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Kleine Kredite mit großer Wirkung

Am 10. Dezember wird in Oslo der Friedensnobelpreis 2006 an den Gründer und Präsidenten der Grameen-Bank, Professor Mohammad Yunus aus Bangladesch, verliehen.

Mit der Gründung der “Grameen”-Bank, die vor 23 Jahren erstmals damit begann, armen Frauen mit Kleinkrediten zu einem selbst erwirtschafteten Einkommen zu verhelfen, ist Yunus etwas gelungen, wovon die meisten Politiker und Konzernlenker der Welt nicht mal zu träumen wagen: Er verschaffte Millionen von Rechtlosen und Unterdrückten die Chance auf ein Leben in Würde und mit Stolz auf das selbst Erreichte. Interview mit dem Friedensnobelpreisträger 2006: Prof. Muhammad Yunus.

Das Konzept, kleine Darlehen auch ohne Sicherheit und zu bezahlbaren Zinsen zu vergeben, wenn die Empfänger nur eine plausible Geschäftsidee verfolgen, ist längst weit über Yunus und sein Land hinaus gewachsen. Mehr als 300 Millionen Menschen erhalten mittlerweile auf diesem Weg eine Chance, der absoluten Armut zu entkommen.

Franz Alt: Wird der Friedensnobelpreis Ihre Arbeit verändern?

Prof. Yunus: Gerade für die Ärmsten ist der Preis eine Anerkennung ihrer Kreativität. Das haben die herkömmlichen Banken noch nicht erkannt. Der Preis ist ein Ansporn für Millionen armer Kreditnehmer - es werden jetzt noch viel mehr werden. Damit beweisen wir, dass die Armen sich selbst aus ihrer Misere befreien können, wenn sie die Möglichkeit dafür bekommen.

Franz Alt: Prof. Yunus, hatten Sie ein Schlüsselerlebnis, bevor Sie Ihre Bank für die Armen gegründet haben?

Prof. Yunus: Ich traf eines Tages eine Frau, die einen Bambusstuhl machte. Ich habe sie gefragt, wie viel sie damit verdient. Sie war wirklich sehr, sehr arm. Sie sagte mir, dass sie pro Tag nur einige Cent verdiente, weil sie kein eigenes Geld hatte, um Bambus zu kaufen. Sie musste sich beim Bambushändler Geld leihen. Dadurch war sie ihm ausgeliefert und musste jeden Preis akzeptieren. Praktisch war sie eine Sklavenarbeiterin. Das Bambusmaterial für einen Stuhl hat 25 Cent gekostet, aber sie hatte es nicht.

Ich war total geschockt. Während ich in meinen Vorlesungen von Millionen und Milliarden sprach, hatte die Frau nicht einmal die paar Cent, um ihr Bambusmaterial zu kaufen. Ich schämte mich plötzlich für meine Wirtschaftstheorien.

Ich ging dann durch ihr Dorf und machte eine Liste von Leuten, die auch Geld gebraucht haben. Auf meiner Liste standen 42 Namen. Diese 42 Leute brauchten nur 27 Dollar! Ich habe dann diese 27 Dollar den Leuten als Darlehen aus meiner eigenen Tasche geliehen. Die Menschen waren sehr glücklich darüber. Und sie haben alles pünktlich zurückbezahlt.

Daraufhin habe ich meine Bank gefragt, ob diese Menschen keine Kredite bekommen könnten. Die Bank sagte Nein. Die Armen seien nicht kreditwürdig. Diese Position aber hielt ich nicht für menschenwürdig. Also habe ich selbst eine Bank für Arme gegründet. Heute erreichen wir mit unseren Kleinkrediten über sechs Millionen Familien in 71.000 Dörfern Bangladeshs.

Franz Alt: Warum ist ausgerechnet Ihre Bank für die Armen heute eine der erfolgreichsten Banken der Welt?

Prof. Yunus: Arme sind unglaublich kreativ. Die Menschen wissen genau, was sie mit dem geliehenen Geld machen wollen. Sie haben genug Ideen. Und sie haben Fertigkeiten. Das einzige Problem ist das Geld. Sie brauchen Geld, um die Idee und ihr Können umzusetzen. Vorher ist es für sie unmöglich, selber etwas zu verdienen. Gib einer dieser Frauen ein bisschen Zeit - und schon sehr bald entwickelt sie 101 Ideen. Das einzige, was diese Frauen sehen müssen, ist eine andere Frau, die Geld verdient. Mein Gott, werden sie sagen, was die kann, kann ich doch auch. Und schon ist eine Idee geboren. Und diese Frau wird es schaffen. Sie kauft eine Ziege oder Kuh, investiert in eine Nähmaschine oder in eine Solaranlage, damit ihre Kinder im Schein einer Solarlampe Hausaufgaben machen können. Sehr erfolgreich sind auch unsere Telefon-Ladies, denen wir in den Dörfern ein Mobiltelefon finanzieren. Die Dorfbewohner können jetzt besser und einfacher mit den Zentren des Landes kommunizieren.

1983 habe ich von der bengalischen Regierung die Erlaubnis bekommen, eine eigene Bank zu eröffnen, die Grameen Bank. Heute sind wir in 37.000 Dörfern aktiv.

Franz Alt: Warum sind in einem islamischen Land 96 Prozent Ihrer Kunden Frauen?

Prof. Yunus: Wir haben festgestellt, dass die Frauen ihr geliehenes Geld viel vorsichtiger und besser angelegt haben als die Männer. Und die Frauen hatten den starken Willen, ihr ärmliches Leben zu verändern. Denn es sind die Frauen, die unter der Armut leiden, sehr viel mehr als die Männer.

Die Frauen wollen investieren, sich verbessern und finanzielle Sicherheiten schaffen. Männer sind da anders. Sie denken nicht so weit im Voraus. Männer wollen sofort genießen und es sich gut gehen lassen. Sie planen nichts für eine bessere Zukunft, sie denken nicht an Sicherheit für sich selbst und die Familie.

Männer entscheiden immer aus der jeweiligen Situation. Frauen sind die besseren Manager der knappen Mittel. Sie überlegen immer sehr genau, wie sie das Beste mit dem vorhandenen Geld machen. Männer wollen eher unmittelbare Wünsche erfüllen. Also haben wir im Laufe der Zeit unsere Aufmerksamkeit mehr auf die Frauen gerichtet.

Franz Alt: Prof. Yunus, was waren am Anfang die größten Schwierigkeiten, die Sie zu überwinden hatten?

Prof. Yunus: Die etablierten Banken arbeiten hauptsächlich nach dem Prinzip “Je mehr Du hast, desto mehr bekommst Du”. Aber wir sprechen hier über Leute, die überhaupt nichts haben. Wir haben also ein neues System aufgebaut nach dem Prinzip “Je weniger Du hast, umso höhere Priorität wird Dir eingeräumt”. Das ist natürlich gegen jede bisherige Bankpolitik.

Zunächst zweifelten viele daran, ob das funktionieren würde. Aber es funktioniert. Das Problem waren die alten Denkstrukturen. Wer was Neues macht, hat immer Probleme. Zunächst haben die Entwicklungsplaner nicht eingesehen, dass man einer armen Frau oder einem armen Dorf zwanzig, dreißig Dollar geben soll. Diese Leute waren nur gewohnt, über große Investitionen zu sprechen und nicht über Kleinstdarlehen.

Die Religionsvertreter haben argumentiert, dass Kredite gegen die Religion verstoßen und die Autorität der Familie untergraben. Auch die Ehemänner waren am Anfang nicht zufrieden, dass wir ihren Frauen Geld gaben.

Franz Alt: Hat sich denn inzwischen das Denken der Männer etwas geändert und auch das Denken in den Banken gegenüber Ihrer Bank für die Armen?

Prof. Yunus: Ja, wir sind sehr weit gekommen. Aber noch nicht weit genug. Bei den Banken gilt noch immer das Prinzip der Sicherheit und das Prinzip “Je mehr Du hast, desto mehr bekommst Du”. Die Türen für die armen Menschen sind noch immer geschlossen.

Wir wollen dafür sorgen, dass die bestehende Finanzstruktur, welche eine extreme Apartheid hervorgerufen hat, überall geändert wird. Kredite dürfen nicht nur den Reichen zur Verfügung stehen. Wir empfinden Kredit als ein Menschenrecht. Das müssen die Banken verstehen lernen und sich ändern. Die Bevölkerung weiß bereits, dass wir mehr Kreditgerechtigkeit brauchen. Die Denkstrukturen, die Politik, die Verhaltensweisen müssen sich ändern.

Franz Alt: In wie vielen Ländern funktioniert denn das Prinzip inzwischen und für wie viele Menschen, das Prinzip der Grameen Bank?

Prof. Yunus: nzwischen haben über 100 Millionen arme Familien weltweit Zugang zu Kleinkrediten. Es gibt inzwischen in fast 100 Ländern ähnliche Banken wie die Grameen Bank in Bangladesh, sogar in den USA. Es gibt inzwischen in 100 Ländern ähnliche Banken wie die Grameen Bank in Bangladesh, zum Beispiel in China, Indien, Ecuador, Lateinamerika und Afrika.

Auch in den Industrieländern sind Banken für die armen Menschen sehr wichtig. Auch dort funktioniert unser System. Das funktioniert deshalb, weil auch dort den Ärmsten die Türen der Banken verschlossen sind. Wenn jemand die Initiative ergreift, sind Banken für die Armen auch in Österreich, Schweiz und Deutschland möglich. Besser als Sozialhilfe und Arbeitslosengeld ist es, den armen Leuten Kredite zu geben, um einen Job zu finden. Die Leute wollen kreativ sein und sich nicht aushalten lassen. Arme Menschen haben überall Geschäftsideen. Sie haben aber oft keine Chance, diese zu verwirklichen, weil das Startkapital fehlt. Das ist der eigentliche Skandal.

Franz Alt: Was ist Ihre Vision für die Zukunft?

Prof. Yunus: Irgendwann wird Armut ein Fremdwort sein, das man nur noch im Lexikon findet. Wenn man dann etwas über Armut erfahren will, muss man ins Museum gehen, ins Armutsmuseum. Wir müssen Kreativität fördern. Armut ist doch nicht von den armen Menschen hervorgerufen, sondern von falschen Systemen. Also müssen wir versuchen, die falschen Systeme und die Institutionen, die Armut verursachen, zu ändern. Das betrifft in erster Linie die Banken.

Wenn wir die Banken den Armen zugänglich machen, wird es bald keine armen und keine verhungernden Menschen mehr geben. Da bin ich ganz sicher. Denn die Menschen sind sehr kreativ. Jeder Einzelne hat ein bisher unerschlossenes Potential. Alles, was wir tun müssen ist, ihnen Zugang zu ihrer Kreativität zu verschaffen, so dass sie sich selbst und ihre Fähigkeiten entdecken und entwickeln.

Wir müssen Kredite und Darlehen als ein Menschenrecht in unsere Denkstrukturen einführen, der Rest ergibt sich dann von alleine durch das kreative Potential. Wir müssen jedoch die Grundüberzeugung haben, dass Armut in einer zivilisierten Gesellschaft nicht akzeptabel ist. Nur dann kann diese Vision Wirklichkeit werden.

Franz Alt: Was sagen Sie zu Ihren Kritikern, die Ihnen vorwerfen, dass Zinsen bis zu 20 Prozent bei der Grameenbank zu hoch seien?

Prof. Yunus: Unsere Devise heißt: Business statt Almosen. Mit Almosen helfen Sie für einen Tag - mit einem Geschäftskredit für ein ganzes Leben. Unser Zinsniveau hilft allen. Beim Wucherer haben die Leute Zinsen von 100 Prozent und mehr bezahlen müssen. Unser Zinsniveau beträgt zwischen 5 und 20 Prozent - je nach Verwendung. Für die Ausbildung der Kinder ist der Zins niedrig - für ein Haus höher. Die Grameenbank geht auf die Bedürfnisse der Armen ein. Die Bank gehört zu 90 Prozent den Armen selbst. Sie bestimmen auch die Höhe der Zinsen. Ich selbst gehöre lediglich dem Vorstand an.

Franz Alt: Was müssten denn die nächsten Schritte sein, damit Ihre wunderbare Vision realisiert werden kann?

Prof. Yunus: Zunächst einmal daran glauben. Und dann dafür arbeiten. Wir erreichen bereits weit über 300 Millionen der Ärmsten mit unseren Kleinstkrediten. Der Anfang ist also gemacht. Die Energie und das Wissen sind vorhanden, um die Welt in eine positive Richtung ohne Armut zu führen. Dafür brauchen wir freilich die Unterstützung von Journalisten wie Ihnen und anderen überall in der Welt, damit diese positiven Visionen verbreitet werden. Dies wird dann auch die Haltung der Politiker in die richtige Richtung führen, in jene Richtung, die wir uns doch alle wünschen.

Yunus will seinen Anteil am Preisgeld in Höhe von 1,1 Millionen Euro für soziale Zwecke einsetzen, gab er bekannt. Mit einem Teil werde er ein Unternehmen gründen, das preiswerte und hochwertige Nahrung für Arme herstelle. Die Firma mit dem Namen “Social Business Enterprise” werde Lebensmittel zum nominellen Preis verkaufen und solle weder Verluste machen noch Dividenden zahlen. Und den Rest des Geldes will er für die Gründung einer Augenklinik für arme Menschen in Bangladesch verwenden.

Quelle: Franz Alt - www.sonnenseite.com . Dieser Text wird hier mit freundlicher Genehmigung von Franz Alt veröffentlicht.

Veröffentlicht am

07. Dezember 2006

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