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Beim Thema “Atom” hat die UNO ihre Arbeit noch nicht getan

Von Zia Mian - ZNet 03.01.2006

Die erste Resolution einer UNO-Vollversammlung stammt aus dem Jahr 1946. Diese Versammlung stand noch unter dem Schatten der amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Daher stand die Forderung nach einem Plan, “wie man Atomwaffen und alle übrigen großen Massenvernichtungswaffen aus den nationalen Arsenalen verbannen kann”, für die neue Organisation noch an oberster Stelle. Letzten Dienstag wies der scheidende Generalsekretär Kofi Annan auf eine schreckliche Tatsache hin: 60 Jahre später hat die Welt noch immer keinen Plan, wie diese “einzigartige existenzielle Bedrohung für die Menschheit” eliminiert werden kann.

Anstatt eliminiert zu werden, hat die Gefahr durch Atomwaffen weiter zugenommen und springt von Land zu Land über. Zuerst war nur ein Land (Amerika) betroffen. Es verfügte über einige wenige Nuklearwaffen. Heute sind wir in der Situation, dass die USA und Russland je circa 10.000 Nuklearwaffen besitzen. Atommächte sind inzwischen auch Großbritannien, Frankreich, China, Israel, Indien, Pakistan und sehr wahrscheinlich auch Nordkorea.

Und weitere Länder ziehen nach. Dr. Mohamed El-Baradei, leitender Direktor der Internationalen Atomenergieaufsichtsbehörde, IAEA , warnt, es existierten auf der Welt zwischen 20 und 30 “mögliche Atomwaffenstaaten” - Länder, die in der Lage seien, kurzfristig Atomwaffen herzustellen. Verfüge ein solches Land über einen Wissenschaftler mit guten Ressourcen oder gelange per Zufall an entsprechende Technologien oder sähe sich dieses Land plötzlich durch einen anderen Atomwaffenstaat bedroht, wechselte die politische Führung des Landes oder nationale Leidenschaften und Prestigedenken brächen wieder auf - all diese Faktoren könnten das Gleichgewicht sehr leicht zum Kippen bringen.

Aber wie konnte es so weit kommen? Hier der erste Teil der Antwort: Alle Staaten, die versuchten oder noch versuchen, an Atomwaffen zu kommen, haben zwei Dinge gemeinsam: Sie verachten die Demokratie, und sie verachten ihr Volk. Jedes Land, das Atomwaffen entwickelt, tut dies im Geheimen, hinter dem Rücken seines Volkes, das nichts davon weiß/wusste. Kein Atomwaffenstaat hat je seinem Volk Rede und Antwort gestanden, was wirklich passiert, sollten die Pläne für einen Atomkrieg umgesetzt werden. Die wenigsten Menschen dieser Staaten wissen, was die UNO-Vollversammlung 1961 erklärt hat: “Jedes Land, das nukleare oder thermonukleare Waffen einsetzt, verletzt die Charta der Vereinten Nationen, dieser Staat verstößt gegen die Gesetze der Humanität und begeht ein Verbrechen gegen die Menschheit und die Zivilisation. So würde dies bewertet werden”.

Der zweite Teil meiner Antwort lautet: Jeder Atomwaffenstaat behauptet, seine Waffen dienten lediglich der Abschreckung. 2004 erklärte der Präsident des Sandia National Laboratory, C. Paul Robinson, den Begriff “Abschreckung”. Robinson selbst war mitverantwortlich für den Bau amerikanischer Atombomben. Er argumentierte folgendermaßen: “Die Wurzel des Wortes ‘deterrence’ (Abschreckung) komme ursprünglich aus dem Lateinischen: ‘terre’. ‘Terre’ bedeut, jemanden ‘extreme Angst einzujagen’, man denke nur an das britische Wort “terror”, das davon abgeleitet ist.” Kurz gesagt, “deter” (abschrecken) kommt von “terrorisieren”. Nach dieser Definition sollte es eigentlich niemanden mehr wundern, dass “Terroristen” versuchen, an Atomwaffen zu kommen, oder?

Das alles muss sich ändern, wenn wir das Nuklearzeitalter wirklich hinter uns lassen und entsprechende Planungen durchführen wollen. Die Menschen und ihre Regierungen müssen endlich akzeptieren: Alle Atomwaffen sind gleich. Alle Atomwaffen sind Waffen des Terrors und sollten gleichermaßen als unmoralisch, illegal, illegitim und gefährlich gelten. Ein solches grundsätzliches Prinzip könnte die nötigen Voraussetzungen schaffen für “gemeinsame globale Strategien” (Annan), wie sie nötig seien, so Annan, um “an beiden Fronten gleichzeitig Fortschritte zu erzielen”. Mit den beiden Fronten meint Annan die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen und die Abrüstung.

Eine solche Anstrengung ist beispielsweise das ‘Program on Science und Global Security’ an der Universität von Princeton. Es ist ein international besetztes Gremium aus unabhängigen Experten, das zum Thema ‘spaltbares Material’ arbeitet. Die Experten kommen aus 15 verschiedenen Ländern - Ländern mit und ohne Atomwaffen. Die Aufgabe der Experten besteht darin, sämtliche Lokalitäten abzusichern, an denen hochangereichertes Uran oder Plutonium (Hauptbestandteile von Atomwaffen) gelagert werden und zur Verringerung dieses atomaren Materials beizutragen. Zudem soll dessen Produktion künftig eingeschränkt werden.

Wäre das Programm erfolgreich, hieße dies: Es gibt immer weniger Atomwaffenarsenale, und die Möglichkeiten jener “20 bis 30 Länder, die praktisch Atommächte sind”, würden stark reduziert - ebenso die Möglichkeit von Terroristen, an Nuklearmaterial zu kommen. Mehr zu diesem Thema finden Sie unter IPFM (Global Fissile Material Report 2006).

Aber das ist noch nicht alles. Weit größere Fragen werfen sich auf und suchen nach einer Antwort. Der leitende Direktor der Atomenergieaufsichtsbehörde IAEA warnt: “Gehen wir von einem Land aus mit einem völlig entwickelten (zivilen) atomaren Brennstoffkreislauf, das sich aus irgendeinem Grund entschließt, seiner Verpflichtung zur Nichtweiterverbreitung nicht länger nachzukommen. Dieses Land könnte binnen Monaten eine Atombombe bauen - darin sind sich die meisten Experten einig.” Wenn es stimmt, was Baradei sagt, wie kann sich eine atomwaffenfreie Welt dann das Risiko der zivilen Nutzung der Kernenergie leisten?

Ein zweites, noch größeres Problem betrifft die USA. Wie können sich andere Länder und Menschen sicher fühlen, solange Amerika weiter seine globalen Interessen verfolgt und in der Lage ist, überall auf der Welt massiv mit konventionellen militärischen Mitteln zuzuschlagen? Das selbe Problem gilt für gewisse (weniger potente) Regionalmächte. Die Antwort könnte auch hier in der UNO liegen. Die Charta der Vereinten Nationen verlangt, dass “sämtliche Mitgliedsstaaten der UNO sich in ihren internationalen Beziehungen zurückhalten und die territoriale Integrität und politische Unabhängigkeit jedes anderen Staates nicht bedrohen und keine Gewalt dagegen ausüben.” Würde man sämtliche Staaten - insbesondere die mächtigsten - auf diese Grundregel der UN-Charta festlegen, wäre dies vielleicht der Schlüssel zur Lösung der übrigen Probleme.

Zia Mian ist als Physiker beim oben erwähnten ‘Program on Science and Global Security’ der Princeton Universität tätig und hält an der Wilson School Vorträge zum Thema internationale und öffentliche Fragen. Sie erreichen ihn unter zia@princeton.edu

Quelle: ZNet Deutschland   vom 07.01.2007. Übersetzt von: Andrea Noll.Originalartikel: The U.N.’s unfinished nuclear business . Dieser Artikel ist am 1. Dezember 2006 in der Zeitschrift The Princetonian erschienen.

Veröffentlicht am

15. Januar 2007

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