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Apartheid in Israel

Israel praktiziert, was Südafrika aufgegeben hat

Von John Dugard, 29.11.2006 (UN-Bericht)

Vom früheren US-Präsidenten Jimmy Carter kam gerade ein neues Buch heraus: “Palästina: Frieden nicht Apartheid”. Eine scharfe Kontroverse entzündete sich an der Behauptung, Israel praktiziere eine Art Apartheid.

Als Südafrikaner und früherer Anti-Apartheid-Anwalt, der die palästinensischen Gebiete regelmäßig besuchte, um die Situation der Menschenrechte für den UN-Menschenrechtsrat zu beurteilen, ist der Vergleich mit der südafrikanischen Apartheid von besonderem Interesse.

Oberflächlich betrachtet sind die beiden Regime sehr unterschiedlich. Apartheid war ein System von institutionalisierter rassistischer Diskriminierung, die die weiße Minderheit in Südafrika gebrauchte, um die Macht über die schwarze Mehrheit zu behalten. Sie war durch die Verweigerung politischer Rechte für die Schwarzen gekennzeichnet und durch die Aufteilung des Landes in Gebiete für Weiße und Gebiete für Schwarze (Bantustans) und die Verhängung von einschränkenden Maßnahmen für die Schwarzen. Sie waren dafür bestimmt, den Weißen die Vorherrschaft/ Überlegenheit zu garantieren, rassische Trennung und die Sicherheit für die Weißen.

Das Pass-System, das für die Schwarzen die Bewegungsfreiheit zu verhindern versuchte und auch den Zutritt in die Städte, wurde strikt durchgeführt. Schwarze wurden zwangsweise umgesiedelt und ihnen wurde auch der Zugang zu den meisten öffentlichen Einrichtungen und vielen Arten der Beschäftigung verweigert. Das System wurde durch einen brutalen Sicherheitsapparat ausgeführt, in dem Folter eine bedeutende Rolle spielte.

Die Palästinensischen Gebiete - Ost-Jerusalem, die Westbank und Gaza - sind seit 1967 unter israelischer militärischer Besatzung. Obwohl vom Völkerrecht militärische Besatzung toleriert und reguliert wird, wird diese als ein nicht wünschenswertes Regime betrachtet, das so bald als möglich beendet werden sollte. Die UN verurteilen seit fast 40 Jahren die israelische Militärbesatzung und seinen Kolonialismus und die Apartheid, da dies im Gegensatz zur internationalen Ordnung sei.

An sich ist der Zweck der militärischen Besatzung ein anderer als der der Apartheid. Sie ist nicht als langfristiges unterdrückerisches Regime gedacht, sondern als eine vorläufige Maßnahme, die nach einem bewaffneten Konflikt in einer Region für Ruhe und Ordnung sorgt, bis ein Friedensabkommen geschlossen wird. Aber dies trifft nicht für das Wesen der israelischen Besatzung Palästinas zu. Seit 1967 hat Israel seine Kontrolle über die palästinensischen Gebiete in der Art einer kolonisierenden Macht unter dem Deckmantel der Besatzung ausgeübt. Unentwegt raubt es die wünschenswerten Teile - die Heiligen Stätten in Ost-Jerusalem, Hebron und Bethlehem, die fruchtbaren landwirtschaftlich zu nützenden Gebiete an der westlichen Grenze und im Jordantal und siedelte seine eigenen jüdischen “Kolonisten” überall im Land an.

Israels Besetzung der palästinensischen Gebiete hat viele Kennzeichen der Kolonisierung. Gleichzeitig hat es viele der schlimmsten Züge der Apartheid. Die Westbank ist in drei Gebiete geteilt worden: im Norden Jenin mit Nablus, die Mitte mit Ramallah und im Süden Hebron. Diese Gebiete ähneln immer mehr den Bantustans von Südafrika.

Die Beschränkungen der Bewegungsfreiheit, die durch ein strenges Genehmigungssystem auferlegt und durch etwa 520 Kontrollpunkte und Straßensperren unterstützt wird, ähnelt sehr dem Apartheid-Pass-System - geht aber über dieses hinaus. Auch der Sicherheitsapparat erinnert an den der Apartheid mit mehr als 10 000 Palästinensern in israelischen Gefängnissen, wo es Folter und grausame Behandlung gibt.

Viele Aspekte israelischer Besatzung weisen über das Apartheidsystem Südafrikas hinaus. Israels Zerstörung von palästinensischen Häusern in großem Ausmaß, das Einebnen landwirtschaftlich genutzten Bodens, die militärischen Überfälle und die gezielten Morde von Palästinensern überschreiten bei weitem ähnliche Praktiken in der Apartheid Südafrikas. Niemals wurde eine Mauer gebaut, um Schwarze von Weißen zu trennen.

Wenn man die weltweite Anti-Apartheid-Bewegung verfolgte, könnte man eine ähnlich konzertierte internationale Anstrengung erwarten, die in der Opposition gegen Israels horrende Behandlung der Palästinenser vereinigt ist. Stattdessen gibt es eine internationale Gemeinschaft, die zwischen dem Westen und dem Rest der Welt geteilt ist. Der Sicherheitsrat wird durch das US-Veto und der Stimmenthaltung daran gehindert. Und die USA und die EU, die im Einverständnis mit der Russischen Föderation arbeiten, haben doch tatsächlich wirtschaftliche Sanktionen über das palästinensische Volk dafür verhängt, dass es mit demokratischen Mitteln eine Regierung gewählt hat, die Israel und dem Westen nicht genehm war. Vergessen war die Verpflichtung, der Besatzung, der Kolonisierung und der Apartheid ein Ende zu setzen.

Unter diesen Umständen sollten die USA nicht überrascht sein, wenn der Rest der Welt damit beginnt, den Glauben an sein Engagement für die Menschenrechte zu verlieren. Zurecht klagen einige Amerikaner, dass andere Länder nicht an dem von Gewalt zerrissenen Dafur im Sudan interessiert sind oder an ähnlichen Situationen in der Welt. Aber solange die US selbst eine doppelte Moral gegenüber Palästina verfolgt, kann es im Kampf für die Menschenrechte keine Zusammenarbeit mit anderen erwarten.

John Dugard ist ein aus Südafrika stammender Professor für Rechte, der in den Niederlanden lehrt. Er ist im Augenblick Sonderberichterstatter für Palästina beim UN-Menschenrechtsrat.

Deutsche Übersetzung: Ellen Rohlfs, leichte Bearbeitung: Michael Schmid

Veröffentlicht am

07. Dezember 2006

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