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Mit Vollgas gegen die Wand

Globalisierte Wirtschaft: Der hartnäckige Glaube an Wachstum, Wettbewerb und die Heilsversprechen der Technik wird zu einer existenziellen Gefahr für uns alle

Von Wolfgang Neef

In den vergangenen Wochen ist in die Debatte um Klimaschutz endlich Bewegung gekommen, nachdem Klimaforscher jahrelang erfolglos vor der weiteren Aufheizung der Atmosphäre durch zunehmende CO2-Emissionen gewarnt haben. Die Brisanz des Themas wird nun auch von Politik und Wirtschaft wahrgenommen. Nun soll viel Geld eingesetzt werden, um die Folgen des Klimawandels auszugleichen. Gleichzeitig werden andere Belastungen verdrängt: Das rapide wachsende Müll-Problem (zum Beispiel Chemieabfälle und Elektronikschrott), die ständig neu in die Welt gesetzten chemisch-pharmazeutischen Produkte und deren systemische Wirkung auf Mensch und Natur, das Trinkwasser-Problem in den südlichen Ländern. Es wird zudem ignoriert, dass Geld wenig ausrichten kann, wenn die örtlichen (natürlichen und gesellschaftlichen) Ressourcen erschöpft, zerstört oder vergiftet sind.

Heilsversprechen perpetuum mobile

Bei den öffentlich diskutierten Vorschlägen, zur Lösung des Energie- und Klima-Problems dominieren technische Konzepte: Sofortige Umstellung auf erneuerbare Energiequellen, CO2-Abscheidung, Atom- und Kernfusion (EU-Projekt ITER). Versprochen wird quasi das perpetuum mobile - wie schon einmal in den fünfziger Jahren: Im Jahr 2000, so versprachen es Wissenschaft und Technik, sollten 4.000 bis 5.000 Atomkraftwerke weltweit Stromzähler überflüssig machen, und Carl-Friedrich von Weizsäcker erklärte, Atommüll sei kein Problem: Er werde in einem Würfel von 100 Metern Kantenlänge unterzubringen sein. Heute haben wir 437 Reaktoren, Tschernobyl, kürzlich Forsmark, und immer noch das Entsorgungs-Problem.

Trotz der schlechten Erfahrungen mit diesen Heilsversprechen werden technische Lösungen (Gen-, Bio-, Nanotechnik etc.) mit inzwischen gefährlicher Verbissenheit propagiert. Gefährlich, weil die Natur nicht mit sich verhandeln und sich nicht auf Dauer überlisten lässt; verbissen, weil Wachstum, Markt und Wettbewerb trotz ihrer sozial und ökologisch verheerenden Wirkung als allein selig machend gelten - auch bei den Grünen übrigens, wie das Fraktionspapier zur “grünen Marktwirtschaft” zeigt. Die frohe Botschaft: Jetzt kann man mit Klimaschutz Geld verdienen - nachdem man das Klima jahrzehntelang ruiniert hat, wittert man bei den Reparaturversuchen neue Profite. Technisch kommt ohnehin eher Flickschusterei heraus, wo die neoliberale Betriebswirtschaft dominiert. Deren Kostensenkungs-Wahn hat selbst Paradetechnologien der globalisierten Wirtschaft geschädigt, wie Rückrufaktionen von Automobilen, Toll-Collect, A 380 usw. zeigen. Für die Probleme, die wir mit Technik zu lösen haben, ist aber internationale Kooperation statt Konkurrenz angesagt.

Im expansiven Kapitalismus ist die Gier nach Geld einziger Antrieb, gleichzeitig lebt dieses Wirtschaftssystem vom Verschleiß von Mensch und Natur - leider auch in der keynesianisch abgemilderten Form der “sozialen Marktwirtschaft”. Auch die dreht sich im sinn- und hirnlosen Hamsterrad von “Arbeiten, um mehr zu konsumieren - konsumieren, um mehr Arbeit zu haben”. Für Phantasie, realistisches und gemeinsames Handeln ist da kein Raum mehr - der wäre aber nötig, um die nötigen, wirklich neuen technischen und gesellschaftlichen Konzepte zu entwickeln.

Das materielle Wachstum hat die Grenze der Tragfähigkeit und Reproduktionskraft der Biosphäre um 25 Prozent überschritten (Living Planet Report 2006, WWF). Das Ende der Fahnenstange ist also erreicht. Es ist nicht einfach, dies den Menschen in den Industrienationen zu vermitteln, die sich an die waren- und verkehrsintensive Lebensweise gewöhnt haben. Noch schwieriger ist es für die 80 Prozent der Menschheit im Süden, die sich den gleichen “Wohlstand” wünschen, einzusehen, dass die Ressourcen dazu nicht reichen. Noch vor 40 Jahren begnügten sich die 20 Prozent im Norden mit einer Technik, die mit etwa 1,5 Kilowatt Dauerleistung pro Person auskam - das entsprach dem Lebensstandard eines Schweizers 1965. Hochgerechnet auf die gesamte Erdbevölkerung wäre dies vom Biosystem verkraftbar. Heute nutzt jeder Europäer aber permanent rund sechs Kilowatt, jeder US-Amerikaner rund elf. Entsprechende Rechnungen gelten für die Nutzung der biologisch produktiven Land- und Meerfläche.

Damit ist unser Wirtschaftssystem mit seinem Wachstums- und Wettbewerbs-Paradigma zur existenziellen Gefahr geworden, weil es sich von den natürlichen Bedingungen abzukoppeln versucht und mit dieser Illusion unser Denken und Planen prägt. Das ist in der Geschichte nicht das erste Mal - bloß heute trifft es durch die “Globalisierung” die gesamte Menschheit und nicht nur Teile, wie zum Beispiel die Gesellschaft der Osterinseln, die zugrunde ging, weil ihre Eliten manisch um immer größere Statuen konkurrierten und dabei die eigenen Lebensgrundlagen zerstörten. Diese Manie finden wir auch heute bei Großprojekten der Technik, mit denen sich unsere Eliten so gerne schmücken. Die vorwiegend männliche Konkurrenz um das größte Flugzeug, das schnellste Auto, den höchsten Wolkenkratzer, den kleinsten Chip könnte komisch sein, wenn sie nicht so gefährlich wäre.

Optimismus und Machbarkeitswahn

Als ob wir von den Gefahren und Zerstörungen nichts wüssten, legen wir einen notorischen Optimismus an den Tag, wenn es um die Machbarkeit großtechnologischer Träume geht. Auch wenn es Naturwissenschaftler und Ingenieure sind, die diesen Optimismus immer wieder nähren, weil sie gut daran verdienen: er widerspricht ihren professionellen Standards. Die fordern zunächst eine solide Analyse der Fakten. Konstruktionen werden dann mit ausreichenden Sicherheitsmargen ausgelegt. Kein Flugzeug würde heute ohne solche Sicherheiten in die Luft gelassen. Beim laufenden Großexperiment mit Mensch und Natur verzichten wir darauf, weil die herrschende Ökonomie es verlangt. Deshalb ist der augenblickliche Hype über die prima Konjunktur und steigende Massenkaufkraft nur verrückt: Wir beschleunigen die Fahrt an die Wand.

Was also ist zu tun? Da globales materielles Wachstum nicht mehr vertretbar ist, müsste in den nächsten Jahrzehnten in den Industrieländern der Energie- und Materialaufwand laut Wuppertal-Institut um 50 bis 90 Prozent Prozent abgerüstet werden - so unrealistisch dies scheinen mag -, um den übrigen Ländern die Chance zu geben, aus der Armut herauszukommen. Das ist nötig unabhängig davon, ob wir erneuerbare oder fossile Energien nutzen - denn es geht nicht nur um das CO2 -, sondern generell um ein Mengen-Problem.

Verlangsamung und Langlebigkeit

Dazu brauchen wir die radikale Veränderung unserer technologischen Leitlinien: Statt weiter menschliche Arbeitskraft als “Kosten” zu denunzieren und sie um jeden Preis, auch den der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen, durch Einsatz energetischer und stofflicher Ressourcen zu ersetzen (“Raubtechnik”), sollten wir die Produktions-Technik “abrüsten”, wo es nicht um schwere beziehungsweise gesundheitsgefährdende körperliche Arbeiten geht. Entsprechendes gilt für Verkehr jeder Art: LKW-, Flug-, PKW-Verkehr könnten durch den Aufbau beziehungsweise Erhalt regionaler Ökonomien vermieden werden. Gleichzeitig sind international strenge Verbrauchsgrenzen nötig, die dafür sorgen, dass die Nutzung fossiler Energieträger so schnell wie möglich aufhört. Dafür sollte Energie für Industrie und industriellen Verkehr mit wachsendem Verbrauch verteuert, also progressiv besteuert werden (zum Beispiel durch Emissionshandel). Basis-Verbräuche privater Haushalte für Strom und Heizung, die durch Energie-Spar-Maßnahmen und -Techniken auf das mögliche Minimum abgesenkt werden, bleiben davon ausgenommen.

Die dabei gewonnenen Gelder können für Renten- und Krankenversicherung, für den beschleunigten Aufbau der regenerativen Energiewandlung und zum Ausstieg aus den nicht zukunftsfähigen Dinosaurier-Technologien einschließlich der Atomkraftwerke und Militärtechnik eingesetzt werden.

Dass das mit dem auf Wachstum basierenden kapitalistischen System nicht möglich ist, liegt auf der Hand. Wir müssen also die Alternativen der “solidarischen Ökonomie” ausbauen: genossenschaftlich und lokal organisierte Formen des Wirtschaftens, die sich nicht der Profitlogik unterwerfen. Auch in der Technik existieren bereits Projekte, die statt auf Konkurrenz auf Kooperation in Netzwerken setzen; die statt immer schnellerem Umschlag oder Verschleiß von Gütern Verlangsamung und Langlebigkeit anstreben; die, statt globalisierte Märkte und Strukturen zu bedienen, die Nähe zwischen Produzenten und Nutzern suchen und schließlich: in den Vordergrund den realen Gebrauchswert stellen statt des Tauschwertes auf einem anonymen Markt.

Zwei Beispiele dafür: “Remanufacturing” von technischen Geräten, zum Beispiel “ReUse-Computer”, also Wiederaufarbeitung und -verwendung von älteren PCs und älterer Hardware, und “Micro-Energy International”, ein Projekt, das Menschen ohne elektrische Infrastruktur im Süden kleine, technisch hochwertige Systeme erneuerbarer Energie durch Mikro-Kredite nach dem Modell der Grameen-Bank zur Verfügung stellt. Bleibatterien, Kerosinlampen und Holz als Energieträger werden damit überflüssig.

Vielleicht gelingt es mit solchen Alternativen, die Macht der herrschenden Ökonomie zu überwinden, bevor es zu spät ist. Naturwissenschaftler und Techniker können das unterstützen, wenn sie selbstkritisch den bisherigen Pfad der “Raubtechnik” verlassen und ihre professionelle Vernunft wieder einbringen. Die sagt: “Wer an fortdauerndes Wachstum in einer endlichen Welt glaubt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom” (Kenneth E. Boulding). Wenn wir aber weitermachen wie bisher, wird der “Wettbewerb” zum Krieg, in dem wir bis an die Zähne bewaffnet gegen andere Verrückte um die verbleibenden Ressourcen kämpfen und alle verlieren.

Dr. Wolfgang Neef arbeitet an der TU Berlin und ist Vorsitzender der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative für Frieden und Zukunftsfähigkeit.

Quelle: Freitag   - Die Ost-West-Wochenzeitung 03 vom 19.01.2007. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

24. Januar 2007

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