag aß - etwa im Botschaftsviertel al-Mansur - ist ein Restaurantbesuch mittlerweile viel zu gefährlich. Wer sich als Fremder auf der Straße blicken lässt, läuft hier Gefahr, entführt oder getötet zu werden. Die meisten Restaurants haben ohnehin längst dichtgemacht.

Für Iraker ist es schwer, sich in diesem Konflikt neutral zu verhalten. Aus vielen Stadtvierteln - wie dem al-Hurriya-Viertel in West-Bagdad - wurden die Minderheiten vertrieben, im Falle al-Hurriya sind es die Sunniten.

Ein sunnitischer Freund, der Adnan genannt wird und im benachbarten Bezirk al-Adel wohnt, bekam eines Tages Besuch von sunnitischen Milizionären. Sie sagten: “Hilf uns, uns gegen die Schiiten von Hurriya zu wehren, geh’ mit uns auf Patrouille - falls nicht, geben wir dein Haus jemandem, der’s tut”. Mehrere Nächte ging Adnan, an seine Kalaschnikow geklammert, mit auf Streife, bevor er aus der Gegend floh.

So groß ist die Angst in Bagdad, dass Gerüchte umgehen, der Stadt würden noch blutigere Gefechte drohen. Vor zwei Wochen glaubten viele Sunniten, die schiitische Mahdi-Armee stehe kurz vor ihrem Endkampf, der finalen “Schlacht um Bagdad”. Ziel sei es, die sunnitische Minderheit aus Bagdad zu vertreiben oder zu töten. Die sunnitischen Aufständischen horteten daher Waffen und Munition, um ihre Viertel in einer letzten verzweifelten Anstrengung zu verteidigen. Die ultimative Schlacht, so ihre Meinung, werde bis zum letzten Moment hinausgezögert. Mr. Bush betont: Die irakische Regierung, unterstützt durch das US-Militär, “muss die sektiererische Gewalt in der Hauptstadt stoppen”. Nur wie, das weiß keiner. Die amerikanische (Militär-)Verstärkung würde vielleicht einige Monate dafür sorgen, dass die Todeskommandos nicht mehr tun und lassen können, was sie wollen, aber eine langfristige Lösung ist das nicht.

Vielmehr ist Bushs Rede dazu angetan, die sektiererische Spaltung im Irak weiter zu vertiefen - indem er die schiitischen Milizen mit dem Iran gleichsetzt. In Wirklichkeit ist die mächtigste der schiitischen Milizen - die Mahdi-MilizAnmerkung d. Übersetzerin: Gemeint ist die sogenannte ‘Mahdi-Armee’ des Schiitengeistlichen Muqtada al-Sadr - traditionell antiiranisch, und ausgerechnet die Badr-Organisation, die mittlerweile mit den US-Streitkräften kooperiert, von den iranischen Revolutionären Garden aufgebaut und trainiert. Was die arabische Welt insgesamt angeht, so scheint Bush darauf aus, Unterstützung für den Irak aus sunnitischen Ländern wie Saudi-Arabien, Ägypten und Jordanien zu erhalten und daher die iranische Bedrohung zu übertreiben.

Eine andere Frage, die sich die Iraker stellen: Was wird aus den ländlichen Bezirken, wenn sich die Amerikaner darauf konzentrieren, Bagdad zu sichern? Das Ausmaß der Gewalt auf dem Lande wird oftmals untertrieben, weil es aus diesen Regionen weniger Berichte gibt als aus Bagdad. Baquba ist die Hauptstadt der Provinz Diyala, nordöstlich von Bagdad. Auf einer Pressekonferenz am letzten Wochenende klopften sich die amerikanischen und irakischen Armeekommandeure auf die Schulter und lobten ihre Ergebnisse. Sie behaupteten: “Die Situation in Baquba ist ermutigend und unter Kontrolle. Allerdings gibt es einige üble Leute, die Gerüchte streuen”. Wenige Stunden später kidnappten Aufständische den Bürgermeister von Baquba und jagten sein Büro in die Luft.

Nicht viel besser die Lage im Süden. In der heiligen (Schiiten-)Stadt Kerbala wurden letzten Samstag fünf amerikanische Soldaten getötet - bei einem Angriff durch Bewaffnete, die amerikanische und irakische Uniformen trugen, amerikanische Waffen bei sich hatten und in Fahrzeugen fuhren, wie sie die amerikanischen und irakischen Streitkräfte benutzen. Eines der Fahrzeuge, die bei dem Anschlag benutzt wurden, konnte inzwischen identifiziert werden: Es hatte ein Autokennzeichen des Irakischen Handelsministeriums. Allein die Tatsache, dass die amerikanischen Offiziellen nicht einmal wissen, ob ihre Männer nun Opfer von schiitischen oder sunnitischen Aufständischen wurden, zeigt das Ausmaß des Chaos.

Sowohl die US-Kommandeure als auch die Mahdi-Armee scheinen von einer großen, finalen Konfrontation in Bagdad mittlerweile abzurücken. Weder die amerikanische noch die irakische Regierung haben die nötigen Mittel, um die Schiitenmilizen zu eliminieren. Selbst die kurdischen Einheiten in der Hauptstadt leiden unter einer hohen Desertationsquote. Sollte die Mahdi-Armee in Bagdad unter Druck geraten, würde sie wohl den größten Teil des Südirak unter ihre Kontrolle bringen.

Mr. Bushs sogenannte neue Strategie ist weniger eine Strategie als vielmehr eine Sammlung von taktischen Ansätzen. Sehr unwahrscheinlich, dass sich dadurch die Situation vor Ort dramatisch ändern wird. Sollte seine Dämonisierung des Iran allerdings als Ankündigung von Luftschlägen oder anderen Militäraktionen gegen den Iran zu verstehen sein, werden auch in diesem Falle die Iraker wieder einen hohen Preis zahlen müssen.

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Quelle: ZNet Deutschland   vom 28.01.2007. Übersetzt von Andrea Noll. Originalartikel: Inside Baghdad: A City Paralysed By Fear .

Fußnoten

Veröffentlicht am

03. Februar 2007

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